Black Bloom
Aufgeregtes Gemurmel machte sich im Shuttle breit. Die Luken schlossen sich gemächlich mit einem Surren, das anzeigte, dass wir vollends von der Außenwelt abgeschottet waren. Mein Gurt scheuerte ein wenig an den Schultern, doch ich ließ mich nicht davon abhalten. Das Tablet vor mir leuchtete grün auf, während ich der Reihe nach alle Checks abhakte. Füllstandsanzeige, Energiereserve, alles im grünen Bereich. Zur Not würden wir den Planeten dreimal in der unteren Atmosphäre umrunden können. Die Tragflächen lagen angewinkelt an den Seiten wie die Flügel einer Fledermaus, die auf dem Boden nach Futter suchte.
Elektronik, check.
»Com-Check«, sagte ich leise in mein Headset.
»Wir hören Sie klar und deutlich«, kam die Bestätigung von der Brücke. »Das Wetter in der Landezone ist beständig für die nächsten zwei bis drei Tage. Hinter dem Gebirge braut sich eine Gewitterfront zusammen, aber das dürfte für die Mission nicht von Belang werden.« Delawares Stimme klang steril trotz des bevorstehenden geschichtsträchtigen Ereignisses. Empfand er denn gar keine Emotionen? Keine freudige Anspannung, die es ihm schwer machte, still zu stehen und darauf zu warten, dass sich die kleine metallene Kiste aus dem Raumschiff löste?
»Delaware, wir sollten unbedingt ein ernstes Gespräch über Ihre Zugeknöpftheit führen.«
»Nach dem Missionsbriefing wird vielleicht ein Fenster frei.« Die Verbindung knackte, dann war er weg.
»Kleiner Roboter …«, murmelte ich. Mein Blick streifte ein letztes Mal über die Konsole, dann rückte ich mein Armband zurecht. Ein kleiner Stich flammte auf. Brunos zitternde Hände, als er mir das Armband überreicht hatte, riefen lauter, als jedes »Ich liebe dich« es je hätte machen können. Ich gab der größten cremefarbenen Perle einen flüchtigen Kuss, dann startete ich die Triebwerke.
»Wer sich noch nicht angeschnallt hat, sollte es spätestens jetzt machen. Wir starten.«
Die Aussichtsplattform des Hangars war bis auf den letzten Platz gefüllt mit Menschen. Die meisten jubelten und winkten frenetisch, ein paar weinten hemmungslos. Ob vor Freude oder Frust, weil sie nicht Teil der ersten Crew sein konnten, war nicht von ihren Gesichtern abzulesen. Mein Blick huschte über die Anwesenden, suchend, hoffnungsvoll. Mein Herzschlag beschleunigte sich, doch Bruno war nirgends zu sehen. Obwohl wir es so vereinbart hatten, versetzte mir seine Abwesenheit einen mittelschweren Schock. Ich atmete tief aus, drehte das schwebende Shuttle und bewegte uns in Zeitlupe aus der geöffneten Tür. Ein kurzer Tastendruck, dann entfalteten sich die Flügel. Ein Ruck ging durch das Shuttle, als sie einrasteten.
»Flügelparameter sehen gut aus«, funkte ich zum Raumschiff. Es knackte zweimal knapp im Äther als Bestätigung, dann kippte die Schnauze wie bei einer Achterbahn in Richtung Planet.
»Flugwinkel optimal. Wir treffen die Lücke wie berechnet in zehn Minuten. Macht euch bereit für Turbulenzen.« Ich versuchte, alle Konsolen und Anzeigen gleichzeitig im Blick zu behalten. Meine Augen standen nie still oder genossen die Aussicht, die sich vor mir ausbreitete. Das Shuttle erzitterte, als es von den Winden der oberen Atmosphäre erfasst wurde. Gurte ächzten, Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn.
»Denk dran, auch ja keine Wolkenfetzen zu berühren!«, rief Lin von hinten. Es knarzte, als würde er sich fester an seinen Gurt krallen.
»Was du nicht sagst«, knurrte ich zwischen zusammengepressten Zähnen. Als ob ich mir nicht jeden Zentimeter des Fluges ausführlich eingeprägt hatte.
Plötzlich zog ein einsamer grüner Wolkenfetzen vor uns vorbei. Ich riss das Ruder herum. Wir verfehlten die tödliche Wolke nur um wenige Meter. Wo war die auf einmal hergekommen? Als hätte uns die Wolke absichtlich den Weg versperrt. Auf dem Display war sie bis zum letzten Moment nicht zu sehen gewesen. Hinten wurde das Gemurre lauter.
»Wollt ihr selbst fliegen, oder was?«
Eine weitere Wolke bewegte sich wie in Zeitlupe vor unsere Lücke, bedeckte sie inzwischen zur Hälfte. Langsam, wie die Tür eines Hangars, schob sie sich immer weiter vor die freie Stelle, die unseren Zutritt zum fremden Planeten bedeutete.
»Kannst du nicht schneller fliegen?«, rief jemand mit schriller Stimme.
