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Simon Jarr

Jasper Field

Feuerturm

Mit röhrendem Motorengeräusch ging es bergauf. Wir folgten den Rillen im Schnee, die uns wie Schienen durch den verschneiten Ahornwald führten, der sich, je höher wir kamen, in ein immer dickeres Winterkleid hüllte. Wir achteten penibel auf Hinweise am Straßenrand, verständigten uns mit Handzeichen, entdeckten fast gleichzeitig das hinter hohen Schneewehen verborgene Cottage, hielten uns dort an der Weggabelung rechts und quälten den aufheulenden Schlitten weiter und weiter die zugeschneite Bergstraße hinauf. Schnell gewannen wir an Höhe, bis es nach vier engen Kehren nur noch geradeaus ging, mitten hinein in das Untergeschoss mächtiger Wolkenberge, die wie eine Karawane aus Eis und Dampf über den Mount Equinox hinwegpilgerten. Der Fahrtwind wurde kälter und die Sicht immer schlechter, so schlecht, dass die haushohen Nadelbäume, die unseren Weg in die eisigen Höhen säumten, wie spalierstehende Wintergeister aussahen. Von schwerer Schneelast gebeugte Häupter, mit hängenden Schultern und weißen Mützen.
Es war reiner Zufall, dass ich meinen Blick kurz über den Waldrand vor uns schweifen ließ und ihn dort stehen sah. Einen Geist! Vergilbtes Weiß flatterte fast unsichtbar zwischen den Bäumen. Eine Gestalt, auf jeden Fall menschlich, die plötzlich aufgescheucht wie ein Reh im Nebel davonhuschte.
Ich erschrak. Jasper fuhr ebenfalls zusammen. Er bremste so abrupt, dass ich ohne Vorwarnung gegen seinen Rücken prallte. Er würgte den Motor ab und plötzlich war es totenstill. Mein Herz schlug so laut, als wäre es direkt zwischen meine Ohren hinaufgeschleudert worden. Benommen von dem Schrecken und dem Aufprall kletterte ich vom Schlitten herunter, taumelte ein paar Schritte nach vorn, hinein in den blassen Lichtkegel der Scheinwerfer, klappte mit zitternden Händen das Visier nach oben und sah mich verstört nach allen Seiten um. Undurchdringlicher Nebel, dazwischen schemenhaft weiß gefiederte Tannen.
»Was war das?«, rief ich Jasper luftschnappend entgegen, der ebenfalls abgestiegen war und mit zusammengekniffenen Augen den Waldrand absuchte.
»Bist du in Ordnung?«, wollte er zuerst wissen.
»Ja, nichts passiert. Was war das?«, wiederholte ich meine Frage.
»Oh, gut!« sagte er, noch immer nicht auf meine Frage antwortend. »Du hast es also auch gesehen.« Seine Bestätigung steigerte meine Verunsicherung noch weiter.
»Ja!« Ich blieb ihm dicht auf den Fersen, als er durch den kniehohen Schnee zu den Tannen hinüberwatete. »Sah aus, als hätte jemand am Straßenrand gestanden und ist dann im Wald verschwunden.«
»Mmh«, murmelte Jasper zustimmend, sagte aber nichts weiter. Die Stille war unheimlich. Ich atmete weiße Dampfwolken aus, als hätte der Nebel sich bereits tief in meiner Lunge eingenistet. Das Bild von eben blitzte erneut vor meinen Augen auf. Gebeugtes Haupt, weiße Kutte, kein Gesicht, und dann ein rascher Schritt zurück in den schützenden Wald.
Jasper lauschte konzentriert in die nebelige Kälte. Mein Herzschlag hatte sich wieder beruhigt, sodass ich das Knattern eines fernen Hubschraubers jetzt ebenfalls hören konnte.
»Lass uns weiterfahren«, schlug ich fröstelnd vor. Meine Schritte knirschten im Schnee, als ich zum Schneemobil zurückstapfte. »Wer auch immer das war, ist längst weg.«
Warum ich das sagte, wusste ich selbst nicht, denn ich spürte die Anwesenheit des Fremden noch so deutlich, als stünde er direkt hinter mir. Ich zog mit einem kräftigen Ruck am Startseil und erst das Röhren des Motors veranlasste Jasper ebenfalls zurückzukommen. »Du bist beunruhigt?«, frage er neugierig, bevor er sich auf seinen Sitz schwang.
Ich nickte, ohne mich dafür zu schämen. »Natürlich bin ich beunruhigt. Du etwa nicht?«
Jasper lächelte gelassen und zog die Skibrille wieder über die Augen. »Nicht wegen eines Spinners, der in Bettlaken durch den Wald spukt. Die Welt ist voll von denen.«
