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Jo Brode

Das Gefühlsupgrade

Kapitel 2

ZWEI
Auf dem Weg zur U-Bahn renne ich, bis schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen. Es ist das Schwachsinnigste, was ich tun kann. Jeder, der sich nicht im Normaltempo bewegt, wird von einem Überwachungsalgorithmus rausgescannt und landet als 3-D-Aufnahme in einem der Normenkontrollzentren. Ich ziehe mir den Schirm der Baseballkappe noch tiefer ins Gesicht und mobilisiere meine letzten Speedreserven. Jede der allgegenwärtigen Drohnen und jede der öffentlichen Überwachungskameras hat ein Gesichtserkennungsprogramm, aber wenn sie dein Gesicht nicht sehen, können auch sie nichts machen. Ich muss mich bewegen, um den Frust loszuwerden. Seit meiner Entlassung habe ich gerade mal drei trackerfreie Monate geschafft. Drei.
Um meinen Morgen perfekt zu machen, steht ausgerechnet Angel vor dem Eingang der U-Bahn-Station. Mit halbgeschlossenen Augen und leicht schwankend. Ich bremse auf das Schritttempo normaler Leute ab und versuche, mich an ihm vorbeizudrücken. Prompt reißt er die Augen auf.
»Hey, Krys! Früh auf heute.«
»Angel.« Ich nicke ihm zu und beginne, einen Bogen um ihn zu schlagen, aber sein Oberkörper pendelt in meine Richtung, seine rechte Hand schießt nach vorne und packt mich am Ärmel.
»Hast du ein paar Kronen?«
»Ich kann dir heute nichts geben, tut mir leid.« Ich lehne meinen Oberkörper zurück und versuche, dem Geruch nach ungewaschenem Körper und billigem Fusel zu entgehen, der von ihm ausgeht.
»Ach, komm. Für einen alten Kumpel.«
Seine langen blonden Haare hängen in fettigen Strähnen über seiner zerrissenen Jacke. Er ist so mager wie ein Kleiderbügel, aber der Griff an meinem Jackenärmel ist fest.
»Heute geht’s nicht, Angel«, sage ich verzweifelt. Am Fuß des U-Bahn-Schachtes erscheint gerade eine zweiköpfige Einheit von Ordnungshütern. Ein Junkie und ein baseballkappentragendes Individuum im Gespräch passen genau in ihr Raster.
»Bist dir wohl zu gut, was?«, sagt Angel laut. »Krysalis Vej gehört zu den besseren Leuten …«
Ich reiße mich aus seinem Griff los. »Die NDS ist hinter mir her!«, zische ich. »Kannst du vielleicht noch lauter brüllen?«
Angel starrt mich verständnislos an. Seine Augen wandern zwischen mir und dem Ziel meiner ängstlichen Blicke hin und her, dann breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er streckt seine Hand in meine Richtung, Handfläche nach oben. »Vielen Dank für Ihre Unterstützung«, sagt er gleich darauf. Laut. »Ich wusste, dass die Vej-Stiftung niemanden in dieser Stadt auf der Straße stehen lässt.«
Die Ordnungshüter sind direkt neben uns. Bei Angels Worten halten sie an.
»Gibt es hier Probleme?«, schnarrt der eine.
»Nein, nein.« Ich fummele hektisch an meinem Rucksack, ziehe meinen Geldchip heraus und drücke ihn an Angels Handballen. An seinem Armband leuchtet das Display auf.
»Vielen Dank für Ihre großzügige Spende von fünfzig Terrakronen«, sagt Angel. Er tippt die Zahl in sein Armband. Ein Drittel meiner Überlebensreserve. Der Schuft weiß genau, wie viel er nehmen kann. Hundert wären zu viel, drei ein Almosen, zehn das Übliche. Fünfzig ist großzügig, kommt aber vor.
»Gepriesen sei der Name der Vej-Stiftung«, sagt Angel ölig. Er reicht mir den Chip zurück.
Die Ordnungshüter bleiben noch einen Moment stehen, aber da ich kein Anzeichen von Hilfsbedürftigkeit zeige, gehen sie weiter. Angel gibt mit einer eleganten Verbeugung den Weg in die U-Bahn frei.
»Zur Hölle mit dir«, sage ich leise.
»Schon anwesend«, nuschelt er.
