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Josephine Becker

Pray for Joelin

Scherben der Vergangenheit

Es wurde höchste Zeit, diesen Weg zu gehen, dachte Joelin grimmig. Obwohl sie sich bereits entschieden hatte auszuziehen, musste Franka ihr noch eine äußerst nette Botschaft mit auf den Weg geben. Wenn sie sich die Worte ihrer Mutter in Erinnerung rief, verfinsterte sich ihr Gesicht, so wie die Wolken heute das Firmament verdunkelten.
„Ich kann das nicht länger mit dir!“, hallte es in ihrem Kopf wider, während sie die Unterführung durchquerte. Sie war auf dem besten Weg, all dem endlich zu entfliehen.
Vor zehn Jahren war schon einmal der Entschluss in ihr gereift auszuziehen, doch sie hatte sich vom Gegenteil überzeugen lassen. Schuld daran war ihr Exfreund.
Frankas ständiges Gerede über die Sorgen, die sie sich um ihre einzige Tochter machte, hatte bereits zu ihrem sechszehnten Lebensjahr an Bedeutung verloren. Ihre Mutter zeigte niemals echtes Interesse an ihr – was die Nachbarn über die Familie denken könnten, war schon immer wichtiger gewesen. Dafür mischte sich Franka fortlaufend in ihr Leben ein – so wie es eine gute Mutter eben tat, war jedes Mal ihre Begründung.
Was für ein Bullshit, dachte Joelin just in diesem Moment und setzte ihren störrischen Marsch fort.
„Wir müssen reden!“, sagte Franka zum Schluss fast täglich. Dabei gab es nichts zu bereden. Was brachte es, Joelins Fehler aus der Vergangenheit ständig neu aufzurollen? Für Joelin war die reine Zeitverschwendung. Nach ihrer letzten Unterhaltung waren Joelin die immer wiederkehrenden Verletzungen endgültig zu viel geworden. Sie hatte sich ihre Sachen geschnappt und war zu Tess geflohen.
Dennoch konnte sie auch jetzt Franka bildlich vor sich sehen, wie sie mit verschränkten Armen im Türrahmen gestanden und sie strafend angeblickt hatte, weil sie auf ihre vielen Fragen keine Antwort gegeben hatte. Nicht selten hatte Joelin ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen, abgeschlossen und ihr lautstark geraten, sich aus ihrem Leben herauszuhalten. Vielleicht war sie zu hart zu Franka gewesen? Doch ihre Mutter hatte sich dafür bei ihr revanchiert. Ihre letzten Worte ließen Joelins Taten dagegen verblassen. Aber Joelin hatte sich vorgenommen, keinen weiteren Gedanken an ihre Eltern zu verschwenden. Jetzt war sie weit genug von ihnen entfernt, um sie nie wiedersehen zu müssen. Alle Anspannung war von ihr abgefallen, als sie endlich die Zusage für die Wohnung in den Händen gehalten hatte. Daraufhin war sie von einem Tag auf den anderen aufgebrochen. Obwohl die überfüllten Straßen ihre Knie noch so manches Mal zum Zittern brachten, hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, frei zu sein und erhobenen Hauptes der Welt entgegenzutreten. Hier kannte sie niemand – keiner würde über sie urteilen. Endlich konnte sie wachsen und sich frei entfalten.
Ihr Stolz ließ nicht zu, sich persönlich bei Franka zu verabschieden. Und einen Brief zu verfassen, erschien ihr wie der blanke Hohn. Wahrscheinlich wäre kein einziges wohlwollendes Wort in dieser Nachricht zu finden gewesen. Dennoch hatte Joelin ihre neue Adresse bei ihrer Mutter hinterlassen. Köln war von ihrem Heimatort hunderte Kilometer entfernt. Franka konnte ihr nicht einfach so über den Weg laufen. Wo ihr Vater wohnte, wusste Joelin nicht einmal. Vielleicht würde er nun zu Franka zurückkehren, jetzt, da Joelin ausgezogen war? Auf diese Bedingung hatte er besonderen Wert gelegt, bevor er seine Sachen gepackt hatte und verschwunden war. Doch diese Geschichte bildete ein anderes Kapitel in ihrem Leben und verblasste nach all den Jahren schon allmählich. Sie musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Joelin blickte niemals zurück. Das hatte sie sich bereits im Alter von sechzehn Jahren geschworen.

Joelin ließ ihren Blick durch die kahle Wohnung schweifen. So überstürzt, wie sie aufgebrochen war, so sah es hier nun auch aus. Viel Platz gab es nicht. In einer Ecke standen ein paar Tüten und Beutel – die wenigen Habseligkeiten, die sie besaß. Darüber erstreckten sich zwei deckenhohe Fenster mit weißen Holzrahmen, an denen stellenweise die Farbe abblätterte. Vorhänge gab es keine. Joelin hasste diese muffigen Stoffbahnen, die nur zerknitterten und nach Staub rochen.
Außer der aufblasbaren Matratze, die sie vor drei Tagen in dem Geschäft um die Ecke gekauft, und der Decke, die sie von ihrer Oma einst geschenkt bekommen hatte, gab es hier nichts weiter. Die Vormieter hatten Joelin ihre alte Küche überlassen. Die roten Türen und schwarzen Griffe waren schon etwas ramponiert und abgegriffen. Aber Joelins Dankbarkeit für die provisorisch reparierten Schränke und die zerkratzte Herdplatte war kaum zu übertreffen. Sie hatte keine Möbel von zu Hause mitgenommen. Wie hätte sie diese auch im Zug transportieren sollen?
Das Einzige, was sie vor ihrer Abreise organisiert hatte, war ein Job in einer Bibliothek ganz in der Nähe ihrer Einraumwohnung. Allerdings konnte sie erst in zwei Monaten dort anfangen und so musste sie mit ihrem wenigen Ersparten bis dahin auskommen. Es reichte gerade für die Miete und dass ihr Magen gefüllt war. Wenn sie gezielt haushaltete, würde vielleicht sogar ab und zu ein Kaffee herausspringen. Sie hatte von einer Kaffeerösterei stadtauswärts gehört, dort sollte es die unterschiedlichsten Kaffeesorten und Geschmacksrichtungen geben. Sobald sie etwas Geld verdient hätte, würde sie in diesem Laden vorbeischauen, versprach sie sich. Koffein war das einzige Laster, das von den vielen anderen übriggeblieben war. Ihr krankhaftes Verlangen nach Beruhigungsmitteln hatte sie zum Schluss fast all ihre echten Freunde gekostet. Dagegen war ihre aktuelle Koffeinsucht ein Witz. Nach ihrem Absturz wollten nur noch wenige Menschen mit ihr in Verbindung gebracht werden. Diese vereinzelten Personen hatten sich inzwischen über den gesamten Globus verteilt. Sonst kamen nur Leute zu ihr, wenn sie sich etwas von Joelin erwarteten – so wie Tess, die vor ein paar Tagen nicht allein auf diese Party hatte gehen wollen. Da war eine angebliche Abschiedsparty für Joelin doch ein perfekter Vorwand gewesen.

Maja war eine der wenigen, die sich als echte Freundin entpuppt hatte. Allerdings hatte sie schon seit Monaten nichts mehr von sich hören lassen. In ihrem Fall war das jedoch normal. Sie reiste ständig in der Weltgeschichte umher und blieb nie lange am selben Ort. Joelin wusste, warum sie das tat. Sie floh vor Martin. Maja hatte nur eine einzige falsche Entscheidung getroffen und wurde nun hart von den Konsequenzen verfolgt. Ihre Freundin erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen ihren Exfreund und dennoch schaffte er es immer wieder, sie in irgendeiner Form aufzuspüren und zu schädigen. Ob familiär oder während des Studiums, Martin machte ihr das Leben zur Hölle. So hatte Maja wie Joelin alle Kontakte zu ihrem früheren Leben abgebrochen und reiste von Land zu Land, nahm dort kleinere Jobs an und lebte von eben dem, was sie dort verdiente. Den Männern hatte sie endgültig abgeschworen.

