The Pancrator Principle - Der Zukunftsweber
Cassian bereitete sich auf die Konfrontation vor. Er überprüfte wieder den Sitz seiner weißen Anwärteruniform mit den Applikationen aus Gold, stellte sicher, dass sein schwarzes Haar nicht in die hohe Stirn fiel. Erneut strich er über sein breites Kinn, das er noch einmal auf das Genaueste rasiert hatte. Seine Muskeln waren entspannt, aber bereit, sofort in Aktion zu treten. Er hatte schon so viele Hürden überwunden, um eine Chance zu bekommen, ein Engel zu werden. All die Tests, bei denen er das Glück gehabt hatte, das richtige Erbgut zu besitzen. Die Vorbereitungen auf die psychologischen Prüfungen, die er hinter sich gebracht hatte, die jahrelange Ausbildung in allem, was einen Engel ausmachte. Aber die größte Hürde lag jetzt direkt vor ihm. Von den Hunderten Anwärtern aus Hunderttausenden von Bewerbern hatte er als einer der wenigen jetzt die Chance, ein Engel zu werden. Anders als bei allen anderen Prüfungen wusste er nicht, was ihn erwartete. Niemand sprach jemals über das Auswahlgespräch der Engel. Es gab nur einen, den er überzeugen musste: Gabriel Martel, den Gründer und Anführer der Roten Engel. Jetzt stand Cassian so bereit, wie er glaubte nur sein zu können, vor dieser rot gestrichenen Tür, die ihn in den Auswahlraum führen würde. Hatte er Angst? Eher eine aufmerksame Gespanntheit, entschied er. Er wollte sich keinen Fehler leisten. Es gingen Gerüchte um, dass Gabriel immer auf die Schwachstellen der Anwärter zielte. Nur sehr wenige bestanden die Auswahl. Cassian hatte sich vorbereitet, hatte noch einmal alle Übungen durchgeführt, die ihm die bestmögliche Kontrolle über sein Denken ermöglichten. Nichts sollte ihn aus der Fassung bringen.
Die Tür schwang nach außen, und Cassian stand Gabriel in seiner roten Engelsuniform gegenüber. Er salutierte, Gabriel erwiderte lässig den Gruß und bedeutete ihm, in den Raum zu folgen.
Der Raum war klein, er maß vielleicht drei mal drei Meter. Ein Tisch aus silbern glänzendem Metall und zwei Stühle aus demselben Material waren die einzigen Gegenstände im Raum. Die Stühle waren nicht auf dem Boden festgeschraubt, der Tisch ebenfalls nicht, sie mochten als Waffe taugen. Der vergitterte Lüftungsschacht auf Höhe der Decke könnte ein Fluchtweg sein. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine weitere Metalltür, Cassian konnte nicht erkennen, ob sie abgeschlossen war. Keine offensichtlichen Kameras. Es roch nach abgestandener Luft und Metall. Cassian hatte all das sofort erfasst, als er in den Raum getreten war, mit der Routine eines Verstandes, der in der Ausbildung wieder und wieder geschärft worden war. Nichts davon hatte eine Reaktion ausgelöst. Eines jedoch störte seine Analyse. An der Wand links neben einem Stuhl waren rote Flecken auf Kopfhöhe verteilt. Es konnte sich nur um Blutspritzer handeln. Cassian fehlten als Anwärter noch alle Implantate, die ihm eine genauere Analyse ermöglicht hätten. Was war hier geschehen, oder besser: Was würde hier geschehen?
Gabriel bedeutete Cassian, sich auf genau den Stuhl zu setzen, neben dem die roten Flecken auf der Wand waren. Cassian setzte sich und unterdrückte weitere Spekulationen, die sein Verstand gerade anstellte. Das führte zu nichts, er musste auf den jetzigen Moment fokussiert bleiben. Es war für Cassian irrelevant, was vorher hier passiert war. Gabriel öffnete die andere Metalltür und verschwand kurz in dem dahinterliegenden Raum. Cassian konnte erkennen, dass es sich um einen längeren Gang handelte, der von zweckmäßigen Metallregalen gesäumt war. Gabriel nahm einen Interlinker und eine schwarze Schachtel aus einem Regal, kam zurück in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Gabriel schob den Interlinker vor Cassian.
«Zuerst eine Formalität. Lesen und bestätigen.» Gabriel setzte sich auf den Stuhl Cassian gegenüber und legte die schwarze Schachtel von der Größe eines Schuhkartons vor sich auf den Tisch. Cassian las den Text auf dem Interlinker. Es handelte sich um eine Erklärung, ähnlich jener, die er bei der Aufnahme als Anwärter unterschrieben hatte. ‹Mir ist bewusst, dass die Prüfungen zu schweren körperlichen Verletzungen, temporären oder dauerhaften psychischen Schäden, langfristiger oder permanenter Behinderung, oder dem Tod führen können. Ich akzeptiere die genannten Risiken›, las Cassian in einem Abschnitt. Die ganzen Minuten, die Cassian las, konnte er nur das Rauschen der Lüftung wahrnehmen. Auch wenn er die Fähigkeiten der Engel kannte, war er dennoch überrascht, dass er Gabriel nicht einmal atmen hören konnte. Cassian zögerte nicht, als er den Text gelesen hatte, er drückte seinen Daumen auf das dafür vorgesehene Feld und blickte für einen Retinascan in den Sensor an der Seite des Interlinkers. Das bestätigende Piepsen drängte sich in die Stille des Raumes.
Gabriel schob den Interlinker an die linke Seite des Tisches und betrachtete Cassian. «Cassian Vanek. Sie sind bereit, ein Engel zu werden und den Schwur zu leisten?»
«Das bin ich.»
Gabriel nickte kurz. «Sie sind der Sohn von Harald Vanek.»
«Das bin ich», bestätigte Cassian. Sollte es hier wieder um dasselbe, ewige Thema gehen?
«Ihr Vater ist der Gründer und Eigentümer von Vanek International? Einem der weltweit größten Konzerne?»
«Ja.» Cassian wartete ab. Er wollte sich nicht voreilig rechtfertigen.
«Sie sind bereit, Ihrer Familie und allem Weltlichen zu entsagen?»
«Das bin ich.»
«Das glaube ich Ihnen nicht», warf Gabriel trocken hin. Ein kurzes Prickeln machte sich in Cassians Hinterkopf breit. Es kostete ihn nicht viel, kontrolliert zu bleiben. Dieses Thema verfolgte ihn schon, seit er ein Anwärter geworden war. Wenn Gabriel ihn damit reizen wollte, würde Cassian ein leichtes Spiel haben. Cassian schwieg, schließlich hatte Gabriel ihn nichts gefragt.
«Engel sind bereit, alles zu opfern. Ihr wiederholter Ungehorsam in der Ausbildung zeigt, dass das hier nur ein Spiel für Sie ist. Für Sie ist das nur eine kleine Rebellion, um sich Ihrer Familie zu entziehen.» Gabriel blickte Cassian an.
Es gab vieles, was Cassian dazu hätte sagen können. Er könnte sich zum Beispiel verteidigen, was er schon so häufig getan hatte. Diese Vorwürfe waren nicht neu, allerdings tat es Cassian weh, sie jetzt von Gabriel zu hören. Er hatte gedacht, die ganzen Jahre der harten Arbeit hätten diese Zweifel ausgeräumt. Auch wenn Gabriel nichts gefragt hatte, wollte Cassian die Anschuldigung nicht unerwidert lassen.
«Ich bin bereit, alles zu opfern», bekräftigte Cassian.
«Wirklich alles?», fragte Gabriel. Cassian bemerkte, dass Gabriel ihn genau beobachtete.
«Alles», bestätigte Cassian, und er glaubte es auch.