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Jo Brode

Drachenlied

Kapitel 1 (Jon)

1
Die Tür fiel mit einem leisen klack hinter ihnen ins Schloss. Durch die großen Scheiben mit der Aufschrift
Aznárs Handel und Wandel
Magie für jedermann. Tränke, Flüche, Artefakte
Große Auswahl, faire Preise
Zutritt ab 18 Jahren

fiel kaum Licht herein, trotzdem konnte Jon im Halbdunkel Pauls Grinsen sehen. Der Laden war dämmrig und ziemlich vollgestopft, genauso, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Seine Sneaker versanken in einem dicken Teppich mit verschlungenem Muster. Dunkle Regale säumten die Wände, Glasvitrinen und alte Möbel waren im ganzen Raum verteilt.
Zwei Männer beugten sich murmelnd über einen Gegenstand auf dem Verkaufstresen. Der eine war kräftig gebaut und stand mit dem Rücken zu ihnen, der andere, ein großer, hagerer alter Mann in einem schwarzen Anzug, musste Aznár sein. Keiner von beiden beachtete sie.
Jon warf einen Blick über die Schulter. Fist, der schrankgroße Türsteher, hatte seine Position vor der Tür wieder eingenommen. Sein breitschultriger Rücken verdeckte die Scheibe. Um in den Laden zu kommen, hatte Paul sich einen wirklich simplen Vorwand ausgedacht, aber Fist hatte ihn geschluckt. Und hier waren sie nun, am verbotensten Ort von ganz Storberg.
»Na, was hab ich dir gesagt?« Pauls Ellenbogen traf Jon in die Rippen. »Ich hab die Wette gewonnen«, wisperte er.
»Hast du«, gab Jon leise zu. Er hatte gerade die Holzregale an der gegenüberliegenden Wand entdeckt. Darin waren Bücher mit ledernen Buchrücken und bunte Flaschen mit verschiedenen Beschriftungen untergebracht. Hinter der Anordnung schien irgendein System zu stecken, aber er konnte nicht erkennen, welches. Über Gedankenwürmer und wie man sie loswird, las er auf einem Buchrücken. Express Fingernagelwuchs für Saitenspieler stand auf einer durchsichtigen Flasche mit violettem Inhalt, Liebespein in verzerrten roten Buchstaben auf einem giftgrünen Flakon. Sollte das Getränk Liebeskummer auslösen oder ihn bekämpfen?
Paul blieb vor einer der Vitrinen stehen und starrte auf die Uhr, die dort auf einem Samtkissen lag. Eine Taschenuhr mit verschnörkelten Zeigern aus – Jon ging näher heran – Spinnenbeinen? Zumindest sahen die Zeiger so aus. Das Zifferblatt war von einem tiefen Schwarz und die silbrig glitzernden Zahlen wirkten trotz ihrer Winzigkeit grob und kantig, als hätte sie jemand mit scharfen Krallen eingeritzt. Ein leichtes Frösteln lief Jon über den Rücken. Zeit(m)esser stand auf einem Schild vor dem Samtkissen. Preis auf Anfrage.
»Großartig«, murmelte Paul.
»Hm«, machte Jon. Der Zeit(m)esser zeigte kurz nach halb fünf an. Mist. Er durfte nicht schon wieder zu spät zum Training kommen.
Jon entzifferte die Etiketten der Fläschchen, überflog weitere Titel der Buchrücken. Die Themen waren bunt gemischt und manche waren in Sprachen verfasst, die er nicht kannte, aber ein Titel fiel ihm auf – Drachen: Mythos und Wahrheit. Er verdrehte die Augen. Klar, Drachen durften natürlich nicht fehlen.
Pauls und seine Heimatstadt Storberg war klein und abgelegen, und abgesehen von einem mittelalterlichen Stadtkern hatte sie nur wenig zu bieten. Deshalb setzte die Stadtverwaltung voll auf ihren Ruf als Hort der Märchen und Sagen. Das Finstere Viertel war das Herz dieses Marketingkonzepts. Hier gab es Händler, die Wunderheilungen und Liebestränke anboten, Kräuterladenbesitzerinnen, die sich als Hexen ausgaben, und Kneipen, die wie alte Tavernen gestaltet waren. Die meisten der Storberger Gold- und Waffenschmiede hatten ihre Werkstätten im Finsteren Viertel, und auch Trödel- und Artefaktläden waren hier zu finden.
Aznárs Laden war über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für seine besonderen Angebote. Das Gerücht, dass man hier mehr kaufen konnte als nur esoterischen Schnickschnack und billige Antiquitäten, hielt sich hartnäckig. Aber das alles hier war einfach … zu dick aufgetragen. Wenn schon magische Tropfen, dann wären welche mit Lösungen für jede Klassenarbeit für ihn deutlich nützlicher als der ganze andere Kram hier.
