Blossom Lake (Band3)
Es war ein spätsommerlicher Abend in Blossom Lake, die Sonne war schon lange hinter den Hügeln verschwunden, doch ihr sanftes Licht schimmerte noch immer schwach über dem See. Der Himmel hatte sich in tiefere Blau- und Violetttöne verwandelt und die letzten Reste des Tages verschwanden langsam in der Dämmerung. Ein leichter Nebel begann sich über dem Wasser zu legen, so dass der See fast gespenstisch wirkte – die Oberfläche ruhig, nur ab und zu von einem zarten Tropfen oder dem Flügelschlag eines nahen Vogels gestört.
Die Luft war kühl, doch noch immer von der Wärme des Sommertages durchzogen. Es roch nach feuchtem Gras, Erde und den letzten Blüten des Jahres, die sich langsam in den Boden zurückzogen. Der kleine Ort wirkte wie in einen sanften Schleier aus Stille gehüllt. Der vertraute Klang des Windes, der sanft durch die Bäume strich, war fast alles, was zu hören war, außer vielleicht das leise Rascheln der Blätter, die den Boden bedeckten.
Es war die Ruhe nach der Beerdigung. Die Menschen hatten sich langsam von der Kapelle entfernt, die letzte Ehre war längst gezollt und nun war die Stadt selbst in einen stillen, nachdenklichen Moment verfallen. Einige hatten sich zum See begeben, um in der Kühle der Abendstunden zu verweilen, um ihre Gedanken in der Einsamkeit des Ortes zu ordnen. Der Nebel schien wie ein sanfter Mantel, der die Trauer und den Schmerz der letzten Stunden in seinen kalten Falten verbarg.
Dante und Jenna saßen gemeinsam auf der Couch in Jenna’s Haus. Ihre Hände ineinander verschlungen, während eine leise Melodie im Hintergrund lief. Die Atmosphäre war behaglich, ein seltenes Gefühl von Frieden inmitten all der Turbulenzen der letzten Wochen. Henry war längst im Bett und die Welt schien für einen Moment stillzustehen.
Doch diese Stille wurde plötzlich und unerbittlich durch ein lautes Hämmern an der Tür zerrissen. Jenna und Dante sahen sich alarmiert an, bevor Jenna aufstand, um nachzusehen. Ihr Herz raste, ein dumpfes Gefühl von Unheil breitete sich in ihrem Inneren aus.
Als sie die Tür öffnete, standen Captain Mason Reed und Deputy Dean Shaw davor. Beide hatten ernste Gesichter, ihre Mienen waren wie in Stein gemeißelt. Noch bevor Jenna etwas sagen konnte, drängten sich die beiden Polizisten an ihr vorbei und marschierten direkt auf Dante zu, der mit einem Ausdruck von Überraschung und Verwirrung aufstand.
“Was zum Teufel—?“ begann Dante, doch Mason unterbrach ihn kalt.
“Dante McKinsey, du bist festgenommen wegen des Mordes an Jeffrey Dixon.“ Seine Worte waren scharf und präzise, fast wie ein Urteil, das längst gesprochen worden war.
Bevor Dante reagieren konnte, packte Dean ihn mit geübten Griffen und Mason zog Handschellen hervor. Jenna schrie auf, versuchte, dazwischen zu gehen. “Wartet! Was soll das? Was macht ihr da?” Doch Mason blieb unerbittlich. Er sah Dante in die Augen, seine Stimme wurde leiser, aber nicht weniger bedrohlich. “Ich hab dir damals schon gesagt, ich krieg dich! Und jetzt bist du dran.“
Dante, der bis dahin ruhig geblieben war, schnaubte verächtlich. “Das hier ist ein abgekartetes Spiel, Mason, und das weißt du genau.“ Mason reagierte nicht, sondern sicherte die Handschellen, während Jenna weiter protestierte. “Das könnt ihr nicht machen! Ihr habt keine Beweise!“
“Wir haben genug, um ihn festzunehmen“, entgegnete Shaw, der Jenna nur einen kurzen Blick zuwarf, bevor er Dante mit einem festen Griff in Richtung Tür zog.
Dante stoppte plötzlich, seine Muskeln spannten sich an und für einen Moment riss er sich tatsächlich von Deans Griff los. Es war kein Versuch zu fliehen – sondern ein letzter Akt von Kontrolle. Er drehte sich um und sah Jenna direkt in die Augen. “Ich liebe dich!“ flüsterte er, bevor er sie, in einem letzten verzweifelten Moment, küsste. Es war ein intensiver Kuss, voller Liebe und Schmerz. Die Art von Kuss, die alles zu sagen schien, was in diesem Moment nicht ausgesprochen werden konnte.
