Das Gefühlsupgrade
DREI
Die Wohnung ist echt nobel. Designersofa, »FinestFood« Küche, viel Glas und Metall auf plüschigen Teppichen. Nicht mit meinem dunklen Loch zu vergleichen. Die bodentiefen Fenster sind so sauber, dass ich darin mein Spiegelbild sehen kann: ausgeblichenes T-Shirt, schlackernde Hose, ausgelatschte Schuhe, schwarze Stoppelhaare. Seit den Katakomben hatten sie erst drei Monate Zeit, zu wachsen. Ich wende mich ab. In meiner Wohnung gibt es keinen Spiegel.
Omicron postiert sich vor der Balkontür. Südwestseite. Er hält Gesicht und Hände ins Licht und bleibt reglos stehen.
»Möchten Sie etwas essen?« MiMs Programm ist wieder auf Gästeempfang. Der Junge muss echt ein kleines Genie sein, wenn er Hausandroiden innerhalb von Minuten umprogrammieren kann.
»Ja, bitte«, sage ich. MiM geht in die Küche und fängt an, Vorräte aus dem Kühlschrank zu holen.
»MiM, bitte mach uns frische Frühlingsrollen, Steinpilzomelette und Vanilleeis mit Schokoladensoße für zwei Personen«, ordert Zac. »Nein, warte kurz.« Er wirft mir einen fragenden Blick zu. »Magst du das überhaupt?«
Ich starre ihn ungläubig an. »Du meinst frische Frühlingsrollen im Sinne von: mit echtem Gemüse?«
Zac wiegt den Kopf. »Na ja, die Sprossen und das Gemüse sind echt, aber die Pilze nicht. Die sind meinem Vater zu teuer.«
Kann ich verstehen. Hundert Gramm Steinpilze kosten um die vierhundert Terrakronen, sofern man sie bekommt. Sechshundert auf dem Schwarzmarkt. Aber frisches Gemüse gibt es ganz offiziell. Zumindest für Leute, die es sich leisten können. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. »Was macht dein Vater denn so beruflich?«
»Er ist Gemüsehändler«, sagt Zac ernst. Als er mein Gesicht sieht, breitet sich ein Lächeln auf seinem aus. »Nein, er ist ein hohes Tier in der Distriktverwaltung. Totlangweiliger Job, wenn du mich fragst.«
»Hör mal, Bone…, Zac.« Ich senke die Stimme und schiele aus dem Augenwinkel zu Omicron, der noch immer mit dem Aufladen seines Kampfkörpers beschäftigt ist. »Es ist total nett, dass du mir helfen willst, aber es geht hier um etwas zutiefst Illegales.«
Zac nickt zustimmend.
Ich fasse kurz zusammen, wie der Alpha vor knapp zwei Stunden in meine Wohnung gestürmt ist, das Upgrade verlangt und einen Tracker auf mich angesetzt hat, bevor ich es verhindern konnte. »Es kann also gut sein, dass mir die NDS auf den Fersen ist«, erkläre ich. »Ich kann dein Hilfsangebot deshalb nicht annehmen. Ich dachte, dass du … na ja, ein paar Jahre älter bist und weißt, was du tust. Und auch wenn du ein Genie bist, bist du immer noch ein Kind.« Einen furchtbaren Moment lang habe ich einen Flashback. Mein Vater steht vor mir, die Wangen stoppelig und den Overall voller Ölflecken, und sagt genau diesen Satz.
»Daher schlage ich vor, dass wir zusammen … essen. Dann gehe ich. Du löschst den Kurzzeitspeicher deiner Androidin und vergisst, dass du mich je gesehen hast.«
Zac steht mit leicht schief gelegtem Kopf vor mir. Es ist schwer zu sagen, ob er mir überhaupt zugehört hat. Er sieht zu seinem Mutterimitat hinüber. »Also, MiM, frische Frühlingsrollen mit Steinpilzen und Vanilleeis mit Schokoladensoße.«
Die Androidin, die schon den Kühlschrank geöffnet hat, verharrt mitten in der Bewegung und starrt ins Leere.
»Oh, verdammt. Das Erziehungsprogramm«, murmelt Zac. »Bitte«, sagt er laut.
Sofort fängt MiM an zu arbeiten.
»Das hab ich immer noch nicht knacken können«, sagt Zac entschuldigend, als er mein amüsiertes Gesicht sieht. »Erziehungsprogramme sind echt harter Stoff. Es hat einen 01er-Code auf Antigone-Basis, und der Groundcode ist so antik, dass ich immer noch nicht rausbekommen habe, welche Sprache das ist.
