Blossom Lake (Band1)
“Irgendwann buchte ich dich ein”, murmelte Jenna, als sie den Streifenwagen hinter dem vertrauten Pickup parkte, der wenige Minuten zuvor noch in Schlangenlinien durch halb Blossom Lake gefahren war. Mit einem Seufzen schaltete sie das Blaulicht ein. Das Licht tanzte über die Hauswand zur Rechten, ehe sie ausstieg, ihre dunkle Lederjacke zurecht rückte und auf das Fahrzeug zuging.
Gleichzeitig glitt das Fenster der Fahrerseite herunter. Eine halb gerauchte Zigarette flog im hohen Bogen auf den Asphalt, kurz darauf streckten sich zwei Hände hinaus, bereit, Handschellen anzulegen.
“Okay, okay, okay, Sheriff. Erwischt”, nuschelte der Fahrer und blickte sie glasig an, als er bereits auf die Standpauke wartete.
Jenna verschränkte die Arme, lehnte sich gegen den Pickup und schüttelte den Kopf. Einen Blick gönnte sie ihm nicht – vielleicht, um sich nicht wieder in seinen stahlblauen Augen zu verlieren und ihm jede Kleinigkeit zu verzeihen.
“Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du das Auto stehen lassen sollst, wenn du von irgendeiner Party kommst?”
Ein Poltern, dann öffnete sich die Tür. Dante McKinsey, groß, blond, mit Zigarette im Mundwinkel, trat auf die Straße.
“Ich hab gar nicht so viel…” setzte er an, doch Jennas Blick ließ ihn sofort verstummen. Beschämt sah er zu Boden, fuhr sich mit der rechten Hand durchs zerzauste Haar, während die linke nach dem Glimmstängel griff.
Ein vertrautes Bild. Fast jedes Wochenende das Gleiche und immer wieder ließ sie ihn laufen. Nie eine Nacht in der Zelle. Obwohl es ihr Job war. Gerade jetzt, frisch zum Sheriff ernannt, sollte sie eigentlich härter durchgreifen.
Ohne ein weiteres Wort drehte Jenna sich um und ging zurück zum Streifenwagen. Dante folgte, leicht schwankend, aber wissend, dass jede Diskussion sinnlos war. Kurz darauf saßen beide im Wagen, er legte die Füße in seinen abgewetzten Doc Martens aufs Armaturenbrett, während sie das Blaulicht ausschaltete und losfuhr.
Es war früh am Morgen. Blossom Lake schlief noch, nur Mister Miller war wie immer mit seiner Dackeldame unterwegs – Regen tropfte von den Dächern.
“Der sieht noch genauso alt und verbittert aus wie damals, als wir ihm Streiche gespielt haben”, versuchte Dante die Stimmung zu heben. Jenna aber starrte stur durch die Frontscheibe, lenkte den Wagen in die Brookside Avenue. Am Ende bog sie in die lange Einfahrt zu einem alten Kolonialhaus.
Der Motor verstummte. Minutenlang herrschte Stille, nur der Regen prasselte aufs Dach. Dann atmete Jenna tief durch, drehte sich leicht zu Dante.
“Ich will dich nicht irgendwann vom Asphalt kratzen müssen, McKinsey. Ich halte keine Rede an deinem Grab.”
Auch er wandte sich ihr zu, Schläfe an die Kopfstütze gelehnt.
“Aber Sheriff… es waren doch nur ein paar Shots.”
Jenna legte den Kopf schief.
“Ein paar Shots? Und ein paar Joints. Die ein oder andere Line.” Mit dem Finger tippte sie sich auf die Nasenspitze.
“Du hast da noch was.”
Hastig wischte Dante sich durchs Gesicht, klappte die Sonnenblende herunter und prüfte sein Spiegelbild.
“Haha Blondie, der Punkt geht an dich.” Grinsend lehnte er sich zurück.
“Du glaubst doch nicht, dass ich dich auf dieser gottverdammten Welt allein lasse.”
Seine ganz eigene Art, sich zu entschuldigen. Er wusste, wie riskant es jedes Mal war. Dass ihn bisher weder ein Unfall noch ein Cop aus Washington aus dem Verkehr gezogen hatte, war reines Glück.
