Blossom Lake (Band2)
Ein Jahr war vergangen, seit Dante Blossom Lake und alles, was ihn an sein altes Leben band, hinter sich gelassen hatte. L.A. hatte ihn verschluckt, wie es so viele vor ihm verschluckt hatte: mit glitzernden Versprechungen und einem dunklen Kern. Er lebte jetzt ein Leben, das er sich früher kaum hätte vorstellen können – eine Mischung aus endlosen Partys, lauten Nächten und einem stetigen Rausch, der ihn betäubte.
Dante hatte jeden Kontakt zu Jenna und Raúl abgebrochen. Sie waren für ihn ein abgeschlossenes Kapitel oder zumindest versuchte er sich das einzureden. Es war einfacher, sie zu ignorieren, als sich der Schuld und den Gefühlen zu stellen, die ihn zerrissen. Nur zu einem hielt er Kontakt: Henry. Der Junge hatte ihn irgendwie geerdet, ein Lichtstrahl inmitten des Chaos. Ihre Gespräche waren selten und oft kurz, aber sie waren echt. Dante konnte sich selbst in Henrys Enthusiasmus und Offenheit wiedererkennen, und das hielt ihn davon ab, völlig zu versinken.
Doch trotz all der Ablenkungen und des neuen Lebensstils konnte Dante die Vergangenheit nicht vollständig abschütteln. Es zeigte sich in seiner Musik, die in den letzten Monaten eine neue Intensität angenommen hatte. Sein neues Album war kurz vor der Veröffentlichung, und jeder einzelne Song darauf erzählte von Jenna. Es war, als würde er sie durch seine Musik rufen, sie um Vergebung bitten oder sich an ihr festhalten. Die Welt würde es als Kunst sehen, aber für ihn war es eine Katharsis – seine einzige Möglichkeit, mit dem, was war, umzugehen.
Die Partys, zu denen er ging, wurden immer lauter, die Drinks immer stärker, und die Drogen hielten ihn wach, wenn er schlafen wollte. Es war eine endlose Schleife, die ihm half, das Loch in ihm zu füllen, zumindest für eine Weile. Seine Freunde in L.A., wenn man sie überhaupt so nennen konnte, bewunderten ihn für seinen Erfolg und seinen rebellischen Charme, aber keiner von ihnen wusste wirklich, wer Dante war. Keiner von ihnen kannte die Geschichten hinter den Liedern oder die Dämonen, mit denen er kämpfte.
*****
Die Nacht der Album-Veröffentlichung war der Höhepunkt seines neuen Lebens. Die Plattenfirma hatte eine große Party organisiert, mit Fotografen, Reportern und Prominenten, die alle gekommen waren, um Dante zu feiern. Doch während die Welt ihn feierte, konnte er nur an die Person denken, die nicht da war. Jedes Mal, wenn er die Bühne betrat oder eine Frage beantwortete, fühlte er ihre Abwesenheit wie ein Stich.
Später in der Nacht, als die Party ihren Höhepunkt erreicht hatte und er sich von der Menge löste, griff er zu seinem Handy. Er scrollte durch seine Kontakte und blieb bei einem Namen hängen: Jenna. Sein Daumen schwebte über der Anruftaste, aber er drückte nicht. Stattdessen schloss er die Augen und steckte das Handy weg. Er war nicht bereit, sie zu hören – oder vielleicht war er es, der Angst hatte, was sie ihm sagen würde.
Dante spürte die sanfte Berührung an seinem Arm und wandte sich um. Die brünette Schönheit, deren Namen er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte zu merken, schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Ihr tief ausgeschnittenes Kleid glitzerte im Licht der Party, und sie schien der Inbegriff dessen zu sein, was von ihm erwartet wurde: die perfekte Begleitung eines gefeierten Stars.
“Da bist du ja,” sagte sie mit einer leicht koketten Note in ihrer Stimme und hakte sich bei ihm unter. “Alle wollen dich sehen, Dante. Komm, lass uns zurück zur Party gehen.”