Doch der Moment war nur von kurzer Dauer. Mason packte Dante erneut, diesmal mit einem entschlossenen Ruck und Dean half ihm, Dante aus dem Haus zu führen. Jenna blieb zurück, wie festgefroren, ihre Hand vor den Lippen, die noch immer das Gefühl von Dantes Kuss spürten.
“Dante!“ schrie sie, als sie sah, wie er durch die Tür hinausgezerrt wurde, aber ihre Worte verhallten im lauen Abendwind.
Die Tür schlug zu und Jenna sank auf die Knie. Die Wände des Hauses schienen sich um sie herum zu schließen, als die Realität über sie hereinbrach. Die Wahrheit, die sie beide so lange verdrängt hatten, war ans Licht gekommen – und jetzt musste sie sich der Tatsache stellen, dass der Mann, den sie liebte, für einen Mord verantwortlich gemacht wurde.
*****
Jenna saß auf dem Boden, Tränen liefen über ihr Gesicht, ihre Hände zitterten unkontrolliert. Die Luft fühlte sich schwer an, als würde sie sie erdrücken. Dante war weg. Weg in Handschellen. Ihr Kopf raste, die Gedanken wirbelten wild durcheinander, aber eine war klar: Sie brauchte Hilfe.
Mit zitternden Fingern griff sie nach ihrem Handy und wählte Stones Nummer. Es dauerte ein paar Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, bis er abnahm.
“Jenna?“ Ben klang verschlafen, aber als er ihr keuchendes Atmen und ihre gebrochene Stimme hörte, wurde er sofort wach. “Was ist los?“
“Ben... Ben, sie haben ihn mitgenommen“, schluchzte sie. “Mason und Dean... sie haben Dante verhaftet! Wegen... wegen Jeffrey!“ Ihre Stimme brach und sie schnappte nach Luft. “Du musst kommen, bitte. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
Benjamin war sofort alarmiert. “Okay, hör mir zu, Jenna. Atme tief durch. Ich bin in dreißig Minuten bei dir. Beruhige dich, wir klären das, okay?“
“Bitte beeil dich...“ war alles, was Jenna herausbrachte, bevor der Anruf endete. Sie ließ das Handy sinken, ihr Körper zitterte vor Angst und Hilflosigkeit. Die Minuten, die sie wartete, fühlten sich endlos an. Sie lief rastlos durch das Wohnzimmer, raufte sich die Haare, versuchte die Panik in den Griff zu bekommen, aber die Bilder von Dante in Handschellen verfolgten sie.
Kurz darauf stürzte Ben durch die Tür. Er trug eine Jeans und ein einfaches T-Shirt, die Eile war ihm anzusehen. “Jenna!“ Er kam auf sie zu und umarmte sie, was ihre Fassungslosigkeit für einen Moment linderte. “Was ist passiert?“ fragte er und führte sie zum Sofa. Sie setzte sich zitternd hin und begann, alles zu erzählen: das Hämmern an der Tür, die Polizisten, die Handschellen, Masons Worte. Als sie fertig war, konnte Ben kaum glauben, was er hörte.
“Das ist absurd“, sagte er mit einem ernsten Ausdruck. “Haben sie überhaupt Beweise?“
“Mason hat nichts gesagt, außer dass er ihn verhaften würde. Und ich...“ Sie schluckte schwer. “Ich stand einfach nur daneben und konnte nichts machen. Ich sollte es doch besser wissen. Ich mein.. das ist mein verdammtes Department und.. fuck man..”
Ben stand auf und begann nervös im Raum auf und ab zu gehen. “Jenna, es ist nicht deine Schuld, dass weißt du, ich werde sofort ins Department fahren und herausfinden, was sie gegen ihn haben. Ich werde mit Mason sprechen und die Akten einsehen. Solange sie keine harten Beweise haben, können sie ihn nicht lange festhalten.“
“Bitte, Ben“, flüsterte Jenna, ihre Augen flehten ihn an. “Lass ihn nicht allein. Er hat das nicht verdient. Er hat das alles nur für mich getan.“ Benjamin nickte entschlossen. “Ich verspreche dir, ich werde alles tun, um ihn da rauszuholen. Bleib hier und versuch, dich zu beruhigen. Ich melde mich, sobald ich etwas weiß.“
Bevor er ging, zog er sie nochmal in seine Arme. “Jenna, das wird nicht einfach. Aber wir stehen das durch, okay? Du, ich, Henry... und Dante. Wir finden einen Weg.“ Jenna nickte stumm, während er das Haus verließ. Sie blieb zurück, allein mit ihren Gedanken und der Angst, dass sie Dante verlieren könnte.
