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Kornelia Schmid

Das Licht hinter dem Wind

Kapitel 1

Heute hörte er zum ersten Mal die körperlosen Stimmen. Sie trieben um ihn herum wie Stoffbahnen im Wind und wisperten ihm ins Ohr. Hin und wieder kitzelten sie seine Wangen oder zogen an seinem Bart. Tun sie das wirklich? Oder bilde ich es mir ein? Lorror strich sich durchs Haar. Seine Stirn juckte. Er kratzte sich wild und beobachtete das Spiel aus Licht und Schatten, das ihn umgab. Dieser Ort atmete Magie. Deswegen passte Lorror so gut zu ihm.
Er setzte sich auf den Felsboden. Glänzende Linien durchzogen ihn und nahmen den gelbgrünen Schein aus der Umgebung auf. Wenn die Farben wechselten, pulsierten sie noch einen Moment lang im Gedenken an die Vergangenheit, bevor sie sich anpassten. Über Lorrors Kopf war die ursprüngliche Steindecke entfernt worden. Stattdessen verzweigte sich dort ein gläsernes Gewölbe aus Spitzbögen, das sich mit den Felssäulen der Höhle verband, als wäre es in sie verwachsen. Auch in den glatten Kreuzrippen verfingen sich die Zauber. An vielen Stellen war deutlich zu erkennen, dass das Glas ein paarmal zu oft geschmolzen war. Und doch war es noch intakt. Die Kraft hier unten zerstörte es genauso, wie sie es erhielt.
Lorror ließ die Beine über den Abgrund direkt vor sich baumeln. Eine Felskante fiel senkrecht in die Tiefe und endete in einem gleißenden Strom aus Magie. Er wogte unruhig durch die Spalte und stieß dabei Töne aus, die klangen, als würde sich der Fluss selbst unter Schmerzen winden. Jetzt färbte sich sein Schein giftgrün. Feine Sprenkel tanzten um Lorror herum. Im Moment waren sie nicht größer als Glühwürmchen, doch er hatte oft genug beobachtet, wie sie sich aufbäumten und mit feurigen Klauen nach ihm griffen.
»Ihr kennt mich«, sagte Lorror. »Und ich kenne euch.«
Zugegeben war er sich nicht ganz sicher. Alles hier fühlte sich vertraut an und doch war etwas anders als früher. In seiner Kindheit war er oft hierhergekommen. Der Feuerfluss, ein Ort voll von berstender Spannung. Man wusste nie, wann sie explodierte. Sein Lieblingsplatz. Dass es hier irgendeine Form von geisterhaftem Leben gab, daran hatte er nie gezweifelt. Doch ist es dasselbe? Warum wirkt es nun so präsent?
Lorror legte den Glasstab quer auf seine Oberschenkel. Variante Nummer sieben, selbst gefertigt. Es war nicht das Zepter der Glasprinzessin, aber diesmal war er optimistisch, dass er einen guten Ersatz hinbekommen hatte. Konnte ja auch nicht so schwer sein, Nalia Trembesant hatte es damals schließlich auch irgendwie geschafft. Verrückte Frau. Ja, das war sie wirklich. Jetzt umso mehr.
Du hörst mich also, wisperte die Stimme.
»Bin ich der Erste?«, fragte er.
Nein.
»Ich bin Lorror.«
Ich weiß.
»Hast du einen Namen?«
Der ist nicht mehr wichtig. Es ist schon zu lange her.
Es war schwer, jedes Wort zu verstehen. Der Feuerfluss wütete nun und spie dabei Klänge aus, als würden dort hohle Metallrohre aneinander reiben. Die Stimme hingegen war nur ein sanfter Hauch. Lorror schloss die Augen.
Du bist auf einem Irrweg. Lass ab von deinem Vorhaben.
»Du bist nicht die Erste, die mich irre nennt und sicher nicht die Letzte.«
Und das gibt dir nicht zu denken?
»Ich nehme es als Kompliment.« Lorror grinste. »Durch Angepasstheit geht man nicht in die Geschichte ein.«
Die Stimme antwortete nicht. Oder vielleicht tat sie das, aber er konnte es nicht mehr hören. Zu laut knirschte der Feuerfluss unter ihm. Das Grün schlug in Türkisblau um. Zackige Lichtfetzen wirbelten durch die Luft.
Also gut, dachte Lorror. »Ich tue es.« Er nahm den Glasstab in seine verbliebene Hand und umschloss ihn fest mit den Fingern. Noch war er kalt. Lorror atmete aus. Einfach strömen lassen und auf Erfahrung und Intuition vertrauen – so ging er seine Zauber normalerweise an. Heute würde er sich mit diesem Vorgehen umbringen. Also ging er in Gedanken noch einmal jeden Schritt, jede Abzweigung, jede Verbindung durch … und setzte die Magie präzise frei.
Licht. Es schoss aus der Spalte hervor, so grell, dass es seine Sicht auslöschte. Hitze brannte sich in seinen Körper, fraß sich durch seine Adern. Lorror holte tief Luft, atmete Feuer ein. Es toste in seiner Brust, zuckte durch seinen Körper, als wäre es lebendig. Lorror schrie auf. Blut benetzte seine Lippen.
Als er stürzte, hätte er den Glasstab fast fallen lassen. Doch Lorror hielt ihn fest, während er langsam schmolz und zäh auf den Boden tropfte. Es tat so weh. Dieser verdammte Körper war zu alt. So oft hatte er ihn mit Magie vollgepumpt, hatte alle Gebrechen geheilt, wieder und wieder. Doch trotz allem ließ sich das Alter nicht aufhalten. Es kitzelte ihn immer dann, wenn er gerade dabei war zu vergessen, dass er sterblich war.
Die Welt um ihn herum bestand nur noch aus wogenden Farben. Die Hitze hielt Lorror fest in ihren Klauen und er konnte nichts tun, um sich daraus zu befreien. Das Blut, das er spuckte, vermischte sich mit den wütenden Wirbeln des Feuerflusses. Und er selbst lag nicht einmal eine Handbreit entfernt vom Abgrund.
Und nach einer Unendlichkeit war es dann vorbei. Lorror blinzelte, löste das zerlaufene und inzwischen wieder erstarrte Glas von seinen Fingern und setzte sich auf. Vorsichtig betrachtete er seine Hand. Keine Verbrennungen, auch wenn es sich so anfühlte, als müsse sich seine Haut abschälen. Stattdessen befand sich eine kristalline Kruste auf seinem Handrücken. Lorror hob den Arm, bis der Ärmel zurückrutschte. Auch hier war seine Haut ähnlich fleckig. Lorror presste die Lippen darauf. Nichts. Also biss er zu. Seine Zähne stießen auf harten Widerstand. Und auch jetzt spürte er nichts dabei. Fast, als wären ihm Hornschuppen gewachsen. Doch es war etwas anderes. Es war Magie in festem Zustand. Zumindest glaubte er das.
Und es reichte nicht aus. Er war immer noch ein Mensch. Lorror sackte zurück auf den Boden und schloss die Augen. Dieses ganze Leben … wofür war es gut gewesen, wenn er jetzt scheiterte? Daran scheiterte, den nächsten Schritt zu tun …