»Hast du es schon mit Groucho probiert?«
Zacs Augen leuchten auf. »Groucho, echt? Nein, hab ich nicht. Danke für den Tipp! Hast du Erfahrung mit Hausandroiden?«
»Nur mit besessenen Programmierern.«
»So welchen wie du?«
»Noch schlimmer.«
Zac dreht sich zu MiM um und flext die Finger. Die Androidin hackt gerade frisches Gemüse in feine Stücke.
»Lenk sie nicht ab«, sage ich nervös. Das Rot der Karotten sticht mir ins Auge. Die Lauchstange quietscht leicht, als sie sie anschneidet. Die Sprossen sehen frisch und saftig aus. Mein Magen fängt an zu knurren. Bis auf den Algenschnaps von letzter Nacht habe ich seit vierundzwanzig Stunden nichts mehr gegessen und das hier ist Real Food.
MiM wickelt alles in hauchfeinen Backteig und legt die Rollen in das heiße Öl der Pfanne. »Bitte Hände waschen. Das Essen ist gleich fertig.«
Zac seufzt. »Komm, ich zeig dir das Bad. Ohne saubere Hände gibt es nichts, da ist sie stur.«
Beim Essen setzt meine Gehirntätigkeit wieder ein. Gutes Essen hat schon immer diesen Effekt gehabt, und es ist einer der Gründe dafür, dass Leute, die eine gewisse Zeit in den Katakomben verbracht haben, Gefahr laufen, für immer dort zu bleiben. Die ewige Nahrungsersatzpaste, die künstlichen Zusatzstoffe und das fade, kaum trinkbare Wasser greifen Körper und Geist gleichermaßen an. Niemand wird wirklich krank wegen dieser Ernährung. Zumindest ist es nicht statistisch belegt. Aber man stumpft schnell ab. Nur weil man die für die Funktion aller Organe notwendige Anzahl an Kalorien zu sich nimmt, heißt das nicht, dass man wirklich das Gefühl hat, etwas gegessen zu haben, etwas, das riecht, schmeckt, Konsistenz hat.
Omicron steht immer noch regungslos an der Balkontür. Gerade als ich zu ihm hinübersehe, bricht die Wolkendecke einen Moment auf und ein Sonnenstrahl hüllt den ganzen Raum in Licht. Zac und ich halten den Atem an und hören auf zu essen. Ich starre ins Licht und zähle stumm die Sekunden.
»Fünf«, verkünde ich, als wir die Gabeln wieder in die Hand nehmen.
»Schon das zweite Mal diese Woche«, sagt Zac mit vollem Mund. »Oder, MiM? Du führst doch eine Statistik.«
»Diesen Monat insgesamt vierunddreißig Sekunden, sieben Millisekunden«, sagt MiM.
»Vielleicht wird es wirklich mehr«, sagt Zac verträumt.
Ich schnaube kurz.
»Statistisch gesehen hat die Sonneneinstrahlung im Vergleich zum Vorjahr im Sektor B um 3,45 Sekunden pro Monat zugenommen«, sagt MiM.
»Siehst du?«, sagt Zac triumphierend.
»Sicher«, sage ich.
Vielleicht ist es so. Aber es gibt kein Anzeichen dafür, dass die Stürme nachlassen, und die Überschwemmungen haben ein Rekordmaß erreicht. Die Bunker werden ausgebaut, erst vor kurzem hat der Stadtrat die Anlage von zwei weiteren beschlossen. Ich lächle Zac freundlich an. Er ist noch ein Kind. In seinem Alter soll man ruhig noch Illusionen haben.
»Es wird mehr«, sagt Zac trotzig.
MiM steht auf, um das Dessert zu bringen. Beim Geruch von geschmolzener Schokolade veranstalten meine Gehirnsynapsen ekstatische Tänze. Während der erste Löffel Eiscreme auf meiner Zunge schmilzt, fällt mir wieder ein, was schon die ganze Zeit in meinen Hinterkopf herumgeisterte.
»›Defrost‹.«
Mir wird erst bewusst, dass ich laut gedacht habe, als Zac sofort darauf anspringt.
