Verstoßen
Müde kämpfte Murlanas Verstand sich träge ins wache Sein zurück. Das ihr Geist beschloss sie aus dem Schlaf zu wecken, war wie sie an den dutzenden Unannehmlichkeiten, welche mit dem Wachsein einhergingen und nun auf sie einprasselten, eine wirklich schlechte Idee gewesen. Im Traum hatte sie Charles´ Verstand in den ihren gezogen. Zusammen mit ihm hatte sie sich zurück in ihr Zimmer im Kiapora geträumt, in welchem sie die glücklichste Zeit der letzten Jahre mit ihrem Menschen verbracht hatte. Hier im Zustand des Erwachns existierten die Schmerzen in ihren Fingern, welche noch an Charles´ Kontrollverlust mit seinem neuen Spielzeug erinnert. Dazu kamen dutzende kleine peinigender Stiche am Rücken und ihrer Hüfte. Wie es möglich war, dass sie sich innerhalb von nur wenigen Monaten an den Luxus im Kiapora hatte gewöhnen können, nachdem sie Jahre in den Slums gelebt hatte, wusste Murlana nicht. Doch ihr Körper hatte dieses Wunder irgendwie vollbracht und kommunizierte nun auf diese Weise sein Ungemach ob des billigen Motelbettes mit ihr. Mit noch geschlossenem Auge beschloss Murlana, dass wach sein kacke war. Denn nun konnte sie dieses Glück nicht mehr festhalten. Ärgerlich ballte sie die schmerzende Hand zur Faust. Das dämpfte den Schmerz nur bedingt. Im Geiste verfluchte Murlana die Naniten, welche viel zu begierig angefangen hatten ihr Fleisch zu fressen. Dieser Gedanke ließ den Mann, welcher seinen Arm wärmend um sie gelegt hatte, zu zucken beginnen. Es schien beinahe so, als würde er ihren Schmerz selbst körperlich spüren. Vorsichtig, um Charles, welcher endlich einmal wirklich zu schlafen schien, nicht zu wecken, Murlana sich im Bett zu drehen.
Behutsam barg sie ihr Gesicht an Charles´ Brust. Mit ihm an ihrer Seite konnte sie sogar die viel zu dünne und durchgelegene Matratze dieses Motels ertragen. Wenn auch wahrscheinlich nicht für lange! Dafür erinnerte diese sie viel zu sehr an ihre alte Wohnung in den Slums von Aglon IV. Aber zumindest heute wollte sie diese noch ertragen, beschloss Murlana, während sie ihr Gesicht zwischen Charles´ kräftigem Arm und seiner nackten Brust barg. Sein rhythmischer Herzschlag war beinahe genug, sie erneut zu umgarnen, damit sie in den Schlaf finden konnte, bis ein Gedanke sie abermals aufschreckte.
Die Wohnung in den Slums lief immer noch auf ihren Namen. Sie hatte nie offiziell gekündigt. Warum ihr das gerade jetzt in den Sinn kam, als ob das oder ihre alten, abgetanzten Möbel, welche sie so oft verflucht hatte, wichtig wären. Mit einem ärgerlichen Schnauben versuchte Murlana den Gedanken zu verwerfen. Ihre alte Wohnung, sowie das gesamte Leben, welches mit diesen verbunden war, gehörte zu diesen Punkten ihrer Vergangenheit, welche sie wirklich gerne hinter sich gelassen hatte, sobald Charles in ihr Leben getreten war. Sie konnte auf ihren spärlichen Besitz, welcher in ihrer Wohnung verbleiben war, auch gut verzichten, solange dies bedeutete, dass sie sich diesem Leben nicht mehr als in Gedanken nähern musste. Trotzdem, sie hatte die Möbel und Klamotten dort mit ihrem eigenen Geld gekauft. Diesen Teil von ihr nun aufzugeben, gegen Charles´ Geld einzutauschen, traf einen kleinen, empfindlichen Nerv in ihrem Inneren.
Sie wollte diese Gedanken nicht haben. Dumpf spürte sie den schlafenden Zorn in ihrem Inneren summen. Der Lamentum Morturi hatte die Homunkula geschwächt. Doch würde diese immer neu in Murlanas Geist heranwachsen, solange es ihr nicht gelang, sich selber darum zu kümmern. Noch so ein Gedanke, welcher ihr die Ruhe nahm.
Vorsichtig und sanft fuhr sie mit den Fingern ihrer unversehrten Hand über die Haut von Charles´ Arm. Sofort begann der Mensch, sie nun fest und warm an sich zu drücken. Das war gut! Auch der summende Zorn in ihrem Geist wurde sofort leiser.
Nein, sie würde dieses Leben, welches sie so unverhofft und, wie sie auch wusste, unverdient in Persona von Charles an sich gerissen hatte, mit aller Macht festhalten. Sorgsam, während sie den in ihr aufgestiegenen Zorn in Charles Umarmung erstickte, griff sie nach seinem Verstand.