Fünf Minuten später erreichten wir das flache Gipfelplateau, was ich nur dadurch erkannte, weil aus der milchig weißen Unendlichkeit plötzlich das flache Gebäude des Besucherzentrums vor uns auftauchte.
Wir manövrierten den Schlitten um den Flachbau herum, parkten dort dicht an der Hauswand, schnallten uns die Schneeschuhe um und setzten unsere schweren Rucksäcke auf. Dann suchten wir im Unterholz einen langen, stabilen Ast für Jasper, bevor wir den beschwerlichen Weg über den Grat zum etwas niedrigeren Nordgipfel antraten.
Eine knappe halbe Stunde später waren wir da. Wie ein Wachturm am obergermanischen Limes ragte der Feuerturm in die Wolken hinauf. Komplett aus Holz erbaut, tief im Felsen verankert, auf vier wuchtigen Pfeilern ruhend, die wie Stelzen in die Höhe wuchsen und dort die geräumige Turmkanzel mit dem umlaufenden Balkon und dem flachen Zeltdach weit über die Baumkronen emporhievte, um von dort oben bei klarem Wetter den bergigen Südwesten Vermonts überblicken zu können.
Von seiner Entdeckerlust angespornt, befreite sich Jasper von den Schneeschuhen, schleuderte seine Behelfskrücke ins Gebüsch und humpelte die Treppe hinauf, die wie eine hölzerne Ranke nach oben wuchs, und die dank des weit ausladenden Daches fast schneefrei geblieben war. Mit jedem Schritt nach oben kamen die Erinnerungen zurück. Tom und ich hatten hier auf dem Turm die lange Sitzbank zusammengehämmert, die Küchenzeile in Einzelteilen hinaufgeschleppt, genauso wie den ausgesessenen Ledersessel, den Esstisch, die vier Holzhocker, zwei alte Teppiche, die bronzenen Schiffslampen, die Elektroheizung, die Propangasflaschen für die Herdplatte und allerlei dekorativen Krimskrams, damit der kleine Raum die Gemütlichkeit bekam, die sich Marcus für seinen Rückzugsort fern jeder Zivilisation vorgestellt hatte, und die ich hoffte, auch jetzt noch vorzufinden.
Oben angekommen, bemerkte ich Jaspers Aufregung, seine Unruhe, die ihn immer dann zu befallen schien, wenn er sich tatsächlich auf etwas freute. Er knurrte mich ungeduldig an, schneller nach dem Schlüssel zu suchen, und als ich ihn endlich gefunden hatte und die schwere Holztür quietschend nach innen aufschwang, drückten wir uns gleichzeitig wie neugierige Kinder durch die schmale Öffnung.
Jasper stand plötzlich mit einem flackernden Streichholz in der Hand neben mir und grinste gefällig.
Ich lächelte zurück und sah mich um. Es war tatsächlich noch alles genauso wie vor drei Jahren.
Hier oben hatten Tom und ich mit Marcus und Bella Weihnachten gefeiert. Einen Heiligabend, so intensiv und friedlich, dass die Erinnerung daran bis heute so klar in meinem Gedächtnis blühte, als wäre es erst gestern gewesen. Ein geschmückter Christbaum hatte neben der Tür gefunkelt, heißer Wind der Elektroheizung war durch den Raum geweht und hatte die Kerzen auf dem Tisch flackern lassen. Der Truthahn, den uns das Hotel heraufgeliefert hatte, war bereits aufgegessen gewesen. Bella hatte dösend neben mir gelegen, sinnliche Adventsmusik war aus dem Radio gerieselt. Vor meinen Augen alles verschwommen, trockene Lippen, meine Wangen ganz nass, und mein Herz leicht und befreit von den langen Gesprächen, und unendlich dankbar, dass es trotz meiner Trauer ein so schönes Fest geworden war. Hier oben hatten mir die drei aus dem Tal der Tränen herausgeholfen. Drei Wochen lang waren sie für mich da gewesen. Drei Wochen lang hatten sie mir Trost gespendet, mich wie einen Bergmann schuften lassen, mich in den Arm genommen und vor allem hatten sie mir zugehört. Meine damalige Redseligkeit war Linderung gewesen, morgens beim Porridge, während der Verschnaufpausen hinauf zum Turm, abends bei Bohnen und Speck aus der Dose und bis weit in die Nacht hinein, immer wieder, geduldig und verständnisvoll.
Und jetzt, dreieinhalb Jahr später, war ich wieder hier, mit den unsortierten Bruchstücken einer Vergangenheit, die ich noch zusammenzusetzen versuchte, um verstehen zu können, was damals wirklich geschehen war.