Spiegelbilder
Meine Augen schmerzen. Ich komme nicht umhin, sie fester zusammenzukneifen, bis nur ein dünner Schlitz verbleibt, um überhaupt noch etwas sehen zu können. Die grell leuchtende schematische Darstellung vor mir dreht sich langsam um die eigene Achse und zeigt das Pneumoiden-Planetenkiller-Geschoss, das in Tunguska gefunden wurde.
Ich erinnere mich daran, dass ich heute kaum etwas getrunken habe und gestern – wie in letzter Zeit üblich – viel zu spät ins Bett gegangen bin. Nach mehreren Stunden in dieser Konferenzschaltung brennen meine Augen, und mein Kopf dröhnt.
Die krächzende Stimme in meinen Ohren verbessert mein allgemeines Befinden nicht wirklich. »… können Sie sich sicher denken! Ich lehne diesen Vorschlag ab!« Im Hintergrund der Darstellung schüttelt der Leiter der Abteilung, ein Mann namens Connelly, hektisch den Kopf. »Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.«
Was würde ich dafür geben, wenn diese Konferenz endlich enden würde. Vor allem, weil es mich nicht die Bohne interessiert. Seit Wochen versuchen ich und die anderen beteiligten Mitarbeiter von Eurasian-Armoury, eine Verteidigung gegen zukünftige Angriffe der Pneumoiden-Kleriker zu finden. Ein in meinen Augen fragwürdiges Unterfangen. Doch nachdem durch einen unvorsichtigen Regierungsbeamten der Amerikaner vor einigen Monaten Informationen über das Pneumoiden-Geschoss in Tunguska an die Öffentlichkeit gelangten, ist die Weltbevölkerung verständlicherweise besorgt. Mehr als besorgt. Die ersten Panikreaktionen führten zu einer weiteren Verschärfung der Situation auf der Erde. Und das gerade in dem Moment, als die Stromnetze wieder hochgefahren wurden und es nach einer allgemeinen Beruhigung aussah.
Die angesprochene Mitarbeiterin, eine Frau gehobenen Alters mit kurzem braunem Haar, verschränkt die Arme und stößt einen beleidigten Laut aus. Ich erinnere mich nicht an ihren Namen, habe nur noch im Kopf, dass sie aus Peru zugeschaltet ist.
Apunaz? Alpiza? Wie hieß sie noch gleich?
Connelly streckt einen Arm aus und zeigt auf meinen Nachbarn in der Runde. »Der Nächste!«
Jetzt ist also Igor Velikanov dran. Ein beeindruckend großer Russe mit hellblondem Haar und dem kantigsten Gesicht, das ich jemals gesehen habe. Schon beginnt er mit dem Vortrag seiner heutigen Idee.
Ich höre kaum zu. Mir sind diese ganzen Besprechungen zuwider. Der einzige Grund, warum ich mir das immer wieder antue, ist dass ich irgendwie Geld verdienen muss.
Sobald diese dämliche Konferenz beendet wird, kann ich mich endlich wieder anderen Dingen zuwenden. Zielführend ist das sowieso nicht. Entweder reichen die Ressourcen der Erde nicht aus, um unsere Ideen zu realisieren, oder wir stoßen an die technischen Grenzen des Umsetzbaren. Der Preis dafür, dass die Welt künstliche Intelligenzen verboten hat. Ohne deren Hilfe hat sich die Technik seit dem 21. Jahrhundert nur in beschränktem Maße weiterentwickelt. Es fehlt die Unterstützung in Theorie und Praxis, der Materialherstellung und der Entwicklung neuer Konzepte. Dafür sollen wir Menschen jetzt eine Lösung für das Unmögliche finden.
Denn dass ein weiteres Geschoss – oder gleich mehrere – auf dem Weg zur Erde sein könnten, das gilt unter Experten als gesichert.
