← Zurück zum Buch
Erik Harlandt

Erstschlaglogik

Kapitel 2

Dienstag, 17.06.2036

Er hatte den Wagen in der Nähe des Kottbusser Tors abgestellt und war eine Weile zu Fuß durch Kreuzberg gecruist, bis er sich ein Taxi rief – ein manuelles mit einem mauligen alten Griechen hinterm Steuer, der über die Hitze schimpfte, die Touristen, die Politiker und Flüchtlinge. Dass er sich nicht auch noch über Radfahrer und Skater aufregte, lag wohl nur daran, dass sein Fahrgast ein Board dabeihatte.
Bernd Greiz bezahlte den verblüfften Fahrer mit einem Schein und verzichtete aufs Wechselgeld. Während er die Singerstraße hinunterskatete, überlegte er, ob sich der Mann – wenn überhaupt – eher daran erinnern würde, dass er bar bezahlt wurde, oder dass er für die kurze Fahrt fast zehn Euro Trinkgeld bekam. An das abgewichste Board sicher nicht.
Die Nachmittagssonne schien die ganze Straße entlang, keine Chance auf Schatten. Bernd hatte das Gefühl, dass der Schweiß ihm jeden Moment aus den Schuhen schießen müsste. Dabei hatte er das hier so nötig wie Leberkrebs. Er hätte ganz gemütlich mit seinem klimatisierten Lexus herfahren können, schnell rausspringen, die Sache erledigen und wieder in die Kühle der Kunstledersitze abtauchen.
Aber so simpel war es nun mal nicht. Da war diese Stimme in seinem Kopf, die ihm sagte, dass er unauffällig sein und seine Spuren verwischen musste, obwohl nichts von dem, was er tat, illegal war.
Vermutlich.
Es war nicht mal eine richtige Stimme, sondern nur der verzweifelte Versuch, etwas zu erklären, das sich nicht erklären ließ. Wie so vieles. Er war bisher jedoch gut damit gefahren, auf diese Stimme zu hören, also tat er es einfach, seit er am Morgen des 12. Januar 2024 aufgewacht war und wusste, dass er seine gesamten Ersparnisse auf Nvidia setzen musste. Und er hatte sogar gewusst, wie – ohne es je gelernt zu haben.
Normalerweise hätte er über eine derartige Eingebung nachgedacht, hätte sie hinterfragt, die Idee als Irrsinn abgetan – doch diesmal nicht. Der achtzehnjährige Friseur in Ausbildung richtete sich per Handy bei einem der damals noch relativ neuen Neobroker ein Depot ein, überwies 4.500 Euro von seinem Girokonto – wobei er den Dispo mit 2.000 Euro bis zum Anschlag ausreizte – und kaufte trotz der zahlreichen Risikohinweise zehnfach gehebelte Faktor-Zertifikate. Als er sie fünf Monate später verkaufte, waren sie 60.000 Euro wert. Am darauffolgenden Morgen war er mit der Gewissheit erwacht, alles in gehebelte Derivate auf SAP investieren zu müssen.
So war es weitergegangen: Er hatte plötzlich gewusst, welche Aktien steigen würden und wann er wieder verkaufen musste. Manche hielt er monatelang, manche eine Woche, manche nur Tage oder Stunden. Von Sommer 2025 bis Januar 2026 hatte er alles auf Silber gesetzt und sein Kapital verzehnfacht. Mittlerweile war er 300 Millionen Euro schwer und fand bloß eine Erklärung für dieses Wunder: Gott hatte ihn auserwählt, sein Werk zu tun, und sprach im Schlaf zu ihm.
Das Geld war aber nur Mittel zum Zweck, das war Bernd schnell klar geworden. Genau wie mit den Börseninformationen wachte er nämlich auch mit anderen Ideen auf. Es begann mit der Bereitstellung von ungesichertem Kapital für eine Privatklinik, die er dann auch offiziell übernahm, ohne jemals dort gewesen zu sein, und ging weiter mit kleineren Investitionen in Taxiunternehmen oder Dienstleistungsfirmen aller Art.
Niemand hinderte ihn, sein Vermögen mit vollen Händen auszugeben, nur fehlte ihm dafür jegliche Motivation. Es fühlte sich falsch an, Gottes Geld zu verprassen. Als treuer Diener gönnte er sich jedoch ein bisschen Komfort in dieser überhitzten Stadt. Im Grunde stellte er lediglich sicher, dass er einsatzbereit blieb und seinen neuen Job – Geld für Gott scheffeln – erfolgreich weiterbetreiben konnte. Neben einer eigens für seine Transaktionen eingerichteten Finanzverwaltung, in der zehn Mitarbeiter dafür sorgten, dass das Kapital im Umlauf blieb, hatte er auch eine Beteiligung an einer Anwaltskanzlei erworben, die ihm bei Bedarf zur Verfügung stand. Sie hatten hauptsächlich damit zu tun, die ständige Unterstellung von Insiderwissen niederzuschlagen und auf Lobbyebene dafür zu sorgen, dass staatliche Prüfinstanzen ihm nicht zu nahe kamen. Er war ein Alarmsignal in allen Systemen, aber es waren Fehlalarme: Er betrog nicht, er hinterzog nicht, er betrieb keine Geldwäsche, er war kein Finanzkonstrukt, das irgendwer benutzte, sondern er benutzte die Finanzkonstrukte anderer. Am liebsten die der Deutschen Bank. Er war ein statistischer Ausreißer, der keine Angriffsfläche bot und sich gegen grundsätzliche Nachfragen verteidigte. Das war alles. Man kannte ihn. Man beobachtete ihn. Man fand nichts.
Bernd erreichte die nachträglich eingebaute Klimaschleuse des gerade erst sanierten Hochhauskomplexes und trat ein. Die plötzliche Kühle ließ ihn frösteln. Bis zu den Briefkästen kam man noch, ohne sich auszuweisen. Er überflog die Namensschilder, die von einem Maintenance-Service feinsäuberlich aufgeklebt worden waren, bis er fand, was er suchte, und holte zwei dicke Umschläge aus seinem Rucksack. Er schob sie nacheinander durch den Schlitz. Die ganzen 40.000 in einen Umschlag zu stopfen, konnte dazu führen, dass es nicht passte, wie er hatte feststellen müssen.
Erledigt. Was jetzt? Er könnte in den Mauerpark fahren und ein bisschen skaten, aber ohne Kühlkleidung war es zu heiß. Oder … Er warf einen Blick auf Match-Berlin. Keine neuen Treffer für seine Filtereinstellungen. Schade.
Schlimmer war, dass kein Taxi vorbeikam. Eins zu bestellen, hätte eine unnötige digitale Spur hinterlassen. Also musste er mit dem Board über den glühenden Asphalt rutschen, bis er weit genug weg war, um wenigstens einen der überall herumstehenden Roller benutzen zu können.
Dann würde er auch den Lexus losfahren lassen können, um ihm entgegenzukommen. Seine selbstreinigenden Sitze würden mit all dem Schweiß genauso gut zurechtkommen wie mit anderen Körperflüssigkeiten, denen Fahrzeuge mitunter ausgesetzt waren. Sollte er zum Beispiel einen Fußgänger überfahren, wäre der Lack bis zum Eintreffen der Polizei wieder wie neu.