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Kornelia Schmid

Kristallstarre

Kristallstarre

Der Atem der magischen Stadt besteht aus durchscheinendem Stein. In alten Aufzeichnungen nennt man sie »Miligo«. Als Wasser das unterirdische Gewölbe formte, in dem sie sich befinden soll, flossen die Wellen in geschwungenen Bahnen und zeichneten so die ersten Runen auf den kargen Boden der Welt. Miligo spross in die Höhe, überdauerte Jahrhunderte – und verschwand. Ohne die Einladung der Königin oder des Königs konnte niemand Miligo betreten. Vielleicht haben sie entschieden, vor der Trostlosigkeit der Außenwelt für immer die Pforten zu schließen. Vielleicht gibt es auch einen anderen Grund dafür, dass Miligo in den Erzählungen unserer Vorfahren versank und heute zur Legende wurde.

Nett. Wirklich nett. Tevan gab der vergilbten Schriftrolle einen Stups, sodass sie von seinem Schreibtisch rollte, und stützte das Kinn auf die Hand. Sein Blick fiel auf die Karte, die er sich an die Wand gehängt hatte. Ein rotes Kreuz markierte das Sonrogebirge. Nur zwölf Tagesreisen von hier entfernt und doch so fern ... Selbst wenn er sich entschied, privat dorthin zu reisen, würde er nie lange genug Urlaub bekommen, um vernünftig forschen zu können. Er hatte seinen Antrag zu devot formuliert. Und vielleicht wäre es seriöser gewesen, ihn nicht in eine giftgrüne Mappe zu stecken.
Als er das Gesicht hob, stand seine Vorgesetzte im Türrahmen – ebenjene grüne Mappe unter den Arm geklemmt. Tevan schluckte. Ungebeten trat sie ein, hob das alte Schriftstück mit spitzen Fingern vom Boden auf und warf einen finsteren Blick – nicht dass er bei ihr schon jemals einen hellen Blick gesehen hätte – auf die Zeilen. Einige Herzschläge lang wartete er vergeblich darauf, dass sich ihre Züge glätteten. Doch ihre Augenbrauen rutschten im Gegenteil enger zusammen. Tevan sank in seinen Stuhl.
»Sind Sie jetzt auch noch ein Dichter oder wie?« Er verstand die Worte kaum, weil sie so leise sprach. Dass alles, was sie sagte, irgendwie aus ihrer Nase zu tönen schien, machte die Sache nicht besser.
»Ähm, nein«, sagte Tevan und verschränkte die Finger ineinander. Seine Haut war schwitzig. Das sollte albern sein – war es aber nicht. Manchmal hasste er seinen Beruf. Ziemlich oft sogar. Oder ... nicht seinen Beruf an sich. Die Umstände: die Bürokratie, die arroganten Kollegen – und die Tatsache, dass eine Vorgesetzte überhaupt nötig war. Er brauchte verdammt nochmal keinen Aufpasser, um seine Arbeit gut zu machen.
Sie schien das allerdings anders zu sehen. »Und warum stecken Sie Ihre Nase dann in diesen Legendenkram?«, fragte sie und legte das Schriftstück sanft vor ihm ab.
»Ich bin nicht der Meinung, dass –« Natürlich wollte sie keine Antwort hören. Das wollte sie nie.
»Der Präsident zahlt teures Geld für unsere Arbeit!«, brüllte sie. Tatsächlich klang ihre Stimme nicht wirklich laut, aber die Rotfärbung ihres Gesichts verriet, dass es ein Brüllen sein sollte. »Und Sie investieren wertvolle Zeit in dieses unnütze ...« Einen Moment lang rang sie um Worte.
»Nun ja ...« Er hörte selbst, dass er fürchterlich kleinlaut klang. »Ich bin nicht der Meinung, dass –«
»Dabei war ich kurz davor, Ihnen Ihre Expedition zu genehmigen. Ich dachte wirklich, Sie wären kompetent.« Die giftgrüne Mappe sank vor ihn auf den Schreibtisch.
Tevan schreckte auf. Kompetent? Ihr Ernst? Wenn er nicht kompetent war, wer dann? Er war der Jüngste auf diesem Posten. Vielleicht war das der Grund, warum ihn die Kollegen immer so düster anblickten. Die Worte überschlugen sich in seinem Kopf. Ein Berg im Sonrogebirge hat die Form einer Rune. Nein, das stand schon in seinem Antrag. Die Berge im Sonrogebirge haben ... Oh Mist, ihm fiel nichts Besseres ein. Tevan hüstelte. »Aber Frau Vorsitzende, Sie werden es sicher nicht bereuen, wenn Sie –« Eine Handbewegung brachte ihn zum Schweigen. Sie presste die Lippen fest aufeinander und fixierte das Kreuz auf seiner Wandkarte. Wenn man wusste, worauf man zu achten hatte, konnte man die Rune durchaus erkennen. Das musste auch sie bemerken. Oder nicht? Tevan knetete seine Finger. Die Stille war schwer wie Blei.
Nach einigen Augenblicken wandte sie sich zur Tür. »Ich gebe Ihnen drei Tage. Sie nehmen Palor, Megen und Ranna mit.«
Finsterbrühe. Palor war ein Exzentriker, Megen hielt ihn für einen Jungspund und für Ranna waren Männer per se inkompetent – was diese Konstellation nicht gerade einfach machen würde.
Seine Vorgesetzte verharrte am Flur und drehte sich noch einmal zu ihm um. »Ich erwarte exzellente Ergebnisse.«
Mit Palor, Megen und Ranna? Witzig. Nein, eigentlich nicht. Finsterbrühe. Tevan zog seine Brille von der Nase und wischte sich mit dem Ärmel die Stirn ab. Vielleicht würde er eines Tages zurückbrüllen. Mal sehen.

