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Matthias Kranz

Der Erste von Baduras

Kapitel 5

Hoch oben, auf dem Balkon, der den Hauptturm der Zitadelle umgab, stand Endimion. Er drückte mit der linken Hand eine kunstvoll gearbeitete Violine gegen die Schulter. Seine rechte Hand hielt den Bogen, mit dem er dem Instrument die herrlichsten Töne zu entlocken begann. Der Balkon, auf dem er stand, war auch die Quelle der leichten Brise, die durch ganz Luvaria wehte. Der Wind trug die Töne bis in die letzten Winkel der Stadt. Endimion hatte das ‚Einstimmen‘ beendet und setzte nun zu einem selbst komponierten Stück an. Es begann fröhlich. Wer ganz genau hinhörte, dem fiel etwas auf: eine Art von Unbekümmertheit, welche die Noten zum Ausdruck brachten. Es gab niemanden auf Baduras, der einer Violine schönere Töne entlocken konnte als es jenem Meister der Luftmagie möglich war. Selbst ohne Magie wirkte Endimions Spiel eindrucksvoll. Wenn er jedoch vom Balkon aus spielte, wurde es für jeden Hörer ein unvergessliches Erlebnis.

Merivin war aufgestanden und hatte sich, den Turm beobachtend, gegen die Brüstung gelehnt. Sie wusste, irgendwo tief in ihrem Inneren, dass dort die Quelle der wundervollen Musik lag. Der erste Teil des Liedes endete. Eine sehr kurze, schnell und dramatisch gespielte Passage schloss sich an. Kaum begonnen, war sie auch schon wieder vorbei. Dann herrschte Stille.
Der letzte Teil des Stücks sollte die Seele eines jeden, der ihn vernahm, in einer Tiefe und Nachhaltigkeit berühren, wie es selbst die Worte eines gewandten Redners nicht treffender hätten vollbringen können. Die Töne, die Endimion sich im Spiel abverlangte, bildeten das Traurigste, was Merivin und alle anderen Hörer jemals in ihrem gesamten Leben auf einer Violine vernehmen sollten. Die Töne berührten etwas in ihr, von dem sie zu jenem Zeitpunkt noch nicht sagen konnte, was es war oder warum es ihrer Seele derartig Schmerzen bereitete.
Etwas Warmes und Feuchtes kitzelte ihre Wangen. Plötzlich schmeckte sie Salz auf ihren Lippen. Tränen!