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Jo Brode

Drachenlied

Kapitel 5 (Lys)

5
Auf diesem Auftrag lag ein Schatten. Immer, wenn Lys glaubte, etwas würde laufen wie geplant, tauchten neue Hindernisse auf. Die ganze Zeit, während der Junge in der Küche mit seinem Vater stritt, hatten sie und Tar die beiden beobachtet. Und dabei diskutiert, was sie tun sollten.
»Er hatte gerötete Augen.« Sie saß im Schneidersitz neben Tar und ließ ihre Wurfmesser zwischen den Fingern kreisen. »Das ist nicht dasselbe wie rote Augen. Und du hast gesagt, er hat im Kampf von dir einen Schlag ins Gesicht bekommen.«
»Ja schon, aber … ich sage dir, er ist ein Flammalfín«, erwiderte Tar. »Seine Kräfte erwachen. Ob die Augen nun rot oder gerötet waren, das Zeichen war deutlich genug.«
Lys ließ die Messer noch schneller kreisen. Normalerweise beruhigte sie das, aber diesmal geriet der Rhythmus der Klingen durcheinander und eine fiel polternd auf die Holzbretter.
Tar zog die Augenbrauen hoch. Sie saßen beide ziemlich weit vorne, am Rand der Plattform. Dieses provisorische Baumhaus zwischen den Ästen der alten Linde war perfekt. Von hier aus konnte man den Innenhof und das Café im Vorderhaus im Auge behalten und gleichzeitig in die Küche des Dojos gucken. Der Junge hatte gerade den Raum verlassen und der Dojo-Karrásch, nein, Dojo-Lehrer hieß es hier, stand mit dem Rücken zu ihnen und starrte auf das zerbrochene Tischbein.
Lys steckte die Messer zurück in die Schlaufen an ihrem Gürtel. Rote Augen – gerötete Augen, beides war möglich. Die Zeichen waren da, aber sie waren nicht eindeutig. »Wir müssen sicher sein, das verlangt das Gesetz.«
Tar seufzte. »Schön. Wir warten ab bis morgen.«
»Ich zögere genauso ungern wie du. Aber es wäre nicht richtig, das falsche Leben auszulöschen.«
Tar senkte den Kopf. »Du hast recht.« Er löste sich aus seiner kauernden Stellung und streckte die Beine. »Verzeih meine Ungeduld. Es ist nur …« Er machte eine Handbewegung, die Hof und Gebäude einschloss. »Es ist einfach nicht unsere Welt.«
Die schiere Masse an Menschen in Storberg war für sie beide ein Schock. Menschen, überall Menschen, niemand schien je allein zu sein. Schon gar nicht der Junge, den sie beobachten sollten. Ihr seid so alt wie er, ihr werdet in seiner Nähe nicht auffallen. Macht ihn ausfindig, überprüft seine Kräfte. Wenn es sein muss, tötet ihn.
Lys massierte sich mit den Fingerspitzen die Schläfen. Die Unruhe, die diese Menschen umgab, verursachte ihnen körperliche Schmerzen. Die Ratsältesten hatten sie gewarnt, dass das passieren könnte. Sie waren wirklich gut vorbereitet worden, und die Anweisungen des Rats waren eindeutig. Aber Dvor war Dvor und Storberg war Storberg.
»Es wird besser werden«, sagte Tar tröstend.
Sie nickte. Sie mussten einfach schnell den Auftrag erfüllen, dann würde alles gut. Lys schloss einen Moment die Augen. Insgeheim hatte sie sich schon ihre gemeinsame triumphale Heimkehr als Retter von Dvor ausgemalt.
»Du träumst.« Tar stieß sie mit dem Ellenbogen in die Seite, und Lys schüttelte die Bilder ab. Träumerei war gefährlich. Sie mussten wachsam sein. Niemand hier durfte wissen, wer sie wirklich waren.
Der Dojo-Lehrer hatte das Tischbein repariert und holte Mehl und andere Zutaten aus dem Schrank. Er schlug Eier in eine Schüssel und begann mit einem komischen Gerät darin zu rühren. Ihr Magen knurrte.
Tar zog die Tasche mit den Vorräten zu sich heran und holte einen halben Laib Brot heraus. »Möchtest du auch?«
Lys nickte.
Sie aßen schweigend. Der Wasserbeutel war fast leer. Am nächsten Morgen würden sie in der Stadt eine Quelle suchen müssen. Lys schauderte bei dem Gedanken an die Getränke, die einige der Passanten auf der Straße in der Hand gehabt hatten. Alle hatten eine ungesunde Farbe und rochen seltsam. Vielleicht verhielten diese Menschen sich deshalb wie verirrte Ameisen.
