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Chris Mathias

The Pancrator Principle - Der Formwandler

Berlin, 2070

Nyssa drang der beißende Schweißgeruch ihres Gegenübers in die Nase. Der Mann mit dichtem, braunem Haar verschlang sie mit seinem Blick, als ob er gleich aufspringen und sie vergewaltigen wollte. Er hatte sich auf die verwitterten Planken einer Bank ausgebreitet, deren rostige Stützen kurz vor dem Zerfall standen, sein übergroßer Tarnfleckanzug verschmolz mit dem blassen Grün der vermodernden Pflanzen um ihn herum. ‹Shockwave›, wie er genannt werden wollte, war bekannt als jemand, der es verstand, in der Unterwelt Berlins mit Waffen zu handeln und dabei am Leben zu bleiben. Zwei Wachen standen etwas abseits, ihre von Kampfspuren vernarbten Gesichter vermittelten unmissverständlich den Eindruck, dass mit ihnen nicht zu spaßen war. Nyssas Hand wanderte wie von selbst zu ihrer Narbe, die ihr Gesicht vom Hals bis zur Wange zerteilte und unter der schwarzen Klappe über ihrem toten Auge endete. Auch mit ihr war nicht zu spaßen, aber das erkannten die meisten zu spät. Junge Frauen wie sie nahm man nur selten für voll, besonders mit einer so drahtigen Teenagerfigur wie Nyssa.
Warum wollte Shockwave sie ausgerechnet in den Ruinen des Botanischen Gartens in Lichterfelde treffen? Nostalgie war Typen seines Kalibers schließlich kaum ein Begriff. Vom ehemaligen großen Tropenhaus war nicht mehr viel übrig. Das Gebäude glich einem ausgehöhlten Gerippe, die meisten Pflanzen hatten die vielen harten Winter nicht überstanden. Die in Berlin alles verdrängenden Götterbäume wucherten dagegen auch hier wie ein Krebsgeschwür in dem Gebäude. Hier und da fanden sich ein paar abgestorbene Stämme der ehemaligen Tropengewächse, die traurig an das vergangene grüne Paradies erinnerten. Trotz der Unzahl zerschmetterter Glasteile des Gewächshauses, die Luft und Regen von außen einließen, war die Luft im Inneren schwül, trug den Geruch verwesender Pflanzen in sich und machte Nyssa das Atmen schwer.
«Nur Gebrauchtware?», fragte Lukas, der ein Sturmgewehr gegen das schwache Licht hielt.
«Fast wie neu. Alles funktionstüchtig», antwortete Shockwave, während er sich mit lässiger Routine einen weiteren Joint anzündete.
Lukas, der Anführer ihrer Rebellentruppe, wirkte auf den ersten Blick fast wie eine jüngere Variante von Shockwave, aber das war nur ein flüchtiger, äußerlicher Eindruck. Er hatte auch dieses dichte, braune Haar, etwas dunkleren Teint, aber damit erschöpften sich die Gemeinsamkeiten. Nyssa kannte Lukas als einen sehr nachdenklichen Menschen, der vielleicht manchmal etwas zu zaghaft an die Dinge heranging. Möglicherweise, weil er immer versuchte, Schaden von ihr und Ash, ihrer weiteren Mitstreiterin abzuwenden. Ashs lange braune Haare und ihr glattes Gesicht verbargen einen entschlossenen Geist, sie war noch vor keinem Kampf zurückgeschreckt und war, wie Lukas auch, sehr geschickt im Umgang mit Waffen.
«Was ist mit dem Hacking-Gear?», fragte Ash.
Shockwave zuckte mit den Schultern. «War nicht zu beschaffen», meinte er lapidar.
Ash trat einen Schritt näher auf Shockwave zu. Die Leibwächter hoben ihre Gewehre leicht an. Nyssa spannte ihre Muskeln und machte sich in Gedanken für einen Kampf bereit, falls die Dinge aus dem Ruder laufen sollten.
«Das sagst du uns jetzt? Warum verschwendest du unsere Zeit?», fauchte Ash.
Shockwave hob beinahe belustigt die Hände in einer entschuldigenden Geste. «Hey, ich kann nicht alles bekommen. Weißt du, wie schwer es ist, Hacking-Systeme zu beschaffen? Der Markt ist leergefegt. Das bekommst du nirgendwo. Militärisches Equipment schon einmal gar nicht.» Ash grunzte und wendete sich wieder den Kisten zu, die verstreut auf dem rissigen Betonboden lagen.
