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Jannis Pantelatos

Verwundet

Kapitel 20

Offenbar hatte Charles eine rudimentäre Nahkampfausbildung erhalten. Doch er kämpfte nicht um zu verletzen oder zu töten. Murlana wusste nicht, ob die Hawkclaws dies bemerkten, aber es war ihnen wahrscheinlich auch einfach egal. Sie schlugen ihn nieder und begannen dann, auf ihn einzutreten. Mit ihren schweren stahlkappenversehenen Kampfstiefeln würde es nicht lange dauern, bis sie Charles Körper, welcher versucht hatte, sie zu retten, irreparabel zerstört hätten. Verzweifelt suchte Murlana den Weg in ihren eigenen Körper zurück. Wie sie in Charles Kopf gelangt war, würde sie später ergründen müssen. Es gab Erzählungen, dass die Seele eines Ehleen nach dessen Tod in den Körper einer ihn nahen Person geglitten war. Aber sie musste Charles verlassen, auch auf die Gefahr, dass sie dann wirklich sterben würde. Wenn sie nicht sehr zeitnah einschritt, würden die Gangster Charles töten und dann hätte sie so oder so keine andere Wahl. Vorsichtig und behutsam tastete sie sich zurück durch den Nebel aus Schmerz und Schwindel. Einen schrecklichen Moment lang dachte sie, dass sie ins Nichts gleiten würde, als sie Charles Geist verließ. Doch bereits nach kurzer Suche spürte sie einen anderen Schmerz. Dieser kam von ihrem Hinterkopf und ihrem rechten Arm. Zusätzlich spürte sie etwas neben sich in der stinkenden Gasse. Viele Blüten purer Pein. Mit jedem Herzschlag erblühte in ihrem Geist weitere Agonie. Sie spürte Charles, welcher sich neben ihr zusammengerollt hatte, jetzt wieder losgelöst von ihrem eigenen Sein. Er hatte versucht sie vor diesen Männern zu beschützen, welche gerade zu zweit auf den wehrlosen Mann eintraten. Heiß loderte Zorn durch ihren Körper und spülte all den Schmerz und die Benommenheit aus ihr heraus. Gnadenlos begann die Raserei all ihre Gedanken zu fressen. Mit brennendem Blick riss sie die Augen auf, um direkt in Charles Augen zu sehen. Trotz der Tritte sah sie Erleichterung in seinen Blick treten. Wie genau sie auf die Füße gekommen war, wusste sie nicht. In ihr war nur noch alles verschlingende Wut. Blitzender Zorn, welcher nach Gewalt schrie. Sie musste etwas zerstören. Der Zorn flutete ihren Körper und sammelte sich in ihren Händen, bis die Gasse mit einem Knistern und bedrohlichem Licht geflutet wurde. Ihre Raserei ließ nicht mehr zu, dass sie die Männer, welche Charles angriffen, als Lebewesen wahrnahm. Sie waren nur noch Müll, Ungeziefer, welche es zu vernichten galt. Ihr Zorn glühte so strahlend hell, dass selbst dieser Abschaum ihn spüren konnte. Murlana wollte, dass die zwei sie sahen. Sie wollte, dass sie litten und wussten, dass ihr Ende bevorstand. Es war nicht genug, sie einfach nur zu töten. Sie wollte sie zerstören und demütigen. Von leichtem Schwindel gepackt nahm sie Kampfposition ein und murmelte den Männern zu. „Ihr verfickten Dreckssäcke! Da dachte ich, ich könnte mal einen schönen Abend haben und dann kommt ihr kleinen Stricher!“ Sie wollte eigentlich noch mehr sagen. Aber die Wut in ihrem Bauch war zu groß, als dass sie noch Worte gehabt hätte. Der Erste, sie konnte ihn nicht mehr als Mann wahrnehmen, jener zu ihrer rechten Seite, mit einer schmutzigen Dreiviertelhose und unsauberen Sidecut, griff sie mit seinen mit Eisenplatten verstärkten Handschuhen an. Schon die Art des Angriffes war lächerlich. Der Versuch, sie mit so einer plumpen Attacke zu treffen, provozierte Murlanas Kriegergeist. Dass sie bereit waren, einen wehrlosen Mann zu Brei zu schlagen, war schon ausreichend dafür, dass sie diesen Müll beseitigen musste, aber das jetzt ging wahrlich zu weit. Offenbar konnten diese Unpersonen sich nur gegen Zivilisten und untrainierte Personen durchsetzen. Dieser Gedanke trieb ihr sofort Bilder jener Garulem Soldaten in den Kopf, wie sie mit ihren grausigen Waffen Tod und Vernichtung über die morrianischen Bauern brachten. Sie duckte sich, das Schussfeld der anderen Unperson meidend, und schlug ihrerseits zu. Damals hatte der Lamentum Morturi verhindert, dass sie eingriffen. Doch heute war ihr Zorn entfesselt. Heute brannte er gleißend hell und brennend heiß auf dem Fleisch der Feinde. Ohne das Ergebnis ihres Schlages zu überprüfen stieg sie über die rauchenden Überreste des Glückspilzes hinweg. Nummer zwei sollte weniger Glück haben entschied sie, während ihr rasender Geist Bilder alter Schlachten in ihr hervorrief. Sie hatte Nummer eins schnell und sauber töten müssen. Jetzt aber hatte sie Zeit. Zeit, ihn all ihre Wut, ihre Raserei und die damit verbundene Agonie spüren zu lassen. Der Mann starrte sie mit entsetzten Augen an, als sie ihm die Finger beider Hände in die Brust stieß. Weder seine Lederjacke noch sein Fleisch bot ihrem Zorn auch nur irgendeinen Widerstand. Rasend presste sie ihre Finger zwischen seine Rippen, während sie in seine Augen sah. Sie wollte ihn nicht nur töten. Die Raserei in ihr befahl ihr, den Mann vollständig zu vernichten. „Bevor du stirbst du Müll, sollst du Wissen, dass ich mir auch den Rest von deiner dreckigen Sippschaft holen werde!“ Sie quetschte die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Der Mann, in dessen Brust ihre Finger steckten, starrte sie mit vor Angst und Schmerz überquellenden Augen an. „Gut so, ich hoffe es schmerzt!“