Er lächelte charmant, wie er es in den letzten Monaten perfektioniert hatte, aber innerlich fühlte er nur Leere. Trotzdem ließ er sich von ihr führen. Die dröhnende Musik schlug ihm entgegen, und die Menschenmassen empfingen ihn wie einen Helden. Kamerablitze flackerten, während er mit ihr an seiner Seite durch die Menge schlenderte. Sie redete mit ihm, lachte an den richtigen Stellen und streichelte hin und wieder seinen Arm. Doch er hörte kaum zu.
Dante griff nach einem weiteren Glas Champagner, ließ sich von einem der Kellner einen Joint anzünden und schloss für einen Moment die Augen, als der Alkohol und der Rauch seinen Geist vernebelten. Die Brünette zog ihn auf die Tanzfläche, wo sie eng an ihn geschmiegt tanzte, während er einen weiteren Schluck nahm. Die Menge jubelte ihm zu und er spürte den vertrauten Kick der Aufmerksamkeit. Für einen Moment konnte er alles andere vergessen.
Irgendwann schloss sich ein weiterer Kreis von Partygästen um ihn und jemand reichte ihm ein kleines Plastiktütchen. Dante nahm es ohne Zögern und verschwand kurz ins Badezimmer, um sich eine weitere Linie Kokain zu ziehen. Zurück in der Menge fühlte er sich leicht, fast schwerelos, während die Musik durch seinen Körper vibrierte.
Die brünette Schönheit war wieder an seiner Seite, lachte und küsste ihn auf die Wange, was erneut eine Welle von Jubel und Blitzlichtern auslöste. Dante spielte mit, ließ sich feiern, gab sich dem Exzess hin. Er wusste, dass die Welt ihn so sehen wollte: der unnahbare Rockstar, der sich keine Sorgen machte und das Leben in vollen Zügen genoss.
Doch in den stillen Momenten zwischen den Liedern und den Gesprächen spürte er den bitteren Nachgeschmack seiner Entscheidungen. Die Leere in ihm war so tief, dass kein Alkohol, keine Droge und keine flüchtige Bekanntschaft sie füllen konnte.
Während die Party in den frühen Morgenstunden ausklang und die Menschen begannen, zu verschwinden, lehnte Dante sich an eine Wand, ein halb geleertes Glas in der Hand. Die Brünette stand noch immer an seiner Seite, doch sie wirkte müde und desinteressiert. Als sie sich verabschiedete, nickte er nur und sah zu, wie sie in der Menge verschwand.
Zurück blieb nur Dante – allein, trotz der Menschen um ihn herum. Sein Handy vibrierte in seiner Hosentasche, aber er ignorierte es. Er wusste, dass es entweder ein leerer Glückwunsch war oder eine Erinnerung daran, dass jemand ihn noch immer erreichen wollte. Jemand, dem er nicht mehr in die Augen sehen konnte.
Seine Gedanken drifteten zurück zu Jenna, zu dem, was sie früher geteilt hatten. Und während er sein Glas leer trank und sich in der immer leerer werdenden Party umsah, fragte er sich, ob es überhaupt einen Weg zurückgab – zu ihr, zu dem Leben, das er hinter sich gelassen hatte.
*****
Auf der anderen Seite des Kontinents war das Leben von Jenna in geordneten Bahnen weitergegangen – oder zumindest hatte sie sich darum bemüht. Sie war mittlerweile wieder als Sheriff von Blossom Lake tätig, ein Amt, das sie mit neuem Elan und starkem Rückhalt von Enrico ausfüllte. Enrico, mittlerweile Bürgermeister, hatte sich in den letzten Monaten als unverzichtbarer Verbündeter erwiesen, besonders nachdem Jeffrey offiziell als vermisst erklärt worden war.
Jenna hatte sich ein neues Leben aufgebaut, eines, das auf Stabilität und Liebe beruhte. Sie und Raúl waren verlobt, und auch wenn ihre Beziehung nicht ohne Höhen und Tiefen gewesen war, hatten sie es geschafft, eine solide Basis zu schaffen. Raúl hatte sich als geduldiger und liebevoller Partner erwiesen, und Jenna war glücklich, jemanden an ihrer Seite zu haben, der sie unterstützte und mit dem sie eine Zukunft plante.