»Auf keinen Fall!«, sagte jemand in wütendem Ton.
Jon drehte sich um. Die beiden Männer am Tresen hatten sich aufgerichtet. Der Kunde, der mit dem Rücken zu ihnen stand, legte nachdrücklich etwas auf die Ladentheke, Metall knallte auf Glas. Paul, der ein Buch aus dem Regal zog, erstarrte mitten in der Bewegung.
»Ein völlig unrealistischer Preis, Aznár!«
»Wie du meinst, Maddog.« Aznár hob den Gegenstand des Streits vorsichtig wie einen verletzten Vogel vom Tresen und polierte ihn mit einem Tuch. Es waren zwei Armreife, mehr konnte Jon nicht erkennen.
»So ein Artefakt gehört ins Museum«, sagte der Mann, und Jon wurde klar, wer der erboste Kunde war – Maddog Fjalm, der Zunftmeister der Waffenschmiede. Es wurde gemunkelt, dass die Artefakthändler und Waffenschmiede seit Jahrhunderten in Konkurrenz standen, aber offiziell war das Gegenteil der Fall: Die Storberger Geschäftsleute hatten der Stadt gemeinsam mit der Schmiedezunft ein Museum für Stadtgeschichte gestiftet, das sie großzügig finanzierten und ehrenamtlich betrieben.
Aznár zuckte mit den Schultern. »Du hast deine Lieblingsartefakte und ich habe meine.«
Maddog drehte sich um und ging mit langen Schritten zum Ausgang. Er öffnete die Tür so ruckartig, dass Fist, der sich dagegengelehnt hatte, ins Straucheln geriet.
»Wir sehen uns!«, sagte Maddog auf der Türschwelle. Es klang wie eine Drohung.
»Immer mit Freude«, erwiderte Aznár liebenswürdig.
Die Tür fiel mit einem Knall ins Schloss.
Aznár runzelte kurz die Stirn, dann richtete er seinen hellgrauen Blick auf sie. »Nun, Jungs«, sagte er, so gelassen, als wäre ihm nicht gerade ein Verkaufsgespräch um die Ohren geflogen. »Ich nehme an, Fist hatte einen guten Grund, euch hier reinzulassen. Was kann ich für euch tun?«
Paul knipste sein schönstes Lächeln an, ging auf Aznár zu und spulte seinen Text ab. Von einem Schulreferat über die Stadtgeschichte und dass Aznár als bekannter Historiker, Artefakthändler und gebürtiger Storberger ihnen doch bestimmt mit ein paar Details helfen könnte. Aznár musterte erst ihn, dann Jon mit einem langen, scharfen Blick. Zwei Teenager in löchrigen Jeans, Sweatshirts und ausgelatschten Sneakern. Paul mit der dunkelblauen Wollmütze auf den hellen Haaren, die er nur nachts abnahm, wenn überhaupt. Sicher passten sie nicht zu Aznárs üblichem Kundenkreis, und außerdem waren sie beide noch weit davon entfernt, achtzehn Jahre alt zu sein. Doch der alte Mann verzog keine Miene. »Ich helfe immer gern.«
»Ich wollte schon immer wissen, warum die Schmiedezunft in Storberg eine so große Rolle spielt.« Paul legte seinen Block auf dem Tresen kurz vor den kupferfarbenen Armreifen ab und begann, sich Notizen zu machen. Es waren einfache Fragen, die sie sich auf die Schnelle ausgedacht hatten, Fragen, deren Antworten sie ohnehin schon wussten oder die sie im Netz hätten finden können. Doch Aznár nahm jede einzelne ernst.
Jon hörte nur mit halbem Ohr zu. Er ging noch einmal an dem Zeit(m)esser in der Mitte des Raumes vorbei. Zehn vor fünf. Er musste in zwei Minuten los, sonst kam er zu spät zum Training.
»Welches Stück aus Ihrem Laden mögen Sie am liebsten?«
Aznár, der Paul um einen ganzen Kopf überragte, kratzte sich am Kinn. »Ach, das kann ich gar nicht so genau sagen … Ich denke, es ist immer der Gegenstand, der noch am meisten Geheimnisse birgt. Der, den ich am wenigsten entschlüsselt habe.«
Paul lehnte sich gegen den Glastisch. Seine linke Hand kritzelte Wörter auf den Block, die Fingerspitzen der rechten stießen an die Armreife. Wer ihn nicht gut kannte, würde denken, dass er aufmerksam lauschte.
Jon machte zwei große Schritte in Richtung Ladentheke. »Wir müssen jetzt leider los. Vielen Dank für Ihre Zeit.« Er griff nach Pauls Arm, aber der schüttelte ihn ab.
