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Constantin Salathe

Symmetriebruch

Erster Abschnitt

Nordatlantik, 30. Dezember 1984, 04:35 Uhr
61° 30 Minuten Nord, 25° 12 Minuten West
Sowjetisches Jagd-U-Boot K-284 »Hai«
Prototyp Projekt 971 Schtschuka-B, »Akula«

Ein heftiges Klopfen an der Tür reißt Kapitän 2. Ranges Yuri Sorokin aus dem Schlaf. Die Stimme seines ersten Offiziers, Victor Belousov, dem sonst so ruhigen Kameraden, klingelt in Sorokins Ohren. »Genosse Kapitän?«
Deutlich vernimmt Sorokin die Aufregung in Belousovs Tonfall.
»Einen Moment!«, knurrt Sorokin und tastet mit der Hand über seinem Kopf nach dem Lichtschalter. Mit einem lauten Klack wird es taghell in seiner Kabine. Mühsam richtet sich Sorokin auf und schwingt die Beine aus der Koje. Mit beiden Hän-den fährt er sich durch das Gesicht, richtet seinen kurzen, schwarzen Bart und blickt kopfschüttelnd auf seine Uhr.
»Nun kommen Sie schon rein, Belousov!«
Blitzschnell öffnet sich die Tür und der Offizier stürzt herein. »Entschuldigen Sie die Störung, Genosse Kapitän, aber Sie müssen sich etwas ansehen!«
»Was ist denn los? Hat sich etwa wieder so ein neugieriger Brite an unsere Fersen geheftet?«
»Nein. Wir haben einen Funkspruch erhalten. Ich habe bereits eine Kursänderung veranlasst!«
»Kursänderung?« Sorokin schwingt sich aus dem Bett und greift nach seiner Uniformjacke, die sorgfältig gefaltet an einem Kleiderhaken hängt. »Wovon zum Geier reden Sie?«
»Hier, Genosse Kapitän!« Belousov zieht einen kleinen Zettel aus seiner Tasche und reicht ihn dem Kommandanten. Sorokin greift stürmisch danach und kneift die Augen zusammen. Sorgfältig liest er den Text.
Zweimal.
»Na, das ist ja ein Ding. Gut. Ich treffe Sie im Zentralposten.«
»Jawohl, Genosse Kapitän!« Belousov salutiert und wendet sich ab. Mit schnellen Schritten verlässt er die Kabine und schlägt die Tür hinter sich zu.
Sorokin schüttelt den Kopf. »Aufgeregter Jungspund.«
Während er sich seine Uniformjacke überzieht und sein dunkelbraunes Haar vor dem Spiegel durchkämmt, grübelt Sorokin über den Inhalt der Meldung und fragt sich still, was davon zu halten ist.
Nach dem Überstreifen der schweren Lederstiefel, macht er sich auf den Weg zum Zentralposten, dem sowjetischen Pendant eines amerikanischen Combat-Information-Centers, kurz CIC genannt.
Als er den großen Raum betritt, schlagen ihm bereits die neugierigen Blicke einiger Besatzungsmitglieder entgegen. Nur ein kleiner Teil seiner 73 Offiziere und Matrosen hat zu dieser Zeit überhaupt Dienst, noch weniger besetzen die wichtigsten Stationen des U-Bootes. Die verwinkelte Kommando-zentrale ist in helles Licht getaucht.
»So«, sagt Sorkin, »dann bringen Sie mich mal auf den neusten Stand. Wie schaut es aus? Haben sich die Informationen bestätigt?«
»Jawohl, Genosse Kapitän«, antwortet ihm Belousov, der sich bereits über den breiten Kartentisch neben einem der drei Sehrohre beugt.
Sorokin tritt neben ihn und wirft einen Blick auf die von unten beleuchtete Kunststoffkarte. Mehrere Linien und Symbole sind in verschiedenen Farben eingezeichnet.
Sein erster Offizier räuspert sich und winkt den Navigator zu sich. »Das Objekt wurde vor etwa sechs Stunden das erste Mal durch unsere Überhorizont-Radarstation Duga in der Ukraine aufgefasst. Es befindet sich aktuell in der letzten Umlaufphase. Laut den Berechnungen des Zentrums für Raketen- und Weltraumverteidigung, wird es bald mit dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre beginnen.«
