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Kornelia Schmid

Das Licht aus dem Nebel

Kapitel 4

Zwei Stunden nach Mitternacht presste Graf Jaro Varnereu von Räberg ein ersticktes Keuchen hervor und stieß den letzten Atem aus. Die Ärzte kamen zu spät und auch sonst wusste niemand Rat. Die Dienerschaft wartete tuschelnd vor den Gemächern. Die Nachricht verbreitete sich in derselben Nacht in der Stadt.
Als Gräfin Skarta Varnereu am nächsten Morgen vor der Bahre stand und den Reisig mit einer Fackel in Brand setzte, zitterte ihre Hand und Tränen überströmten heiß ihre Wangen. Flammen hüllten Jaros Körper ein. Zuerst drückte der Wind sie nieder. Dann loderten sie umso höher. Skarta trat zurück und zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. Vom Himmel fiel Regen und knisterte auf dem Herbstlaub der Bäume.
Ihre Beraterin Heka trat von einem Fuß auf den anderen. Einmal öffnete sie den Mund, schloss ihn dann jedoch wieder und beobachtete Skarta weiterhin von der Seite. Erst als die Flammen hell loderten, hakte sie sich bei ihr ein. »Ruht Euch heute aus, Herrin.« Heka führte sie zurück in den Palast, während das Feuer Jaros Leichnam fraß.
Die Augen der Bürger von Räberg bohrten sich in Skartas Haut, die Blicke spießten sie auf. Sie sah auf den Boden, während Heka mit einem Zauber dafür sorgte, dass sie die Tropfen vom Himmel nicht durchnässten. Der Wind, der den salzigen Geruch des Meeres zu ihr trug, drohte ihr die Kapuze vom Kopf zu reißen, und als Skarta endlich ihren Palast erreichte, zitterte sie.
Es war still. Keine knisternden Feuer, keine Schritte der Diener, kein Rufen der Gäste. Nur die Böen, die pfeifend an den Fensterläden rüttelten. Skarta ließ sich in ihren Speisesaal ziehen, wo Heka selbst die Kerzen anzündete und ihr einen Becher Wein einschenkte. Skarta drehte ihn zwischen den Fingern und betrachtete die spiegelnde Oberfläche, von der aus ihre eigenen Augen sie anblinzelten.
»Was verschweigst du mir, Heka?«, fragte sie, während sie sich in Jaros hohen Stuhl niederließ, ihre Haare aus der Kapuze befreite und sich das Gesicht mit ihrem Handschuh trocknete.
Heka kam langsam näher. Sie setzte sich nicht, sondern blieb vor ihr stehen und verschränkte die Finger ineinander. »Seid Ihr sicher, dass Ihr heute eine zweite schlechte Nachricht verkraftet, Herrin?«
Welche Vorstellung hatte Heka davon, was sie verkraftete und was nicht? Skarta klärte sie nicht auf. »Was bleibt mir anderes übrig? Ich bin die Gräfin von Räberg. Ich muss diese Stadt regieren. Auch wenn …« Ihre Stimme brach und ihre Worte gingen in einem heftigen Schluchzer unter. Sie tupfte sich frische Tränen aus den Augen, blinzelte ein paarmal und griff nach dem Taschentuch, das Heka ihr hinhielt.
Ihre Beraterin holte tief Luft. »Herrin, die Gerüchte werden immer lauter. Die Sasberger sammeln eine Flotte in Morret.«
Skartas Tränen versiegten. »Eine Kriegsflotte?«
Heka hob die Schultern. »Seit der Sasbergischen Unabhängigkeit gab es keine Kämpfe mehr. Aber was heißt das schon? Was passiert mit uns, falls sie Kraburg erobern? Mit den Adeligen werden sie keine Gnade kennen.«
In ihrem Hals wuchsen Eiskristalle, also schluckte sie. »Es sind nur Gerüchte …«
Heka lächelte gequält. »Vielleicht mache ich mir tatsächlich zu viele Sorgen.«
Der Wind war stärker geworden und hämmerte gegen die Fensterläden. Der gelbe Schein der Kerzen flackerte. Zu viele Sorgen. Skarta nahm einen Schluck aus ihrem Becher und fand die Süße des Weins fürchterlich unpassend. »Du denkst also, Sasberg wird unser Land erobern und der König uns töten. Uns beide.«
Heka zögerte einige Augenblicke. »Herrin, ich hätte es nicht sagen sollen. Ihr solltet Euch nicht mit noch mehr dunklen Gedanken belasten. Nicht jetzt, wo –«
»Ich bin nicht schwach, Heka!« Als Skarta bemerkte, dass sie geschrien hatte, biss sie sich auf die Zunge. Ihre Beraterin starrte angestrengt auf Skartas Nasenwurzel.
»Herrin, Ihr müsst wissen …« Heka atmete tief durch. »Es gibt Stimmen, die sagen, dass Ihr nicht die rechtmäßige Gräfin seid, weil …«
Skartas Knöchel traten weiß hervor, während sie den Becher fester umklammerte. »Warum? Was sagen sie, Heka?«
»Weil Ihr den Grafen ermordet hättet.«
»Was?« Skarta schleuderte das Taschentuch von sich und es sank sanft nach unten. Sie schmiss ihren Becher auf den Boden und sprang von ihrem Stuhl auf. »Wie können sie es wagen?« Der Wein breitete sich zu einer roten Pfütze aus und der Becher rollte im Kreis.
Heka streckte zaghaft die Hand aus und berührte Skartas Schulter. »Herrin, ruht Euch heute aus. Das ist das Beste. Ihr könnt nichts tun.«
Mit Mühe zwang sich Skarta dazu, wieder Platz zu nehmen. »Ich kann nichts tun? Ich muss etwas tun. Mein Mann ist tot, Sasberg rüstet sich für einen Krieg und ich kann nicht einmal meine Stadt retten, weil mir irgendwelche Neider mein Amt verwehren wollen.«
Heka knetete auf ihrer Faust herum. »Sollte es tatsächlich zu einem Krieg kommen, wird Räberg als Letztes fallen.«
»Aber es wird fallen. Ist es nicht so?« Mit einem Schwebezauber beförderte sie den Becher zurück in ihre Hand und schenkte sich wieder Wein ein.
Heka sah sie nicht an. »Ihr könnt fliehen, Herrin.«
»Fliehen.« Skarta nahm einen tiefen Schluck Wein. »Jaro hat sein ganzes Leben dieser Stadt gewidmet. Das soll nun für nichts gewesen sein?« Skarta musste husten. »Soll ich einfach nur fliehen?«
»Denkt darüber nach, Herrin.« Ihre Beraterin stolperte aus dem Raum. Sobald sich die Tür hinter ihrer Beraterin schloss, kippte Skarta den restlichen Wein die Kehle hinunter, sodass ihr der Alkohol Funken durch die Adern trieb. Der Wind wütete noch immer, die Kerzenflammen tanzten unruhig, durch die Ritzen in den Fensterläden fielen dünne Fäden aus grauem Licht. Und auf dem Stadtplatz verbrannte Graf Jaro Varnereu zu Asche.
Skarta stützte die Stirn auf die Hände und schluchzte. Natürlich würde sie nicht vor den Sasbergern fliehen. Sie brauchte Papier und einen Füller. Es gab Pläne zu schmieden.