Ein schmaler Pfad schlängelte sich an den Kiefern vorbei. Während Tevan ihm folgte, glaubte er noch immer Ranna keifen zu hören. Dabei konnte das eigentlich nicht sein. So laut konnte nicht einmal sie schreien. Zwölf verdammte Tage mit diesen Leuten. Tevan stieß Luft aus. Wenigstens würden sie in den nächsten Tagen mehr Abstand voneinander haben. Die Zelte standen immerhin weit genug auseinander.
Er hatte sich unter dem Vorwand, die Gegend zu erkunden aus dem Lager geschlichen. Ganz gelogen war es nicht. Schließlich erkundete er im Moment. Ganz ohne Notizbuch und Brille – blöderweise. Das nächste Mal würde er daran denken, bevor er davonrannte.
Vor einer Felswand hielt er inne. Das Sonrogebirge. Wahrhaftig, er war hier. Über ihm verschwand der Gipfel des höchsten Berges im Nebeldunst. Tevan hatte keine rechte Lust, ihn zu erklimmen. Es würde sich wohl noch zeigen, ob das notwendig war. Er schüttelte den Kopf und ging weiter.

Was er in der Felswand entdeckt hatte, könnte eine Rune sein. Ohne seine Brille kam ihm seine Weitsichtigkeit wieder einmal in die Quere. Tevan verengte die Augen und trat einen Schritt zurück. Die Linien wirkten ungleichmäßig, roh. Ein Resultat der Witterung, vermutete er.
Vorsichtig streckte er die Hand aus. Der Stein war kalt unter seinen Fingern. Aber was hatte er auch erwartet. Tevan schnaubte. Trotzdem zeichnete er mit den Fingern nach, wo er die Linien vermutete – und die Wand zerfloss wie Wasser.
Wie lange er einfach nur davorstand und auf die dunkle Öffnung dahinter blickte, wusste er nicht. Oh, was würde die Vorsitzende wohl dazu sagen? Von wegen unnützer Legendenkram. Tevan spürte, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Seine Ergebnisse würden exzellent sein.
Er straffte die Schultern und trat in die Höhle. Ein kalter Wasserfall überspülte ihn. Aber seine Kleidung blieb trocken und das Gefühl verschwand schnell. Sein Nacken kribbelte, während er sich im Tunnel umsah.
Der Duft der Kiefern blieb hinter ihm zurück und wich den Geruch von kahlem Stein. Er hatte Moder erwartet und Spinnweben, doch die Wände waren leblos. Sehr seltsam. Tevan wandte sich wieder um und wollte zurück ins Freie treten – als er gegen eine unsichtbare Wand knallte. Mit einem Aufschrei wich er zurück und tastete mit den Händen vor sich. Obwohl er keine Barriere sehen konnte, trafen seine Finger auf eine robuste Oberfläche. Das konnte doch nicht wahr sein. Tevan schluckte und schüttelte den Kopf. Wenn es wahr wäre – dann wäre er hier gefangen.

