← Zurück zum Buch
Lilith Raven

Blossom Lake (Prequel/ Ereignisse zw Band 1 & Band 2)

>>tell the story, all the glory, fuck what they say about me.<<

[...]

Dante hatte alles versucht, um sich mit Musik und neuen Songideen abzulenken. Doch als die Wirkung der Drogen schwand und Henrys Worte in seinem Kopf widerhallten, kam die Ernüchterung schlagartig zurück.
Henry hatte recht. Jenna hatte all das nicht verdient – nicht seine Wut, nicht seinen Song, der so tat, als wäre sie schuld an allem. Tief in seinem Innersten wusste Dante, dass es seine Entscheidung gewesen war, Blossom Lake zu verlassen. Er allein hatte diesen Bruch provoziert und sie mit nichts weiter als einem Brief zurückgelassen.
All seine Songs, all das Rauschen und Lärmen im Studio, war nur ein halbherziger Versuch, damit abzuschließen. Aber es war eine Lüge – vor allem sich selbst gegenüber.
Wie aus dem Nichts hörte er in der Mitte einer Session auf zu spielen, ließ die Gitarre los, stand auf und ging wortlos zum Sofa. Mit einem erschöpften Seufzen ließ er sich hineinfallen, fuhr sich mit zitternden Händen mehrmals durchs Gesicht. Seine Finger zuckten leicht, als er sich einen Joint anzündete und den ersten tiefen Zug nahm.
Steven, Nick und Vince unterbrachen ihr Spiel, warfen sich kurze Blicke zu und folgten ihm schließlich. Sie setzten sich zu ihm, schweigend, aber die Sorge stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Nur Nick wusste bislang, was wirklich in Blossom Lake passiert war – und wie tief sich die Schuld in Dantes Herz gegraben hatte.
Der Blonde sog den Rauch ein, atmete zitternd aus. Er spürte, wie seine Kehle brannte, doch er schluckte den Drang herunter, einfach aufzuspringen und wegzulaufen. Stattdessen brach er das Schweigen.
„Ich… ich hab’s wirklich versucht, Mann.“
Vince runzelte die Stirn.
„Was hast du versucht?“
Dante schwieg erst, seine Augen glitten über die Instrumente, die verstreuten Notenblätter. Dann presste er die Lippen aufeinander, ehe er weiter sprach.
„Abzuschließen. Mit Jenna. Ich… wir hatten einen Streit, okay? Wir haben uns angeschrien, ich hab sie absichtlich verletzt – nur damit es leichter ist, sie zurückzulassen. Aber es ist nicht leichter, ihr wisst schon?“
Steven nahm einen Schluck Whisky aus einem Pappbecher, in den er ihn eingeschenkt hatte, und sah Dante ernst an.
„Natürlich ist das nicht leichter. Du liebst sie, Bro.“
Dante nickte langsam, der Joint in seinen Fingern glomm und setzte dünne Rauchfäden in die Luft. „Ja. Ich liebe Jenna mehr als alles andere auf der Welt“, flüsterte er heiser.
Diese Worte hallten nach, als wäre es das erste Mal, dass er sie laut aussprach – und vielleicht war es das ja auch.

