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Mario R. Dorian

Essenz der Rache

Kapitel 1

Das Foto in meinen Händen war zerknittert und verblichen. Jedes Mal, wenn ich die lächelnden Gesichter darauf betrachtete, glaubte ich es kaum, dass die Zeiten jemals so glücklich waren. Ich konnte den Rauch des brennenden Piers noch immer riechen. Die Schreie hatten sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt.
Vorsichtig strich ich das Foto glatt, betrachtete das strahlende Gesicht meiner Schwester Lacy und sagte mir zum tausendsten Mal, dass dieser Weg der richtige war. Fünf Jahre nach den Ereignissen am Pier würde Lacys Tod endlich einen Sinn ergeben.
Die ersten Vögel begannen ihr Morgenkonzert. Sanfter Nebel stieg vom nahegelegenen Fluss Mersey auf. Das konnte nur hilfreich sein für die anstehende Mission. Gedankenverloren lauschte ich dem er-wachenden Wald, als mich von hinten eine Hand sanft an der Schul-ter berührte.
»Hey Doc, bist du wach?«, fragte eine flüsternde Stimme.
»Ja.« Ich spürte die aufsteigende Anspannung.
»Der Konvoi wurde gesichtet. Es geht bald los.«
Ich nickte und blickte auf das zerdrückte Bild in meiner Hand, strich es erneut glatt. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Seine Schritte waren kaum hörbar, als er mich mit dem Vogelkonzert und meinen Gedan-ken alleine ließ. Nach über zehn Tagen Marsch waren wir endlich am Ziel angekommen. Heute brachten wir den Kampf zu ihnen.
Bei Liverpool, im Herzen des feindlichen Gebiets. Heute würde ich meine Schuld begleichen. Vorsichtig, um keine unnötigen Geräu-sche zu verursachen, richtete ich mich auf und schulterte meinen vorbereiteten Rucksack. Dann hängte ich mir die Waffe um und be-gab mich zu den anderen in den Straßengraben.
Schon von Weitem war das elektrische Surren der biomechani-schen Anzüge und Transporter zu hören, als sich uns der Konvoi von Westen her näherte. Wenn alles nach Plan verlief, würden wir den Feind mit der aufgehenden Sonne im Rücken überwältigen. Als die ersten Feinde in Sichtweite kamen, beschleunigte sich mein Herz-schlag. Trotz ihrer technologischen Überlegenheit sahen die Soldaten in den Anzügen erschreckend vertraut aus. Scheinbar unbezwingbare Anzüge. Das würden wir heute auf die Probe stellen.
Heute würden wir für eine neue Hoffnung kämpfen - eine Hoff-nung, die in eine freie Zukunft führen würde.