Das Gefühlsupgrade
EINS
Sieben Uhr ist echt nicht meine Zeit. Vor allem dann nicht, wenn ich vorher sechsunddreißig Stunden an der Tastatur hing, um »War Bot« zu hacken. Fünf Minuten vor Ablauf der Frist hatte mein Virus die waffenstarrenden Avatars durch flauschige rosa Kätzchen ersetzt.
Nicht mein originellster Coup, aber genug für den ersten Platz der diesjährigen Hackerchallenge. Stolz hatte ich mit mir selbst noch eine Flasche Algenschnaps getrunken. Was gut ist, wenn morgens um sieben ein ausdruckslos blickender Kampfandroid deine Tür einschlägt und ein Gefühlsupgrade verlangt.
»Sofort«, erklärt er blechern.
Ein Stimmmodul-Update wäre vielleicht auch keine so schlechte Idee.
»Es ist mitten in der Nacht, du hast meine Tür zerstört, und es ist illegal«, zähle ich leicht außer Atem auf. Ich war zwar aus dem Bett, bevor er den zweiten Schritt ins Zimmer machen konnte, aber solche Adrenalinsprünge sind echt nicht gut für den Kreislauf.
»Es ist null siebenhundert, Definition: früher Morgen«, erwidert er. »Ich habe nur geklopft. Und ich brauche das Upgrade.«
Mit jedem Schritt kommt eine gefühlte halbe Tonne künstliche Muskeln und Mechanik auf mich zu. Bei Kampfandroiden sind Granatwerferarme und nette Gimmicks wie Pistolenfinger oder Schnellschussknie serienmäßig inklusive, auch wenn man das unter dem tarnfarbenen Outfit nicht sieht. Ich weiche zurück, bis meine Kniekehlen gegen die Bettkante stoßen. Schön weiteratmen. Zum Glück sind der Schnaps und ich vor zwei Stunden inklusive Jeans und T-Shirt aufs Bett gekippt.
»Illegal«, wiederhole ich, etwas piepsig. »Zehn Jahre Katakomben für mich, wenn du erwischt wirst. Mindestens. Und ein Kampfandroid mit Gefühlsupgrade wird auffallen, garantiert.«
Er bleckt die Zähne. Schwer zu sagen, ob das ein Lächeln oder eine Drohung sein soll.
»Ich weiß, dass du mir helfen kannst, Krysalis Vej, Vorstrafenregister 31612. Fünf Mal verurteilt, achtundsiebzig Monate und drei Tage Katakomben. Trotzdem hast du heute Nacht an der Hackerchallenge teilgenommen. Und gewonnen.«
Ich schlucke. Seine Augen sind himmelblau. Eigentlich ist bei Kampfandroiden Rot die Farbe der Wahl. Hose und Jacke in Tarnfarben sind allerdings Standardausrüstung.
»Bitte«, sagt er.
Kein Kampfandroid sagt jemals bitte. Wozu auch? Kannst du bitte ein Stück nach links gehen, damit ich dich erschießen kann? Würdest du bitte dein Maschinengewehr /Panzerfaust/Boden-Luft-Rakete fallen lassen?
»›Bitte‹?«, krächze ich ungläubig.
»Ja.« Er ballt die Faust und legt sie an die Stelle, an der sein Herz wäre, wenn er eines hätte. »Ich bin Omicron Alpha 9385832. Ich brauche das Upgrade.«
»Warum? Du bist Warcrafter. Soldat. Mit Gefühlen wärst du untauglich. Ausmusterung, Schrottpresse, Wiederverwertung.«
Das Telefon fängt an zu klingeln. Ich ignoriere es.
Omicron deutet auf den Apparat. »Nachricht entgegennehmen.«
Ich werfe einen Blick auf das lackschwarze Ungetüm aus Bakelit. Das Klingeln ist ein klarer Glockenton. Angenehm, wenn man es drei Mal hört. Allerdings nicht mehr nach dem zwanzigsten Mal.
»Jetzt!«, sagt er im Befehlston.
Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Ich weiß schon, wer dran ist.«
Das Telefon klingelt weiter. Omicron stampft zum Apparat, nimmt ab, und hält mir den Hörer am ausgestreckten Arm entgegen.