»Es ist mehr ein Fallen aktuell … Und nein, ich kann nicht schneller fliegen!« Meine Knöchel am Ruder traten weiß hervor. Die Winde zerrten und zogen am Shuttle. »Und Fallen geht auch nicht schneller.«
Eine leichte Kurskorrektur wurde nötig, der angezeigte Pfad leuchtete gelb auf. Eine Warnung, dass eine Abweichung von der idealen Flugkurve vorlag. Der Bordcomputer aktualisierte die Flugbahn im Display. Noch war alles im grünen Bereich, der Fehlerspielraum sank aber mit jeder Sekunde.
Ein weiterer Seitenhieb der Winde schüttelte die Kabine. Im Laderaum löste sich einer der kleineren Container, wurde durch das Shuttle geschleudert und krachte gegen meine Schulter. Heißer Schmerz zuckte durch meinen Rücken, und für eine Sekunde verlor ich den Überblick über die Anzeigen. Der Bildschirm flackerte und leuchtete dann grellrot auf. »Alarm! Kollision berechnet. Kurskorrektur notwendig.« Die emotionslose Stimme des Bordcomputers passte so gar nicht zur angespannten Stille hinter mir.
»Was geht da vorne vor sich?«, rief Lin. »Alles in Ordnung bei dir?«
»Jahaa …« Ich drehte etwas am Steuer, spürte den Luftwiderstand unter den Flügeln und versuchte, mit aller Gewalt das Steuer um wenige Millimeter zu drehen. Nur ein bisschen …
Die Wolke schob sich weiter vor den freien Himmel. Nur wenige Meter verblieben, dann würde das Shuttle direkt hindurchfliegen. Zum Abbruch war es längst zu spät!
»Komm schon«, flüsterte ich. Eine Ader pochte wild auf meiner Stirn. Ich kämpfte gegen die Querwinde an, verlagerte die Nase des Shuttles nach vorne und erhöhte so den Flugwinkel. Vielleicht würde uns ein spitzerer Winkel helfen. Weniger Luftwiderstand, höhere Fallgeschwindigkeit. Der Bildschirm leuchtete weiterhin rot.
Die Wolke war jetzt auf unserer Höhe. Meterdick wie ein Gletscher und doch luftig-leicht wie Watte. Dünne Strähnen streckten sich uns entgegen. Finger einer fremden Welt. Eine Begrüßung, auf die ich gerne verzichten wollte.
Die grüne Masse machte einem klaren Himmel Platz, als wir durch das Loch schossen. Die Winde beruhigten sich. Der Höhenmesser zeigte etwas mehr als fünfundfünfzigtausend Fuß an. Siebzehntausend Meter über dem Boden. Wir lebten noch.
Ich schloss für die Dauer zweier Herzschläge die Augen und bedankte mich im Geiste bei allen Göttern, die es auf dieser Welt geben mochte. Meine Schulter pochte. Ich stieß den Container mit einem Fuß zur Seite.
»Kann mal jemand diese Scheißkiste wegnehmen?«, rief ich nach hinten. Das metallene Klackern von Sohlen auf Metallgittern erklang, als einer der Bordtechniker nach vorne schwankte, das Gesicht kreidebleich, und die Kiste entgegennahm. In dem Moment, in dem er sich umdrehte, ertönten Warnsignale. Die Kabinenbeleuchtung schaltete auf Rot um, und bevor ich eingreifen konnte, machte das Shuttle einen Satz nach unten. Wie ein Stein sackte es ab. Für den Techniker kamen die entgegengestreckten Hände zu spät. Er knallte mit dem Kopf gegen den Rahmen der Cockpittüre. Ein Knirschen war zu hören, als er hart auf dem Metallboden aufschlug.
»Warnung. Hüllbruch.«
Der schlagartige Druckabfall, begleitet von einem Zischen, sorgte dafür, dass die Sicherheitstüren zum Cockpit verriegelten. Wie eine Guillotine schoss die dicke Türe in Richtung Boden und wurde kaum vom bewusstlosen Körper des Technikers aufgehalten.
Schreie erklangen, Blut klatschte mir gegen die Wade und flutete den Boden. Die Schreie und Flüche wurden lauter, schriller, als sich an der Verbindungsstelle zum Flügel ein Loch öffnete. Als würde ein Feuer Papier aus der Mitte heraus verbrennen, verschwand die metallene Außenhülle, die extreme Reibungen und Hitze aushalten konnte. Weggebrannt und geschmolzen. Dahinter kam ein sanfter grünlicher Schein zum Vorschein, der sich am Rand weiter ausbreitete, dicker wurde und wie die Hyphen eines Pilzes weiterwuchs.
Das Rauschen der Luft übertönte die Schreie, bevor das Shuttle in einem engen Kreis zu rotieren begann. Ich presste mich in den Sitz, atmete tief ein und aus. Das Ruder reagierte nicht, doch ich kämpfte um Kontrolle.
Wenigstens eine kleine Kurskorrektur eines unkontrollierten Absturzes.
Nichts reagierte.
Die Drehung beschleunigte sich. Mit einem letzten Gedanken an Brunos Lächeln wurde es schwarz um mich.