Das Licht aus dem Nebel
Die Luft prickelte kühl auf seiner Haut und schmeckte auf seiner Zunge nach Schnee. Der Nachthimmel spannte sich schwarz über die Stadt und die Glaskuppel des Palastes fing den Schimmer der Sterne ein.
Merto riss den Blick von dem Gebäude los und betrachtete die Menschenmenge auf dem Platz. Die Leute drängten sich unter den Arkaden zusammen wie eine Schafsherde. Sie waren seltsam still, suchten die Nähe zueinander, als würde ihr Leben davon abhängen. Vielleicht tat es das auch. Wer wusste das schon? Merto jedenfalls stand allein vor ihnen – und war froh, dass seine Mutter zwei Schritte entfernt verharrte.
»Mein Prinz.« Äro Kahragon trat in sein Sichtfeld. Der Junge war zwölf Jahre alt, hatte dunkles Haar und blaue Augen. Eines Tages würde er Graf von Wethafen sein. »Ich drücke Euch mein tiefstes Bedauern aus. Ich –« Die Worte sprudelten monoton aus ihm heraus.
Merto deutete ein Kopfschütteln an und drückte seine Schulter. »Keine Förmlichkeiten. Nicht von dir.«
Äro nickte und wandte sich ab. Einen Moment lang schloss Merto die Augen und wartete darauf, dass sie kamen. All die Adeligen, die ihre übermäßige Trauer loswerden wollten. Doch es war niemand hier außer seiner Mutter.
Lanas Tod war zu plötzlich gewesen, als dass die Herzöge, Grafen und Barone so kurzfristig in die Hauptstadt hätten reisen können. Womöglich hatten Lanas Verwandte in Ettotet die schockierende Nachricht nicht einmal erhalten. Die Straßen waren nicht mehr sicher in Sasberg.
Roter Schein erhellte die Wände der Gebäude. Der Rauch des Scheiterhaufens trieb ihm Tränen in die Augen. Merto blinzelte und starrte in die Flammen, versuchte zu erkennen, was noch von Lanas Körper übrig war. Ihre Gestalt ruhte zierlich im Feuer, als würde sie schlafen. Inmitten brennender Hitze und ohne zu atmen. War es nicht eine Ironie? Ganz ähnlich hatte es ausgesehen, während der Geist sie ausgebrannt hatte. In glühendem, orangefarbenem Licht.
»Sie werden nicht wagen zu fragen, woran sie gestorben ist«, stieß Orea zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ein Windstoß wirbelte durch das rote Haar seiner Mutter.
Doch, das werden sie, dachte Merto. Sie wissen es nicht besser.
»Sie starb durch einen Sturz vom Pferd«, sagte Merto laut genug, dass die Umstehenden es hörten. »Der beste Zauber heilt keinen plötzlichen Genickbruch.«
Seine Mutter starrte ihn an, die Lippen fest aufeinandergepresst. Ihr Kleid umspielte ihren schmalen Körper wie schwarzer Qualm. Auf ihrer Stirn ruhte ihre silberne Krone. Ihre Augen flackerten wie eine verlöschende grüne Flamme. So sah es wohl aus, wenn man um seine Unsterblichkeit fürchtete.
Vielleicht sollte ich auch damit anfangen, dachte Merto und betrachtete erneut die Kuppel in der Ferne. Feine Nebelbahnen zogen um die Säulen des Palastes. Die Lichtreflexionen waren nicht mehr weiß, sondern grün. Ein Kribbeln lief über seinen Nacken, seinen Rücken hinab. Seine Finger schlossen sich um den Griff des Dolches an seinem Gürtel, obwohl er wusste, dass es nichts bringen würde. Warum heute? Warum musste es sich unbedingt jetzt wiederholen?
»Mutter«, sagte Merto leise. »Wir müssen die Menge zerstreuen.«
Ihr Kopf ruckte herum. »Was …?« Ihre Stimme brach ab. Der grüne Schein flackerte nun auch in ihren Pupillen, als sie begriff.
