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Simon Jarr

Jasper Field

Babette Clairmont

Von diesem Tag an blieb das Glück eine Weile an seiner Seite. Das Vier Jahreszeiten, die erste Adresse von Genf, war nun seit zwei Wochen sein neues Zuhause. Jasper wohnte im Hotel, so wie es der Fremde versprochen hatte, und nachdem er sich von seiner schweren Grippe erholt hatte, trat er auch seinen alten Job als Hilfsbarkeeper bei Isabella wieder an. Wer der Mann gewesen war, der ihm das alles ermöglichte, blieb lange ein Geheimnis. Jaspers Hartnäckigkeit, in dieser Sache nachzuforschen, stieß auf Ausflüchte, auf betretenes Schweigen oder oft auf vorgetäuschte, achselzuckende Ahnungslosigkeit. Selbst die Buchungseinträge des Hotels lieferten ihm nur den nutzlosen Hinweis, dass sein Hotelzimmer von einer in Genf ansässigen Anwaltskanzlei beglichen wurde. Ein Name? Fehlanzeige!
Seine Einarbeitung in die Gepflogenheiten der höheren Gastronomie machte dagegen große Fortschritte und es dauerte nicht lange, dass Isabella ihn das erste Mal mit einem vertrauensvollen Augenzwinkern hinaus zu den Gästen schickte. Die alte Dame am Tisch Nummer elf hatte ausdrücklich nach dem adretten, jungen Mann hinter der Bar gefragt. Sie blickte verträumt aus dem Fenster auf die Rhone und wartete auf ihren Erdbeermilchshake und den Salat.
Jasper brachte ihr beides an den Tisch.
»Setzen Sie sich kurz, junger Mann«, bat sie ihn mit betagter Stimme, als er sich schnell wieder verziehen wollte. Ihre knochige Hand zeigte zitternd auf den Stuhl ihr gegenüber. »Leisten Sie einer alten Dame doch ein bisschen Gesellschaft.«
Eine zynische Bemerkung lag ihm bereits auf den Lippen, doch Isabellas ernstes Funkeln bremste sie aus. Er wollte ihr keinen Anlass geben, ihn wieder wegzuschicken. Nur ihr brachte er so etwas wie Vertrauen entgegen.
Jasper setzte sich.
»Sie sehen gut aus«, sagte die Dame fröhlich. »Noch so jung.«
»Mmh.« Jasper grinste frech. »Sie nicht.«
Die alte Dame lachte herzlich und stellte sich anschließend mit Babette Clairmont vor. Als er ihr seinen Namen nannte wiederholte sie ihn mehrere Male. »Jasper Field. Soso, Jasper Field. Das klingt melodisch. Ungewöhnlich, aber schön.«
Er musterte sie wie ein Museumsstück. Der Glanz früherer Zeiten war von den vielen Jahrzehnten ihres Lebens abgetragen worden, doch Eleganz lag noch immer in ihren Zügen. Er kannte keine alten Menschen, selbst seine Großeltern hatte er nie kennengelernt. Babette Clairmont musste weit über achtzig sein.
Sie probierte den Milchshake, bedächtige Züge aus dem Strohhalm, penibel darauf achtend, dass sie dabei keine Geräusche machte oder kleckerte. Dann fuhr sie fort: »Erzählen Sie mir, junger Jasper Field, wie stellen Sie sich ihre Zukunft vor?«
Er lehnte sich zurück und beäugte sie ein paar Sekunden aufmerksam. »Ist Zukunft nicht etwas für Leute, denen die Gegenwart zu langweilig ist?«
Sie nickte in Gedanken. »Vielleicht haben Sie recht«, sagte sie und strich mit ihren zerbrechlich aussehenden Händen über die Tischdecke vor sich. »Das Hier und Jetzt müssen wir auskosten, so gut wir können. Es kommt nicht mehr wieder. Aber manchmal dürfen wir auch träumen.«
»Ich habe aufgehört zu träumen«, knurrte er gelangweilt.
»Na?«, stieß sie etwas entrüstet hervor. »So dürfen Sie an die Sache nicht herangehen, junger Mann. Wenn Sie nicht anfangen loszulaufen, sind Sie nicht auf dem Weg. Wer nicht auf dem Weg ist, kommt auch niemals ans Ziel.«
»Ich bin auf dem Weg«, sagte er. »Es ist nur immer der Falsche.«
»Dann halten Sie die Augen offen«, erklärte sie mit ihrer grenzenlosen Weisheit. »Halten Sie Ausschau nach Chancen und nach Abzweigungen im Leben. Halten Sie Ausschau nach einem anderen Weg, Jasper Field. Wer mit gesenktem Haupt durchs Leben läuft, sieht nur den Dreck und die Steine vor sich, niemals das Licht am Horizont. Vieles Schlechte liegt vor unseren Füßen, das ist wahr. Die Kurzsichtigen unter uns sehen nur das und sie schimpfen und beklagen sich darüber jeden Tag. Nur wer aufgeschlossen ist und den Kopf hebt, kann über den Tellerrand blicken und Schönes sehen.« Die Stimme der Alten bebte. »Und dann dürfen wir nicht zögern, wenn uns etwas gefällt, sondern müssen entschlossen zugreifen.«
