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Kornelia Schmid

Das Licht im Sand

Kapitel 1

Wann greifen sie an?« Nakra hob den Vorhang an und spähte in die Nacht hinaus, wo sich die Stadt ausbreitete. Feuer flackerten in den Straßen und blitzten auf den Rüstungen der Soldaten, die in Richtung Meer marschierten. Rauchfahnen wurden vom Wind zerrissen. Am Himmel schrien Möwen, ansonsten war es seltsam still. Das Hafenviertel war evakuiert worden. Die restlichen Bewohner der Stadt verschanzten sich in ihren Häusern.
Nakra und Reko hatten das Glück – oder eben Pech – in der Nähe des Herzogpalastes zu leben. Sollte die Stadt dem Angriff standhalten, würden weder sie noch ihr Eigentum einen Schaden davontragen. Sollten die Morretberger hingegen bis hierher vordringen, würde es Plünderungen geben, unter denen das Reichenviertel dann am stärksten litte.
Nein. Nakro trat neben seine Mutter und zog den Vorhang wieder zurück. »Das weiß ich nicht«, antwortete er verspätet.
Seine Eskorte wartete vor dem Haus seiner Eltern. Rekro saß mit Reko unten in der Küche. Ihr Lachen wehte herauf.
Nakra verschränkte die Arme. »General Tsabaca. Man sollte meinen, das zu wissen, wäre dein Beruf.« Kaum Falten hatten sich nach all der Zeit in ihr Gesicht gegraben. Falls sie Sorgen hatte, verbarg sie das gut. Wie immer. Ihre Haut war ein wenig dunkler als die von Nakro und ihrem Ehemann – und ein Vielfaches dunkler als die der Kraburger –, aber nachdem sie jahrzehntelang erhobenen Hauptes durch Ferretshafen geschritten war, lernten die Leute allmählich, diesen Umstand zu ignorieren. Ja, sie wusste, wie man Sorgen verbarg.
»Wissen ist nicht mein Beruf, Nakra. Nur Siegen«, sagte er.
Ihre Augen verengten sich. »Du darfst mich ruhig Mutter nennen.«
»Mutter«, sagte er.
Sie verzog die Lippen und durchquerte den Raum, um sich auf einen Sessel zu setzen. Der golddurchwirkte Webstoff stammte aus Skeret. Im Privaten gestattete sie sich diesen Luxus. »Ach Nakro. Warum dieser Krieg?«
»Der Krieg gehört mir nicht.« Noch nicht.
Sie zuckte mit den Schultern und setzte sich auf das Sofa. »Aber du bist hier. General Tsabaca. Du bist an die Spitze des Militärs aufgestiegen, wie du es wolltest. Niemand steht über dir.«
»Doch«, sagte Nakro widerwillig. »Die Königin und der König.«
Nakra hob fragend die Hand. »Wem schuldest du etwas? Warum hast du dich für den Krieg entschieden? Du könntest jetzt irgendwo …«
»Getreide säen?«, schlug Nakro vor.
Sie schnaubte. »Ich weiß, wenn du dich über mich lustig machst.«
Nakro legte die Hand auf die Klinke und öffnete die Tür. Dunkelheit füllte den Korridor. Natürlich hatte Nakra die Diener heimgeschickt. »Gehen wir runter zu den anderen, in Ordnung?«
Sie rührte sich nicht von der Stelle, sondern schlug die Beine übereinander und taxierte ihn. »Ich hasse deinen Beruf. Was ist, wenn du stirbst?«
Nakro räusperte sich. »Charmant … Mutter.«
Sie zuckte noch einmal mit den Schultern und stand auf. »Man sollte über den Tod sprechen. Wir haben immer darüber gesprochen, nicht wahr? Wir wenden das Gesicht nicht ab.«
Wie auch? Wie wandte man das Gesicht ab von all dem Blut? Und obwohl sie wir sagte, war sie diejenige, die es nicht gesehen hatte. Nakro zwang sich zu einem Lächeln. Es kam leicht genug. »Du wirst nicht allein sein. Du hast Reko, Rekro und Reka. Du hast sogar eine Schwiegertochter und Enkel, nicht wahr? Irgendjemand wird bei dir sein, selbst wenn ich es nicht sein sollte.«
»Es geht nicht nur um mich. Was ist mit Sveno?«
Wie oft hatte er diese Frage in seinem Leben schon gehört? »Er ist alt genug, um für sich selbst zu sorgen.«
Nakra verzog missbilligend das Gesicht. »Das Wissen, wer seine Mutter ist, willst du mit ins Grab nehmen? Jeder hat ein Recht –«
»Er weiß es längst.«
Sie hielt inne. »Du hast es ihm gesagt? Wann? Und vor uns verheimlichst du es weiterhin?«
Es gab längst Gerüchte. Meist versiegten sie verdächtig schnell, aber diese Stille würde nicht ewig andauern. Nicht, wenn Skarta ihn weiterhin in der Öffentlichkeit duzte und Sveno wiederum sie.
»Seine Mutter ist Königin Skarta Kahragon von Kraburg.« Nakro holte Luft. »Und jetzt wirf mir noch einmal vor, dass ich es nicht herumerzähle.«
Sie starrte ihn an. Starrte ihn an und sagte nichts. Wofür er ihr dankbar war. Sie kritisierte ihn, wenn sie es für angemessen hielt, aber sie respektierte das Leben, das er gewählt hatte. Was mehr war, als man von den meisten behaupten konnte. Wenn sie eines Tages den Brief öffnete, den er ihr heute geben würde, und seine Bitte las, würde sie sie erfüllen. Sie würde das Meer überqueren. Das war der Grund, warum er in diesem Moment mit ihr sprach und nicht mit Reko. Nakro zog das Schriftstück aus seinem Handschuh, doch bevor er etwas sagen konnte, kam sie ihm zuvor.
»Willst du deswegen nicht heiraten? Weil du sie noch immer liebst? Seid ihr noch … ein Paar?«
Nakro seufzte. »Nakra, ich finde in der Tat nicht, dass man alles zerreden muss.«
»Ich bin deine Mutter«, sagte sie.
»Ja«, sagte Nakro und drückte ihr den Brief in die Hand. »Öffne ihn, sobald du hörst, dass ich morretbergischen Boden betreten habe. Nicht vorher.«
Nakra hob die Brauen und schnappte ihm den Umschlag entschieden aus der Hand. »Morretbergischen oder skerischen?«
Nakro atmete aus. »Beides.«
Sie straffte sich, zerdrückte den Brief in ihrer Hand. »Und wann wird das sein?«
Auf der Straße schrie jemand. Nakra eilte zum Vorhang und zog ihn auf. Als der Stoff zurückfiel, fluchte sie und riss ihn herunter. Was vorher nur als ferner Schatten am Horizont zu erahnen gewesen war, entpuppte sich nun als Linie morretbergischer Schiffe vor der Stadt.
»Es geht los«, sagte Nakro. »Ich muss mich nun darum kümmern, dass meine Anweisungen korrekt ausgeführt werden.«
»Zweifelsfrei.« Seine Adoptivmutter schnaubte. »Ich hasse es, dass wir in diesen Krieg geraten sind.«
»Ich nicht.« Nakro verließ das Zimmer. »Ich habe Pläne.«
»Ein Grund mehr, die Beine in die Hand zu nehmen«, sagte Nakra hinter ihm.