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Chris Mathias

The Pancrator Principle - Der Zukunftsweber

Berlin, 2069

Nyssa prüfte den Sitz ihres Messers in der Lederscheide an ihrem Gürtel, es war gut verborgen durch ihre Jacke und doch schnell zu erreichen. Sie hatte gehofft, heute ohne die Waffe auszukommen, aber auf den Straßen von Friedrichshain im Jahr 2069 war das ein naiver Wunsch. Der in zerschlissene Synthetik-Lederklamotten gehüllte Schlägertyp mit Glatze sah nicht so aus, als könnte man ihn ohne Waffe einschüchtern. Selbst mit Messer war es riskant. Im schwachen LED-Licht der hohen Straßenlaterne erkannte Nyssa durch den leichten Regen hindurch die Narben im Gesicht des Mannes. Verglichen mit Nyssas schlankem, aber drahtigem Teenagerkörper war er ein wandelnder Muskelberg. Allein durch Kraft würde sie nicht gewinnen. Nyssa schob eine feuchte Strähne ihres schwarzen Haares aus der Stirn des schmalen Gesichts und straffte ihre graue Jacke aus Stahlseide, ein wirklich guter Fund aus einem Müllcontainer bei den Villen am Landwehrkanal. Sie wärmte, war unglaublich leicht und das Wasser perlte an dem dichten Gewebe aus Nanodrähten und zäher Synthetikseide einfach ab. Schutz vor Regen, der mittlerweile beinahe jeden Tag fiel, war wichtig. Es gab inzwischen verschiedene Bezeichnungen für Regenarten. Heute war es ein normaler Streifregen, eigentlich nicht der Rede wert.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schubste der Schlägertyp eine Teenagerin mit blutroter Jacke und langen blonden Haaren herum wie einen Spielball. Nyssa wusste, wie es weitergehen würde. Er würde sie schlagen, sie trotz ihrer Gegenwehr in die nächste Gasse zerren, sie vergewaltigen und vielleicht sogar töten. Niemand würde eingreifen, nicht hier in Friedrichshain. In jedem anderen Stadtteil wären schon längst die Blechbullen aufgetaucht, hätten mit ihren automatischen Sensoren abgeglichen, wer der Kerl war, und ihn sofort weggesperrt. Aber in Friedrichshain, dem vergessenen Stadtteil, gab es keine Polizei. Nyssa hatte sich schon oft gefragt, warum das so war. Alle anderen Stadtteile waren Musterbeispiele an Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit. Zumindest an der Oberfläche, solange man sich nicht in die falschen Wohnblocks begab oder nachts in bestimmten Parks unterwegs war. Friedrichshain war anders. Hier kamen sie alle zusammen, die Verlierer des Systems. Illegale Einwanderer, verschuldete Drogenabhängige, denen die Zuteilung nicht mehr für ihren Konsum ausreichte, gesuchte Mörder, Diebe, Gewaltverbrecher, Vergewaltiger, Händler von allem, was verboten war, und der eine oder andere jugendliche Ausreißer wie Nyssa, der nirgendwo anders untergekommen war.
Wer noch einigermaßen bei Sinnen war, der schloss sich einem Clan an. Aber die Clans waren sehr wählerisch bei der Auswahl ihrer Mitglieder. Es dauerte oft viele Jahre, bis man ein Angebot zum Beitritt bekam, und auch nur dann, wenn man sich nach den Regeln des jeweiligen Clans bereits wirklich bewährt hatte. Wer nicht Mitglied war, musste für den Schutz durch einen Clan bezahlen, der in dem betreffenden Viertel gerade das Sagen hatte, und konnte sich dann ziemlich sicher sein, in Ruhe gelassen zu werden. Übergriffe gab es selten. Wenn es welche gab, dann nur, wenn einer der Beteiligten nicht von einem Clan geschützt war. Für solche Personen hatte sich ein eigener Begriff eingebürgert: ‹Freiwild›. Wahrscheinlich war der Glatzkopf aus einem anderen Stadtteil gekommen, um etwas Freiwild zu jagen und seinem eigenen todlangweiligen Dasein Abwechslung zu verschaffen, oder um seine Lust auf Sex und Gewalt zu stillen. Er hatte aber vergessen, dass er selbst auch Freiwild war. Er trug keine Clan-Markierungen an der Kleidung oder Schutzanhänger. Auf dem Ärmel von Nyssas Jacke hingegen prangte ein schwarzer Vogel, was jedem klarmachte, dass sie unter dem Schutz der Schwarzfalken stand.
Nyssa lockerte den Sitz ihres Messers. Sie hatte sich bisher nie in solche Angriffe eingemischt, denn schließlich sorgten die Clans für Ordnung und Sicherheit. Aber jetzt war niemand zu sehen. Die vor sich hindämmernden Drogenabhängigen, die entlang der Straße im flackernden Licht kaputter Straßenlaternen herumsaßen, würden jedenfalls nicht helfen. Niemand würde aus den zerschlagenen Fenstern der leeren Wohnblocks blicken, welche die Straße säumten. Wenn Nyssa nichts tat, dann bekam der Kerl, was er wollte. Und er würde zurückgehen, wo auch immer er hergekommen war und vor jedem, der es hören wollte, damit angeben. Dann würden noch mehr von seiner Sorte hier auftauchen. Aber spätestens dann würden die Clans wieder für Ordnung sorgen. Sie täte gut daran, sich nur um sich selbst und ihren eigenen Kram zu kümmern. Jeder lenkt sein Schicksal selbst. Das hatte für Nyssa immer gut funktioniert. Aber dieses Mal ließen ihre Vorsätze sie im Stich. Sie hatte versucht, die Schreie der jungen Frau zu ignorieren und weiterzugehen, aber ihre eigene Erinnerung hatte ihre Schritte abrupt gehemmt. Die ganze Situation glich zu sehr dem Tag vor ein paar Jahren, als Nyssa selbst nach Friedrichshain gekommen war. Fast hätte es sie damals erwischt, nur durch Glück war sie entkommen. Sollte sie wirklich eingreifen? Noch einmal spähte sie um sich, hoffte, dass Clanmitglieder auf den Glatzkopf aufmerksam geworden waren. Aber weit und breit war niemand sichtbar, der helfen würde.
Nyssa atmete tief durch und trat auf die leere Straße, über die zu dieser Tageszeit nur selten ein Auto fuhr. Ihr Blick fokussierte sich auf den Mann, der inzwischen die Teenagerin an ihrer Jacke gepackt hatte und zu sich zerrte. Nyssa war in seinem Rücken und nur noch knapp drei Meter entfernt.
«Lass sie los!», rief Nyssa scharf.