Jasper Field
Alles hatte mit diesem Artikel im Forbes Magazin begonnen. Zwölf Seiten hatten sie geschrieben, vollgestopft mit Hochglanzfotos, Grafiken und ungeheuerlichen Indiskretionen, die sich auch nach Tagen noch so anfühlten, als hätte mich jemand an einem Freitagnachmittag splitternackt über dem Trafalgar Square abgeworfen, mitten hinein ins grelle Rampenlicht der Öffentlichkeit, das ich seit Jahren zu meiden versuchte.
Natürlich hatte ich sie gelesen, diese Titelgeschichte – über mich, über Maximilian Sandberg, den jungen Verlagserben aus Zürich, der in London lebte und in Oxford studierte, und der heute an seinem einundzwanzigsten Geburtstag offiziell die Mehrheit am größten Medienkonzern des Kontinents erben würde.
Zeitungsprinz! So hatten mich die Autoren auf ihrem filmreifen Titelcover genannt, dann aber jede Form von Anstand fallen gelassen und eine Story verfasst, die mich richtig aus der Bahn geworfen hatte. Verwöhntes Einzelkind, goldene Löffel, Citizen Sandberg, Steuerflüchtling. Alles war darin vorgekommen. Alles richtig und alles falsch. Mehrmals hatte ich sogar das Wort Glückskind gelesen, war mir aber nicht sicher gewesen, ob sie tatsächlich mich damit meinten. Denn als vor drei Jahren die zwei wertvollsten Menschen in meinem Leben bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen waren, sah ich mich selbst eher in der entgegengesetzten Ecke des Spielfeldes sitzen.
Paul Keenen, mein Anwalt und langjähriger Freund der Familie, hatte alles versucht, um die Veröffentlichung im letzten Moment noch zu verhindern, doch ohne Erfolg. Wieso hatten sie es ausgerechnet jetzt bringen müssen? Ich hasste diese plötzliche Aufmerksamkeit und das Versteckspiel, vor dem mich Paul schon vor Jahren gewarnt hatte.
Tom kannte mich natürlich. Er war wie ein Bruder für mich, seit wir uns vor Jahren in Eton das erste Mal über den Weg gelaufen waren. Er war mein Zimmernachbar gewesen und jetzt einer der Wenigen, der wusste, was heute in mir vorging. Er wusste von dem Treuhandvertrag, von dem Druck, den ich mir selbst machte und auch von der Bürde dieser gigantischen Verantwortung, die mir mein Vater vermacht hatte, und die ich noch lange nicht bereit war mit mir herumzuschleppen.
Deswegen hatte Tom die Party zu meinem Geburtstag organisiert. Deswegen feierten wir im vornehmen Chelsea, im angesagtesten Club der Stadt. Deswegen trank ich seit Tagen zu viel Alkohol. Tom hatte es gut gemeint, wollte mich für ein paar Stunden ablenken, doch es hatte alles nur noch schlimmer gemacht.
Aber lest selbst.
Es war Punkt Mitternacht. Tom packte meine Schultern, lächelte mir so fröhlich ins Gesicht, wie er es immer tat, und schloss mich dann herzlich in die Arme.
»Alles Gute, mein Lieber!«, sagte er mit seltsam erwachsen klingender Stimme. »Willkommen im Club der Einundzwanziger. Das ist jetzt unsere beste Zeit, Max.«
Er musterte mich lange. Ich erwiderte den Blick und entdeckte unerschütterliche Zuversicht.
»Genieße endlich mal dein Leben«, fuhr Tom euphorisch fort. »Wenn es jemand verdient hat, dann du. Und scheiß auf das, was die Zeitungen über dich schreiben. Die kennen dich nicht. Komm schon. Lass uns heute einfach nur feiern.«
Harter Technosound donnerte durch das schummrige Violett des Clubs, der auf einmal viel größer wirkte, als er in Wirklichkeit war. Ich nickte stumm, nahm noch drei Schlucke aus der Magnum-Flasche, schüttelte meine Anspannung für den Augenblick von mir und folgte Tom und den anderen hinüber auf die Tanzfläche.
Es dauerte nicht lange und ich war völlig durchgeschwitzt. Der viele Alkohol machte mich durstig und so stolperte ich auf der Suche nach Nachschub direkt in die Arme einer attraktiven Brünetten, die mir wie eine zuvorkommende Fee einen neuen Drink reichte. Der Cocktail schmeckte scheußlich, irgendwie nach Chemie, doch ich ließ mir nichts anmerken. Hatte sie mich vielleicht erkannt? Wussten alle im Club Bescheid?