Dass die Kleriker ihren Wunsch, alle nicht gasförmigen Lebensformen in ihrer Reichweite zu vernichten, weiterverfolgen, daran kann kein Zweifel bestehen. Sicher werden die feindlichen Pneumoiden die beschossenen Sternensysteme nach einem Angriff eine gewisse Zeit genau beobachten, um sicherzugehen, dass ihr Beschuss erfolgreich war. Falls die Kleriker Funksignale der Erde aufgefangen haben, werden sie ihren Fehlschlag korrigieren wollen. Dagegen gilt es gewappnet zu sein.
Teilweise kamen die absurdesten Ideen zur Sprache. Alles nur, um eine Möglichkeit zu finden, den Beschuss mit einer Pneumoiden-Waffe aus einem fast zehn Lichtjahre entfernten Sternensystem abzuwehren.
Ein Objekt, das sich mit so großer Geschwindigkeit bewegen muss, dass alle herkömmlichen Ortungssysteme überfordert sind.
Ein Objekt, das gleichzeitig vor der gewaltigen Leere des Weltraums so winzig ist, dass selbst die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen mehr Erfolg verspricht.
Ein Objekt, das über genug Zerstörungskraft verfügt, die gesamte Biosphäre der Erde durch eine Sonneneruption zu vernichten oder das Magnetfeld des Planeten selbst zum Kollabieren zu bringen.
Schnell, nahezu unsichtbar, tödlich.
Ein Zustand, den auch ich anstrebe. Allerdings in einem vollkommen anderen Kontext.
»Major?« Connellys energische Stimme hallt in meinen Ohren. Mein Nachbar hat seinen Vortrag früher als gedacht beendet, und ich habe wohl mein Stichwort verpasst.
»Ja?«
»Wären Sie so freundlich, uns Ihren heutigen Vorschlag zu unterbreiten?«, fragt Connelly und schaut mich mit leicht schräg gehaltenem Kopf an. In der Vergangenheit hat er oftmals keinen Hehl daraus gemacht, dass er mich nicht leiden kann.
»Aber sicher«, antworte ich. »Doch ich möchte Sie noch einmal auf die korrekte Anrede hinweisen. Ich bin Major außer Dienst.«
Mit einem Hauch Zufriedenheit nehme ich zur Kenntnis, wie der arrogante Connelly rot anläuft und verärgert schnaubt. »Danke für den Hinweis, Major a. D. Ihr Sinn für Details zaubert uns allen immer wieder ein Lächeln auf das Gesicht. Haben Sie sonst etwas Interessantes beizutragen?«
Igor verkneift sich ein Kichern.
»Leider nicht«, sage ich. »Ich habe bereits alle meine Vorschläge zur Sprache gebracht. Mir kommen leider keine neuen Ideen mehr.«
»Soso. Liegt es daran, dass Ihrer militärischen Kreativität Grenzen gesetzt sind? Schließlich haben wir Sie gerade wegen Ihrer Erfahrung in dieses Team geholt. Oder waren Sie wieder mit irgendwelchen anderen zeitraubenden Projekten beschäftigt, von denen Sie uns nicht berichten wollen?«
»Keineswegs«, erwidere ich. »Aber alle meine Vorschläge entsprachen bisher nicht Ihren Erwartungen. Zumindest was den finanziellen Aufwand angeht.«
»Dies ist eine Denkfabrik für ein außergewöhnliches Problem.«
»Dessen bin ich mir bewusst.«
»Offenbar muss ich Sie erneut an Ihre Aufgabe erinnern, Major a. D. Holmgren. Als größter Waffen- und Raumschiffproduzent des Eurasischen Kontinents wurden wir von den Vereinten Nationen beauftragt, eine Verteidigungsstrategie zu entwickeln. Und wir bauen dabei auf Ihre Mithilfe.«
»Auch das weiß ich …«
»Dann liefern Sie! Ansonsten endet dieses Projekt für Sie heute mit Ihrem Rauswurf. Ich akzeptiere nicht, dass Sie die zweite Woche in Folge keinen Vorschlag abgeben. Denken Sie! Dafür werden Sie bezahlt.«