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Constantin Salathe

Feuersturm

Europäisches Flottenhauptquartier Österreich, Salzburg, Juni 2324

Wieder einmal befinde ich mich im Hauptquartier der Europäischen Raumflotte in Salzburg und muss eine dieser quälend langweiligen Schulungen besuchen. Doch leider geht es nicht ohne. Wenn sich meine Hoffnungen, irgendwann aus dem eintönigen Dienst als Drohnenoperator rauszukommen, erfüllen sollen, muss ich da durch. Andernfalls bleibt mir die höhere Laufbahn für Offiziere verschlossen.

Wie ich Lehrgänge hasse!

Erstens nerven mich die fremden Leute. Auch wenn wir hier alle die Uniform der Europäischen Streitkräfte tragen, bin ich den meisten Offiziersanwärtern noch nie begegnet. Nur wenige der Anwesenden haben an anderen Seminaren teilgenommen, die ich bisher besuchen musste.

Dann noch das Problem mit den Dozenten. Alles hohe Offiziere, welche die Erde nur noch selten verlassen und sich aufführen, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen.

Am schlimmsten war das Schlafen. Als Mitglied der Europäischen Raumflotte, das bisher auf Raumschiffen stationiert war, bin ich es gewohnt, in einer eigenen Kabine zu schlafen.

Nicht hier. Hier wird man behandelt, als wäre man erneut in der Grundausbildung. Ich war so froh, als ich das hinter mir hatte. Aber nein, wieder durfte ich mit drei anderen Anwärtern in einem Zimmer nächtigen.

Nur noch vier Wochen. Dann sind diese anstrengenden drei Jahre vorbei. Das schaffe ich schon.

Ob ich nach diesem Lehrgang in meiner Einheit verbleibe, weiß ich nicht. Üblicherweise werden die Absolventen nach Weiterbildungen anderen Verbänden zugeteilt. Vorsorglich habe ich eine Versetzung zum Geheimdienst beantragt, doch normalerweise dauert es Jahre, bis dort ein Platz frei wird.

Etwa zwei Dutzend Soldaten halten sich in dem kleinen Hörsaal auf. Absichtlich suche ich mir einen Platz möglichst weit hinten. Sollen sich doch die Streber nach vorne setzen.

Dann habe ich meine Ruhe.

Endlich betritt ein groß gewachsener Offizier den Saal und schaut sich neugierig um. Die tadellose Uniform und der strenge Blick lassen auf nichts Gutes schließen.

Das muss er sein.

Die zwei goldenen Sterne auf seinen Schulterklappen weisen ihn als Oberst aus. Die kroatische Flagge auf seinem Ärmel tut ein Übriges, um mich davon zu überzeugen, um wen es sich handeln muss.

»Herzlich willkommen in Salzburg. Ich bin Oberst Radić, und ich begrüße Sie zu Ihrem ersten Seminar. Ich werde nun die Anwesenheit überprüfen.« Er holt einen Notizzettel aus Papier aus der Tasche und beginnt, Namen vorzulesen. Nacheinander stehen die Männer und Frauen im Raum auf und melden sich.

Radić ist schon fast eine Legende. Seine unverwechselbare Art, junge Offiziersanwärter zu belehren, hat sich schon bis zu mir herumgesprochen, bevor ich diesen Lehrgang angetreten habe. Angeblich gibt es niemanden, der so lange und detailliert über Militärgeschichte und Militärsoziologie referieren kann. Ich hatte gehofft, dass er bis zu meinem Antritt bereits die Akademie verlassen hätte. Angeblich wird er als Nachfolger des zum Oberbefehlshaber beförderten, ehemaligen Geheimdienstchefs General Whittaker gehandelt.

»Holmberg?«

Um ein Haar hätte ich meinen Namen verpasst. Ich erhebe mich von meinem Platz und nehme Haltung an.

»Holmgren, Herr Oberst. Anwesend.«

Den Bruchteil einer Sekunde blickt mich der Oberst nichtssagend an. Schließlich nickt er. »Natürlich. Holmgren.«

»Jawohl.«

Was ist an meinem Namen nur so schwer?

Es dauert noch einige Minuten, bis der Oberst zufrieden nickt und die Notiz zur Seite legt. »Dann stelle ich hiermit fest, dass alle Angemeldeten anwesend sind. Wie Sie wissen, werden wir uns heute mit einem besonderen Thema befassen. Nachdem Sie nun ausführlich die KI-Kriege studiert haben, behandeln wir heute die Frage, wie und warum diese Katastrophe zustande kommen konnte; weshalb die künstlichen Intelligenzen die Menschheit ins Chaos stürzten. Gibt es zuvor Fragen?«

Niemand meldet sich.

Wir alle brennen darauf, dieses Thema endlich zu beenden. Tagelang haben wir diese alten Geschichten durchgekaut. Uns angesehen, wie künstliche Intelligenzen am Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Menschen gegeneinander aufstachelten. Fake News, ja, sogar KI-generierte Präsidentenansprachen stürzten die Gesellschaft ins Chaos. Kleine Volksgruppen, bis hin zu ganzen Nationen, wurden gegeneinander aufgehetzt, bis niemand mehr genau sagen konnte, welche Informationen richtig und welche falsch waren. Bis schließlich eine radikale Entscheidung die Welt zum Zusammenbruch brachte. Ein heilloses Chaos, aus dem die neue Weltordnung, wie wir sie heute kennen, hervorging.

»Ausgezeichnet. Wir können also beginnen.«

Er wendet sich von der Gruppe ab und tippt auf dem Bedienfeld des fast bis zur Decke reichenden, breiten Holo-Zylinders herum.

Der Holo-Zylinder vor uns erwacht zum Leben. Große Buchstaben kündigen den Beginn der Vorlesung an:

Aufzeichnung, Großbritannien, Mai 2092

Die vierjährige Mary lag in ihrem Bett, ihren Kuschelelefanten fest im Arm. Um sie herum tanzten bunte Sterne, die ein sanftes und langsames Lied sangen. Als das Lied zu Ende war, wechselte das Bild zu einer grünen Wiese, mit vereinzelten Blumen und einer Reihe von Bäumen im Hintergrund. Eine leichte Brise bewegte das hohe Gras und eine Gruppe von Tieren wurde sichtbar, die sich langsam über die Wiese bewegte.

Eine ruhige und tiefe Stimme begann zu sprechen:

»Die Tiere zogen über die Wiese. Bunny und Rabbit, Fox und Foxinchen sowie Zelva, die Schildkröte, waren müde und hungrig. Zelva war eine lange Zeit auf Foxinchens Rücken geritten, aber dann hatte sie das Bedürfnis verspürt, selbst zu laufen. Bunny war unzufrieden, weil deshalb alle langsamer laufen mussten. Sie drehte sich um und trat Zelva mit ihren kräftigen Hinterbeinen an den Panzer, so dass sie einen