Verwundet
Murlana saß in der Bar und dachte an jenen Tag, als sie zum ersten Mal durch die Tür dieser Kneipe ging. Jenen Tag vor vier Jahren, der ihr Leben wirklich vollends zerstört hatte. Die Bar, in einem Anfall von unpassender Komik des Besitzers einfach nur "Die Bar" genannt, war völlig verraucht und beständig im Halbdunkel gehalten. Ein gnädiger Vorzug, der die ganzen Flecken an Boden, Wänden und Tischen undeutbar machte. In dieser Welt, weit am Ende von Morrs regulierenden Einflusses, tummelten sich allerlei Gestalten, welche in das Zwielicht dieser Bar passten wie Maden auf einen mehrere Tage alten Leichnam. Wenn sie hätte sagen müssen, wie sie jemals an einem solchen Ort hatte landen können, würde sie sagen: Es hat an jenem Tag im Krankenhaus angefangen. Ihr war mitgeteilt worden, dass sie zu schwer verwundet war, um ihren Dienst bei den Mors Recens weiter leisten zu können. Ein Dienst, welcher gleichsam ihre Chance war, den Zorn, welcher in ihr wütete, beherrschen zu lernen. An diesem Tag hatte sie das erste Mal völlig die Kontrolle über ihre Psionik verloren. Seither hatte sie oft Probleme damit, sich selbst zu zügeln. Ständig hatte sie so viele falsche Entscheidungen getroffen, dass Murlana diese schon nicht mehr zählen konnte. Die Dümmste allerdings war es gewesen, im Zorn ihre Waffen und die paar anderen Habseligkeiten zu packen und voller Scham das Weite zu suchen. Die Welt der morrianischen Menschen war eine völlig andere als die der arahillischen Ehleen. Sie waren enge Verbündete, aber das, was ihre Mutter schon immer gesagt hatte, hatte sich bewahrheitet. Die Menschen waren grob und oft auch nahezu barbarisch. Dieses Verhalten war möglicherweise der Tatsache geschuldet, dass sie nicht aus ihrem Kopf heraus fühlen konnten. Das vermutete Murlana jedenfalls. Wenn die beiden Schläger im Hinterzimmer die panische Angst und die Schmerzen ihres Opfers fühlen würden, wie Murlana sie spürte, würden sie sicherlich nicht so eifrig ihrer Arbeit nachgehen. Angewidert hob sie das schmutzige Glas mit der trüben Flüssigkeit an den Mund, welche hier als „das Getränk“ verkauft wurde und wahrscheinlich eine Art Whisky sein sollte. Schon allein der Geruch brannte so sehr in der Nase, dass ihr hin und wieder die Tränen in das verbliebene Auge stiegen. Der Geschmack betäubte den Mund völlig. Sie wusste selbst nicht, warum sie immer wieder hierher kam, und dieses Getränk bestellte. Aber in den letzten Jahren war es beinahe zu so etwas wie einer Tradition geworden. Wahrscheinlich lag es einfach am Preis. Nachdem sie das leere Glas vor sich abstellte, blickte der Barkeeper sie mit gelangweiltem Blick an und schenkte nach.