Der Klang seiner Stimme versandete an den Wänden. Tevan hämmerte mit den Fäusten gegen die unsichtbare Wand, bis seine Hände blutig waren. Seine Reisegefährten suchten ihn. Er konnte sie sogar beobachten und hören, wie sie seinen Namen riefen. Er schrie zurück, doch sie reagierten nicht. Direkt vor der Wand blieben sie stehen. Ranna blickte träge auf den Stein. Verdammt, wenn sie nur genauer hinsah, würde sie die Rune sicherlich entdecken, schließlich hatte er sie trotz seiner schlechten Augen bemerkt. Und vielleicht sah sie sie auch.
Dann gingen sie weiter. Tevan stieß seinen Atem zwischen den Zähnen aus. Finsterbrühe. Einen Moment lang hatte er tatsächlich geglaubt, Palor, Megen und Ranna würden entweder kleinliche Differenzen begraben oder spontan ihr Hirn einschalten und bei der Suche etwas analytischer vorgehen, als einfach nur in der Landschaft herumzuirren. Er war einfach ein unverbesserlicher Optimist.
Es war müßig, darüber zu spekulieren, ob sie schlichtweg nicht begriffen hatten, dass er hinter der Felswand eingesperrt war – oder ob sie ihn gerne auf der Expedition verloren. Tevan befeuchtete sich die Lippen. War er wirklich so unbeliebt? Eifersucht war eine starke Triebfeder ... aber ihn einfach hier verrotten zu lassen wäre rücksichtloser, als er sich ausmalen hätte können. Doch die drei kehrten auch nach Stunden nicht zurück.
Die Dämmerung verging grau und die Nacht brach herein. Kälte sickerte durch die Wand und kletterte über Tevans Haut. Seinen Namen rief schon lange niemand mehr.
»Finsterbrühe«, sagte er diesmal laut. Sein Mantel, sein Proviant, seine Aufzeichnungen, alles hatte er im Lager zurückgelassen, als er sich auf diesen Erkundungsrundgang begeben hatte. Aber wie hätte er ahnen sollen, dass er schon beim ersten Versuch tatsächlich etwas fand?
Tevan zog den Dolch von seinem Gürtel und betrachtete ihn einen Moment lang. Schon seltsam, dass er ausgerechnet daran gedacht hatte. Allerdings hatte er es für wahrscheinlicher gehalten, einem Wolf oder Bären zu begegnen, als die Waffe zu brauchen, um sich damit die eigene Haut aufzuritzen. Er biss die Zähne zusammen und drückte die Klinge in seine Finger. Blutstropfen quollen hervor und so zeichnete er in der Dunkelheit Runen an die Wand und versuchte sie mit einem Machtwort zu aktivieren. Zwar leuchteten sie, aber sonst geschah nichts. Er blieb weiterhin gefangen.
Erneut fluchte er. Das würde eine verdammt lange Nacht werden – womöglich war er morgen früh erfroren. Dass seine Kollegen ihn fanden, war so unwahrscheinlich, dass ihm im Grunde nur der Durchbruch nach vorne blieb. Tevan drehte sich um und stieß sich die Schultern an den Felskanten an. Er blickte in gähnende Finsternis und die Finsternis blickte finster zurück. »Wunderbar«, brummte Tevan, während er sich vorwärts tastete.

Noch ein paarmal versuchte er, mit Runen Licht zu machen, aber vermutlich zeichnete er sie nicht korrekt. Dabei hatte er den Kritikern von Magie gegenüber immer vehement entgegengehalten, was für einen überwältigenden Nutzen sie auch im Alltag hätte. So viel dazu.
Mit der unverletzten Hand tastete er sich an den Wänden entlang. Er hörte ein Tropfen und eine Weile fanden seine Finger auch unangenehm kalte Nässe, aber das Geräusch schwoll wieder ab und ließ ihn in Stille zurück. Woher kam das Wasser? Es konnte nur über eine Verbindung mit der Außenwelt hereingelangen. Was nicht bedeuten musste, dass ihm der Weg, den es genommen hatte, helfen würde. Tevan seufzte. Geologie hatte ihn niemals auch nur im Mindesten interessiert. Tatsächlich war die Vorstellung, er müsste sich eines Tages unfreiwillig durch eine schier endlose Höhle schlagen, mehr als absurd. Aber so war das Leben eben ... absurd.
Der Weg unter seinen Füßen senkte sich und führte nach einer Weile immer steiler in die Tiefe. Tevan drosselte sein Tempo, um nicht zu stolpern. Weiter hinein in die Erde – das war sicherlich keine gute Voraussetzung, um einen Ausgang zu finden. Der Tunnel wurde breiter, doch Tevan hatte keine Vorstellung davon, wie groß er tatsächlich war, denn er hielt sich weiterhin in der Nähe der rechten Wand auf.
Keine Spuren menschlichen Einwirkens. Dabei musste doch irgendjemand die Rune in den Eingang graviert haben ... oder nicht?
Als seine Hände auf ein Hindernis stießen, glaubte er zuerst, in einer Sackgasse gelandet zu sein. Sein Herzschlag beschleunigte sich und Schrecken flutete so kalt durch seine Adern, dass sich die Härchen auf seinen Armen aufstellten. Einen Moment lang schloss er die Augen und amtete tief durch. Er würde hier nicht sterben. Das wäre ... absurd.
Seine tastenden Finger griffen ins Leere. Eine Öffnung. Tevan atmete aus und vergewisserte sich, dass sie groß genug war, um hindurch zu klettern. Dann setzte er seinen Weg wieder fort.

Vielleicht hätte er seine Schritte zählen sollen. Die Zeit strich voran, die Kälte ließ seine Zähne klappern und Fels zerkratzte seine Hände. Tevan lehnte sich erschöpft gegen eine Wand und wunderte sich, dass er sich den Kopf noch nicht angeschlagen hatte. Oder vielleicht hatte er das ja und das war der Grund für diese Irrreise. Eine gute Theorie. Ein blauer Schimmer zeichnete die Konturen des Tunnels nach. Tevan blinzelte. War er jetzt endgültig verrückt? Zitternd fuhr er sich über die Augen, doch das seltsame matte Licht blieb. Was konnte das sein? Öllampen leuchteten gelb, Feuer flackernden orange. Diese blaue Gleichförmigkeit dürfte es nicht geben.
Aber etwas anderes als seinen Weg fortzusetzen, blieb ihm ohnehin nicht übrig. Als er die Hand wieder ausstreckte, streifte eine scharfkantige Spitze seine Haut. Tevan zuckte zurück und versuchte zu erkennen, was ihn verletzt hatte. Ein steinerner Pfahl ragte im Düsterlicht glänzend aus der Wand. Tevan schüttelte den Kopf. Das hier war nicht mehr die roh geformte Höhle, in der er seinen Weg begonnen hatte. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Immer häufiger fand er ähnliche Stacheln in unterschiedlichen Größen an den Wänden wuchern. Seine Blindheit war genug gewichen, um ihre Konturen erkennen zu können. Offenbar handelte es sich um eine Art Kristall. Der blaue Schimmer drang aus seinem Inneren, wenn er sich nicht täuschte.
Der Tunnel verbreiterte sich und unvermittelt wurde der Boden so eben, als wäre er behauen worden. Tevan konnte sich nun fortbewegen, ohne den Kopf einziehen zu müssen. Er brauchte sich auch nicht mehr vorantasten, er sah seine Umgebung gut genug. Vor ihm glänzten Säulen aus blauem Stein und formten einen Torbogen. Verblüfft blieb er stehen. Unmöglich. Das hier konnte nicht die Natur geschaffen haben ... aber in der Welt der Menschen hatte er auch nichts Ähnliches gesehen.
Die Höhle ging in einen Flur mit gefliestem Boden über. Die Decke war gleichmäßig geschwungen. Seine Schritte hallten. Tevan rieb sich fröstelnd die Arme. Die Wände waren hier aus einem Stein, den er nicht kannte. Gräulich und fast ein wenig durchsichtig. Die Säulen selbst mussten ein Vermögen wert sein. Ihre Oberfläche wirkte unbehauen – und doch zu ebenmäßig.
Der Flur endete vor einer Treppe. Der Höhe der Stufen nach zu urteilen konnten es durchaus Menschen sein, die sie benutzten. Jemand musste hier regelmäßig saubermachen, denn alles glänzte wie poliert.
Tevan schluckte. Auf wen würde er treffen, wenn er hier hinaufging? Und was würden die Unbekannten mit einem ungebetenen Eindringling machen?