Mertos Herzschlag beschleunigte sich. Heißes Blut rauschte durch seinen Kopf. Vielleicht passierte auch nichts. Vielleicht suchte sich der Geist einen anderen Ort. Vielleicht war es nur ein einzelner, der bald verschwand. Aber als Merto die Augen schloss, spürte er sie. Zusammengeballte Magie glitt feindlich auf ihn zu.
Merto gab den Wachen einen Wink und erntete erschrockene Blicke. Grüner Schein blitzte auf dem Metall ihrer Rüstungen. Merto wollte noch etwas sagen, doch im nächsten Moment brach Panik aus.
»Geist!«, schrie jemand und der Ruf raste schneller durch die Menge als ein Blitzschlag. Die Menschen drängten sich in die Gassen und der Platz leerte sich bis auf Merto und seine Mutter, die die zweifelhafte Ehre hatten, sich genau in seiner Mitte aufzuhalten. Gemeinsam steuerten sie eine Seitenstraße an und tatsächlich erreichten sie zusammen mit den Soldaten auch die nächste Kreuzung.
Dann tauchte ein waberndes Gebilde aus Licht vor ihnen auf. Das Ding hatte keinerlei Konturen und wahrscheinlich lebte es nicht einmal. Niemand wusste, welcher Wille es antrieb, und mangels besserer Bezeichnungen hatte Mertos Vater die Bedrohung, die Sasberg seit Monden fest in ihren Klauen hielt, Geister getauft. Das klang nicht nur harmlos, sondern auch bedenklich unprofessionell, wie Merto fand. Letztlich spiegelte es aber nur wider, wie hilflos sie sich alle fühlten.
Einer der Soldaten hackte mit seinem Schwert auf das Ding ein, doch die Waffe glitt hindurch, als schnitte sie durch Luft.
Seine Mutter schnappte eine Glasphiole von ihrem Gürtel. Eine matt glimmende Flüssigkeit wirbelte darin. Der Korken flog von Magie bewegt heraus und sie schüttete sich das Elixier in den Rachen. Kurz überlegte Merto, dasselbe zu tun. Das Mittel steigerte den Magiegehalt im Körper schlagartig. Trotzdem zog er nur seinen Dolch und legte einen Zauber auf die Klinge.
Der Geist zuckte herum und raste auf Mertos Mutter zu. Eine Hitzewelle schoss ihnen entgegen und Merto warf sich zur Seite. Gleißendes Grün flutete sein Sichtfeld.
Dann entdeckte er Äro. Der Junge hielt die Hände in die Luft gestreckt, Funken knisterten auf seinen Fingern. Der Zauber brandete gegen den Geist und verschmolz mit seinem Licht.
O nein. Schwierigkeiten mit Wethafen waren jetzt wirklich das Letzte, was sie gebrauchen konnten. Merto steckte seine Waffe weg und sprintete über das Kopfsteinpflaster, bis er Äro erreichte.
»Alles in Ordnung?«, fragte Merto.
Äro blickte an ihm vorbei. »Die Königin …«
Ach, verdammt. Merto stieß ihm einen Zauber in den Kopf und fing ihn auf, als er das Bewusstsein verlor. Der Junge war groß für sein Alter, also zerrte Merto ihn nur in die nächste Seitengasse und legte ihn am Boden ab. In diesem Zustand konnte Äro keine Zauber mehr wirken – und ohne Magie, so hatte Merto den Eindruck, war es deutlich unwahrscheinlicher, dass die Geister angriffen.
Als er über die Schulter sah, befand sich seine Mutter in einer flammenden Wolke aus grünem Licht. Auch Lana hatte das Elixier benutzt, bevor der Geist sie angegriffen hatte. Währenddessen hatte er neben ihr gestanden. Er, der mehr magische Zirkel als sie erreicht hatte. Mehr Magie im Körper. Aber ohne die zerstörerische Kraft des Elixiers. Hätte er ihre Hand festgehalten, hätte er die Phiole davongeschlagen … wahrscheinlich wäre sie nicht gestorben.