“Komm, lass uns rein.” Dante deutete mit einem Nicken auf das Haus, in dem er mit seiner Mutter Judy lebte.
“Du siehst aus, als könntest du einen Kaffee gebrauchen. Oder zwei, oder drei.”
Er stieg aus, wankte um den Wagen und öffnete Jenna die Beifahrertür.
“Sheriff Dixon…” Mit einer ausladenden Geste wies er zur Haustür und grinste.
Kopfschüttelnd, aber mit einem leichten Lächeln stieg Jenna aus. Ihre Wut auf Dante war längst verflogen – sie konnte ohnehin nie lange böse auf ihn sein. Wie auch? Seit Kindertagen unzertrennlich, teilten sie alles. Das bedeutete auch, dass Jenna bei ihm nicht immer streng nach Vorschrift handelte.
“Sei froh, dass ich viel zu müde für eine Standpauke bin!”
Mit einem Ellenbogenstoß schob sie sich an ihm vorbei und eilte Richtung Haustür.
*****
Drinnen empfing sie der Duft von Pumpkin Pie. Überall Kürbisse, bunte Blättergirlanden, Halloween-Deko. Judy McKinsey hielt an ihren Traditionen fest, egal wie alt ihr Sohn war.
“Guten Morgen, Kinder.” Judy saß am Küchentresen, Haar hastig hochgesteckt, Hände umklammerten eine große Tasse Kaffee. Müdigkeit lag in ihrem Blick.
“Mom, wir sind keine Kinder mehr“, murmelte Dante, gab ihr einen Kuss und holte zwei Tassen hervor - Jack und Sally, Souvenirs aus Disney World.
“Ihr bleibt für mich immer Kinder”, erwiderte Judy und trank. Dann fiel ihr Blick auf die Uhr. “Oh Gott, ich bin schon wieder spät. Ich muss deine Mutter abholen, Jenna.”
Mit Tasche und Mantel verschwand sie eilig aus dem Haus.
Dante füllte beide Tassen, schob Jenna ihre zu. Mit den Unterarmen stützte er sich am Tresen ab, drehte die Tasse in den Händen.
“Blondie.. Irgendwann kommst du in Teufelsküche wegen mir.” Sein Blick wanderte kurz zu ihr, dann zurück in die Tasse.
“Irgendwann?” Jenna lachte leise, nahm die Tasse und ging in den Flur, wo sie vor der Kellertür stehen blieb.
“Der Arsch hat mich zum Sheriff gemacht. Also läuft jetzt alles nach meinen Regeln”, rief sie.
Dante folgte ihr, die Dielen knarrten unter seinen Schuhen.
“Ja, das hat er. Aber ich will nicht, dass du Ärger wegen mir bekommst. Du musst mich nicht immer beschützen.”
“Bau einfach keine Scheiße, McKinsey, dann muss ich dich nicht schützen!”
*****
Der gesamte Keller gehörte Dante – ein kleines Apartment mit Bad, Schlafzimmer und inzwischen sogar einem Studio, in dem er Songs schrieb und Gitarre spielte. Jennas Blick fiel auf ein Schlagzeug in der Ecke.
“Ein Schlagzeug? Und Judy hat dich noch nicht rausgeworfen?”
Dante, im Türrahmen lehnend, zuckte mit den Schultern.
“Ist von Raúl. Hab gesagt, er soll es stehen lassen, wenn er schon ständig hier rumhängt.”
“Santos? Wirklich? Ich dachte, wir hätten darüber gesprochen. Irgendwas stimmt nicht mit dem Kerl.”
Grinsend trat Dante näher, stellte die Tasse ab und verschränkte die Arme. Er blieb dicht vor ihr stehen, Blick auf sie gerichtet.
“Irgendwas stimmt nicht? Meinst du seine blauen Augen, die dich durchbohren? Oder die Bad-Boy-Vibes? Blondie, ich glaube, du findest Raúl ziemlich heiß, willst es nur nicht zugeben, weil du mich nicht kränken willst. Ich mein. Hallo? Wer könnte mir das Wasser reichen? Der Typ ist eine billige Kopie von Prinz Eric aus Arielle. Und ich.. Ich kann singen, bin von oben bis unten tätowiert. Es wird nie langweilig mit mir, hu?”