*****
Der Anwalt betrat das Department mit einer Mischung aus Wut und Entschlossenheit. Er war fest entschlossen, Dante so schnell wie möglich herauszuholen. Als er an die Empfangstheke trat, begegnete ihm Deputy Shaw, der ihn skeptisch ansah.
“Ich möchte mit Captain Reed sprechen“, verlangte Ben, seine Stimme war ruhig, aber durchdringend. “Er ist hinten“, antwortete der Deputy knapp und zeigte auf eine Tür. “Aber ich weiß nicht, ob er...“ Bevor er den Satz beenden konnte, war Benjamin schon auf dem Weg. Er öffnete die Tür, ohne anzuklopfen, und fand Mason an einem Schreibtisch, vertieft in eine Akte.
“Reed“, begann Ben scharf. “Wir müssen reden.“
Mason sah auf und ein süffisantes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. “Ah, Benjamin Stone. Ich habe Sie schon erwartet. Hier, um den kleinen Rockstar zu verteidigen, nehme ich an?“
“Erzählen Sie mir, was Sie gegen Dante McKinsey haben“, verlangte Ben. “Ich möchte alle Beweise sehen, die Sie angeblich haben.“
Mason lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. “Beweise? Wir haben einen Zeugen, der uns gesagt hat, dass McKinsey Jeffrey Dixon getötet hat. Das reicht für einen Anfang.“
“Einen Zeugen?“ Ben lachte bitter. “Lassen Sie mich raten, anonym? Das ist nicht mal ansatzweise genug für eine Verhaftung. Sie wissen das genauso gut wie ich.“
“Wir haben die Aussage aufgenommen und ich bin mir sicher, dass wir mehr finden werden, wenn wir tiefer graben“, erwiderte Mason kalt. “Manchmal braucht man nur den ersten Dominostein, um alles ins Rollen zu bringen.“ “Das hier ist kein Dominospiel“, schnappte Ben. “Sie halten einen Mann ohne jegliche Beweise fest. Haben Sie forensische Beweise? Fingerabdrücke? Zeugenaussagen von jemandem, der nicht anonym ist? Irgendetwas, das nicht auf Hörensagen basiert?“
Mason antwortete nicht sofort, was der Anwalt als Bestätigung seiner Vermutung wertete.
“Das dachte ich mir“, fuhr Ben fort. “Ich fordere sofortige Einsicht in die Akte. Und wenn Sie nichts Handfestes haben, sollten Sie McKinsey gehen lassen. Sie wissen genau, dass das hier auf wackeligen Beinen steht.“
Mason stand auf und lehnte sich über den Schreibtisch. “Sie können hier auftreten, wie Sie wollen, Stone, aber ich werde nicht zulassen, dass McKinsey davonkommt. Vielleicht war das anonym, aber wir wissen beide, dass der Typ Dreck am Stecken hat. Es ist nur eine Frage der Zeit.“
Benjamin erwiderte den Blick, unbeeindruckt von Masons aggressiver Haltung. “Dann wünsche ich Ihnen viel Glück, Captain. Denn wenn Sie sich irren – und ich weiß, dass Sie das tun – dann werden Sie derjenige sein, der hier Probleme bekommt.“
*****
In der Zelle saß Dante auf der harten Pritsche und starrte auf den kalten Betonboden. Sein Kopf war gesenkt, die Hände zwischen den Knien. Er fühlte sich leer, die Verzweiflung nagte an ihm.
Die Schritte eines Deputys hallten durch den Flur, gefolgt von Benjamins Stimme.
”Dante.“ Der Blonde sah auf und ein Funken Hoffnung blitzte in seinen Augen auf. Ben trat näher, blieb jedoch vor den Gitterstäben stehen.
