Goldlichtrisse
Morgensonnenlicht kitzelte ihre Haut. Wasser spritzte gegen ihre Knöchel, als sie durch den Bach stieg. Megna hielt inne und pflückte eine Blume. In den Bäumen schrien Affen. Ihre grellen Rufe mischten sich unter das Zwitschern der Vögel. Laub raschelte über Megnas Kopf. Und ganz in der Nähe klapperten die Hufe eines Pferdes auf der Straße.
Megna mochte die Straße nicht. Der Mogul von Advasi hatte sie erst vor drei Jahren errichten lassen, um sein Reich besser verwalten zu können. Sein Reich. Dabei kannte er es kaum. Mit Sicherheit wusste er nicht, dass hier eine Apsara lebte und sich über die Reiter, Wägen und Kriegselefanten ärgerte, die nun regelmäßig ihren Weg kreuzten und sie daran erinnerten, was sie verloren hatte.
Sie wollte sich schon abwenden und in ihr Heim zurückkehren, als ein Kribbeln über ihre Haut lief. Als würden Ameisen ihr Bein erklimmen und über ihre Arme krabbeln. Megna schüttelte sich. Doch natürlich waren es keine Insekten – nie waren es welche. Sie wusste ganz genau, was das war. Was es sein musste. Und sie hasste die Vorstellung.
Megna holte Luft und ließ die Blume fallen. Das plätschernde Wasser trug sie schnell davon. Sie trat ans Ufer und stieg durch die Gräser, über die Sträucher hinweg. Das Kitzeln auf ihrer Haut wurde stärker. Sie trat nicht auf die Pflastersteine, sondern hielt davor inne. Ein Reiter näherte sich aus dem Süden – oder nein, eine Reiterin. Ihre Kleidung war goldbestickt, ein rotes Tuch bedeckte ihr Haar. Sein Ende flatterte hinter ihr her wie ein Banner. Ihr Blick ging stur geradeaus, vorbei an Megna, als wäre sie unsichtbar.
Doch die Reiterin war nicht der Grund für das inzwischen allzu deutliche Prickeln auf ihrem Körper. Ein Riss. Mitten auf der Straße. Konnte die Fremde ihn erkennen? Für Megna war er ein Leuchtfeuer … aber das lag wohl daran, dass sie kein Mensch mehr war. In seinem Inneren pulsierte goldener Schein und verriet die fremdartige Welt dahinter. Ein blauer Schimmer umspielte seine Kanten, wo sie auf die Wirklichkeit prallten. Wärme strömte auf Megna zu – nicht die schwere Feuchte des Dschungels, sondern die Berührung hauchzarter Finger auf ihrem Gesicht. Sie wollte zurückweichen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Stattdessen schob sich ihr Fuß langsam in Richtung des Risses.
Megna biss sich hart auf die Zunge und blinzelte heftig. In diesem Moment war die Reiterin heran. Während sie selbst die Gefahr nicht bemerkte, tat ihr Pferd es sehr wohl. Wiehernd bäumte es sich auf und warf die verdutzte Frau von seinem Rücken. Ihr Goldschmuck klapperte, als sie auf der Straße aufprallte. Das Tier galoppierte davon und die Fremde rollte sich ächzend herum. Dabei geriet ihre Hand gefährlich nahe an den Riss heran.
»Nicht!«, schrie Megna noch, aber das goldene Licht leckte bereits an den Fingern der Fremden.
Einen Herzschlag lang sahen sie sich in die Augen. Dann trat in den Blick der Frau eine Verträumtheit, die Megna nur zu gut aus ihrer eigenen Vergangenheit kannte. Statt sich aus der Reichweite des Risses und damit in Sicherheit zu bringen zuckte ihre Hand noch näher an den magischen Schein heran.
Megna schloss die Augen und atmete tief durch. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann ging sie auf den Riss zu. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Der goldene Schein rief nach ihr, sang ein Lied, das in ihrer Brust zitterte wie die Flügelschläge einer Libelle. Die Klänge setzten sich hinter ihrer Stirn fest und wogten durch ihr Herz wie ein reißender Strom. Megna bückte sich und packte die Knöchel der Fremden, um sie mühsam von dem Riss wegzuzerren. Die Frau reagierte kaum. War ihr Geist bereits durch den Riss gezogen? Oder lag es an dem Schlag auf den Kopf, den ihr der Sturz beschert hatte? So oder so, wenn sie nicht schleunigst aus der Reichweite des Risses gebracht wurde, war es um sie geschehen.
Megna biss die Zähne zusammen und erhöhte ihre Anstrengung. Die Pflastersteine scheuerten an der Kleidung der Fremden und schürften ihre Haut auf, doch es schien sie nicht zu stören. Erst als sie von der Straße herunter im Dschungeldickicht angelangt waren, regte sie sich wieder, stieß ein Stöhnen aus.
»Komm«, sagte Megna und nahm ihr Gesicht zwischen die Hände. »Hilf mir, indem du wenigstens aufstehst.«
Sie wusste nicht, ob die Fremde sie hörte. Ihre braunen Augen starrten sie verständnislos an – und Megna wagte kaum zu hoffen, dass sie in diesem Moment etwas Anderes sahen als goldenes Licht. Doch als Megna versuchte, sie in die Höhe zu zerren, bewegte sich die Frau.
»So viel Magie … Ich muss zurück«, wisperte sie.