Ich laufe die Stufen hinunter und verfluche innerlich meine Tante Zelda. Die reichste Frau von Fucity hat während der letzten großen Hungersnöte eine Stiftung für Bedürftige gegründet, die sich um Mittellose kümmert. Je nachdem was auf der politischen Agenda gerade weit oben steht, sind das Kinder, Alte oder Kranke. Dementsprechend betreibt die Vej-Stiftung Kinderheime, Krankenhäuser und Altersheime.
In der Stadt wird gemunkelt, dass Zelda auch aus diesen Einrichtungen noch Profit zieht. Ich würde es ihr zutrauen. Optimierung ist ihr Ding. Sie hat eine Stiftung für hochbegabte mittellose Kinder, in ihren Firmen zahlt man Boni für Angestellte, die nach erwiesener Krankheit besonders schnell gesund werden. Vermutlich gibt es irgendwo auch eine Stiftung für den nützlichsten Senioren. Nur von den Junkies hat sie sich bisher ferngehalten. Die sind zu schlecht fürs Image und machen auf Fotos nicht viel her.
Ich nehme die erste U-Bahn, die einfährt. Als die Türen hinter mir zuschnappen, werfe ich einen Blick zurück. Omicron ist nirgendwo zu sehen. Kein Wunder, er kann sich jetzt ganz entspannt zurücklehnen. Ich überschlage meine Lage. Mein Geld reicht vielleicht für drei Tage, und in drei Tagen kann man weit kommen. Allerdings nur ohne Tracker. Meine Hand fährt automatisch zu der leicht geschwollenen Stelle an meinem rechten Oberarm.
Natürlich wird bei uns jeder Säugling direkt nach der Geburt getrackt. Spätestens mit dem Erreichen des Krabbelalters. »Security First«, die Firma hinter dem System ist ein Global Player, der Trilliarden mit den Ängsten anderer Leute verdient.
Wie überall auf der Welt gibt es zwar ein paar Spinner, die dagegen sind, aus politischen oder religiösen Gründen oder einfach weil sie jung sind und sich für Systemrebellen halten. So wie ich, als ich achtzehn wurde. »PR - Painless Removal«, der bekannteste Trackerentferner, hat Filialen in jeder größeren Stadt weltweit. Zwei Jahre ohne Chip habe ich damals geschafft. Bis zum ersten Aufenthalt in den Katakomben. Ein Tracker ist das Erste, was sie dir dort verpassen. Und nicht die schönen, ästhetischen kleinen Dinger für die Normalbürger. Als Katakombenbewohner bekommst du die Billigversion. Die, die schmerzt, wenn du mit dem Arm irgendwo anstößt. Die, die sich nachts mit Widerhaken in deine Träume bohrt.
Die meisten Leute lassen sich, wenn ihre Sturm-und-Drang-Zeit vorbei ist, wieder einen Überwachungssender setzen. Einfach weil ihre Umwelt ihnen so lange zugeredet hat, bis sie glauben, nur so sicher zu sein. Dabei hat statistisch gesehen der Einsatz von Trackern gar nicht viel gebracht. Wer einen Einbruch oder ein Verbrechen plant, trägt natürlich keinen. Und wer jemanden entführt, entfernt den Tracker seines Opfers mit einem ganz profanen Küchenmesser, eine blutige und schmerzhafte Angelegenheit. Laut den Zahlen der Global Police Force ist die Zahl der tödlichen Verbrechen zwar rückläufig, aber wer einmal in ein Verbrechen verwickelt wird, ist auch deutlich schneller tot. Rubin und ich hatten als Teenager deshalb den Slogan »Tracker – sicher in den Tod« entwickelt, nur dass keiner darüber lachen kann. Selbst Kaisha nicht, Rubins Frau, die als Hardlineranaloge eine erklärte Tracker-Gegnerin ist.
Bis zu Bonecrushers Wohnung muss ich drei Mal umsteigen. Er wohnt auf der besseren Seite der Stadt, da, wo es keine illegalen Müllhalden und heruntergekommenen Häuser gibt und die Junkies nicht an jeder Ecke um ein paar Terrakronen betteln. Vor vier Wochen hat er mir seine Adresse gegeben. Für Notfälle. Netzbekanntschaften treffen sich normalerweise nicht im Real Life, schon gar nicht, wenn der eine Teil der Bekanntschaft frisch aus den Katakomben kommt. Wenn es doch jemand anbietet, ist das so etwas wie eine freundliche Umarmung. Schon um nicht unhöflich zu sein, habe ich Bonecrusher deshalb meine Biodaten geschickt. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Einen KV anzufordern, einen Komm-vorbei–Code, ist eigentlich etwas, das man nur von engen Freunden und den lieben Verwandten verlangen kann, wenn überhaupt. Nicht von Netzbekanntschaften.
Bonecrusher wohnt Ecke 35. Straße/Konrad-Zuse-Platz. Noble Gegend, auch wenn das Haus nicht ganz so hip aussieht wie all die anderen vollverglasten Hochhäuser daneben. Ich drücke auf den Klingelknopf hinter der 1042.
»Ja?« Schon wieder diese Kinderstimme.
»Ich bin ’s. Krys.« Ich drehe kurz den Schirm des Baseballcap nach hinten und halte mein Gesicht vor den Bildschirm. Wenn Bonecrusher meine Daten in das Sicherheitssystem eingegeben hat, wird gleich der Summer ertönen. Wenn nicht, schlägt die Hausüberwachung Alarm und der Sicherheitsdienst steht in zehn Sekunden hinter mir.
Der Summer ist zu hören. Ich passe gut auf, dass die Tür hinter mir ins Schloss fällt, auch wenn ich nicht glaube, dass eine Sicherheitstür für einen Omicron ein großes Problem darstellt. Aber vielleicht hält sie ihn ein paar Minuten auf.
Im zehnten Stock klopfe ich an die Tür mit der Nummer 1042. Die Tür öffnet sich mit einem Ruck.
»Willkommen!« Eine Androidin steht vor mir. Rundliche Figur, blaues Kleid, starres Lächeln. Ihr linker Arm baumelt leblos an ihrer Seite. Sie winkt linkisch mit dem rechten Arm. Klarer Fall von einem Bug im Koordinationsprogramm.
»Ähm.« Ich räuspere mich. »Ist Bonecrusher da?«
Ein Junge erscheint hinter dem Rücken der Androiden. Er ist vielleicht zwölf, hat wilde, dunkle Haare und eine dicke schwarze Nerdbrille auf der Nase. »Hi, Krys«, sagt er freundlich.
»Hey. Ich … Ist dein Vater nicht da? Ich wollte eigentlich …«
Der Junge ist so schmal, dass er sich mühelos zwischen der Androidin und dem Türrahmen durchquetschen kann, obwohl sie sofort versucht, ihn zurückzudrängen. Hausandroiden können nicht nur kochen und putzen. Die teureren Exemplare haben außerdem eine Schutzfunktion, die so gut wie alles beinhaltet, bis auf den Gebrauch von Schusswaffen. Das mütterlich aussehende Exemplar vor mir könnte also durchaus ein Jiu-Jitsu-Programm auf Weltklasseniveau im Speicher haben. Oder das Iron-Man-Exklusiv-Backup, das noch schlechte Witze reißt, während es einen zusammenschlägt.
»Komm rein«, sagt der Junge.
Ich blicke kurz über die Schulter. Noch ist kein Omicron zu sehen. »Pass auf, wenn dein Vater nicht da ist, kann ich nicht einfach in eure Wohnung gehen. Das gibt nur Ärger«, sage ich.
Der Junge seufzt und öffnet den Mund. »Bonecrusher«, sagt er mit einer tiefen Stimme. Und dann: »KV.«
»Du warst … du bist Bonecrusher?« Ich starre ihn ungläubig an. »Aber du bist noch … äh, ziemlich jung! Und wir kennen uns seit über vier Jahren. Das heißt, als du angefangen hast, mich wegen des Doppelnulldreier-Algorithmus zu löchern, warst du …«
»Acht«, sagt der Junge stolz.
Ich trete einen Schritt zurück.
»Du hast doch selbst früh angefangen zu programmieren«, sagt er. »Steht in deiner Bio. Also, was ist dabei? Du hast einen Einsnulleins und ich kann helfen.« Er lächelt mich freundlich an, während die Androidin versucht, ihn zurückzuziehen.
Die Tür des Aufzugs hinter mir öffnet sich mit einem Ping. Ich muss mich nicht umsehen, um zu wissen, wer da steht. Die Augen des Jungen weiten sich. »Wow! Ist das ein Omicron?«
»Modell Alpha Attack«, höre ich die leicht blecherne Stimme hinter mir.
»Ein Alpha, cool.« Der Junge, ich kann es nicht über mich bringen, ihn Bonecrusher zu nennen, duckt sich unter den Händen seiner Beschützerin weg und läuft um mich herum auf Omicron zu. »Schön, dich kennenzulernen.«
Omicron starrt kurz auf die Hand, die der Junge ihm hinstreckt, dann nimmt er sie und schüttelt sie schwungvoll.