An einem kühlen Frühlingstag saß Jenna in ihrem Büro, als ihr Handy summte. Eine Nachricht von Henry blitzte auf dem Bildschirm auf. Sie lächelte automatisch. Der Junge war in den letzten Monaten zu einer unverzichtbaren Konstante in ihrem Leben geworden und ihre Beziehung zu ihm war enger, als sie je zu hoffen gewagt hätte.
-Hey Mom, hast du schon gehört? Dante hat ein Album veröffentlicht! Es ist überall in den Charts!-
Jennas Lächeln gefror. Sie starrte auf die Nachricht, als hätte sie sich verlesen. Ein Album? Sie hatte gewusst, dass Dante in LA war und Musik machte – schließlich hatten sie und Raúl gelegentlich bruchstückhafte Updates über ihn erhalten, hauptsächlich über Henry. Doch die Vorstellung, dass er ein Album veröffentlicht hatte, war etwas völlig anderes. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, was für Songs er geschrieben hatte.
Ihr Daumen schwebte über der Tastatur. Sie wusste zunächst nicht, was sie antworten sollte.
-Nein, das wusste ich nicht. Geht’s dir gut?-
Die Antwort kam schnell.
-Ja, alles gut! Ich wollte dir nur sagen, dass die Songs... naja, ich glaub es geht um dich, Mom. Hör mal rein!-
Das letzte, was Jenna wollte, war, dieses Album zu hören. Doch die Neugier nagte an ihr. Sie konnte sich ausmalen, wie Dante jedes Wort gewählt hatte, wie er jede Melodie mit einer Emotion gefüllt hatte, die sie beide einst geteilt hatten.
*****
Am Abend saß sie mit Raúl auf der Couch, als Henrys Nachricht sie wieder einholte. Raúl, der ihre Stimmung bemerkte, legte den Arm um sie. “Was ist los, Querida?”, fragte er sanft.
“Dante hat ein Album veröffentlicht,” sagte sie zögernd.
“Ich weiß”, murmelte er leise. “Henry hat mir gleich geschrieben und mir sämtliche Songs geschickt.”
Auf der einen Seite freute Raúl sich für Dante. Es war ihr Traum gewesen, dass sie irgendwann mal groß raus kommen würden. Und nun lebte einer von ihnen diesen Traum. Auf der anderen Seite, war der Portugiese immer noch enttäuscht von Dante. Er war ohne ein Wort zu sagen, gegangen. Jenna hatte nur einen Brief bekommen. Ein Brief über dessen Inhalt sie noch immer nicht gesprochen hatte. Aber Raúl wusste, dass Jenna diesen Brief stehst bei sich hatte. In jeder Situation.
Ein Moment der Stille hing zwischen ihnen. “Hör es dir an, wenn es dir hilft, damit abzuschließen”, meinte er schließlich. Jenna schüttelte entschieden den Kopf. “Nein. Dante hat sich entschieden. Er ist gegangen, hat dieses Buch zugeschlagen. Ich werde es nicht wieder öffnen und.. Ich will einfach nicht.”
“Okay”, meinte er leise und drückte Jenna einen Kuss auf die Wange. “Ich geh ins Bett. Ich muss morgen früh an der Uni sein. Musikalische Ästhetik und Philosophie. Ich freu mich!”. Er rollte mit den Augen, erhob sich dann von der Couch, drückte seiner Verlobten einen weiteren Kuss auf und verschwand oben.
Als Raúl im Schlafzimmer verschwand, griff Jenna nach ihrem Handy, öffnete die Musik-App und suchte schließlich doch nach dem Album. Der Titel sprang ihr sofort ins Auge: Sunflower. Der Name allein löste einen Knoten in ihrer Brust aus, denn sie wusste, dass dieser Name sich auf sie bezog.
Mit zitternden Fingern spielte sie den ersten Song ab. Als die ersten Akkorde erklangen, fühlte sie, wie sich eine Flut von Emotionen über sie ergoss. Dantes Stimme war unverkennbar – rau, voller Schmerz, aber auch voller Liebe. Jedes Wort schien direkt an sie gerichtet zu sein. Und mit jedem Song wurde es schwerer, die Tränen zurückzuhalten.
Sie hatte gedacht, sie hätte Dante hinter sich gelassen. Doch diese Musik riss alte Wunden auf und ließ Erinnerungen aufleben, die sie tief in ihrem Inneren vergraben hatte.