»Nein, du musst nicht zurück zum Riss«, sagte Megna entschieden. »Ich bringe dich in mein Haus. Du kannst dich dort erholen und …«
Die Frau brach zusammen und rührte sich nicht mehr. Megna bückte sich und fühlte ihren Puls. Noch am Leben, gut. Sie war nicht stark genug, um die Fremde zu tragen, also blieb ihr wohl nichts Anderes übrig, als abzuwarten, bis sie wieder aufwachte. Zumindest, wenn sie sie nicht im Stich lassen wollte … Megna zog es kurz in Erwägung und verwarf die Idee dann wieder. Sie hatte viel gutzumachen in ihrem Leben. Den Menschen, denen sie geschadet hatte, konnte sie nicht mehr helfen, also würde sie es zumindest bei dieser Fremden tun. Oder zumindest versuchen. Das war schließlich nicht schwer.
Gegen Mittag war die Hitze drückend und die Fremde schlief noch immer im Gras. Megna saß still neben ihr und musterte sie.
Obwohl ihr Gesicht trotz einiger Fältchen um die Augen noch jugendlich wirkte, zogen sich graue Fäden durch ihr dunkles Haar. In ihrem Nasenflügel funkelte ein Rubin, fast wie ein Blutstropfen. Um als schön zu gelten, waren ihre Züge wohl ein wenig zu kantig. Dennoch hatten sie etwas Ausdrucksstarkes an sich, das es jedem unmöglich machen würde, dieses Antlitz zu vergessen. Megna selbst hatte einst als schön gegolten und diese Tatsache oft verflucht. Wenn sie es nicht gewesen wäre, wären die Dinge dann anders gekommen? Vielleicht. Megna seufzte. Es half nichts, darüber nachzusinnen. Vergangen war vergangen.
Wieder betrachtete sie die Fremde. Trotz der Wärme in dieser Region hatte sie ein Tigerfell an ihren Schultern befestigt. Megna rümpfte die Nase. Eine Trophäe, nahm sie an. Selbst erlegt oder das Geschenk eines Verehrers? An dem juwelenbesetzten Gürtel der Frau hing ein erstaunlich schlichter Säbel, der nicht recht zu ihrer restlichen feinen Kleidung passen wollte. Das würde durchaus für selbst erlegt sprechen. Wer war sie? Für eine Tochter des Moguls war sie zu alt. Dennoch strahlte sie mit jedem Herzschlag ihren Adelsstand aus. Seltsam, dass sie ohne Eskorte unterwegs war.
Die Lider der Fremden flatterten. Durch ihre Lippen drang ein Stöhnen. Als sie die Augen öffnete, zwang Megna sich zu einem Lächeln und griff nach der Schüssel mit Wasser, die sie geholt hatte.
Statt danach zu greifen, starrte die Fremde sie nur an. »Deine Augen!«, krächzte sie.
»Sie sind golden, ich weiß«, sagte Megna und versuchte, sich nicht darüber zu ärgern, dass die Fremde sich anmaßte, diese persönliche Anrede zu wählen. Wahrscheinlich hielt sie Megna für weit unterlegen. Nun, das sollte sie glauben, wenn sie wollte. Megna würde es ihr einfach gleichtun.
»Was bist du?«, fragte die Frau forsch.
»Früher war ich ein Mensch«, sagte Megna.
Die Fremde zog die Brauen zusammen. Das Misstrauen wich nicht aus ihrem Blick, dennoch setzte sie sich vorsichtig auf und griff nach dem Wasser, um langsam zu trinken. Megna beobachtete sie dabei. Die gezielten Bewegungen der Frau versuchten darüber hinwegzutäuschen, wie schwach sie noch immer war. Es hatte eine Zeit gegeben, in der der Anstand Megna davon abgehalten hätte, dies anzusprechen. Doch diese war vorbei.
»Selbst, wenn du dein Pferd wiederfindest, wirst du nicht reiten können«, sagte sie. »Den Kontakt mit einem Riss zu verarbeiten, dauert länger als ein paar Stunden.«
»Ein Riss.« Die Fremde schüttelte den Kopf und hob fast im selben Moment die Hand, um sich die Stirn zu reiben. »Ich habe keinen gesehen. Hier sollte auch keiner sein.«
Megna hob die Schultern. »Es tun sich immer wieder neue auf. Sogar hier.«
»Du siehst sie also deutlich«, bemerkte die Fremde. »Bist du eine Magierin?«
»Das war ich früher«, sagte Megna.
»Früher? Als du noch ein Mensch warst?« Die Fremde stellte die Schüssel ab. »Ich muss dir wohl danken.«
Megna legte den Kopf schief. »Du entscheidest selbst, was du musst und was nicht, denke ich.« Sie betonte die Anrede ein wenig übertrieben und im Gesicht der Fremden flackerte prompter Ärger auf. Kurz glaubte Megna, die Frau würde nun gleich einen Streit vom Zaun brechen.
Stattdessen holte sie Luft und entspannte sich. »Vielen Dank.«
Oh, eine Person von Weisheit? Megna nickte knapp. »Bist du stark genug, aufzustehen? Dann bringe ich dich zu meinem Haus.«
»Ich denke, ja.« Die Fremde presste die Lippen aufeinander und stemmte sich mit deutlicher Mühe in die Höhe. Megna erhob sich schnell und griff nach ihrem Arm. Einen Moment lang wirkte die Fremde, als wollte sie protestieren, aber schließlich ließ sie es doch geschehen, dass Megna sie stützte. Nun denn. Megna machte selten neue Bekanntschaften. Vielleicht sollte sie sich darüber freuen.