Eine Weile sagte keiner etwas. Sie alle ließen diese Wahrheit einfach im Raum stehen, als müssten sie begreifen, wie sehr Dantes Herz an jemandem hing, den er selbst weggestoßen hatte.
Schließlich war es Nick, der das Schweigen brach.
„Du kannst sie nicht einfach vergessen, Dante. Du kannst keinen Schalter umlegen. Das wird nicht funktionieren. Warum versuchst du es nicht auf deine Weise? Mit Musik. Schreib ihr einen verdammten Song – oder zehn. Wir legen alles auf ein Album. Widmen es ihr.“
Dante stieß ein trockenes Lachen aus, unsicher und bitter zugleich.
„Meinst du ernsthaft, sie wird’s hören? Sie hasst mich. Vielleicht noch mehr, seit der erste Song raus ist. Was soll ein ganzes Album da noch bringen?“
Vince schürzte die Lippen.
„Weißt du, es geht doch nicht drum, dass sie’s hört oder nicht. Sondern darum, dass du es rauslässt, Bro. Du hast so viel Scheiße in dir aufgestaut, und wir alle wissen, wie sehr sie dich beschäftigt. Warum also nicht?“
Der Musiker lehnte den Kopf nach hinten, schaute an die Decke. Mehrere Gefühle wogten in seiner Brust: Erschöpfung, Schuld, Wut auf sich selbst – und die nie erloschene Liebe zu Jenna.
„Ihr glaubt, das hilft?“, fragte er leise.
Steven ließ den Blick über die verqualmte Studio-Atmosphäre schweifen.
„Also, wir haben jetzt ’ne Reihe Songs, die alles Mögliche abdecken: Drogen, Abschiede, Schmerz… Aber das sind Fragmente. Wenn wir wirklich ein Album machen wollen, braucht das einen roten Faden, etwas, das alles zusammenhält. Warum nicht du und Jenna als Dreh- und Angelpunkt?“
Nick nickte.
„Genau. Dann ist es deine Chance, deine Geschichte zu erzählen – so, wie sie wirklich ist. Und wenn’s gut läuft, wird sie’s schon irgendwann mitbekommen, selbst wenn sie es nur von anderen hört.“
Dante sagte lange nichts, nur der Joint wanderte erneut an seine Lippen. Die Worte seiner Freunde hinterließen Spuren, riefen Erinnerungen wach – an die unzähligen Nächte mit Jenna, an vertraute Gespräche, an das gemeinsame Lachen und Weinen. Seine Lieblings-Blondine. Seine Seelenverwandte, wie er sie oft genannt hatte.
Vielleicht war das der einzige Weg, sich wirklich zu erklären, wo Worte nicht mehr hinreichten:
ein Album, ein echtes Statement. Kein wütender Bruchsong mehr, sondern die Wahrheit, die vollkommene Zerrissenheit zwischen Liebe und Verlust.
Ein tiefer Atemzug. Dante blinzelte.
„Okay“, murmelte er schließlich.
„Also… wir machen ein Album. Und wir packen alles rein, was mir auf der Seele liegt. Mir egal, ob sie zuhört. Ich muss es einfach rauslassen.“
Ein seltenes, ehrliches Lächeln huschte über Nicks Gesicht, und Vince gab Dante einen leichten Schlag gegen die Schulter. Steven prostete ihm mit dem Whiskybecher zu.
Damit war es beschlossen: Das erste Album würde seine unverfälschte Geschichte sein. Ein Versuch, sich den Schmerz von der Seele zu schreiben, ein Versuch, Jenna irgendetwas zu erklären, ohne es direkt zu sagen.
Ob sie es jemals hören würde – ob sie es verzeihen könnte –, stand in den Sternen. Doch zumindest würde Dante die Chance nutzen, endlich das auszusprechen, was er in sich trug. Und vielleicht, nur vielleicht, war das der Anfang einer neuen Wahrheit.
*****

Die folgenden Tage wurden zu einem wilden Strudel aus Terminen, die Rick unermüdlich organisierte: Interviews, kleine Radio-Auftritte, Presserunden. Plötzlich wollte jeder etwas von ihnen wissen. Besonders Dante – Sänger und Songwriter des Hypesongs „Better Off Gone“ – fand sich ständig im Mittelpunkt.
Und überall prallte dieselbe Frage auf ihn ein:
Wer ist diese unbekannte Frau aus dem Song?
Jedes Mal hatte Dante nur eine knappe Antwort parat: Er wolle niemanden bloßstellen, wolle ihre und seine Privatsphäre schützen. Innerlich hätte er vielleicht einiges richtigstellen wollen, vielleicht sogar eine öffentliche Entschuldigung aussprechen – aber Rick hatte ihn rechtzeitig gebremst. „
Du kannst nicht erst so einen Song rausbringen und dann bei jedem Interview sagen, es wäre gar nicht so gemeint gewesen. Das versaut dir das Standing, Kumpel.“
So wurde daraus die offizielle Geschichte: Dante blieb geheimnisvoll, die Frau unbenannt. Und genau das funktionierte für das Publikum hervorragend. Dieser Anflug von Rätsel, gepaart mit dem intensiven Text, ließ die Fans umso mehr spekulieren und mitfiebern.
„Ist es ein Ex-Model?“
„Ist es seine Jugendliebe?“
„Ist es vielleicht ganz anders gemeint?“
„Egal wer es ist, ich werde ihn aus dieser Hölle retten!”
Klickzahlen schossen in die Höhe, etliche Blogs veröffentlichten Vermutungen, Social-Media-Seiten überschlugen sich mit Theorien.
Dante selbst hasste es, wie weit weg die Wahrheiten durch das ganze Spektakel drifteten. Aber er wusste, dass er den Mund halten musste. Eine Entschuldigung in aller Öffentlichkeit würde nur das Label verärgern, Rick hatte es klargemacht. Also hielt er sich bedeckt und gab ein geheimnisvolles Lächeln, wenn die bohrenden Nachfragen wiederkamen.
Lieber sprachen Nick, Vince und Steven über ihre neuen Songs, die Pläne fürs erste Album. Als Reporter fragten, ob man bald mit mehr rechnen könne, sagte Nick in den Interviews mit sichtbarer Selbstsicherheit:
„Wir arbeiten an etwas Großem, geben uns aber die Zeit, um ein richtiges Meisterwerk auf die Beine zu stellen.“
Im Hintergrund stand Rick und nickte zustimmend. Er erinnerte sie immer wieder daran:
„Nutzt den Ruhm, solange er heiß ist. Das hier ist euer Moment. Ihr müsst dranbleiben, bevor man euch vergisst.“
*****
Der Ruhm kam tatsächlich über Nacht. Für alle vier war es etwas völlig Neues. Plötzlich explodierten ihre Social-Media-Accounts: haufenweise Likes, Kommentare, Nachrichten – von netten Glückwünschen bis hin zu zweifelhaften Angeboten. Dante konnte sich vor Direktnachrichten kaum retten, ständig sah er neue Bemerkungen in den Benachrichtigungen aufploppen:
„Mann, dein Song hat mir das Leben gerettet, danke!“
„Du bist ein Arsch! Wie kannst du sowas über deine Ex singen?!“
„Heirate mich, Dante!!!“
„Ich kann deine nächste Inspiration sein!”
„Scheiß Möchtegern-Rockstar!”