Ihr Blick wanderte zurück zum Küchenfenster. Der Dojo-Lehrer unterhielt sich mit seinem Sohn. Jon. Sie schob den Namen weg. Es spielte keine Rolle, wie er hieß. Er war ein Auftrag, alles andere war gleichgültig.
Der Sohn verließ die Küche und der Lehrer füllte den Teig in eine Kuchenform und schob sie in den Ofen. Er räumte die Sachen weg, die er benutzt hatte, und näherte sich dem Fenster.
Lys zischte eine Warnung und kroch mit Tar auf der Plattform weiter nach hinten. Das Blätterdach der Linde war jetzt im späten Frühling schon dicht, aber nicht so dicht, dass man sie nicht entdecken würde, wenn jemand genau hinsah.
Der Dojo-Lehrer drehte sich um und verließ die Küche. Lys atmete aus. Vorhin im Dojo war er freundlich zu ihnen gewesen. Ruhe umgab ihn, anders als die Menschen, denen sie bisher begegnet waren. Aber was würde er tun, wenn sie seinen Sohn töten mussten?
Lys schluckte den letzten Bissen Brot hinunter. Solche Gedanken führten zu nichts. Der Schutz des Lebens war oberstes Gebot für alle Elfen, doch dieser Junge war eine Bedrohung. Schon seine Geburt verstieß gegen das Gesetz. Verbindungen zwischen Menschen und Flammalfín waren aus gutem Grund verboten. Ein Halbelf mit Feuerkräften musste sterben. Ein Tod, um viele Leben zu retten, so hatten die Ältesten es ihnen erklärt. Es war eine ehrenvolle Aufgabe.
Tar strich sich über den kurzen Flaum auf seinem Kopf und Lys musste lächeln. So wie sie selbst, so wie alle jungen Elfen, hatte er in Dvor die Haare immer mindestens schulterlang getragen. Es war ihnen beiden schwergefallen, sie abzuschneiden. Aber sie wollten ein Zeichen setzen und allen zeigen, dass sie bereit waren, Opfer zu bringen, um Dvor zu retten. Jetzt sahen sie sich noch ähnlicher als ohnehin schon. Glückskinder nannte man Zwillinge in Dvor. Lys holte tief Luft. Der Schatten wird weichen, alles wird gut gehen.
Sie zog einen der beiden Umhänge aus ihrem Reisebündel und warf ihn Tar zu. »Ruh dich aus. Ich übernehme die erste Wache.«
Tar wickelte sich in den weiten Stoff, zog sich die Kapuze tief ins Gesicht und rollte sich auf dem Bretterboden zusammen, ohne zu widersprechen. Das allein zeigte ihr, wie erschöpft er war.
Der graubraune Stoff um Tars Schultern passte sich an die Farbe der Plattform an und verschmolz mit ihr. Nur sein Kinn war noch zu sehen.
Lys richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Küchenfenster. Dieser Platz im Baum war wirklich gut gewählt. Sehen, ohne gesehen zu werden, so wie sie es gelernt hatten. Je mehr sie über den Jungen und seine Lebensgewohnheiten wussten, desto besser.
Sie veränderte ihre Position, kreuzte das linke Bein über dem rechten. Wenn es nötig war, konnte sie stundenlang so verharren.
Nach einiger Zeit kehrte der Dojo-Lehrer zurück. Auf dem Küchentisch löste er vorsichtig den Kuchen aus der Form und legte ihn auf einem Brett ab. Lys lehnte sich nach vorne. Der Kuchen hatte eine tiefbraune, glänzende Kruste. Sie schluckte. Sicher schmeckte er anders als das Mandec-Brot und die süßen Pirras, die ihr Vater machte.
Der Dojo-Lehrer öffnete das Fenster und schnell lehnte Lys sich zurück in den Schutz der Blätter. Doch er stellte nur den Kuchen zum Abkühlen auf die Fensterbank.
Ein süßer und gleichzeitig leicht herber Duft stieg ihr in die Nase. Bei allen Feuern, das roch wunderbar. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. In Dvor hätte sie einfach gefragt, ob sie sich etwas nehmen dürfte, aber hier ging das natürlich nicht. Sie könnte schnell hinuntersteigen und ein Stück für sich und Tar abbrechen. Der Kuchen könnte ja aus Versehen vom Fensterbrett gefallen sein … Nein! Wie konnte sie an so etwas auch nur denken. Sie würde als Heldin nach Dvor zurückkehren, nicht als Diebin.
Lys kroch zum Vorratsbeutel, riss ein Stück von dem trockenen Brot ab und kaute entschlossen. Nur weil sie sich hier unter Menschen bewegte, hieß das nicht, dass sie ihre Vorstellungen von ehrenhaftem Verhalten vergessen würde. Sie straffte die Schultern und ignorierte den Kuchengeruch. Brot aus Dvor schmeckte sowieso viel besser.