»Merto!« Der Schrei seiner Mutter durchschnitt die Luft. Ihr Blick fing ihn ein, ihre Augen bohrten sich in die seinen. Das Licht des Geistes hüllte sie ein, grün wie ihre Iriden.
Einen Moment lang verharrte er wie erstarrt, die Hand bereits zu einem Zauber gehoben. Alle liefen davon, niemand sah ihm zu, nicht wahr? Und sein Vater war nicht hier.
Hastig wandte er sich ab, schleuderte mit Magie ein violettes Licht hinter sich, als würde auch ihn ein Geist verfolgen und stürmte durch die Gassen. Bögen wölbten sich über ihm, Säulen schwangen sich zu seinen Seiten in die Höhe. Die Straße führte steil bergab an einem kleinen Schrein der alten Göttin vorbei. Sein Zauber zerfaserte hinter ihm und Merto war allein. Rechts von ihm glomm der Schein von Papierlaternen, also wandte er sich in die andere Richtung. Schreie wehten über Sasberg. Er folgte ihrem Klang.
Natürlich wusste er, dass Schutzzauber nichts halfen. Seine Familie und er hatten alles ausprobiert, als es begonnen hatte. Was auch immer sie taten, es lockte die Geister eher an, als dass es sie vertrieb. Seinen Tatendrang hätte er sich also sparen können. Aber die Menschen sollten ihn wenigstens sehen und glauben, dass er etwas unternahm. Dann würden sie vielleicht vergessen, wie die Kronprinzessin gestorben war.
Ein Sturz vom Pferd? Ja, Merto, genial. Ist mir wirklich nichts Besseres eingefallen? Er schüttelte den Kopf und beschleunigte seine Schritte, bis er rannte.
Angst tönte durch die Luft, wurde immer lauter. Ein blauer Schimmer schoss über die Säulen. Flüchtende strömten ihm entgegen. Eine Frau stürzte in seinen Weg und packte außer Atem seine Arme. »Was ist los? Was ist …«
Vielleicht erkannte sie ihn, denn jetzt ließ sie ihn los, als hätte sie sich verbrannt und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Merto zwang sich zu einem Lächeln und schob sie beiseite.
»Verwende keine Magie«, sagte er und lief in Richtung des blauen Scheins. Als er den Rand des Platzes erreichte, verharrte er.
Drei reglose Gestalten lagen vor einem Brunnen. Der Geist floss durch den Körper eines Mannes und wirbelte durch eine Wasserfontäne. Dann zog er in den Nachthimmel und löste sich auf. Sasberg war wieder dunkel.
Obwohl er wusste, dass er zu spät war, ging Merto zu den Opfern. Er kniete sich hin und fühlte ihren Puls, doch sie waren tot, alle drei. Starre Augen, blasse Gesichter. Die Haut noch warm, aber ihr Blut ganz still. Seufzend richtete er sich auf. Nicht mehr lange, sagte er sich. Sein Vater führte die Armee bereits zur Schleuse. Von dort aus würden sie weiter nach Kraburg vorrücken und die Hauptstadt erobern. Dann hätte das sasbergische Volk zumindest vorerst eine Zuflucht.
Winterkalter Wind wirbelte über ihn hinweg und ließ ihn frösteln. Ein Blick auf die Palastkuppel verriet ihm, dass das Licht über Sasberg wieder weiß war. Sternenschein, sonst nichts.
Merto wanderte durch das Gassenlabyrinth, bis er den Sasoplatz erreichte. Das Feuer fraß noch immer an Lanas totem Körper. Der Platz war verlassen. Merto ging durch die Rauchschwaden und blieb allein vor dem Scheiterhaufen seiner Frau stehen. Sein Hals kratzte, seine Augen tränten wieder.
»Scheiße«, sagte Merto, hier, allein, wo ein Prinz sagen konnte, was er wollte. Dann dachte er an seine Mutter.