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Jannis Pantelatos

Gebrochen

Kapitel 1

Thalymsee Jajilas
Nachdenklich musterte Thalymsee ihre grau durchsetzen, bis auf das Nagelbett zurück geschnittenen Fingernägel. In ihrem Bauch hatte sich ein mulmiges Gefühl eingenistet, welches sich weder erklären noch vertreiben ließ. Zum wiederholten Male fragte sie sich, ob es richtig war, sich diesem Kriegseinsatz anzuschließen.
Im Grunde war sie mit den Mors Recens fertig. Sie hatte gelernt, den Hass zu kontrollieren, welcher früher immer so heiß wie glühende Kohlen hinter ihren Augen gesessen hatte, stets bereit, ihre Sicht mit seinem rötlichen Glanz einzufärben und die Welt mit seinem Feuer zu überziehen. Der Hass war nicht verschwunden, war immer noch ein Teil von ihr. Aber sie hatte ihm die Macht genommen, hatte ihn gezähmt und war ihm nicht mehr unterworfen. Das Feuer, welches ihr bei jedem Atemzug tief in der Kehle brannte, sie zum Hecheln brachte, sobald sie an die Verbrechen dachte, welche die Föderation auf Kremelux begangen hatte, war verschwunden.
Sie hasste die Föderation immer noch aus tiefster Seele. Aber während ihrer Zeit bei den Mors Recens hatte sie gelernt, sich vom Hass nicht beherrschen zu lassen. Eigentlich hätte sie den Schrein verlassen sollen! Sie war bereits viel zu lange von zu Hause fort. Wie viele Jahre hatte sie ihre Eltern nicht mehr gesehen? Mit einem Seufzen fuhr sie sich mit beiden Händen übers Gesicht, wie um die sehnsüchtigen Gedanken an ihre Familie mit dieser Geste ebenso fortzuwischen wie ihre Müdigkeit.
Als vor ein paar Wochen der Befehl zum Abrücken gekommen war, hatte Szerath sie überredet, die Maske der Mors Recens doch noch einmal anzulegen. Für ihren Trupp hatte er gesagt, für Nurassian, für Lunriel, für Ulia, Railanieè und Murlana, aber vor allem für ihn! Sie alle waren den Weg des Mors Recens bereits für mehrere Jahre zusammen gegangen. Lange genug, dass sie nach diesem Einsatz möglicherweise ebenfalls ihre Masken ablegen konnten. Also ein letzter Krieg, eine letzte Schlacht, bevor sie die Maske ablegen und zurück nach Hause kehren würde? Damals hatte diese Idee noch gut geklungen.
Während sie ihren Atem geräuschvoll entweichen ließ, glitt ihr Blick über die großen, tellerartigen Blätter. Diese bildeten einen so dichten Schutz, dass der ebenfalls allgegenwärtige Regen nur an wenigen Stellen das Blätterdach zu durchdringen vermochte. Diese Welt war schön, das musste sie zugeben. Es gefiel ihr, wie das goldene Licht der Sonne sich durch die kleinsten Ritzen schlängelte und überall um sie herum die Regentropfen zum Glitzern brachte. Eine Schönheit, für welche Thalymsee keine Zeit hätte haben sollen. Ein Stützpunkt der Föderation lag keine fünf Kilometer von ihnen entfernt und sie konnte spüren, wie Iralaths Zorn mit jeder verstreichenden Stunde größer wurde. Thalymsee hatte bereits zu oft gespürt, wie der Zorn des Lamentum Morturi sich langsam immer weiter aufbaute, bis selbst die Mors Recens eine Konfrontation herbeisehnten, als wäre sie ein erlösendes Gewitter, welches den Himmel von allen düsteren Wolken klärte.
Sie hätte vor einem Jahr selbst noch so empfunden. Dies war der dritte Krieg, in welchem Thalymsee als Mors Recens in die Schlacht ziehen würde und sie konnte überdeutlich spüren, wie bei diesem Gedanken eine tiefe Müdigkeit sich ihrer Seele zu bemächtigen begann. Mit geschlossenen Augen begann sie langsam mit tiefen Atemzügen die feuchte, erdige Waldluft zu inhalieren. Sie war fertig mit dem Krieg, dem Töten, aber vor allem mit dem Hass, welcher so schmerzhaft auf ihrer Seele brannte.
Hätte Szerath ihr nicht schelmisch lächelnd versprochen, dass sie nur noch diese Mission auf ihn würde Acht geben müssen, Thalymsee hätte die Maske des Mors Recens nie wieder aufgehoben. Wie viele Schlachten hatte sie geschlagen? Wie viele Promarchen und Generäle hatte sie bereits eigenhändig zur Strecke gebracht? Wie viele Gefährten hatte sie beerdigen müssen? Die Antwort auf all diese Fragen war: Dutzende! Viel zu Viele! Schon während ihrer letzten gemeinsamen Mission war sie die Dienstälteste des Trupps gewesen. Wären Lunriel und Nurassian nicht gewesen, wäre sie sicherlich die Kommandantin ihrer Einheit geworden. Die Zwillinge jedoch hatten etwas Düsteres an sich, das Iralath höchst faszinierend fand und was ihr selbst nicht selten einen Schauer über den Rücken jagte. Was genau dieses Gefühl in ihr auslöste, wusste Thalymsee nicht, nur dass die zwei in ihrer Seele eine Disharmonie trugen, welche auf Thalymsees feinen, psionischen Sinnen brannte. Dennoch waren die zwei äußerst fähig. Teilweise nahezu erschreckend kompetent. Es war ihnen mehr als nur einmal gelungen, Mitglieder des Schreins zu retten, welche durch den Lamentum Morturi als zu bringendes Opfer bereits dem Tode geweiht waren.
Kurz schoss der Gedanke durch Thalymsees Kopf, dass die Disharmonie der Zwillinge darauf beruhen mochte, die Zukunft und das Schicksal selbst durch ihre bloße Anwesenheit infrage zu stellen. Doch das war abergläubischer Unsinn, wie sie selbst wusste. So etwas wie Schicksal gab es nicht. Die Welt war keine Geschichte, kein Märchen in denen bestimmte Personen zu etwas bestimmt waren und andere eben nicht.
Mit einem weiteren tiefen Atemzug versuchte Thalymsee die Nervosität, welche sich in ihrem Inneren eingenistet hatte und sie trotz des sie umgebenden grünen, im Sonnenlicht glitzernden Paradieses nicht zur Ruhe kommen ließ, zu verdrängen. Ein Versuch, der sich trotz mehrfacher Wiederholung als wirkungslos erwies.