Gebrochen
Thalymsee Jajilas
Mit rasendem Herzen versuchte Thalymsee ihren Geist zu beruhigen. Die Situation sah deutlich übler aus, als sie zuerst erwartet hatte. Der Mann, welcher blutüberströmt wenige Meter entfernt von ihr lässig an die schmucklose und kahle Betonwand der Fabrik gelehnt stand, war offensichtlich vollkommen wahnsinnig.
Der Mensch schien vollständig auf Seelenbrand! Die Droge veränderte die Psyche einer Person zwar massivst, aber Thalymsee konnte sich nicht vorstellen, dass dies die einzige Erklärung für das abnorme Verhalten des großen Mannes vor ihr war. Was genau glaubte er, dass sie hier tun würden? Diese Frage hatte sie sich mehrfach während ihrer Auseinandersetzung gestellt.
Aber offenbar dachte der Omnachont, dass es sich bei ihrem Kampf um eine Art erotisch aufgeladenen Tanz handeln mochte. Mit zusammengebissenen Zähnen verstärkte sie den Griff um ihre Waffen. Ihre Hände zitterten. Zu gerne hätte sie einen Blick in Richtung Lunriel und Nurassian geworfen. Doch bestand die sehr reelle Gefahr, dass wenn sie den Omnachont auch nur eine Sekunde aus den Augen ließ, dieser sie sofort niederschlagen würde.
Der Mann war über zwei Köpfe größer als sie, und auch wenn er über kaum optische Augmentierungen verfügte, wusste sie, dass diese da waren. Die Wunden, welche sie ihm zugefügt hatten, hätten einen Grizzly binnen Sekunden getötet. Dieser Typ allerdings stand lässig ein paar Meter von ihr entfernt an der grauen Betonwand und lächelte sie auf nahezu unheimliche Weise an.
Vorsichtig verlagerte Thalymsee ihr Gewicht auf das linke Bein. Während ihres kurzen Aufeinandertreffens hatte sie genug über die Kampfkunst des Omnachonten erfahren, um zumindest seinen Größenwahn ein wenig nachvollziehen zu können. Der Mann war um Längen stärker und dummerweise sogar deutlich schneller und beweglicher als sie selbst. Offenbar war sein Körper so stark optimiert, dass er seine Schwertkampflehrer um Längen übertraf, auch ohne echtes Können.
Sie hatte die Fähigkeiten ihres Feindes überschätzt und seine körperliche Überlegenheit unterschätzt. Wäre ein gewöhnlicher Schwertkämpfer so wie der Omnachont auf sie losgegangen, Thalymsee hätte ihn in saubere, mundgerechte Stücke geschnitten. Allerdings war der Omnachont kein normaler Mensch, nicht einmal, wenn man den Seelenbrandrausch wegrechnete. Der erste Stich, welchen sie abgelenkt hatte, war so kraftvoll gewesen, dass dieser ihr Knie und die Hüfte geprellt hatte.
An Flucht war also gar nicht mehr zu denken. Wenn der Omnachont nicht vollkommen auf Seelenbrand gewesen wäre, hätte er gewusst, dass er ab diesem Punkt einfach nur warten musste. Solange Iralath selbst sie nicht holen kam, würde keiner ihrer Schreinsgeschwister zu diesem Zeitpunkt noch so tief in das feindliche Lager vordringen. Der Omnachont würde ihre Verwundung nur so lange aussitzen müssen, bis der Schrein abgezogen war, und dann würde Thalymsee nichts anderes übrig bleiben, als sich zu ergeben. Eine offenkundige Tatsache, welche dem im Truskarell gefangenen Omnachonten offenbar entging.
Schnaubend stieß sie den Atem aus, welchen sie angehalten hatte, um nicht vor Schmerz japsen, während sie erneut in Kampfposition ging. Sie brauchte schnell einen Plan. Zumindest im Ansatz. Etwas, woran sie sich festhalten konnte. Etwas, was ihr Mut gab, bis das eintrat, womit sie seit dem ersten Tag dieses Krieges bereits fest gerechnet hatte.
Es gab nicht viel, was ihr spontan einfiel, worauf sie aufbauen konnte. Sie hatte seit ihrer Kindheit die Schwertkunst der berühmten Ehleen von Karand erlernt. Diese galt schlichtweg als das Optimum, selbst nach den strengen Richtlinien des Imperiums. Diese Gegebenheit, zusammen mit der schlampigen Haltung des Omnachonten, war zumindest ein Ansatz.
Bei all seinen Angriffen auf sie hatte er sehr ausladende Bewegungen angewendet, welche zwar kraftvoll waren, seine Absicht jedoch sofort erkennen ließen. Bei jedem anderen Feind könnte sie diese Schwäche innerhalb von Sekunden in einen Sieg verwandeln. Der Omnachont selbst war allerdings viel zu stark, als dass sie seine Klinge während eines Angriffs oder einer Parade zur Seite schlagen konnte. Wie Thalymsee schmerzhaft gelernt hatte, konnte sie seine Angriffe auch nicht einfach parieren, da er eine von ihr erhobene Klinge einfach mit roher Gewalt zur Seite schlagen würde.
Mit knirschenden Zähnen musste sie feststellen, wie sehr sie sich getäuscht hatte. Aufgrund des Drogenrausches, welcher den Geist des Omnachonten vernebelte, hatte sie gedacht, diesen mit einem einzigen schnellen Trick übertölpeln zu können. Mit jeder Sekunde, welche verstrich, konnte Thalymsee die Kluft, welche zwischen ihren eigenen Fähigkeiten und jenen der Herausforderung, es mit diesem Omnachonten aufzunehmen lag, deutlicher spüren.
Während sie noch versuchte, ihr verwundetes Bein, welches bei jedem Auftreten eine gleißende Salve reiner Agonie durch ihren Körper sandte, in einen halbwegs sicheren Stand zu bringen, begann der Omnachont lässig, sie zu umrunden. Langsam lief er in einem langgezogenen Halbkreis, welcher nur von den Fabrikwänden unterbrochen wurde, um sie herum. Er hatte ihre Verletzung also ebenfalls bemerkt und zwang sie durch sein Gehen sich mit ihm zu drehen und ihr verletztes Bein zu belasten! Ein Gedanke, welcher den brennenden Hass in ihrem Kopf, der sie anschrie, diesen Menschen in Stücke zu schneiden, wie ein heißes Messer durchschnitt.
Mit reiner Willensanstrengung zwang Thalymsee sich dazu, ihren Geist von der lodernden Psionik des Oridumas zu lösen. Sie musste sich beruhigen! Musste ihre Psionik bändigen und einen kühlen Kopf bewahren.