»Noch nicht. Herr Aznár wollte mir noch etwas über die Stellung der Goldschmiede im Mittelalter erzählen. Das ist genau das, was wir brauchen.«
»Das ist doch gar nicht unser Referatsthema«, sagte Jon, »und ich muss zum Training. Komm.« Er zog Paul vom Tresen weg.
»Meine Notizen!« Paul griff nach seinem Block, blieb dabei, wie aus Versehen, mit dem Sweatshirt an den beiden Armreifen hängen und zog sie mit sich. »Oh, Entschuldigung …« Er befreite umständlich seinen Ärmel.
»Tut mir schrecklich leid. Ist etwas kaputtgegangen?« Gemeinsam mit Aznár beugte Paul sich über den Tresen. »Die sind wirklich schön, sind die alt?«
»Sehr alt«, sagte der Artefakthändler. »Und nichts für Kinderhände.«
»Warum nicht?«, fragte Paul. Seine Stimme klang ganz unschuldig, voll von ehrlichem Interesse.
»Weil sie große Macht besitzen«, sagte Aznár. »Sie gewähren Schutz und Heilung.«
»Das heißt, wenn ich sie trage, werde ich nie wieder krank?«
»Nein«, sagte Aznár. »Sie schützen nicht vor simpler Erkrankung, eher vor schweren Verletzungen. Aber auch das ist nicht so einfach, wie es klingt. Magie hat ihren Preis – in meinem Laden vor allem einen finanziellen.«
Pauls Fingerspitzen zuckten kurz.
»Sie haben uns sehr geholfen«, sagte Jon hastig, »aber wir müssen jetzt wirklich gehen.«
Er zog Paul mit sich zur Tür und öffnete sie.
»Na, alle Fragen beantwortet?« Fists Stimme klang, als ob ein Bär sprechen würde. Seine großen braunen Augen blickten sie freundlich an, aber seine knotigen Arme hielten einen länglichen Knüppel, mit dem er jedem den Zugang versperren konnte, wenn er wollte.
»Ja, vielen Dank«, sagte Jon. Er zog Paul weiter, die Schmiedegasse hinauf, zwei Schritte, vier, zehn.
»He, ich kann alleine gehen.« Paul wand den Arm in seinem Griff, aber Jon hielt fest, bis sie um die Ecke gebogen waren. Erst hier ließ er los.
»Warum die Eile?« Paul rieb sich den Arm.
»Ich hab deine Hände gesehen.«
Paul zog die Augenbrauen hoch.
»Deine Finger haben gezuckt.«
Der dunkle Ton der Rathausglocke klang herüber. Ein, zwei … fünf Mal. Er war zu spät dran.
»Ich weiß nicht, was du meinst.«
Jon seufzte. »Na klar. Hauptsache, wir sind da raus.«
»Wieso, es war doch super! Wir haben alles gesehen und sogar mit dem alten Aznár gequatscht. Magische Armreife!«
»Ach komm. Der Laden war beeindruckend, aber ganz bestimmt nicht magisch.« Jon setzte zu einem Trott an. Vielleicht würde er dann nicht ganz katastrophal zu spät kommen. »Aznár verkauft genau den gleichen Plunder wie alle anderen Artefakthändler, nur besser aufgemacht und zu einem höheren Preis.«
»Warte mal.« Paul blieb stehen und starrte ihn an. »Du warst gerade mit mir in diesem Laden und glaubst immer noch nicht, dass es da wirklich besondere Dinge gibt?«
»Natürlich nicht«, sagte Jon. »Tränke gegen Liebeskummer, Bücher über Drachen. Mehr Klischee geht nicht. Genau das Zeug, das die Touristen lieben. Nun komm schon, ich muss weiter.«
Paul durchsuchte seine Hosentaschen. »Mist, ich hab meinen Stift liegen lassen.«
Jon zögerte. Sie waren schon mindestens dreihundert Meter von Aznárs Laden entfernt. Wenn er mit Paul zurückging, würde er nicht ein bisschen, sondern sehr zu spät kommen. »Es ist doch nur ein Kugelschreiber.«
Paul hatte sich schon umgedreht. »Es ist mein Lieblingskugelschreiber. Du brauchst nicht mitzukommen, ich hole ihn schnell und komme später nach, dann können wir das Referat fertigmachen.« Er drehte sich um und joggte in Richtung Laden zurück.
Jon fluchte. Er sah auf die Uhr des Rathauses, dann auf Pauls Rücken, der gerade um die Ecke verschwand. Sollte er ihm nachgehen? Ach was. Aznár konnte selbst auf seine Sachen aufpassen.
Er rannte los in Richtung Dojo.