Sie hatte so laut gesprochen, dass das Ehepaar am Nachbartisch mit einem zustimmenden »Oui!« in Jaspers Richtung antwortete.
»Also?«, fragte sie, nachdem das verbale Applausgemurmel vom Nachbartisch abgeebbt war. »Was würden Sie gerne mit Ihrem Leben anfangen?«
Jasper musste nicht lange überlegen. »Zuerst meine Matura nachholen«, sagte er. »Danach studieren!«
»Was?«
»Mathematik!«
»Bravo!« Madame Clairmont faltete beide Hände zusammen, wie zum Gebet oder als Dankeschön. »Sehen Sie«, rief sie erfreut aus. »Sie haben sich also doch schon Gedanken gemacht.«
»Es wird nur leider nichts.«
»Was, wenn ich Ihnen sage, dass ich Ihnen das alles ermöglichen kann?«
Jasper spürte, wie sich sein Misstrauen meldete und der Drang einfach aufzustehen, der Alten noch einen schönen Abend zu wünschen und dann weiter das Leben zu leben, das für jemanden wie ihn vorbestimmt zu sein schien, wurde größer und größer.
Doch er blieb sitzen, mit erhobenem Haupt und wacher Neugier auf das, was noch alles kommen würde. »Was, wenn ich Ihnen nicht glaube?«, erwiderte er. »Wieso sollten Sie mir helfen wollen?«
Sie wurde ernst, nickte mehrmals und schob den Salat ein Stück zur Seite, so als bräuchte sie mehr Raum für das, was sie ihm jetzt vorschlagen würde.
»Sie würden es nicht umsonst bekommen«, sagte sie. »Sie müssten schon etwas dafür tun. Ich suche jemanden, der meinem Verwalter auf dem Anwesen etwas zur Hand geht. Es ist ein großer Park und auch im Haus ist immer etwas zu reparieren. Sie würden in dem Appartement über den Garagen wohnen, müssten lernen, wie man Auto fährt, und Sie müssten mich hin und wieder auf eine dieser langweiligen Wohltätigkeitsveranstaltungen begleiten.«
Er blinzelte sie an und grinste. »Ich glaube Ihnen kein Wort.«
Sie lachte. »Denken Sie darüber nach, Jasper Field. Ich bin morgen zur selben Zeit wieder hier. Bis dahin müssen Sie entscheiden, ob Sie die Chance am Wegesrand ergreifen wollen oder nicht.«
»Sind Sie sicher, dass Sie mich wirklich haben wollen? Ich bin … anders!«
»Oh, anders gefällt mir außerordentlich«, verkündete sie amüsiert und zog den Salatteller wieder vor sich. »Bis morgen, junger Mann.«
Das Gespräch war beendet.
Heute konnte er nicht mehr weiterarbeiten, war zu aufgewühlt, stand den ganzen Nachmittag grübelnd und abwägend an der Bar und beobachtete, wie die alte Dame später von einer schwarzen Limousine abgeholt wurde.
Am nächsten Tag kam sie tatsächlich wieder. Er brachte ihr wieder einen Erdbeershake und setzte sich unaufgefordert zu ihr. Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr faltiges Gesicht.
»Na schön, Miss«, fing er an und wurde prompt von ihr unterbrochen.
»Bitte, bitte«, sagte sie etwas konsterniert mit der Serviette herumwedelnd. »Nicht zu förmlich, junger Mann. »Babette reicht vollkommen.«
»Fein!«, sagte Jasper und fuhr fort. »Babette! Nehmen wir mal an, ich sage Ja. Was, wenn Sie unzufrieden mit mir sind?«
Sie schien seine Frage erwartet zu haben. Souverän und ohne eine Regung der Überraschung sagte sie: »Dann werde ich Sie bitten, sich mehr anzustrengen.«
»Ich kann auch jederzeit wieder gehen?«
»Ja, aber das wäre dumm von Ihnen. Sie sind aber nicht dumm.«
Er kniff die Augen zusammen. Ein kurzes Zögern. Dann sagte er: »Ich habe Schwierigkeiten mit anderen Menschen.«
»Wer hat das nicht?«, erwiderte sie tonlos und legte ihre dünnen Arme auf den Stuhllehnen ab. »Das kann man lernen. Ich bringe es Ihnen bei. Sie werden genügend Gelegenheit haben zu beobachten.«
»Wo werde ich studieren?«, wollte er wissen.
»In Oxford, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Jasper ließ sich in seinem Sitz zurückfallen, atmete tief ein, fuhr sich durch seine wieder kurz geschnittenen Haare und stellte eine letzte Frage.
»Was, wenn Sie morgen tot umfallen?«
»Das werde ich nicht«, antwortete sie mit einem heiteren Schmunzeln. »Die wenigsten sterben im Stehen.«
Jasper gefiel ihr Humor. Er lachte sogar. Es war das erste Mal seit sehr langer Zeit.
»Sollte ich sterben«, erklärte sie kurz darauf, »bekommen Sie trotzdem alles, was ich Ihnen soeben versprochen habe.«
Sie streckte ihm die Hand über den Tisch entgegen.
Sie hatten eine Vereinbarung.