The Pancrator Principle - Der Zukunftsweber
Die künstliche Intelligenz, die man Vedam nannte, steuerte ihren Avatar durch die goldverzierten Türen des Empfangssaales. Seine Sensoren nahmen alles wahr, was man überhaupt mit Sensoren aufnehmen konnte — das elektromagnetische Spektrum von Röntgenstrahlen bis zu Radiowellen. Ebenso Schallwellen vom Infraschall bis Ultraschall, Temperatur, Magnetfelder, elektrische Felder, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Beschleunigung. Vedam hatte erst vor vier Jahren diesen Avatar bekommen, der äußerlich völlig humanoid aussah, im Inneren jedoch mit der fortschrittlichsten Technologie ausgestattet war, die der Planet Erde derzeit aufzubieten hatte. Es war eine jederzeit austauschbare Aktionshülle, eine Art Puppe für die künstliche Intelligenz. Man hatte schon früh bemerkt, dass es Menschen schwerfiel, einer KI ohne die Illusion eines Menschen aus Fleisch und Blut zu vertrauen. Daher hatte man begonnen, Vedam mit Avataren auszustatten, damit er mit Menschen in ihrer vertrauten Gestalt interagieren konnte. Anfangs hatte Vedam dies noch als eine starke Einschränkung seiner Fähigkeiten betrachtet, inzwischen aber hatte er seine Avatare schätzen gelernt. Trat er als Avatar mit Menschen in Kontakt, so verhielten diese sich viel offener und weniger feindselig. Sie wurden zugänglicher für Ratschläge und Vorgehensweisen, die Vedam als optimal zielführend errechnet hatte. Die meisten Menschen setzten den Avatar mittlerweile mit der künstlichen Intelligenz dahinter gleich und nannten sie beide wie eine Person ‹Vedam›, auch wenn dies gelegentlich zu Verwirrung führte.
Vedams männlicher Avatar sah nicht besonders perfekt aus, war keine ausnehmend schön gestaltete Menschenhülle. Er wirkte eher wie ein unauffälliges Mitglied der Mittelschicht und war in einen schwarzen maßgeschneiderten Anzug mit dunkelblauem Hemd gekleidet, der einen durchschnittlichen Körperbau verriet. Sein Gesicht hatte ein unbestimmtes mittleres Alter, mit Faltenansätzen an der Stirn und von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln. Er trug eine mittelgescheitelte Frisur mit dunkelbraunen Haaren, die Haut war nicht zu dunkel und nicht zu hell, die blauen Augen wirkten nicht besonders ausdrucksvoll. Aber bei der Konstruktion des Avatars waren unzählige Statistiken und Studien analysiert worden, um das Aussehen so vertrauenswürdig wie möglich zu gestalten, ohne dabei den Eindruck von Autorität und Durchsetzungsfähigkeit einzuschränken. Alles in allem mochten die Entwicklung und der Bau des Avatars so viel wie ein Flugzeugträger gekostet haben. Und der Einsatz des Avatars hatte so gut funktioniert, dass man bald weitere Avatare erschaffen hatte. Zunächst nur eine Kleinserie von fünf Kopien der Erstentwicklung, aber dann auch einen weiblichen und zuletzt einen androgynen Avatar mit unbestimmtem Geschlecht. Für das heutige Treffen mit Präsident Krylov und die anstehenden Verhandlungen hatte Vedam den männlichen Avatar ausgewählt, weil er die höchste errechnete Wahrscheinlichkeit hatte, die Friedenskonferenz zum gewünschten Erfolg zu bringen.
Nur ein Bruchteil von Vedams Rechenkapazität wurde für den Avatar und die Konferenz verwendet. In den Quanten-Rechnern der KI liefen unzählige Rechenprozesse, die gleichzeitig mit anderen Themen und Aufgaben befasst waren. Einige analysierten die Exportgüterstatistik auf eventuelles Optimierungspotential, ein anderer Prozess bereitete eine Strategie für die nächste Wahlperiode vor, wieder andere analysierten die eintreffenden Datenflüsse nach verwertbaren Informationen. Es war ein nie aufhörendes Rechnen, Abschätzen, Analysieren und Handeln im Gange.
Der Vedam-Avatar, der gerade in den Empfangssaal getreten war, hatte schon längst alle Anwesenden registriert, die Bildinformationen mit seinen internen Datenbanken abgeglichen und entsprechende Simulationen erzeugt, um das weitere Vorgehen zu optimieren. Er wusste genau, wer im Raum war, wo die Personen gerade standen, welche Beziehungen zwischen den Anwesenden bestanden, was die wahrscheinliche Interessenlage jedes einzelnen war und welches die möglichen Zielszenarien waren. Vedam bewertete jede einzelne Aktion vor ihrer Ausführung auf Erfolgswahrscheinlichkeit und Risiko, so auch jetzt. Das Hauptziel musste sein, das Ende des Schattenkrieges an der großrussisch-europäischen Grenze herbeizuführen. Vedams Berechnungen zeigten, dass bei den bevorstehenden Verhandlungen eine recht gute Wahrscheinlichkeit dafür bestand, wenn er alle Handlungen mit diplomatischer Behutsamkeit zum richtigen Zeitpunkt ausführte. Ein auf menschliche Interaktion spezialisierter Subprozess von Vedam hatte für die anstehende Verhandlung deren Analogie zu einem Balanceakt auf dem Hochseil ohne Netz entdeckt und das daraus entworfene Bild für eine eventuelle Verwendung in weiteren Interaktionen abgespeichert. Ein falscher Schritt, eine falsche Wortwahl konnten zu einem katastrophalen Misserfolg führen. Vedam verspürte als künstliche Intelligenz keine Angst oder irgendeine andere Emotion. Dennoch waren ein paar Überwachungsprozesse gestartet worden, um jede Abweichung vom Handlungsplan sofort zu erkennen und die Folgen zu analysieren.