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Jo Brode

Drachenlied

Kapitel 2 (Jon)

2
Jon ging so leise wie möglich auf die Gruppe zu, die am Ende der Halle im Fersensitz saß. Seine nackten Füße machten auf den dicken Übungsmatten kaum ein Geräusch. Gerade als er sich unauffällig ans Ende der Reihe mogeln wollte, fiel Katos Blick auf ihn. »Jon.«
Es war wirklich ungünstig, wenn der Trainer auch noch der eigene Vater war. In Katos Stimme lag kein Vorwurf, es war mehr eine Feststellung. Kein sarkastisches: Schön, dass du uns auch mal beehrst, Jon. Oder ein: Du bist schon wieder zu spät. Das war nicht Katos Stil.
Jon murmelte eine Entschuldigung. Er wusste, wie sehr es störte, wenn jemand mitten ins Training platzte. Und heute waren sogar mehr Schüler da als sonst. Am Ende des Halbkreises saßen zwei fast identisch aussehende Jugendliche in den alten Anzügen, die Kato auslieh, wenn jemand eine Probestunde machen wollte. Ein zarter goldbrauner Flaum bedeckte die fast kahlgeschorenen Köpfe der neuen Schüler und betonte ihre grün-braunen Augen. Wollten die beiden Mönche werden?
»Denkt daran, was wir vorhin geübt haben.« In Katos Stimme lag ein mahnender Unterton. »Kampfkunst ist großartig, wenn man Technik und Form zusammenbringen will. Aber im Ernstfall, auf der Straße, gibt es keine Regeln.«
Na toll. Er war ohne Aufwärmtraining genau rechtzeitig zu einer von Katos Überraschungsübungen gekommen. Die Gruppe tuschelte aufgeregt. Straßenkampf hieß, alles außer Tritten in die Weichteile oder Schlägen gegen den Kopf war erlaubt.
Jon rollte seine Schultern zurück und dehnte den Hals nach rechts und links.
»Bildet Paare«, sagte Kato. »Lars und Helge. Metin und Tjark, Sara und Lys. Tar und Jon.«
Jon sah überrascht auf. Lys und Tar mussten die beiden Neuen sein. Kato teilte neue Schüler normalerweise nie so schnell für Straßenkämpfe ein. Und schon gar nicht mit ihm, auch wenn der Gedanke überheblich klang. Er warf seinem Vater einen prüfenden Blick zu, aber dessen Gesicht zeigte nur den üblichen freundlich-geduldigen Trainerausdruck.
Die Schüler standen auf und suchten sich auf der Mattenfläche einen guten Platz. Tar bewegte sich zielgerichtet und fließend, wie ein erfahrener Kämpfer. Der geliehene Anzug aus dem Fundus des Dojos passte ihm nicht, die Jacke war zu weit und die Hose zu kurz, aber seine Körperhaltung war aufrecht und stolz, als würde er das perfekte Outfit tragen. »Sollen wir?«
Er hatte einen seltsamen Akzent, den Jon nicht einordnen konnte. Nicht wie die Leute aus den Bergen, nicht wie die aus der Hauptstadt. Es irritierte ihn. »Willst du das wirklich?«, fragte Jon. »Ich meine, du bist zum ersten Mal hier und ich—«
»Du meinst, du bist zu gut für mich?« In Tars Augen spiegelte sich einen Moment die gelbe Deckenbeleuchtung.
»Nein, ich glaube nur, dass—«
»Mich interessiert nicht, was du glaubst«, sagte Tar.
Jon zuckte mit den Schultern. Kato trainierte ihn quasi, seit er laufen konnte. Was nicht hieß, dass er ein überragender Kämpfer war – leider. Er konnte die Faszination seines Vaters für Selbstverteidigung zwar verstehen, aber auch nach mehr als zehn Jahren Training war es immer noch nicht sein Sport. Trotzdem war er besser als die anderen seiner Altersklasse im Dojo und es kam sicher nicht gut an, neue Schüler gleich in der ersten Stunde zu …
Tar griff an, bevor Jon den Gedanken zu Ende denken konnte. Es war ein simpler Faustschlag, den er locker abwehrte. Der sofort folgende Fußtritt war schon schwieriger zu blocken. Jon wich zur Seite aus. Tar zog blitzschnell sein Knie hoch, trat ihn in den Magen und riss ihn mit einem Beinschwinger von den Füßen.
Jon fiel hart, aber er rollte automatisch ab und ignorierte den Schmerz im Bauch. Tar war gut und er war schnell. Das wurde kein lockerer Übungskampf, so viel war klar. Jon lenkte Tar mit einem Ausfallschritt nach links ab und versuchte, mit rechts einen Schlag gegen dessen Rippen zu landen.
Tar blockte ihn ab. »Ist das alles, was du draufhast?«
Nicht antworten. Ausweichen, abblocken, zuschlagen, drehen. Tars Angriffe hatten eine erstaunliche Wucht dafür, dass er genauso groß und schlank war wie Jon. Kato hatte bestimmt bemerkt, wie gut Tar war und wollte seinem unpünktlichen Sohn klarmachen, dass es sich rächte, wenn man zu spät zum Training kam.