“Ich arbeite daran, dich hier rauszuholen“, sagte Ben. “Das ist alles Blödsinn. Sie haben nichts außer die Aussage eines anonymen Zeugen.“
“Anonymer Zeuge? Fuck, Stone! Wir wissen beide wer das ist!” Dante fuhr sich durch die Haar, atmete tief aus. “Wie lange wollen sie mich hier behalten?“ fragte er leise. Seine Stimme war brüchig, voller Frustration und Schmerz. “Ich weiß nicht, wie lange ich das aushalte.“
“Sie dürfen dich ohne Beweise nur 48 Stunden festhalten, es sei denn, sie finden etwas Substanzielles. Und das werden sie nicht“, erklärte Ben. “Bleib stark. Jenna ist draußen und wartet. Sie glaubt an dich. Wir alle tun das.“
Dante nickte langsam, aber die Zweifel in seinen Augen waren deutlich zu erkennen. ”Danke, Stone. Danke, dass du hier bist.“
Ben klopfte einmal an die Gitterstäbe. “Ich lasse nicht zu, dass sie dich untergehen lassen. Das verspreche ich dir.“
*****
Benjamin hatte die ganze Nacht über Akten, Gesetzestexte und mögliche Ansatzpunkte durchforstet. Er konnte die Ungerechtigkeit dieser Anschuldigung nicht akzeptieren. Der Kaffee neben ihm war längst kalt und die ersten Sonnenstrahlen kündigten den neuen Tag an, als er sich endlich aus seinem Bürostuhl erhob. Er hatte eine Idee, doch um sie zu verfolgen, brauchte er Antworten.
Am späten Vormittag traf er sich mit Enrico de Santos in dessen Büro. Enrico saß hinter seinem Schreibtisch, die Stirn in Falten gelegt, als Benjamin eintrat.
“Benjamin,“ begann Enrico ohne Umschweife, “ich habe keine Ahnung, warum Sie denken, mein Sohn könnte dahinterstecken.“
“Weil Raúl ein Motiv hat“, antwortete Ben direkt. “Er hasst Dante. Er ist offensichtlich besessen von Jenna. Und er ist nicht gerade dafür bekannt, rational zu handeln.“
Enrico ließ seinen Blick auf dem Anwalt ruhen, bevor er tief durchatmete. “Mein Sohn mag viele Fehler haben, aber er würde nicht so etwas hinterhältiges tun. Er ist impulsiv, ja, aber anonym jemand zu beschuldigen? Das passt nicht zu ihm.“
“Er hat es Jenna angedroht, Enrico.” erwiderte Ben. “Er hat gesagt, dass er Dante bei den Cops verpfeift, wenn Jenna ihn verlässt.”
“Ich weiß was er gesagt hat“, sagte Enrico ruhig. “Er ist verletzt gewesen. Verständlich.”
“Er hat sie geschlagen, Enrico. So geht man nicht mit der Person um, die man liebt.”
Der Portugiese seufzte schwer. “Er hat seine Lektion diesbezüglich gelernt. Und zu der anderen Sache mit Dante.. Das ist nicht Raúls Art. Wenn, dann will er sich mit solchen Aktionen brüsten. Außerdem ist mein Sohn aktuell nicht im Land. Ich erreiche ihn aktuell auch nicht.”
“Du hast nicht mit ihm gesprochen, seit das hier passiert ist?“ Ben hob eine Augenbraue. „Das klingt nicht gerade nach einem Vater-Sohn-Verhältnis, das auf Vertrauen basiert.“
Enrico seufzte, seine Hände verkrampften sich auf dem Schreibtisch. “Raúl und ich hatten nie ein einfaches Verhältnis. Aber ich schwöre Ihnen, wenn ich auch nur den geringsten Verdacht hätte, dass er hinter diesem anonymen Tipp steckt, würde ich es Ihnen sagen. Ich würde ihn nicht decken.“
Ben verschränkte die Arme und musterte Enrico genau. “Ich hoffe, dass Sie die Wahrheit sagen. Aber ich werde das überprüfen. Und wenn ich herausfinde, dass Raúl etwas damit zu tun hat, dann werde ich dafür sorgen, dass er genauso zur Rechenschaft gezogen wird wie jeder andere.“
“Das erwarte ich von Ihnen, Stone“, sagte Enrico leise. “Aber glauben Sie mir, Raúl ist nicht das Problem. Irgendjemand anderes zieht hier die Fäden. Sie sollten Ihre Energie darauf verwenden, diesen Jemand zu finden.“
Benjamin nickte langsam, sein Blick unverändert wachsam. “Das werde ich. Aber wir beide wissen, dass Dante nicht hinter Gittern bleiben kann. Ich werde alles tun, um das zu verhindern.“
Der Portugiese neigte den Kopf, bevor er Benjamin mit Nachdruck ansah. “Und ich werde alles tun, um Ihnen dabei zu helfen. Aber lassen Sie meinen Sohn aus dieser Sache heraus, bis Sie Beweise haben." Benjamin verließ das Büro mit gemischten Gefühlen. Er wollte Enrico glauben, aber die Zweifel nagten an ihm. Während er in seinem Wagen saß, ging er die Fakten erneut durch. Jemand wollte Dante zerstören und dieser Jemand musste jetzt gefunden werden – bevor es zu spät war.