Ich seufze und nehme ihn entgegen. »Hi, Mum.«
»Guten Morgen, Schatz.« Ihre Stimme klingt so fröhlich wie lange nicht mehr. »Stell dir vor, Tante Zelda hat für das Familientreffen heute tatsächlich den Sonnenturm gebucht. Mit echten Gurkenschnittchen.«
»Schön für sie.«
»Du kommst doch? Ich würde dich wirklich gern mal wieder sehen.« Ihre Stimme bekommt am Satzende einen leicht vorwurfsvollen Touch. »Wegen deiner Kamera-Allergie weiß ich schon gar nicht mehr, wie du aussiehst. Wirklich, Krys, ich mache mir Sorgen um dich.«
»Du weißt, dass ich Familientreffen hasse.«
»Alle Leute haben ein paar seltsame Menschen in der Verwandtschaft«, kichert sie.
»›Seltsam‹?«, frage ich. »Wie definierst du das? Allein Tante Zelda mit ihrem Jugendwahn. Jede Wette, sie lässt sich vor dem Treffen noch einmal zwanzig Jahre wegspritzen.«
Meine Mutter lacht. »Das hat sie schon. Im Display sah sie aus wie fünfundzwanzig. Also, kommst du?«
»Ich schicke ein Hologramm.«
»Krysalis!« Mums Stimme wird streng. »Untersteh dich. Hologramme zu schicken ist schlechter Stil.«
Ich hasse es, wenn sie meinen vollen Namen benutzt. Seit Dads Tod hat sie das nicht mehr getan. Wahrscheinlich, weil das mit den Namen seine Idee war. Meinen Bruder hat es noch schlimmer erwischt, er heißt Rubin. Manchmal haben wir uns ausgemalt, wie weitere Geschwister benannt worden wären. Diamant? Saphir?
»Ich komme sonst auf jeden Fall morgen vorbei und sehe nach dir«, höre ich die Stimme meiner Mutter in der Leitung. »Deine neue Wohnung kenne ich noch gar nicht.«
Bei allen Trojanern, nur das nicht. Meine »Wohnung« besteht aus einem fensterlosen Raum mit Kochplatte und einem schrankgroßen Bad in der schlimmsten Gegend von Fucity. Hier sind die Junkies high und die Mieten »low«. »Schon gut, Mum. Ich komme zum Familientreffen. Ganz analog.«
»Gut.«
»Ich muss Schluss machen.«
»Ich liebe dich, Schatz.«
»Ich dich auch.«
Ich lasse den Hörer auf die Gabel fallen und seufze.
Der Android deutet mit seiner beeindruckend großen Hand auf den Apparat. »Warum war Anrufer bekannt?«
»Es gibt nur zwei Leute, die meine Nummer haben.« Und der eine davon ruft nie an.
Omicron nickt wissend. »Telefonkontakt nicht möglich. Nummernsuche: Error.«
Ich grinse stolz. Das von einem NDS-Lakaien zu hören ist ein echtes Kompliment. Ein System, das digitale Signale in analoge umwandelt, über zwei stark gesicherte Server läuft und jeden Tag die Codierung wechselt – das treibt selbst die Dechiffrierungsprogramme der NDS, der National Data Security, in den Wahnsinn. Bisschen viel Aufwand, um mit seiner Mutter zu telefonieren, könnte man einwenden. Aber die drei Monate Programmierarbeit waren genau das, was ich brauchte, um den Staub der Katakomben loszuwerden.
»Upgrade jetzt?« Der Android steht immer noch neben dem Telefon.
Ich schüttele den Kopf. »Upgrade für dich, heißt Katakomben für mich.«
»Ich passe auf.«
»Das sagen sie alle«, murmele ich.
Omicron knöpft seine Armeejacke auf. Das tarnfarbene T-Shirt darunter ist voller Brandlöcher.
Ich schnappe nach Luft. »Wie ist denn das passiert?«
Er sieht mich fragend an.
»Die Löcher.« Ich deute auf sein T-Shirt.
»Feindberührung.«
»Welche Feinde?«
»Menschliche.«
»Ich dachte, da draußen gibt es keine menschlichen Soldaten mehr.«
»Selten«, sagt Omicron. »Zu schnell tot.«
Er zieht das T-Shirt aus. Im Gegensatz zu dem leicht gebräunten Teint von Gesicht und Armen, ist sein Torso betongrau. Panzerplastilin. Im Torso sitzt der zentrale Rechner, wenn der getroffen wird, ist wieder ein Android auf dem Weg in die Wiederverwertung. Auf dem Modell vor mir sind daumennagelgroße, verschmorte Stellen zu sehen.