»Ist nicht mehr zu kriegen, es steht sowas von auf der schwarzen Liste. Ich könnte aber ein paar Leute fragen, die …«
»Nein! Halt dich raus, Zac. Hier geht es nicht um irgendeine kleine Hackerei. Das hier ist …«, ich werfe einen Blick zu MiM, die scheinbar unbeteiligt und mit freundlichem Gesicht am Tisch sitzt, ich bin sicher, dass sie alles mitschneidet, »… nichts für dich.«
Zac richtet sich auf. »Ich weiß genau, was ich tue«, versichert er. »Und übrigens kann man auch eine NDS-Überwachung sabotieren.«
»Überflüssig«, sagt Omicrons Stimme von der Balkontür. »Es gibt keine NDS-Überwachung. Der Tracker läuft über ein internes Netz, zugelassen auf Alpha Omicron Nummer 9385832 für alleinige Nutzung.«
Zac hebt kurz die Augenbrauen und wirft mir einen erstaunten Blick zu. Ich nicke bestätigend. Ja, das ist verdammt ungewöhnlich.
»Bonecrusher alias Zacharias Starsky muss im Team bleiben. Er ist der perfekte Programmierpartner für Krysalis Vej«, fährt der Kampfandroide fort.
»Krysalis Vej?« Zacs Löffel landet klirrend auf seinem Teller, was ihm ein kritisches Räuspern von MiM einbringt. »›Vej‹ wie in ›There always is a Vej‹? Wie ›Let`s walk the Vej together‹ oder ›If you need a chance, …‹«
»… we clear the Vej‹«, vollende ich. Zacs Mund steht offen.
Ich kann mir ungefähr vorstellen, was für ein Film gerade in seinem Kopf abläuft. Rune Vej, Erfinder der sagenhaften First-Aid-Einheiten, Rebell der IT-Branche, Visionär, Milliardär, Lebemann. Triumphaler Aufstieg, bodenloser Fall. Produktionsschwierigkeiten, Kreditblase, Bankrott. Ich weiß genau, was jetzt kommt.
»War es wirklich ein Unfall?«, fragt Zac.
Ich sehe ihn an. Sein Blick ist offen, neugierig. Er hat kein Mitleid, er will es einfach wissen. So wie ich. Wie Rubin. Wie Mum.
»Ich weiß es nicht«, sage ich.
Die Schokolade kratzt auf meiner Zunge und das Eis ist viel zu süß. Ich lege den Löffel neben das Dessertschälchen, obwohl ich nicht mal die Hälfte gegessen habe.
Zac steckt sich einen Löffel voll Eis in den Mund und lutscht nachdenklich darauf herum. »Ich habe letztes Schuljahr ein Referat über ›Defrost‹ gehalten. Wusstest du, dass Robert Damian Frost sich auf eine einsame Insel zurückgezogen hat?«
»Ich wusste nicht mal, dass er noch lebt«, sage ich trocken. »Ist er nicht schon über neunzig?«
Zac nickt. »Sechsundneunzig.«
»Das Erreichen eines hohen Lebensalters ist bei gesunder Ernährung, körperlicher Gesundheit und viel Bewegung nicht unwahrscheinlich«, mischt sich MiM ins Gespräch.
Zac und ich sehen uns an und grinsen.
»Kennst du seine Adresse, MiM?«, fragt Zac.
»Negativ«, sagt die Androidin.
»Cloud Seven«, wirft Omicron von der Balkontür ein. Er lässt seine Hände sinken und dreht seinen Kopf zu uns. »Drei Hektar großes Eiland in der Nordostsee. Ich habe die Koordinaten.«
»Warum bist du dann nicht gleich zu Frost geschwommen, statt mich zu belästigen?«, frage ich. »Er könnte dir bestimmt besser helfen als ich.«
»Er hat keine Datensätze mehr. Was er weiß, existiert nur analog. In seinem Kopf«, sagt Omicron. »Laut seinem letzten medizinischen Check-up hat er Krebs. Endstadium. Ungünstige Ausgangslage. Die Wahrscheinlichkeit, ihn durch Argumente zu überzeugen, liegt bei 0,00054 Prozent. Und er ist nicht erpressbar. Anders als du, Vej.«
»Schön, das noch mal so deutlich zu hören«, murmele ich.
»Ich wusste nicht, dass er krank ist«, sagt Zac. »Aber das erklärt vielleicht, warum er mit der Welt nichts mehr zu tun haben will. Das hat er im letzten Interview gesagt, das er geführt hat. 2050.«
Ich ziehe mit meinem Löffel geschmolzenes Vanilleeis und Schokoladensoße zu einem Ying-und-Yang-Muster zusammen. So wie wahrscheinlich jeder ehrgeizige Programmier auf der Welt hätte auch ich Frost gerne mal persönlich getroffen. Frost ist der Erfinder von programmierbarer ›Emotional Intelligence‹. Künstliche Intelligenz bei Alltagsgegenständen, der Hype des frühen 21. Jahrhunderts, ist längst selbstverständlich. Einfache Lösungen finden und ein bisschen Small Talk über das Wetter anbieten kann heute jede Küchenmaschine.