Die Hausandroidin trippelt unbehaglich auf der Türschwelle hin und her. Interessant. Das heißt, die Wohnungsgrenzen sind auch ihre Grenzen.
»Großer, allwissender Imperator des Weltalls, komm zurück in die Sicherheitszone!«, befiehlt sie.
Der Junge dreht sich zu ihr um, sein Gesicht läuft knallrot an.
»›Großer, allwissender Imperator des Weltalls‹?« Ich muss grinsen.
»Er heißt Zacharias, aber weil ich seine MiM bin, darf ich ihn großer, allwissender Imperator des Weltalls nennen«, sagt die Androidin.
»Sie ist deine was?«
»Mutterimitierendes Modell. M-i-M«, erklärt Zacharias.
»Sehr erfreut, großer Imperator«, sagt Omicron.
Ich mustere ihn misstrauisch. Humor kommt im Basecode eines Omicrons definitiv nicht vor.
»Ich gehöre zu diesem menschlichen Individuum.« Er deutet auf mich.
Der Junge wirft mir einen anerkennenden Blick zu. »Bitte nennt mich einfach Zac.« Er nimmt Omicron an der Hand und zieht ihn in Richtung Wohnungstür.
»Der Besuch von fremden Androiden ist nicht erlaubt«, ertönt MiMs Stimme. Langsam wird sie mir sympathisch.
Zac lässt Omicrons Hand los und geht einen Schritt auf sie zu. »Schalte dich mal kurz in Standby, MiM«, befiehlt er.
»Negativ. Nicht, wenn die Tür offen ist«, sagt die Androidin.
»Wartet kurz, ja?« Zac wirft die Tür hinter sich zu.
Ich drehe mich um und will gehen, aber Omicron packt meinen Ellenbogen.
»Warten«, sagt er.
»Bist du verrückt? Das ist ein Junge. Der kann dir auch nicht zu einem Upgrade verhelfen.«
»Bonecrusher. Match found. Alias von Zacharias Starsky«, sagt Omicron mit einem Blick auf das Namensschild neben der Tür. »Perfekter Partner. Upgrade- Erfolgswahrscheinlichkeit: neunundneunzig Prozent. Erhöhung des Programmiervolumens: fünfzig Prozent.«
»Er ist ein Kind. K-I-N-D. Existiert dieser Begriff in deinem Speicher? Ich ziehe keinen kleinen Jungen in dieses Upgrade-Thema rein.«
»Kinder beschützen«, sagt Omicron, »hat höchste Priorität. Unter Zivilisten erst die Kinder. Dann Frauen im gebärfähigen Alter.«
»Da kann ich ja froh sein, dass ich erst zweiunddreißig bin. Gibt es auch eine Priorität für Hackerinnen?«
»Positiv. Sonderprogramm«, sagt Omicron. »Priorität Krysalis Vej: einhundert Prozent.«
»Und warum schickst du mir dann die NDS auf den Hals?«, fauche ich.
Sein Gesicht bleibt vollkommen ausdruckslos. »Ich brauche das Upgrade. Die NDS hat damit nichts zu tun. Ich bin …«, er sucht sichtbar nach dem richtigen Ausdruck. »Solo«, sagt er schließlich.
»Du meinst Single?«
Er schüttelt den Kopf. »Nein. Allein.«
»Du handelst auf eigene Rechnung?«
»Rechnung? Ich brauche kein Geld.«
»Ich meine, du handelst … unabhängig von der National Data Security? Selbstständig?«
»Ja!« Er bleckt wieder die Zähne. »Ich stehe selbst.«
Ich schüttele den Kopf. »Es gibt keine NDS-unabhängigen Androiden. Das wäre totaler …«
Die Wohnungstür öffnet sich. »Ihr könnt reinkommen«, sagt Zac fröhlich. MiM steht zwei Meter hinter ihm und nickt und winkt. Winkt und nickt.
»Kleine Umprogrammierung«, sagt Zac. »Nur bis ihr drin seid, dann muss ich sie wieder neu booten. Sonst alarmiert ihr System automatisch meinen Vater, und der schickt uns das Sicherheitspersonal auf den Hals. Also macht schnell.«
Omicron lässt meinen Ellenbogen los und schiebt mich an den Schultern vorwärts.