»Hast du Schmerzen?« Omicrons werden mit Schmerzempfinden programmiert. Nur sehr wenig, denn sie sollen ja mutig und furchtlos ihr Leben für die Interessen ihrer Auftraggeber riskieren. Aber ihren teuren Hightech-Body auch nicht sinnlos vergeuden. Aus diesem Grund kann ihr Schmerzempfinden auch nicht abgestellt werden.
»1,4 «
»Auf einer Skala bis?«
»Zehn.«
Ich hole eine kleine Dose Panzerplastilin aus dem Gewürzschrank in der Küche und werfe sie ihm zu.
Er rollt die Plastilinkugeln fachmännisch zwischen den Handflächen, bis sie weich werden, und streicht sie über die Brandlöcher. Nach ein paar Minuten sind die Stellen fast nicht mehr zu sehen.
»Schmerzen: null Prozent, optische Wiederherstellung: neunundneunzig Prozent«, verkündet Omicron. Er drückt auf einen kleinen Knopf an seiner rechten Seite. Eine Klappe öffnet sich und gibt den Blick auf die Hauptplatine frei.
Ich muss gestehen, es juckt mich in den Fingern. An einer Omicron-Hauptplatine wollte ich schon immer mal herumspielen.
»Du glaubst, ich könnte jetzt einfach ein Kabel in deinen Zentral-Port einstöpseln und ein Gefühlsupgrade für dich von meinem Rechner ziehen?«
Omicron nickt.
»Ein Gefühlsprogramm ist eine komplizierte Angelegenheit. Das müsste ich komplett neu entwickeln und konfigurieren.«
»Achtundvierzig Stunden«, sagt Omicron. Er schließt die Klappe wieder.
»Unmöglich«, sage ich.
»Assistenz einbinden«, sagt er.
»Ich arbeite allein.«
»Nicht korrekt. ›Exploding Dessert‹, programmiert mit Lucas Stone und Torge Hammersfar 2050.«
»Katakomben. Beide.«, sage ich.
»›Skinferno‹, 2058, entwickelt mit Marc Troski, Shen Lu Zhang und Jem Salash.«
Ich schlucke. »Skinferno« war mein letztes Bugbaby, mein größtes Ding. Ein weltweiter Erfolg. Dass wir die Server der New-Age–Center tagelang lahmgelegt haben, hat die Beauty-Industrie damals fast in den Bankrott getrieben.
»Wenn du das weißt, weißt du ja auch, dass Shen und Marc noch in den Katakomben sitzen und Jem …«
Der Android nickt. »Jem Salash, Exitus 31. Dezember 2061.«
Ich muss mich setzen.
Omicron kommt einen Schritt näher.
»›Shrink Shock‹, Prototyp in Arbeit mit Bonecrusher, Alias von …«, Omicron zögert. »Alias unbekannt«, sagt er.
Mir wird kalt. »Shrink Shock« ist mein neuestes Projekt. Eine kleine Fingerübung, damit ich nicht einroste. Unter strengen Sicherheitsauflagen entwickelt, nicht zur Veröffentlichung. Außer mir ist nur Bonecrusher eingeweiht. Er ist okay, wir kennen uns seit ein paar Jahren übers Netz. Ein Fan. So was gibt es. Verrückte Programmierer, die Fans von anderen verrückten Programmierern sind. Er hat so lange gebettelt, bis ich ihn mitmachen ließ.
Meine Handflächen werden feucht. »Woher weißt du das?«
Nicht von Bonecrusher, sonst wüsste er auch, wer hinter dem Alias steckt. Omicrons werden von der NDS gesteuert. Also hat die NDS meinen Rechner geknackt. »Shrink Shock« hat kein systemrelevantes Gefährdungspotenzial, aber mit meinen Vorstrafen reicht es allemal für einen weiteren Aufenthalt in den Katakomben. Wie konnte ich nur so bescheuert sein zu denken, nach zwei Jahren ohne unabhängigen Rechnerzugang wäre ich noch schnell genug für die NDS?
Der Omicron steht mitten im Raum und sagt nichts. Was mich noch mehr beunruhigt. Androiden sind darauf programmiert, jede Frage zu beantworten. Aber dieser hier schließt nur die Klappe seiner Hauptplatine, zieht das T-Shirt über seine reparierte Brust und steckt die Hände in die Taschen seiner Cargohose. Ich versuche es mit einer anderen Richtung. »Seit wann weißt du über ›Shrink Shock‹ Bescheid?«
»Seit fünf Uhr fünfzig.«
Ich gucke auf die Uhr. »Seit über einer Stunde?«
»Eine Stunde, zehn Minuten, vierundzwanzig Sekunden«, verbessert Omicron.