Ich verrühre das Ying-und-Yang-Muster zu einem matschigen Braunton. Frost war der Erste, der eine Seele für Androiden forderte. Er behauptete, dass das ebenso machbar wie notwendig sei, wenn die Menschheit die nächsten hundert Jahre überleben wollte. Das war 2040, zwei Jahre bevor das Klima endgültig kippte und so gut wie alle Kontinente ins Chaos stürzte. Danach hatten alle mehr Interesse an ihrem persönlichen Überleben als an Androidenethik. Frost gewann zahlreiche Preise, die Global Player zahlten Millionen für seine Programme. Aber nur, um sie vom Markt verschwinden zu lassen. Angewandt wurden sie nie, denn Androiden mit Gefühlen galten als Stabilitätsrisiko in einer ohnehin brüchigen Welt. Mein Vater war der Erste, der wieder ernsthaft in das Thema einsteigen wollte.
Ich lege den Löffel endgültig zur Seite. MiM steht auf und nimmt den Teller weg.
»Ich hoffe, es hat Ihnen geschmeckt.«
»Sehr gut, danke«, sage ich automatisch.
»Ich freue mich über Ihre positive Bewertung«, erwidert MiM. Sie stapelt dreckiges Geschirr zusammen und verschwindet damit in der Küche.
Zac kratzt die letzten Reste Eis auf seinem Teller zu einer Insel zusammen. »Wir sollten dahin«, sagt er und deutet mit der Löffelspitze auf den weißen Hügel im Schokoladenmeer. Cloud Seven.«
»Vergiss es.«
»Wir sind beide Genies, aber ein Gefühlsupgrade können auch wir nicht einfach so aus dem Handgelenk programmieren«, fährt er unbeirrt fort.
»Korrekt«, sage ich. »Aber du kommst auf keinen Fall mit.«
Zac öffnet den Mund, um zu protestieren, aber ich falle ihm ins Wort. »Merkst du nicht, was hier abgeht? Der Androide wollte die ganze Zeit genau das. Wir beide bei Frost, als lebende Köder. Damit er Frost mit uns erpressen kann. ›Programmiere mich um oder du kannst zusehen, wie die beiden sterben. Der Junge zuerst.‹«
Von der Gestalt an der Balkontür kommt kein Widerspruch.
Zac klappt seinen Mund zu und starrt mich einen Moment ausdruckslos an. Dann nickt er.
Ich stehe auf. »Vielen Dank für das tolle Essen. Ich habe seit Ewigkeiten nichts Vergleichbares mehr zwischen den Zähnen gehabt. Und vielen Dank für dein Hilfsangebot. Ich wünsche dir alles Gute. Bleib … nicht in meinen Fußstapfen.«
»Wo willst du jetzt hin?«, fragt Zac.
Wenn ich das wüsste. Untertauchen wäre nicht schlecht, aber dafür muss ich erst mal unauffällig den Tracker loswerden.
»Cloud Seven ist wahrscheinlich wirklich eine gute Idee. Aber vorher habe ich noch einen Termin. «
»Irrelevant«, sagt Omicron. »Absagen.«
Ich werfe einen Blick auf die teure antike Uhr auf dem Klavier. »Geht nicht. Es ist ein … Update. Absolut notwendig für die Verbesserung meines Sozialstandards.«
»Ich komme mit«, sagt Omicron.
»Klar. Es fällt bestimmt niemandem auf, wenn ich einen Kampfandroiden zum Familientreffen mitbringe«, sage ich.
»Familientreffen? Heilige Scheiße.« Zac sieht mich mitleidig an.
»Ausdruck!«, ruft MiM aus der Küche.
Zac verdreht die Augen. »Ich wollte sagen: Familientreffen? Wie spannend!«
»Ja«, bestätige ich. »Und glaub mir, einen Omicron an den Hacken zu haben, ist nichts im Vergleich zu meiner Mutter. Wenn ich bei diesem Termin nicht wie versprochen auftauche, hetzt vermutlich sie mir aus Besorgnis die NDS auf den Hals.«
Zac deutet mit einer Kopfbewegung auf die Gestalt an der Balkontür. »Dann lass mich wenigstens dabei helfen. Ich hab eine Idee, wie wir den Alpha in einen weniger auffälligen Begleiter verwandeln können.«