Mit einem Grinsen zog er sein schwarzes Shirt aus, drückte es Jenna in die Hände und wandte sich ab.
“Kein Grund, rot zu werden, Blondie. Nichts, was du nicht schon gesehen hast.”
Jenna errötete, knüllte das Shirt zusammen und warf es ihm hinterher.
“Oh ja, natürlich. Weil ich auf Bad-Boys stehe. Ich bringe solche Kerle in den Knast, Dante. Früher oder später landet auch er dort.”
“Dann pass auf, dass dir das am Ende nicht gefällt. Oder ihm.” Dante ließ sich aufs Sofa fallen, hob abwehrend die Hände.
“Ey, sag später nicht, ich hätte eure Lovestory nicht vorhergesehen.”
So war es immer zwischen ihnen – Sticheleien, Nähe, Vertrautheit.
“Jetzt komm her, Blondie.” Er klopfte sich auf die Brust.
“So lange ich dich für mich allein habe, muss ich das ausnutzen.”
Jenna ließ sich nicht zweimal bitten. Diese Nähe war selten geworden, seit Dante mit Amy zusammen war. Das Möchtegern-Model hielt von Jenna wenig – und Jenna wusste es, auch wenn Dante anderes behauptete. Trotzdem stach etwas in ihr, wenn er Amys Namen erwähnte. Sie schob es beiseite, redete sich ein, es läge nur an der ungewohnten Situation.
Dante schlang die tätowierten Arme um sie.
“Ich vermisse das”, murmelte er in ihr Haar. “Du solltest wieder mit auf Partys kommen. Seit wann bist du so eine Spießer-Barbie geworden?”
“Ich bin kein Spießer. Aber ich muss aufpassen, was ich mache!”
“Also keine Joints mehr am Creek oder in der Bay?”
Sie schwieg. Beide dachten an früher – Nächte am See, waghalsige Streiche, Einbrüche ohne Diebstahl. Und an Jeffrey Dixon, ihren Vater. Der Sheriff, der alle täuschte, während seine Tochter Prügel und Demütigung ertrug.
Dante erkannte sofort, woran sie dachte – und hasste sich. Er wusste besser als jeder andere, wie sehr sie unter Jeffrey gelitten hatte. Wie oft stand sie weinend vor seiner Tür? Wie oft hatte seine Mutter ihre Wunden versorgt? Wie oft war er kurz davor gewesen, Jeffrey zur Rechenschaft zu ziehen? Nur Jennas Worte hatten ihn immer zurückgehalten: “Er ist mein Vater. Und er ist der Sheriff. Jeder liebt ihn. Niemand würde uns glauben.”
Er hatte ihr geschworen, dass er sie nie wieder schutzlos lassen würde. Dass niemand sie noch einmal so brechen würde.
Das Klingeln von Jennas Handy riss beide aus den Gedanken. Sie zog es aus der Tasche, verzog das Gesicht beim Anblick des Namens.
“Jenna, du hast schon eine Doppelschicht hinter dir”, murmelte Dante.
“Der Sheriff hat nie Feierabend”, entgegnete sie, nahm ab und begann auf und ab zu gehen - immer ein Zeichen von Nervosität.
Am anderen Ende war Mason Reed, ihr Deputy. Ein Mann im Office verlangte dringend nach ihr. Als Jenna hörte, um wen es ging, wurde ihr übel. Das konnte nichts Gutes bedeuten.
Sie beendete das Gespräch, steckte das Handy weg, beugte sich zu Dante und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
“Ich muss los. Mach dir keine Sorgen, es ist alles okay.”
“Klar. Deswegen siehst du auch aus, als hättest du einen Schlag in den Magen bekommen.”
Dann packte er ihr Handgelenk, hielt sie fest.
“Egal was ist – SOS, und ich steh mit Dad’s Knarre im Office.”
“Und du weißt, dass ich selbst eine Waffe habe und weiß, wie man sie benutzt. Ich muss los. Ich ruf dich an.”
Dann löste sie sich aus seinem Griff und verließ das Haus.