Ich fange an zu schwitzen. »Wie viel Zeit habe ich noch, bis die NDS hier eintrifft?«
»Statistisch gesehen dreißig Minuten, zehn Sekunden.«
»›Statistisch gesehen?‹«
»Ein Mittelwert. Basiert auf den Daten der NDS-Aktionen der letzten fünfzig Jahre.«
Ich bin schon auf den Beinen, ziehe meinen Rucksack unter dem Bett hervor und werfe Unterwäsche, eine Jeans, drei T-Shirts und einen warmen Pulli hinein. Aus dem Sockenfach ziehe ich einen aufgeladenen Cashchip, zum Glück bin ich altmodisch genug, so etwas zu haben, dann gehe ich zum Telefon. Während ich wähle, schirme ich den Apparat mit meinem Körper ab, aber wahrscheinlich kann der Omicron allein aus der Dauer des Wählscheibenrücklaufs schließen, welche Zahl gerade dran ist. Hilft nichts, ich habe schon lange kein Handy mehr, und wer die öffentlichen Drohnofone benutzt, kann sich ebenso gut direkt mit der NDS verbinden lassen.
»Ja?« Die Stimme klingt verschlafen und sehr jung. Fast wie ein Kind.
»Bonecrusher?«
»Ich hole ihn.« Stille. Dann sagt eine deutlich tiefere Stimme: »Bonecrusher.«
»Hier ist Krys. Ich habe einen ›E 101‹.«
Einen Moment bleibt es still. Kein Wunder, »E 101« heißt: Wer auch immer mir hilft, hat jede Menge Ärger an den Hacken, wenn er auffliegt.
»KV«, sagt die Stimme.
Ich atme auf, werfe den Hörer auf die Gabel und bin in zwei Schritten an der Tür.
Omicron beobachtet mich. »Wohin?«
»Weg«, sage ich knapp.
Er zieht eine kleine Pistole aus der Innentasche seines Overalls.
»Was ist? Willst du mich erschießen, bevor die NDS kommt? Dann wird es erst recht nichts mit dem Upgrade.«
Seine Augen werden rot. Ich wusste, dass Omicrons im Kampfmodus schnell sind. Aber nicht, dass ich nicht einmal zu Ende blinzeln kann, bevor er neben mir ist, die Pistole unter meinen T-Shirt-Ärmel schiebt und abdrückt. Der Schmerz ist kurz und stechend.
»Au! Verdammt noch mal.« Ich blicke ungläubig auf meinen Oberarm. Ein kleiner roter Punkt ist dort zu sehen. »War das etwa ein Tracker?«
Omicron nickt gleichgültig, steckt die Pistole in den Gürtel zurück und zieht den Reißverschluss seiner Jacke zu, als wäre nichts geschehen. Ich trete ihn spontan zwischen die Beine, aber das schert ihn natürlich wenig. Obwohl alle Welt davon ausgeht, dass Omicrons männlich sind, hat das nicht dazu geführt, dass sie mit mehr als den allernötigsten Körperteilen ausgestattet werden. Arme, Beine, Rumpf, Kopf. Das genügt für die moderne Kriegsführung. Der Kopf ist eigentlich überflüssig. Der ist nur ein Zugeständnis an die Materialästhetik.
Ich verpasse ihm noch ein paar Fausthiebe, nur so, zum Abreagieren. Das tut weh. Panzerplastilin hat seinen Namen wirklich verdient. »Du Scheißroboter, du Bug-Ansammlung! Fehlprogrammierter, hässlicher Haufen von Schaltern! Du platinenzersetzender …«
»Noch zwanzig Minuten und fünfundvierzig Sekunden«, sagt Omicron ungerührt.
»… Scheißhaufen!«, brülle ich. »Wie kannst du es wagen, mich zu tracken?«
»Du wolltest fliehen.«
»Androiden ist der Einsatz von Trackern verboten. Siebtes Asimov‘sches Gesetz.«
»Nicht bei Kriegsrecht«, sagt Omicron.
»Und in welchem Krieg befinden wir uns?«
»Privatkonflikt. Du willst mir nicht helfen, aber ich brauche das Upgrade.«
»Du hast mir die NDS auf den Hals gehetzt!« Ich gebe ihm einen letzten kräftigen Tritt, aber er bewegt sich nicht ein Bit.
»Negativ. Noch neunzehn Minuten und fünfundfünfzig Sekunden«, sagt er ungerührt.
Ich reiße die Tür auf.