Joelin ließ sich auf die Luftmatratze fallen und sank gleich einige Zentimeter tief ein.
Dass diese Dinger immer Luft verloren! Genervt wandte sie sich nach der Pumpe um.
Seltsam! Ich bin mir sicher, sie an die Wand gelehnt zu haben, flüsterte sie gedankenverloren. Doch dort war das Werkzeug nicht mehr. Hektisch durchwühlte sie jede mitgebrachte Tasche. Nichts!
„Werde ich jetzt auch noch vergesslich?“, fluchte sie. Joelin ging in die kleine Küche und danach ins noch kleinere Bad, aber die Pumpe war nirgends zu finden. Ratlos stellte sie sich in den Türrahmen, der den Flur vom Wohnzimmer abgrenzte, und ließ den Blick schweifen. Plötzlich entdeckte sie eine Veränderung. Wenn Joelin nicht im Türrahmen gestanden und so lange in diese Richtung gestarrt hätte, wäre es ihr wahrscheinlich nicht einmal aufgefallen. Die Wohnungstür stand einen Spalt breit offen. Kälte kroch ihren Rücken hinauf.
War jemand in der Wohnung? Aber warum sollte man eine Luftpumpe stehlen? Sollte sie nachsehen, ob irgendjemand vor ihrer Tür stand? Die Aufregung ließ Joelin das Atmen vergessen. Eines war jedoch klar – sie konnte nicht den ganzen Tag wie angewurzelt hier stehen bleiben. Also setzte sie sich in Bewegung. Ihre Muskeln stockten vor Anspannung, als sie den ersten Schritt in Richtung Tür machte. Sie hob die Hand um die Türklinke zu ergreifen, als ein ohrenbetäubender Schlag Joelin aufschreien ließ. Im ersten Moment dachte sie, die Tür sei ins Schloss gefallen. Nur ein Blick genügte, um ihr das Gegenteil zu beweisen. Die Wohnungstür stand weiterhin einen winzigen Spalt breit offen. Demnach musste das Geräusch aus ihrer Wohnung gekommen sein. Joelin spürte, wie sich die winzigen Härchen in ihrem Nacken langsam aufstellten.
Hatte sich der Einbrecher an ihr vorbeigeschlichen und versteckte sich hier jetzt irgendwo? Obwohl sie das starke Bedürfnis hatte wegzulaufen, widerstand sie dem Drang. Ganz langsam, fast schon in Zeitlupe, wandte sie sich um und rechnete mit dem Schlimmsten. Im wenigen Licht des dunklen Flurs war nichts zu sehen. Sie ging zum Badezimmer hinüber, drückte die Türklinge hinunter und spähte durch einen schmalen Schlitz hinein. Auch hier war niemand. Genauso verhielt es sich im Wohnzimmer und der angrenzenden Küche.
Was um alles in der Welt hatte diesen lauten Schlag verursacht?
Wieder stand sie reglos da, um zu überlegen – als sie es sah. Aus dem Einbauschrank im Flur ragte der Schlauch der Luftpumpe. Er steckte zwischen Tür und Rahmen, ganz als ob sie die Pumpe achtlos hineingestopft hätte.
War die Pumpe vom oberen Regalbrett gefallen? Doch Joelin wusste, dass sie noch nicht an diesem Schrank gewesen war. Außerdem würde sie niemals etwas so flegelhaft verstauen. Ein kalter Windhauch wehte durch das gekippte Fenster herein und erfasste ihr blaues Haar. Erneut erklang ein ohrenbetäubendes Krachen und Joelin zuckte erschrocken zusammen. Schwer atmend lugte sie in den Flur – der Wind hatte die Tür zugestoßen.

Joelin hasste Unordnung. Bereits in ihrem Elternhaus musste alles an seinem vorgesehenen Ort liegen. Das war das Einzige, was ihre Mutter ihr nicht hatte vorhalten können. Es hatte Franka trotzdem nicht davon abgehalten, sie dafür abzuwerten. Die wenigen Male, in denen sie ihrer Mutter erlaubt hatte, ihr Zimmer zu betreten, hatte sie meist sofort bereut. Franka besaß die lästige Angewohnheit, sich auf die Tischkante ihres Schreibtisches zu setzen, während sie mit ihr sprach. Dabei brachte sie mit ihrem knochigen Hinterteil immer all ihre Malutensilien durcheinander. Joelins Ermahnungen wurden mit einem Augenrollen abgetan, bis sie eines Tages deshalb einen Wutausbruch erlitt, denn diese unbelehrbare Frau hatte sich auf eine Farbtube gesetzt und das Lila war quer über ihre neuste Arbeit gespritzt. Tage hatte sie damit zugebracht, das Porträt bis zur Perfektion zu schattieren, und ihre Mutter verdarb alles in wenigen Sekunden. Jener Tag war der letzte gewesen, an dem Franka ihr Zimmer von innen gesehen hatte.
Doch ihre Mutter war nicht da, und sie selbst würde so eine Liederlichkeit niemals hinterlassen. Aber wie sollte sie sonst dort hingekommen sein, es war niemand weiter hier. Sie hatte sich gerade eben davon überzeugt. Dennoch wünschte sich Joelin, jetzt nicht allein zu sein. Langsam ging sie auf die geriffelte Holztür zu, um sich einen Überblick zu verschaffen. Mit zitternden Fingern umschloss sie den Türgriff, dann atmete sie tief durch. Was sollte sie tun, wenn sich dort ein Fremder versteckte? Joelin hatte keine Ahnung. Ihr Herz sprang ihr fast aus der Brust. Ruckartig zog sie die Tür auf. Nichts! Die Pumpe lag unschuldig am Boden, doch sie hatte ein tiefes Loch im Parkett hinterlassen.
„Scheiße!“, entfuhr es Joelin. Im Schrank war natürlich niemand. Ihr eigentliches Problem war das Loch und sie machte sich über imaginäre Eindringlinge Sorgen.
Während Joelin sich über ihre Nachlässigkeit ärgerte, fragte sie sich, wann sie so schreckhaft geworden war. Früher hatte sie sich einen Spaß daraus gemacht, andere zu erschrecken. Das musste wohl am Alter liegen. Mit einem weiteren Schreck, der sie wie ein Blitz durchfuhr, fiel ihr etwas ein. Es blieben nur noch sieben Stunden bis zu ihrem dreißigsten Geburtstag.