»Wo kommt es runter?«, fragt Sorokin. Zwanghaft versucht er, ein Gähnen zu unterdrücken, verärgert, dass man ihn wegen eines Stücks Weltraum-schrott aus dem Schlaf gerissen hat.
»Etwa neunzig Seemeilen von unserer aktuellen Position.«
»Wann können wir diesen Punkt erreichen?«, fragt Sorokin den Navigator.
Der hochgewachsene Mann reibt sich das Kinn und brummt. »Hm. Marschfahrt 7 Stunden. Höchstlast zweieinhalb. Ungefähr.«
Sorokin nickt. »Dann gehen Sie auf die vollen 35 Knoten. Äußerste Fahrt.«
»Das wird Pashin nicht gefallen«, murmelt Belousov.
»Er will doch eine Testfahrt«, hält der Kommandant dagegen. »Dann soll er sie auch bekommen!«
Kaum hat der erste Offizier den Namen ausgesprochen, stürmt ein Zivilist in den Zentralposten. »Was ist los? Was ist passiert?«
»Immer mit der Ruhe, Pashin«, knurrt Sorokin, »Ich wollte Sie gerade holen lassen. Es gibt eine kleine Planänderung.«
Der kleine rundliche Zivilist stoppt kurz vor Sorokin ab und reißt die Augen auf. »Planänderung?«
»Ja, Genosse. Wir haben Anweisung, ein nahe-gelegenes Planquadrat anzusteuern. Dort werden wir patrouillieren und den Niedergang eines unbekannten Objekts beobachten.«
»Abstoppen?« Pashin schüttelt energisch den Kopf. »Genosse Kapitän. Sie wissen so gut wie ich, dass wir uns auf einer Erprobungsfahrt befinden. Unser Auftrag lautet, das Boot mit konstanter Geschwindigkeit unter Wasser zu fahren, um die neu-en Reaktoren und Schrauben zu testen.«
»Wir werden danach unsere Erprobung wieder aufnehmen«, knurrt Sorokin. Sein Tonfall lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht das geringste Interesse an einer Diskussion hat.
Verzweifelt blickt Pashin zu Belousov. Der erste Offizier, Kapitän 3. Klasse, ebenso Politoffizier an Bord, zuckt mit den Schultern. »Befehl der Nord-meerflotte. Da gibt es keine Diskussionen.«
Mit einem verärgerten Schnaufen verschränkt Pashin die Arme. »Was für ein Objekt? Worum geht es?«
Sorokin streckt einen Zeigefinger aus. »Das liegt außerhalb Ihres Zuständigkeitsbereiches. Kümmern Sie sich um den Reaktor. Sorgen Sie dafür, dass uns dieses Boot nicht unter dem Hintern auseinander-bricht!«
»Genosse Kapitän«, setzt Pashin an, »dies ist der modernste Prototyp eines atomgetriebenen Jagd-U-Bootes der Welt. Niemand besitzt etwas Vergleich-bares. Nicht die Briten, und schon gar nicht die Amerikaner. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir auftauchen und man das Schiff begutachten kann!«
»Das lassen Sie meine Sorge sein!«, bellt Sorokin. »Jetzt ab mit Ihnen in die Reaktorabteilung.«
Ohne einen weiteren Kommentar dreht sich Pas-hin verärgert um und stapft aus dem Zentralposten.
»Kurs geändert. Boot läuft Überlastfahrt bei 35 Knoten«, sagt der Navigator.
Sorokin nickt. »Belousov. Bereiten Sie das Boot auf eine mögliche Bergungsoperation vor.
Wenn dieses Teil für Moskau so wichtig ist, sollten wir bereit sein, es rauszufischen. Falls es nicht direkt absäuft.«
»Jawohl, Genosse Kapitän.« Der erste Offizier salutiert und verschwindet im hinteren Bereich des Zentralpostens.
Sorokin lehnt sich mit dem Rücken an den Kartentisch und dreht den Kopf zum Leiter der Radarstation und seinen Monitoren. Obwohl sich sein Boot auf Periskoptiefe befindet, sind die Funk- und Radarantennen ausgefahren. Das MRK-50 Albatros-Radar sucht ohne Unterbrechungen den Luft-raum ab.
Sorokin seufzt. Prinzipiell hat Pashin Recht. Auch ihm gefällt es nicht, dieses hochmoderne Boot in eine exponierte Position zu bringen.