Im Laufe der Nacht griff ich noch weitere Drinks ab, bis das bunt beleuchtete Mosaikmuster der Tanzfläche unter mir zu einem Regenbogen verschwamm, der mit mir davonzufließen schien. Ich taumelte, suchte nach Halt, nach Tom, erkannte aber nur noch flimmernde Punkte, dort, wo eigentlich Gesichter hätten sein sollen.
Die Musik wurde immer lauter und unerträglicher, und von einem Moment auf den nächsten bekam ich plötzlich Angst.
Wahnvorstellungen fielen wie Geister über mich her, und obwohl ich wusste, dass es eigentlich unmöglich war, glaubte ich zu sehen, wie die Gewölbedecke auf mich herabstürzte. Erschütterungen ließen mich wanken. Grimassen gafften mich an. Schwindel drückte mich zu Boden. Mein Schädel brummte und schmerzte. Ich spürte Übelkeit in mir aufsteigen, wollte mich irgendwo festhalten, doch ich war längst nicht mehr Herr meiner Sinne. Meine Arme baumelten schlaff wie an einer Marionette, der man sämtliche Fäden abgeschnitten hatte.
Die Welt drehte sich. Ich schloss die Augen und verfluchte die vielen Drinks und die Schmerzen, die sich jetzt immer kräftiger durch mein Hirn fraßen.
Frische Luft. Ich brauchte unbedingt frische Luft.
Mit letzter Kraft torkelte ich in die Richtung, in der ich den Ausgang vermutete. Ich tastete mich mit beiden Händen an den Wänden entlang, stolperte über Betonquader, die meine Füße waren.
Ich wurde aufgefangen.
Instinktiv griff ich nach dem Bizeps des jungen Mannes, der mich eine Weile mit dunklen Augen anstarrte und irgendetwas zu mir sagte. Er hielt mich fest, zog mich hoch, doch ich konnte nicht verstehen, was er von mir wollte. Da war nur dieses fürchterliche Dröhnen in meinem Kopf.
Ich schaffte es irgendwie, mich von ihm loszureißen, wankte weiter, diesmal in einen tunnelartigen Korridor hinein.
Die bullige Gestalt des Türstehers tauchte wie ein Schatten vor mir auf. Er hielt mir die Tür auf. Der Ausgang, den ich so sehnsüchtig gesucht hatte. Kalte Novemberluft schlang ihre eisigen Finger um meine Kehle. Es regnete. Eiskalte Tropfen, die wie Nadelstiche in meine glühende Haut eindrangen.
Ich hatte den Club kaum verlassen, als alles aus mir herausbrach. Meine Knie landeten in einer Pfütze, meine Hände suchten Halt an der Schaufensterscheibe vor mir, und dann würgte ich bitterlich heulend alles aus mir heraus, was rauswollte. Der Türsteher brummte etwas, machte aber keine Anstalten, mir in meiner hilflosen Lage beizustehen. Er schloss stattdessen die Tür von innen und ließ mich zitternd auf dem nassen Gehsteig zurück.
Der beißende Geschmack von Magensäure brannte in meinem Rachen. Die kalte Nachtluft kroch wie ein Gespenst unter mein schweißnasses Hemd. Tränen liefen mir über die Wangen, Erbrochenes übers Kinn. Es fühlte sich an, als würde ich gleich sterben. Wieso war niemand bei mir? Ich versuchte, mich in Richtung Eingangstür zurückzuschleppen, doch meine Orientierungslosigkeit führte mich in die falsche Richtung. Zwischen zwei geparkten Autos zog ich mich mühsam wieder auf die Beine und schaute nach links. Die Straße war leer. Ein dunkler, bedrohlicher Kanal aus Klinker, der schräg in den Himmel abzudriften schien. Ich würgte Magensäure über das Heck des Wagens, wollte nach Hilfe rufen, brachte aber keinen Ton heraus.
Und dann passierte es. Es war nur ein unbedarfter Schritt nach vorn, gefolgt von einer erschrocken klingenden Stimme hinter mir.
»Verdammt, Max!«, schrie jemand. »Nicht weiter!«
Doch es war bereits zu spät. Etwas rammte mich.
Eine rote Wand, schrill schreiend und mit zwei glühenden Augen, versetzte mir einen so heftigen Schlag, dass ich noch kurz über steinharten Boden schlitterte, einen explodierenden Schmerz in meiner rechten Hüfte spürte, ein Stechen im Kopf und dann nichts mehr.