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Jan Wüst

Deep Black Box

Alma | Das Licht der Welt

Nackt und hilflos liege ich auf einem Polster aus Stroh und sauge den Schutz der Dunkelheit, die Gerüche und Vibrationen um mich herum so gierig ein wie die ersten Tropfen Muttermilch.
Neben mir wacht meine Mutter mit zuckenden Ohren über ein Knäuel aus neun frisch geschlüpften Leibern. Jeder von uns ist kaum größer als eine Haselnuss. Wir schmiegen uns eng an das kurze, samtige Fell unserer Mutter und tummeln uns um die besten Plätze an den Zitzen.
Das Nest ist von leisen Rufen erfüllt, in die ich regelmäßig einstimme. Etwas, das ich nicht erklären kann, ein innerer Drang, zwingt mich dazu.
Meine Schwester neben mir fühlt sich warm an. Zu warm. Ich kann die Krankheit in ihr riechen – eine Süße, mit zunehmend fauliger Note. Ihre Rufe verstummen. Sie atmet unregelmäßig.
Meine Mutter riecht an ihr. Leckt nervös über ihre Haut. Mit ihrer spitzen Schnauze stupst sie unsere Schwester immer wieder an. Zuerst aufmunternd, dann flehentlich.
Hör nicht auf zu rufen. Hör nicht auf zu rufen!
Sie bleibt still.
Unsere Mutter hüllt die Kammer in ein tiefes und sanftes Säuseln. Dann tötet sie meine Schwester mit einem einzigen, schnellen Biss in den Nacken und verschlingt sie mit Haut und Haaren.
Es ist besser so. Ich verstumme nicht und sauge das Leben gierig in mich auf.

Die kindliche Unbeholfenheit meiner Bewegungen liegt wie eine alte Haut hinter mir. Ich bin im Eiltempo auf die Größe einer Feige angewachsen. Meine Sinne sind scharf wie Schneidezähne. Keine noch so kleine Luftschwingung oder Kontur entgeht mir. Ich vernehme jeden einzelnen Herzschlag im Nest so deutlich, als würde er in meiner eigenen Brust schlagen und um mich herum wabern zahllose Gerüche. Einige flüchtig wie ein Atemzug, andere beständig wie die Dunkelheit. Am schnellsten wächst meine Neugier und so erkunde ich in Windeseile die Grenzen meiner Kinderstube.
Ein Luftzug streichelt über mein Fell.
Er entspringt einem abwärts gerichteten Gang, kaum breiter als ich selbst. Ich husche hinab. Verliere mich in Gängen, die sich in alle denkbaren Richtungen neigen und wie ein dreidimensionales Geflecht miteinander verwoben sind.
Alle Wege münden in kleine Kammern, ähnlich meiner Geburtsstätte. Sie sind leer. Nur die Duftspur meiner Mutter verrät, dass auch sie schon hier war. Ihr Geruch führt mich schließlich in einen aufwärts gerichteten Gang. Er endet in Unbehagen.
Die vertraute Enge, die Schwärze löst sich in grellen Blitzen auf, die vor meinen Augen explodieren.
Ich ertrinke für einige Atemzüge in einem konturlosen weißen Meer. Meinem ersten Impuls folgend, schieße ich zurück in die behagliche Dunkelheit und Enge des Tunnels.
Aber meine Neugier ist größer als meine Angst, also taste ich mich zurück. Einmal an die Helligkeit gewöhnt, blicke ich verschwommen auf eine Sandebene, über der vier quadratische Sonnen grelles Licht auf mich spucken.
Hastig erkunde ich meine Umgebung. Mein Kopf verschmilzt jede Luftschwingung, jeden Geruchsfetzen und jede Unebenheit unter meinen Pfoten allmählich zu einer weichen Masse und formt daraus eine Skulptur meiner Welt.
Den lichtdurchfluteten Teil dieser Skulptur nennen wir Oben.
Oben bildet in seiner Grundfläche ein riesiges Quadrat und endet in allen vier Himmelsrichtungen vor tiefschwarzen Wänden, die unüberwindbar hoch vor mir aufragen und im Nichts zu enden scheinen.
Auf den ersten Blick ist die Oberfläche der Wände vollkommen glatt. Eine kleine Kreatur blickt mich mit schwarzen Knopfaugen daraus an.
Ich löse den Blick von meinem Spiegelbild und untersuche die Wände genauer. An jeder der vier Wände jeweils auf Bodenhöhe ist ein Bruch in der glatten Vollkommenheit. Dünne Spalten in der Wand bilden die Umrisse eines Quadrates, fünfmal breiter und höher als mein Körper. Als wäre ein riesiges Stück aus der Wand geschnitten und wieder eingesetzt worden.
Ich lasse meine Entdeckung hinter mir und steuere auf eine Erhebung zu. Schemenhaft ragt sie vor mir auf.
Ich stehe kurz davor. Ein Kubus.
Wie ein stummer Wächter ragt er aus dem Sand. Massiv, tiefschwarz und – wie mein Fell – jede Reflexion verschlingend. Was ist das? Eine ganze Weile hocke ich einfach davor und starre ihn an. Etwas daran fasziniert mich.
Er überragt mich um eine Körperlänge und ist nicht der einzige seiner Art. Vier dieser Kuben verteilen sich über das Oben.
Ich präge mir ihre Position ein und wage mich auf die offene Ebene.
Sand. Nichts als Sand! Diese Weite. Viel zu viel Raum!
Ich renne und halte die Nase dicht am Boden. Die Spur meiner Mutter… ihr Duft ist wie eine schwache Erinnerung unter einzelnen Sandkörnern vergraben und zieht mich ins Zentrum der Ebene. Dort ragt ein Turm in den Himmel. Ich hocke davor und recke die Nase prüfend nach oben. An den Fuß des Turms schmiegen sich an die vier Seiten große, quaderförmige Tröge. Im ersten Nahrung, im zweiten Wasser, im dritten Nistmaterial. Der vierte Trog ist leer. Der vierte – wieso ist er leer?
Unsichtbare Krallen zerren an mir.
Das Oben mit seinem kalten Licht und seiner Grenzenlosigkeit behagt mir nicht. Ich kehre um. In die wohlige Enge und Schwärze. In den Schoß meiner Familie. In das, was ich Unten nenne.