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Erik Harlandt

Erstschlaglogik

Kapitel 3

Dienstag, 17.06.2036

Es war Dienstag, der 17. Juni 2036. Entgegen aller Vorhersagen regnete es keine Frösche vom Himmel, im Vatikan hatte immer noch kein Blitz eingeschlagen und der S-Bahnhof in Treptow war immer noch nicht umbaut.
Hier draußen versagte die Klimaanlage wegen der sich ständig in der Hitze öffnenden Türen vollständig. Die Fahrgäste hatten sich längst in durchgeschwitzte Loser wie ihn und die Träger hochwertiger Kühlkleidung aufgeteilt. So was konnte man nicht in die USA mitnehmen, weil die Dinger mit chinesischen Steuerchips und Sensoren liefen.
Seine analoge Coolingwear war im Koffer, der automatisch zu ihm nach Hause gebracht wurde: Die PCM-Weste mit den Gelpads funktionierte ohnehin nicht auf langen Strecken und der Cool-Hat hätte erst wieder nassgemacht werden müssen. Daniel konnte auf das Ding gut verzichten: Der Hut speicherte einen Liter Wasser und gab es über Stunden als Verdunstungskälte direkt an den Kopf ab, während die Innenseite trocken blieb. Er bekam Nackenschmerzen von dem Gewicht. Außerdem glaubte er, dass einem davon die Haare ausgingen, und die Luftfeuchtigkeit war sowieso meist zu hoch für diesen Effekt.
Der Roller erwartete Daniel schon. Der Fahrtwind würde wegen der hohen Luftfeuchtigkeit leider auch nicht viel bringen. Dabei war es ein relativ normaler Sommertag, keine Hitzewelle mit über 40 Grad. Trotzdem litt Berlin weiterhin unter dem Urban-Island-Effekt, weil die zugebaute Stadt nachts kaum noch abkühlte. Es standen nicht genug Mittel bereit, um Berlin hitzefest zu machen. Da waren Hamburg, München und sogar Frankfurt weiter.

»Hallo, Ralf«, sagte er beim Betreten des perfekt temperierten Büros.
»Schon gut, du kannst Neumann zu mir sagen.«
»Witzbold.«
»Das hoffe ich doch. Deine Weiterbildung ist beendet?«
»Ja. Die Konferenz war der Abschluss. Mein Zertifikat habe ich bereits.«
»Du bist jetzt KI-Forensiker.«
»Das würden nur Laien so nennen.«
»Ich bin Laie.«
Daniel verdrehte die Augen. »Jetzt sag endlich, was los ist. Dann sag ich dir, ob ich helfen kann.« Er setzte sich in den bequemen Sessel vor Neumanns Schreibtisch. Das tat gut nach der langen Reise. Die integrierte Kühlung trocknete sogar seine schweißgetränkten Klamotten.
»Okay. Ich habe mehrere europäische Einsatzgruppen zusammengebracht, die in dieselbe Richtung ermittelten. Inzwischen sind auch drei Geheimdienste involviert.«
»Welche?«
»Hallo! Geheim!«
»Blödmann.«
»Es geht um Lobbyismus-Netzwerke. Amis, die bei uns ihre Interessen wahren wollen. Das Übliche halt.«
»Und?«
»Ich möchte, dass du dir die Daten und Auswertungen einmal ansiehst. Ich kann nicht beurteilen, ob da was dran ist oder ob die KI halluziniert. Ich kann ehrlich gesagt nicht mal beurteilen, ob die bereitgestellten Daten was taugen.«
»Hätte man euch Laien bloß nie das Wort Halluzinationen an die Hand gegeben.«
»Nicht richtig?«
»Heutzutage ist das nun mal nichts mehr, das man reflexhaft raushauen kann«, brummte Daniel. »Hast du was zu trinken da?«
»Nur Wasser.«
»Gib schon her.«
Neumann öffnete einen unauffällig in die Schrankwand integrierten Minikühlschrank.
»Über welche KI reden wir hier überhaupt?«
»Ein ganzes Bündel.« Neumann reichte Daniel eine Glasflasche.
Eiskalt. Herrlich.
»Es handelt sich um eine multinationale europäische Ermittlergruppe. Jede hat eigene Ressourcen. Jeder liefert eigene Dateien aus eigenen Quellen.«
»Du meinst KI-Quellen.«
»Natürlich meine ich KI-Quellen. Ich habe keine Ahnung, wie weit man denen trauen kann und ob die vernünftig kooperieren. Dafür brauche ich dich.«
»Unsinn. Dafür brauchst du einen stinknormalen Techniker, wie jede Abteilung einen hat.«
»Ich will, dass du das machst.«
»So geheim?«
»Es ist einfach wichtig. Ich brauche keinen dieser Quereinsteiger, die sich mit Systemen auskennen, aber keine echten Ermittler sind. Von denen bist du derjenige mit der meisten Ahnung.« Er sah Daniel in die Augen. »Glaube ich«, fügte er hinzu.
Daniel zuckte mit den Schultern. »Kann gut sein, dass alle, die mehr draufhaben als ich, schlichtweg nicht für mein lausiges Gehalt arbeiten.«
Neumann grinste. »Ich gebe die Dateien für dich frei. Sieh sie dir an und sag uns, was du denkst. Das Meeting ist um sieben.«
Uns. Meeting. Neumann hatte tiefgestapelt. Es war mit Sicherheit geheim. »Also bis morgen.«
Neumann sah ihn säuerlich an. »Sorry. Ich meinte neunzehn Uhr.«
»Witzbold.«
»Nein, im Ernst.«
»Arschloch.«
»Jetzt verstehen wir uns.«

Daniel hatte die Wahl zwischen einer Box in einem Großraumbüro und einem Schuhkarton gehabt und sich für den Schuhkarton entschieden. Das Minibüro hatte nur ein halbes Fenster und war so schmal, dass auch nur ein halber Schreibtisch reinpasste. Zum Ausgleich hatte man Daniel einen erstklassigen Relaxsessel spendiert, in dem er nun mit der AR ins BKA-Netz ging. Umziehen konnte er sich leider nicht, weil sein Koffer bereits zu Hause auf ihn wartete, aber er war wenigstens wieder trocken.
Die Dateifreigabe von Neumann war die einzige neue Nachricht. Es ging um 18 Tote. Laut Europol-KI Equinox bestand zwischen zehn von ihnen mit über achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit eine Verbindung, bei den restlichen acht immerhin noch mit über 60 Prozent. Die Einzeldossiers interessierten Daniel erst mal nicht. Es ging ihm um die Faktoren, die Equinox dazu veranlasst hatten, ein Muster abzuleiten. Der Auswertungsbericht listete berufliche und politische Indikatoren auf, aber auch Alltagsaspekte: Mobilität, Kommunikationsfenster, zeitliche Korrelationen, statistische Abweichungen von Erwartungswerten. Das war genau der Bereich, in dem noch die größte Fehleranfälligkeit lag: die Definition von Bezugsgruppen und Vergleichsgrößen. KIs waren hervorragend darin, europaweit einfache Korrelationen zu erkennen: Tatmittel, Vorgehensweisen, bekannte Beziehungsgeflechte. So kam man Serienkillern, Auftragsmördern oder organisierten Banden auf die Spur. – Eine Gruppe war aufgeflogen, weil die Mitglieder festgelegt hatten, dass kein Tatort näher als 50 km an ihren Wohnorten liegen durfte.
Das hier hingegen wirkte auf den ersten Blick wie eine klassische Fehlkorrelation: Equinox sah scheinbar etwas, wo gar nichts war. Die Gemeinsamkeiten bestanden in zuordenbaren Interessenclustern und Vorgehensweisen, in sich überschneidenden Kommunikationsbereichen und -zielen sowie teilweise vergleichbaren Mobilitätsmustern.
Daniel wippte irritiert mit dem Sessel herum. Er meinte, sich zu erinnern, dass einer der Dozenten in Denver so was Ähnliches in einem Nebensatz erwähnt hatte: Zeug in der fünften oder sechsten Evaluierungsebene, die derzeit noch nicht ausgeschöpft wurde, weil die Menschen sie nicht verstehen konnten. Das wäre Daten-Kauderwelsch, der in diesen Dateien gar nicht erst aufgeführt würde.
Die korrekte Bezeichnung wäre wohl eher, dass die Menschen das eben inzwischen nicht mehr verstehen konnten.
Nun gut, den Luxus, auf einen Verdacht nicht zu reagieren, weil er einen überforderte, musste man sich erst mal leisten können. In diesem Fall ging das nicht ohne Weiteres, da Menschen gestorben waren.
Andererseits konnte Equinox natürlich komplett danebenliegen: Nur einer der Tode zeigte eindeutige Hinweise auf Fremdverschulden – und selbst dort war keine Tötungsabsicht nachweisbar. Das war bei 18 Toten allerdings statistisch auffällig: Herzinfarkt, Lebensmittelvergiftung, elektrischer Schlag zu Hause, Treppensturz, Überdosis, Autounfall, Selbstmord, erschossen bei Raubüberfall …
»Barns: Ruf die Liste mit Todesarten auf, die von Geheimdiensten bevorzugt werden.«
Daniel nickte vor sich hin, während er die Ergebnisse las: Da fehlte eigentlich bloß noch Hirnschlag.
Aus den Daten selbst konnte er es nicht ableiten, doch Equinox hatte eine Erklärung beigefügt – eine Erklärung auf Kinderniveau, da hatte einer der Noobs den richtigen Button gefunden: Das Gemeinsame war das Fehlen von Fremdverschulden beziehungsweise vorsätzlicher Tötungsabsicht: 18 Todesfälle, verteilt über ganz Europa, alle innerhalb statistischer Normbereiche – aber mit Randbedingungen, die nicht zusammenpassten. Ein Herzinfarkt ohne entsprechende Vorbelastung, eine Lebensmittelvergiftung mit ungewöhnlichem Wirkstoffprofil, ein elektrischer Schlag in einem normgerecht installierten Haushalt, ein Treppensturz ohne Stolperursache, Überdosierungen innerhalb therapeutischer Bandbreiten, Autounfälle bei harnloser Witterungs- oder Verkehrslage, Suizide ohne Vorankündigung, ein Raubüberfall mit ungewöhnlich präziser Eskalation. – Alles eine Frage der Perspektive. Es konnte absolut unauffällig aussehen oder gerade deswegen sehr auffällig.
Allerdings konnte man diesen Effekt mit jeglichen Daten herbeiführen, man musste sie nur in die richtige Korrelation bringen. – Das würde eine KI niemals machen, aber vielleicht aus Versehen …?
Wenn Daniel davon ausging, dass eine der größten und besten europäischen KIs keinen Bockmist baute, dann konnte man durchaus etwas Brauchbares erkennen: Die Gemeinsamkeiten bestanden womöglich nicht in klaren Überschneidungen, sondern in Abweichungen: Interessencluster, die nach menschlichem Ermessen keine relevanten Übereinstimmungen zeigten, aber in ihrer Gesamtheit eben doch, Mobilitätsmuster, die minimal, jedoch systematisch von regionalen Normwerten abwichen, Kommunikationslücken an Stellen, an denen üblicherweise irgendetwas zu erwarten gewesen wäre – aber nicht nichts.
Sie hatten also 18 Personen über ganz Europa verteilt, deren Tode mutmaßlich miteinander in Verbindung standen, jedoch ausschließlich aufgrund statistischer Abweichungen. Es waren weder Motiv noch Akteure ableitbar – und genau da lag der Knackpunkt: Das konnte ein Volltreffer sein oder ein Griff ins Klo.
Daniel ließ sich die Erklärungshypothesen anzeigen. Die höchste Wahrscheinlichkeit lag bei 3,17 Prozent: koordinierte Destabilisierung durch unbekannte staatliche Akteure. Das bewegte sich im Bereich mathematischer Verzweiflung und war das KI-Pendant zu einem menschlichen Schulterzucken. Die Kurve der Werteverteilung war ein Witz: Das Konfidenzniveau für sämtliche Erklärungsmodelle befand sich so tief im Keller, dass sie irrelevant waren. Dass Equinox das Muster dennoch nicht verwarf, konnte nur an einer gewissen Konsistenz der Abweichungen liegen. Nicht groß, aber systematisch. Jemand beim Generalbundesanwalt hatte entschieden, dass das reichte, um einen Menschen darauf anzusetzen: Neumann. Und Neumann hatte entschieden, es auf Daniel abzuwälzen.
Formell leitete der Generalbundesanwalt das Verfahren, hatte aber eigentlich bloß eine Mail geschickt, in der er seine volle Unterstützung zusicherte und auf Rückmeldung wartete. Mit einer KI-Auswertung, die vor Gericht keinen Pfifferling wert war, ließ sich kein Haftbefehl beantragen.
Daniels Blick blieb an der untersten Zeile hängen: 0,0001 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine System-Infiltration. Die KI hielt sich selbst für perfekt und unverwundbar. Das musste sie. Anders konnte man die Dinger wohl nicht programmieren, ohne dass sie sich selbst abschalteten.
Im Grunde bestand der Verdacht allein darin, dass 18 Menschen unauffällig verstorben waren.
Daniel nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Er war ein guter Ermittler, der zum KI-Experten gemacht werden sollte. Unter den Blinden war der Einäugige König, ein wirklicher Experte war er allerdings nicht. Dafür war er zu mies in Mathe und Programmieren und Statistik und dem ganzen anderen Scheiß. Aber ein bisschen hatte er inzwischen doch aufgeschnappt: Ein p-Wert, der auf kein Zufallsmuster hindeutete, aber ein Konfidenzniveau nahe null hatte, stellte ein Paradoxon dar. Dass er jetzt hier saß und sich das ansah, war geradezu grotesk: Irgendjemand hatte aus den falschen Gründen gedacht, da stecke mehr dahinter, und zufällig richtig gelegen.
Daniel rief die Dossiers auf. Equinox’ Auswertung beruhte auf Daten, die von verschiedenen Behörden stammten, also vermutlich von Dutzenden KIs unterschiedlichen Niveaus aus ganz Europa. Kein Wunder, dass Neumann dem misstraute. Doch Equinox war durchaus in der Lage, die Belastbarkeit des bereitgestellten Materials zu prüfen. Da er keine Warnung ausgegeben hatte, war wohl alles in Ordnung.
Gleich die ersten drei Datensätze machten klar, warum Geheimdienste involviert waren: Von Étienne Morels überraschend frühem Tod hatte Daniel gelesen. Herzinfarkt also. Dass das frühere Mitglied des Conseil d’Analyse Économique, dem französischen Pendant zu den deutschen Wirtschaftsweisen in dieser Liste auftauchte, musste den DGSI auf den Plan rufen. Bei seinem Tod war Morels in der Fondation Colbert aktiv, einem direkten Konkurrenten des Institut Montaigne, beides eher wirtschaftsliberal ausgerichtete Thinktanks mit großem Einfluss. Hier stand, dass der Mann außerdem der Europäischen Zentralbank nahestand. Wahrscheinlich ein sehr stressiger Job.
Der Autounfall war Luca Ferretti, Chefökonom der Europäischen Bankenvereinigung EBV. Er war um fünf Uhr morgens in einer Kurve gegen einen Baum geprallt. Der Airbag hatte ihm das Genick gebrochen. Tragisch – und recht selten, wie Daniel der Fußnote entnahm. Auch dieser Mann war so wichtig, dass der italienische AISI sich zwangsläufig dafür interessieren musste.
Daniel sah sich die Details an: Genickbruch an den oberen Halswirbeln C1 und C2 aufgrund der Aufprallgeschwindigkeit. Es wurde keine Obduktion angesetzt, die Untersuchung des Fahrzeugs beschränkte sich auf Manipulation von Lenkung, Bremsen, Elektronik. Es wurde ausdrücklich ausgeschlossen, dass der Wagen gehackt wurde. Laut Protokoll fuhr Ferretti auf einer baumbestandenen Landstraße eine lang gezogene Außenkurve und zog schlagartig nach rechts. Es wurden weder Selbstmord noch Übermüdung ausgeschlossen, Fremdverschulden hingegen ausdrücklich. Unter Drogen stand der Fünfzigjährige auch nicht.
»Barns: Merk dir Ferretti für eventuelles Nachhaken.«
Der dritte Promi war die deutsche Sabine Krüger-Lindholm, Juristin des Industrieverbandes. Man kannte sie aus diversen Talkshows, wo sie sich in jungen Jahren einen Namen als scharfzüngige Kritikerin staatlicher Regulierung gemacht hatte. Daniel fand sie immer etwas drüber. Sie war in der Tiefgarage ihres Brüsseler Hotels überfallen und erschossen worden. Alles von Kameras aufgezeichnet und lückenlos dokumentiert. Der Täter war dennoch entkommen.
L’Hôtel des Carolingiens … Eine sehr feine Adresse. Nicht gerade der Ort, wo Junkies oder Gelegenheitsverbrecher ihr Glück versuchten. Eher was für Profis, die ihre Tat sorgfältig planten. Dafür sprach die geglückte Flucht. Dass die Sache schiefgegangen war, passte nicht ins Bild.
Daniel rief die Videofeeds auf. Es gab drei Perspektiven, von denen nur zwei ein brauchbares Bild lieferten: Krüger-Lindholm wich zurück, hielt ihre Tasche schützend vor sich, dann verdeckte der Täter Kamera 1. Kamera 2 zeigte das Opfer von hinten, wobei sie den Täter verdeckte. Bei Kamera 3 war ein Betonpfeiler im Weg.
Ein Schuss löste sich und ging direkt ins Herz. Das konnte ein Versehen gewesen sein, vielleicht hatte sie sich gewehrt. Es ließ sich nicht erkennen.
Seufzend kehrte Daniel zur Liste zurück. Die anderen Namen sagten ihm nichts, waren teilweise jedoch genauso hochgestellt. Da waren Leute aus allen möglichen Wirtschaftsbereichen: Journalisten, Juristen, Gelehrte, Lokalpolitiker, hochrangige Beamte und Berater, aber auch Handwerker, Sachbearbeiter und Verkäufer. Eine bunte Mischung, die scheinbar nicht zusammenpasste. Was hatten ein Banker und eine Friseurin miteinander zu tun? Genickbruch und elektrischer Schlag – Unfall mit Luxuswagen beziehungsweise billiger chinesischer Stehlampe.
Gäbe es Gemeinsamkeiten über den Tod hinaus, hätte die KI sie aufgelistet. Doch Equinox hatte natürlich nur Zugriff auf die in den Akten genannten Fakten. Im Netz recherchieren durfte die KI nicht. Das hatten die Ermittler übernommen – und warum hätten die wegen des Todes einer Friseurin im Internet recherchieren sollen? Bei den Promis hingegen gab es nichts zu recherchieren. Die waren Profis. Es gab online garantiert nichts, was nicht von vornherein in den Dossiers stand.
Dennoch stöberte Daniel auf gut Glück in den Dateien herum.
Eine der kleineren KIs war zu dem Schluss gekommen, dass es keine für Menschen erkennbaren Querverbindungen oder Gemeinsamkeiten gab. Jedenfalls nicht in den Akten: Es waren so gut wie alle Religionen, politischen Ansichten, sozialen und familiären Hintergründe sowie Berufe, Hobbys und Charaktere vertreten. Eventuelle Gemeinsamkeiten mussten – falls es welche gab – erst ermittelt werden.
Daniel machte sich auf den Weg zu Neumann, um noch mal mit ihm zu sprechen, bevor das Meeting losging. Hauptsächlich, um in Erfahrung zu bringen, warum es so eilig war. Das war der Aktenlage nämlich nicht zu entnehmen.
Ein dezente Bing der AR erklang, das ihm eine neue Nachricht anzeigte.
»Barns«, brummte er, »was ist das?«
Der von dir durchgesehene Datenbestand wurde um einen weiteren Fall ergänzt.
Missmutig öffnete Daniel die Nachricht. Karin Holmström aus Schweden. Studentin für Wirtschaft und Wirtschaftsrecht an der London School of Economics, war nach einer Party an ihrem Erbrochenen erstickt.
Er rief die Todesdaten der anderen Personen auf: alles ältere Fälle, der jüngste sechs Wochen alt. Holmström war auch schon vor zwei Wochen gestorben, aber Equinox hatte sie erst jetzt dem Muster zugeordnet.
Daniel prüfte die Quelldaten des Falls: Er war vor nicht mal zehn Minuten von Stockholm in den gemeinsamen offenen Datenpool geladen worden, den das System nutzen durfte. London hatte so lange gebraucht, um die Schweden vom Tod ihrer Bürgerin zu informieren und die Daten weiterzuleiten.
Fünf weitere Fälle wurden hinzugefügt. Equinox kam wohl gerade in Fahrt. Das war relativ normal: Wurde ein Muster entdeckt, konnten ihm meist in kurzer Folge weitere Fälle zugeordnet werden; den Ermittlungsbehörden wurde die Korrelation angezeigt und deren KIs durchsuchten die eigenen Datenbestände nach eventuell passenden Fällen, die dann hochgeladen wurden. Dafür musste Equinox das Muster jedoch entschlüsselt haben.
Tatsächlich: politische Meinungsbildner und ihr direktes Umfeld sowie sämtliche Kontakte. Daniel blinzelte. Da stand nicht seit oder sonstige Einschränkungen, sondern sämtliche Kontakte. Das war zu weit gefasst. Das würde Equinox normalerweise nicht als Teil eines Musters einstufen. Das war ja kaum besser als Europäer oder Mensch. Der Grund für die Verbindungen musste tiefer liegen, in einer der Ebenen, die Menschen nicht verstanden und sich deshalb gar nicht erst ansahen.
Um das zu klären, musste Daniel mit dem Equinox-Support sprechen. Eher schreiben. Am besten ließ er Barns das machen.

Der BKA-Komplex am Treptower Park war nicht als Wohlfühlort konzipiert; er war eine klinische Festung aus Backstein und Panzerglas, der jegliche Freude ebenso wie den Schall zu schlucken schien. Beim Betreten des Aufzuges überkam Daniel nach all den Jahren immer noch ein mulmiges Gefühl. Glücklicherweise war er um diese Zeit allein.
Das nutzte Barns für eine Erinnerung aus der Brusttasche: Du wolltest den Autounfall von Luca Ferretti prüfen.
Ja, richtig. Im Moment hing Daniel in der Luft. Um das veranlassen zu können, musste ihm Neumann erst mal die nötigen Kompetenzen zuweisen.
Ungeduldig sprang er aus dem Aufzug und eilte den Flur hinunter. Die Schwarzkittel vom Equinox-Support kontaktierte er am besten auch erst mit einem entsprechenden Mandat, sonst wimmelten die ihn nur an den Service-Desk ab.
Hatte Ralf ihn also tatsächlich drangekriegt. Daniel musste grinsen. Er war billig zu haben gewesen: Irgendwas, das ihm seine einsame Wohnung ersparte.
Statt hineinzustürmen, klopfte er. Bei Neumann konnte man nie wissen, wer gerade bei ihm war, er war schließlich Gruppenleiter.
»Komm schon rein!«
Hatte er ihn die ganze Zeit über getrackt? Etwas creepy …
»Du bist früh«, sagte Neumann.
»Blödsinn. Wir müssen Equinox kontaktieren und eine Nachuntersuchung von Ferrettis Unfall in die Wege leiten.«
»Hey, nicht so stürmisch.«
»Soll ich das machen oder soll ich nicht?«
»Ja, aber …«
»Dann verschwende nicht meine Zeit. Ich muss als Erstes klären, ob wir eine Chance haben, Equinox’ Vorgehensweise wenigstens ansatzweise nachzuvollziehen, und diejenigen Verbindungen finden, die Equinox nicht finden kann, weil die nötigen Daten noch nicht vorliegen.«
»Ich vergesse immer wieder, was du für eine Dampframme bist.«
»Na, na … bist du nicht zu jung für solche Ausdrücke?«
»Was denn? Den habe ich von dir. Also hat sich an deinem Beziehungsstatus nichts geändert? Arbeit und sonst gar nichts?«
»Leck mich.«
»Wir kümmern uns später darum. Erst das Meeting.« Neumann zwinkerte Daniel zu und stand auf.
»Es wäre klüger, es zu verschieben und erst …«
»Ausgeschlossen. Du hast gar nicht gefragt, warum es um diese Zeit stattfindet.«
»Kann ich mir denken.«
»Eher nicht, sonst hättest du nicht vorgeschlagen, es zu verschieben.«
»Na gut, du hast mich: Was ist los?«
»Wirst du gleich erfahren. Komm.« Er hielt Daniel die Tür auf.