Jon zielte auf Tars linken Oberschenkel und vernachlässigte dabei seine Deckung. In letzter Sekunde wich er dem nächsten Angriff ungeschickt zur Seite aus, sodass der Schlag auf seiner Nase landete. Hölle, das tat weh. Kleine rote Punkte tanzten ihm vor den Augen.
»Tut mir leid«, sagte Tar ohne einen Hauch Bedauern in der Stimme.
»Nicht deine Schuld«, sagte Jon grimmig. Obwohl er nur verschwommen sehen konnte, landete er einen Treffer in Tars Magengegend, aber es war, als würde er gegen ein Brett schlagen. Tar stieß ihn mit beiden Händen so fest vor die Brust, dass er einen Meter zurücktaumelte.
In seinem Bauch regte sich die Wut und Jon schob sie schnell zur Seite. Bleib ruhig. Die roten Punkte irrten immer noch vor seinen Augen herum.
»Du solltest vielleicht lieber aufgeben«, sagte Tar. »Nicht, dass du dich verletzt.«
Und du solltest weniger reden. Eine fließende Bewegung und ein Fußtritt an die richtige Stelle. Tar verlor das Gleichgewicht und musste sich mit einem Arm abfangen, um nicht auf dem Rücken zu landen. Seine Augen weiteten sich. Blitzschnell stand er wieder auf den Beinen. Das spöttische Lächeln um seinen Mund war verschwunden.
Jon griff erneut an, er bewegte sich instinktiv, schlug zu, wich aus, rollte ab, wechselte die Angriffsrichtung. Es gelang ihm nur selten, diesen Zustand zu erreichen. Kato nannte es Flow.
Die einzigen Geräusche waren die Schläge, die vom dicken Stoff ihrer Anzüge abgefedert wurden, oder der leise Aufprall, wenn einer von ihnen zu Boden ging. Jon traf Tars rechten Oberschenkel: Einmal nachsetzen, ein Hebelgriff, und er hatte ihn auf der Matte.
Tar drehte den Kopf zur Seite und schielte zu ihm nach oben. Sein Gesichtsausdruck wirkte seltsam zufrieden. Jon verstärkte seinen Griff. In seinem Blickfeld tanzten immer noch diese nervigen roten Punkte. Der Schlag gegen die Nase hatte echt gesessen.
»Hey, das sieht nicht gut aus.« Tars Stimme klang aufrichtig besorgt. »Deine Augen sind total rot. Ist alles in Ordnung?«
»Alles okay, ich …«
Die Frage hatte ihn nur zwei Sekunden lang abgelenkt. Aber zwei Sekunden und ein gelockerter Griff reichen einem überlegenen Gegner, um die Situation zu drehen.
»Der älteste Trick der Welt, Ghrach«, sagte Tar über ihm, und Jon war klar, dass Ghrach kein schmeichelhafter Ausdruck war, auch wenn er ihn nicht kannte. »Damit habe ich meine Schwester schon als Kleinkind besiegt.« Er bohrte Jon sein Knie in den Rücken und betonierte seinen linken Arm in einem schmerzhaften Haltegriff. »Na los, schlag ab.«
»Nein«, stieß Jon zwischen den Zähnen hervor. Wie konnte er so blöd sein! Er hatte schon ewig keinen Kampf mehr verloren. Der vertraute Geruch des Hallenbodens und der Matte – Gummi, Schweiß und Holz – stieg ihm in die Nase, und er drehte den Kopf zur Seite. Der Schmerz in seinem linken Arm verstärkte sich. Er brauchte nur einmal mit der Hand auf den Boden zu schlagen, als Zeichen der Kapitulation. Er versuchte alles, um Tar abzuschütteln, aber dessen Griff wurde nur noch fester.
»Genug«, sagte Kato über ihm.
»Er hat nicht abgeschlagen«, sagte Tar. »Die Regeln sagen—«
»Und ich sage, es ist genug.«
Tar murmelte etwas, aber er löste den Griff.
Sofort ließ der Schmerz in Jons Arm nach. Warum war Kato dazwischengegangen? Die anderen Schüler hatten ihr Training unterbrochen und sahen zu ihnen herüber.
Kato drehte sich um und klatschte einmal in die Hände. »Abschlussrunde.«
Jon rollte auf die Seite und stand auf. Seine Augen brannten, und sein linker Arm fühlte sich taub an. Die Wut pochte zornig gegen seine Schläfen.
Jon konzentrierte sich auf Tars Fußknöchel und verbeugte sich flüchtig, wie es das Protokoll verlangte. »Danke für den Kampf«, murmelte er.
Tar erwiderte die Verbeugung. »Das nächste Mal ist vielleicht niemand da, um dich zu retten.«
Das nächste Mal hast du nicht so viel Glück. Er wollte es laut sagen, aber es war nicht wahr. Tar war verdammt viel besser als er. Jon setzte sich in Richtung Hallentür in Bewegung. Die anderen saßen schon im Halbkreis um Kato herum. Noch konnte er umkehren. Niemand verließ ohne Erlaubnis des Lehrers den Unterricht.
Er öffnete die Hallentür und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen.