Gärten der Stille - Verloren
»Willst du wirklich gehen?« Nialis’ Stimme wurde mit einem leichten Echo von den grauen Steinwänden des Klosters zurückgeworfen.
Der Geruch nach Winter hing bereits in der kalten Morgenluft, Zweige und bunte Blätter bedeckten den Boden des Hofes und in den Ecken flüsterte der Wind.
Laemis nickte. »Ich… ich komme zurück. Versprochen.« Sie schluckte und versuchte die Tränen wegzublinzeln, die sich in ihren Augen sammelten.
Nialis runzelte die Stirn und warf ihren hellen Zopf über die Schulter zurück. »Wieso? Wieso jetzt?«
»Es ist so ein Gefühl.« Laemis hob die Schultern. »Ich kann es nicht erklären. Aber es ist so stark. Alles zieht mich dorthin. Seit Tagen schon.«
Sie blickte auf das in dicke Decken gewickelte Baby auf Nialis’ Arm und streckte die Hand aus, um ihm über die Wange zu streicheln. Sie hoffte, dass die Kleine es verstehen würde. Sie würde nicht lange weg sein. Trotzdem zog sich ihr Herz zusammen, als sie sich vorbeugte, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben.
Nialis zog den Umhang über ihrem hellgrünen Novizinnenkleid enger um sich. »Ich werde mich gut um deine Tochter kümmern, so lange du weg bist.« Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter, zum Torhaus.
»Ich weiß.« Laemis nahm einen tiefen Atemzug, dann schlang sie die Arme um Nialis und das Baby drückte beide an sich. »Ich werde euch vermissen.«
»Aber du kommst zurück.« Nialis’ Stimme klang rau und sie räusperte sich.
Laemis löste sich aus der Umarmung und wischte sich über die Augen. »Bevor der erste Schnee fällt.« Sie holte tief Luft. »Versprochen.« Höchstens noch ein Monat, bis das Reisen zu beschwerlich würde. Bis dahin wollte sie zurück sein. Sie griff kurz nach der Hand der Freundin und drückte sie. Die Tasche mit Proviant, die Schwester Avra ihr gepackt hatte, lastete schwer auf ihrer Schulter, zog an ihrem wollgrauen Umhang und dem einfachen Kleid darunter.
Einem plötzlichen Gedanken folgend, zog Laemis eine Holzflöte aus ihrer Tasche und steckte sie Nialis zu. »Damit du an mich denkst«, flüsterte sie.
»Danke.« Nialis lächelte, während es in ihren Augen schimmerte. »Das Licht mit dir.«
»Bis das Licht uns wiederfindet«, erwiderte Laemis und wandte sich schnell ab, damit Nialis nicht die Tränen sehen konnte, die gerade begannen, ihre Wangen hinunterzulaufen. Wenn sie noch länger bliebe, würde sie vielleicht doch nicht gehen. Und dann wäre es zu spät.
Als Laemis das Tor zur Straße öffnete, wehten ein paar braune Blätter vor ihr entlang, als wollten sie ihr den Weg zeigen. Sie raschelten leise im Takt einer Melodie, die der Wind in ihre Ohren wisperte. So bekannt, dass es schmerzte. Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte.