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Josephine Becker

Rakna

Prolog

„Hat sich in der Zwischenzeit etwas getan?“
„Sie spricht und isst nicht, steht nicht auf und reagiert auf niemanden. Es ist, als wäre sie gar nicht bei uns!“
„Was hat das zu bedeuten?“
„Ich glaube, es war ein zu großer Schock für sie! Hast du bereits nach ihm suchen lassen?“
„Psst, wir sind da!“, mit diesen Worten öffnete Thuriell eine hölzerne Tür, tief unter der Oberfläche in den verzweigten Gängen des Erdreiches. Sheela, ihre Vertraute, begleitete sie. Zwar war der Blick der Blinden starr und ausdruckslos, aber dennoch lag Bedauern in ihren hübschen Zügen. Die beiden Elfenfrauen blickten auf eine zusammengekrümmte Gestalt hinab, welche sich unscharf unter der seidenen, weißen Decke abzeichnete. Ihr Gesicht war abgewandt und wies zur Wand. Sheela ließ sich vorsichtig neben der Frau auf das Bett sinken. Ihre Stimme war ruhig aber besorgt, als sie zu ihr sprach: „Wie geht es dir heute?“
Von der Frau kam keine Reaktion – auch nicht, als sie ihre zarte Hand auf die aufragende Schulter legte. Raknas Blick war leer und ausdruckslos, als ob sie die graue Steinwand vor sich gar nicht wirklich sah.
„Rakna, du darfst dich nicht aufgeben! Es kommt alles in Ordnung. Bitte komm zurück, wo auch immer du gerade bist!“
Es war wieder kein Anzeichen dafür zu erkennen, dass sie etwas von dem Gesagten verstanden oder auch nur gehört hatte. Keinerlei Regung zeichnete sich in ihrem vernarbten Gesicht ab. Sheelas Lippen begannen zu zittern. Was hatten sie nur angerichtet? Sie hatten ihr zu viel zugemutet und nun war sie an den hohen Anforderungen zerbrochen. Am liebsten würde sie sich dafür selbst ohrfeigen. Doch damit wäre niemandem geholfen. Aber was konnten sie jetzt noch tun? Bereits seit neun Tagen und Nächten lag sie so da, ohne eine Regung zu zeigen. Soweit sie es nachvollziehen konnten, schlief sie auch nicht. Rakna lag einfach nur da und starrte die Wand an. Gestern hatte Echna die junge Frau besucht. Obwohl sie behutsam vorgegangen war und Rakna begrüßt und ihr von alten Zeiten erzählt hatte, holte sie es nicht aus ihrem Wachtraum zurück. Auch Tamlyn war da gewesen. Er hatte die kleine Hope mitgebracht. Doch anstatt sie wachzurütteln, brachte Raknas Teilnahmslosigkeit das Mädchen nur zum Weinen. Aus Verzweiflung hatte Echna einen bescheidenen Wachtrupp zusammengestellt und war auf die Suche nach Fenrick gegangen. Vielleicht konnte er die Menschenfrau zurückholen? Sie waren ratlos und die Machtlosigkeit machte besonders Thuriell zu schaffen. Mit so einem Zustand, in welchem sich Rakna jetzt befand, hatten sie es noch nie zuvor zu tun gehabt. Körperlich fehlte ihr nichts, sie war kerngesund. Es schien eher, als ob ihr Geist erkrankt wäre, als ob sie sich aufgegeben hätte.
„Was ist mit dem Abtrünnigen? Kann er bald aufstehen?“, fragte Sheela an Thuriell gewandt, welche schon wieder nervös auf und ab lief.
„Er erhält heute den letzten blutbildenden Trank und laut Salvus kann er Rakna morgen besuchen.“
Just in diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und ein eisiger Luftstrom wurde ins Zimmer gefegt. Eben jener Elf, von dem sie gerade gesprochen hatten, wurde vom Meister der Heilkünste hereingeführt. Er war blass wie eine Leiche und schaffte es kaum, sich allein auf den Beinen zu halten. Doch bei Raknas Anblick zeichnete sich Entschlossenheit auf seinem markanten Antlitz ab.
„Es tut mir wirklich leid, Herrin, aber er hat gedroht auf eigene Faust nach ihr zu suchen, wenn ich ihn nicht hierhergebracht hätte.“
Die Herrscherin des Erdreiches seufzte schwer. Diese Entwicklung schien ihr überhaupt nicht zu gefallen, doch in Anbetracht jener Tatsachen ließ sie Milde walten.
„Also gut. Bringt ihm einen Stuhl. Vielleicht kann er ja zu ihr durchdringen.“
Salvus wollte den entkräfteten Dyrus auf einen nahegelegenen Hocker bugsieren, aber der Elf ließ sich neben Rakna auf das Bett gleiten. Vorsichtig beugte er sich über ihr Gesicht, um es anzusehen. Die weißen Narben prangten wie Brandmale auf ihrer Wange. Ihr Blick war noch immer leer. Sheela trat an Thuriells Seite, dabei schlang sie die Arme fest um ihren eigenen Leib. Panische Angst übermannte sie, was sicher deutlich auf ihren feinen Zügen abzulesen war. Was, wenn er es nicht schaffte zu ihr durchzudringen, wenn es niemand schaffte? An die Folgen wollte sie gar nicht denken. Dyrus begann leise auf Rakna einzureden. Aber wie schon zuvor passierte nichts. Ihre trockenen Lippen waren weiterhin leicht geöffnet und zeigten kein Anzeichen einer Antwort. Er erzählte vor aller Augen von ihrer letzten großen Reise und versicherte ihr, dass es noch einmal gut ausgegangen war und sie sich keinerlei Vorwürfe machen musste. Der Elf sprach mit seiner rauchigen Stimme und ließ nichts unversucht. Doch als sie sich weiterhin nicht regte, packte ihn die Verzweiflung. Unsanft rüttelte er an ihr, sodass Thuriell sich gezwungen sah, dazwischenzugehen.
„Haltet ein! Das bringt sie auch nicht zurück!“
Allgemeine Hoffnungslosigkeit machte sich unter den Anwesenden breit. War es das jetzt gewesen? Wäre ihr aller Schicksal nun mit dem offensichtlichen Wahnsinn Raknas besiegelt und würden sie so gemeinsam untergehen? Es waren deutlich Tränen in Dyrus grauen Augen zu sehen. Der Zustand seiner Weggefährtin schien ihn schwer mitzunehmen. Als ihm nichts mehr einfallen wollte, begann er mit sanfter, aber tiefer Stimme zu singen. Sheela, die den Mann eigentlich nicht kannte, zog es nun dennoch wie magisch an. Erst war ein leichtes Zittern in jenem Klang zu vernehmen, doch dann sang er aus vollster Kehle und bezauberte alle mit seinem Gesang.