Es war ein wilder Mischmasch aus Liebe, Hass, Bewunderung, Neid und purer Neugier.
Noch hatten sie keinen Bandnamen bekanntgegeben, was die Gerüchteküche zusätzlich anfeuerte. So stiegen sie innerhalb kürzester Zeit auf der Welle eines überhitzen Online-Hypes.
Dante ließ das Ganze teilweise seltsam unberührt. Er klickte sich durch Posts, lachte über manche Kommentare, zuckte bei anderen zusammen. Oft half nur der Griff zu Drogen oder Alkohol, um das Nervenflattern vor Interviews oder die innere Leere danach zu betäuben.
Nick, Vince und Steven hatten jeder auf ihre eigene Weise damit zu kämpfen. Vince liebte die Aufmerksamkeit, flirtete begeistert mit den Fans, während Steven sich eher um die künstlerische Richtung sorgte. Nick wiederum versuchte, die Fäden beisammen zu halten, stützte Dante, wenn er merkte, dass er wieder in ein Stimmungsloch abdriftete.
Doch nach außen hin funktionierte alles reibungslos. Jedes Interview, jeder Radio-Gig, jede Presse-Meldung verstärkte den Buzz. Rick war zufrieden, das Label war glücklich, und die Fans lechzten nach mehr.
„Leute,“ sagte Rick bei einem dieser Treffen, als sie abends in seinem Büro saßen und er eine Zigarette zwischen den Fingern balancierte, „wir müssen bald den nächsten Song nachlegen. Oder am besten gleich zwei. Und zu einem davon ein Musikvideo drehen.“
Dante, den Kopf noch brummend von einer morgendlichen Koks-Line, versuchte, klare Gedanken zu fassen. Musikvideo? Es klang aufregend und gleichzeitig erschreckend. Noch mehr Rampenlicht, noch mehr Druck. Er schielte zu Nick, der nur schief grinste. Vince strahlte, er fand die Vorstellung, ein Video zu drehen, grandios. Steven wirkte nachdenklich – aber er wusste auch, dass sie diesen Weg gehen mussten, um weiter relevant zu bleiben.
So wurden Termine gemacht, Produzenten kontaktiert. Ein Song musste ausgesucht werden – wahrscheinlich einer der neueren, die in den letzten Wochen entstanden waren. Vielleicht „Keep the Wound Open“, wie Rick laut anmerkte, weil der Track eine faszinierende Dunkelheit hatte, die visuell perfekt ausgeschlachtet werden konnte.
Dante nickte nur stumm, spürte ein schales Gefühl in der Magengegend. Die Idee, Jenna in seiner Musik zu verewigen, war einerseits genau das, was er brauchte, um seinen Schmerz loszuwerden – andererseits zwang ihn jeder weitere Schritt in der Öffentlichkeit, sich weiter von ihr zu entfernen. Mit jedem Interview, jeder Show, jeder Veröffentlichung wuchs eine Kluft, die irgendwann unüberwindbar sein würde.
Aber das Business kannte keine Gnade. Und so nahmen sie den nächsten Anlauf auf den steilen Weg nach oben – in der Hoffnung, nicht unterwegs abzustürzen.

[....]