„Es fällt herab ein Blatt vom Baum,
es wiegt im Wind, man sieht es kaum.
Legt sich hinab, ganz sanft ins Grab,
bedeckt das Kind in seinem Schlaf.
Ist kein Gruß vom Weidenbaum,
Erwacht nie mehr aus seinem Traum.“

„Seht nur, Rakna schließt ihre Augen!“, rief Salvus aufgeregt. Er war um das Bett herumgegangen und sah Rakna nun vom Fußende aus neugierig an. Bestärkt durch die Beobachtung des Meisters der Heilkunst, sang Dyrus nun aus tiefster Seele:

„Es fällt herab ein Blatt vom Baum,
es wiegt im Wind, man sieht es kaum.
Berührt das Herz, voll Mutterschmerz.
Bringt nicht zurück, was sie begehrt,
der letzte Wunsch bleibt ihr verwehrt.“

Kaum, dass er die zweite Strophe beendet hatte, war Raknas Atem ruhig und gleichmäßig geworden. Ihre Arme, die eben noch steif zur Brust gezogen waren, lagen nun entspannt neben dem Körper.

„Es fällt herab ein Blatt vom Baum,
es wiegt im Wind, man sieht es kaum.
Sticht den Vater, gleich einem Dorn,
der merkt es nicht, in seinem Zorn.
Stürzt auch hinab,
in des Kindes Grab.“

Als er das Lied ausklingen ließ, schien die junge Frau eingeschlafen zu sein. Er strich ihr sanft über das Haar, und auch wenn sie nur in einen sachten Schlummer gefallen war, zeigte es doch, dass Rakna um sich herum etwas wahrnahm. Sie hatte ihn gehört und hatte sich durch seine Ballade beruhigen lassen. Es war nicht alles verloren! Dyrus schwor vor allen Anwesenden, nicht eher hier wegzugehen, bevor Rakna nicht erwacht war. Denn die Aussicht, dass ihre Augen ihn nie wieder neugierig anfunkeln könnten, schien ihn fast um den Verstand zu bringen.