Nyssa, Lukas und Ash waren der eher kümmerliche letzte Rest einer einst umfangreicheren Rebellengruppe, die nach wie vor die künstliche Intelligenz Vedam bekämpfte. Das letzte Jahr, seit ihre ehemaligen Mitglieder Valeria, Dragomir und Acazia ihre Ziele verraten und gemeinsame Sache mit Vedam gemacht hatten, war sehr hart für die kleine Gruppe von Rebellen gewesen. Sie litten unter akutem Geldmangel, hatten kaum Waffen und waren allein. Sie hatten seither nur wenig erreicht. Immerhin hatten die Roten Engel oder die Polizei sie nicht aufspüren können, auch wenn sie zu den meistgesuchten Terroristen in ganz Europa gezählt wurden. Seit etwa einem Monat war es wieder besser gelaufen. Lukas hatte über seine Kontakte bei den Tradisten einen neuen Hacker namens Sentry für ihre kleine Truppe rekrutieren können und gemeinsam hatten sie den letzten Rest ihres Geldes zusammengekratzt, um sich jetzt endlich neu auszurüsten und ihre Schulden zu bezahlen. Sentry wartete ein paar Blocks entfernt in einer Bar und hatte das Passwort für ihr Krypt-Wallet, um die Waffen zu bezahlen. Es war besser, nicht mit 100.000 Krypts in der Tasche bei Shockwave aufzutauchen.
Shockwave zog an seinem Joint und machte dann mit der Hand eine über die Kisten weisende Geste. «Alles zusammen nur 20.000.»
Ash gab keine Antwort, sondern ließ einige der Patronen einer Munitionskiste über ihre Handfläche rollen.
«Außerdem seid ihr im Rückstand», bemerkte Shockwave und legte dabei den Kopf schräg. «80.000. Heute fällig.»
«Das Zeug —», Lukas deutete auf die drei Kisten, «— ist keine 20.000 wert.»
Nyssa konnte sehen, wie sich Shockwaves Blick verhärtete.
«Okay.» Shockwave erhob sich, zog noch einmal an seinem Joint, und trat dann auf Lukas zu. «Dann könnt ihr euch ja einen anderen Waffenhändler suchen. Wisst ihr überhaupt, wie gefährlich es ist, mit euch Geschäfte zu machen? Niemanden schert es, wenn kleine Kriminelle ein paar Pistolen von mir bekommen. Aber Rebellen ausstatten? Nicht gut, wenn ich dabei erwischt werde. Kostet also auch etwas mehr, capisce? Und jetzt her mit den Krypts, ihr seid nicht die einzigen Kunden heute.»
Nyssa registrierte einen kurzen Blick von Lukas zu ihr. Was sollte sie schon tun? Sie hatten nicht wirklich eine Wahl. Eigentlich hatten sie gar keine. Shockwave hatte ihnen als einziger Händler Kredit gewährt. Sie nickte leicht. Lukas schaute zu Ash, die missmutig ebenfalls nickte.
«Okay. Dann 20.000», signalisierte Lukas ihr Einverständnis.
Shockwave machte eine Handbewegung zu einem der Leibwächter, der einen Interlinker hervorholte und ihn Lukas reichte. Lukas wiederum hielt Nyssa seinen Interlinker hin, das Display zeigte die ID eines Krypt-Wallets, eine Zeichenfolge von siebenundzwanzig Buchstaben und Zahlen.
Nyssa wählte auf dem Interlinker den Kontakt zu Sentry und wartete auf das Verbindungssignal.
Es kam keines. Sie checkte das Gerät, es hatte Empfang. Sie hatten das vorher extra in der Bar durchgespielt. Die Verbindung wurde offenbar von Sentry nicht angenommen.
«Gibt es ein Problem?», fragte Shockwave ungeduldig.
«Haben wir gleich», wiegelte Lukas ab, und blickte auf Nyssas Interlinker-Display, das immer weiter abgebrochene Verbindungsaufrufe zeigte. Ash trat dazu. «Was ist los?»
«Ich kann Sentry nicht erreichen. Vielleicht eine Verbindungsstörung», flüsterte Nyssa, während sie wiederholt weitere Verbindungsversuche startete.
Unversehens öffnete sich ohne Nyssas Zutun ein kleines Fenster auf dem Display. Darin leuchtete ein golden leuchtendes ‹S› auf, und ein Text poppte hoch. ‹Die Welt retten oder 100.000 Krypts stehlen?› Nyssa blickte Lukas Hilfe suchend an, aber sein Blick blieb auf den Interlinker geheftet. ‹Also ich denke, lieber reich leben als arm sterben. Macht’s gut.› Das Fenster mit dem Text verschwand.
«Verdammter Verräter!», fluchte Lukas leise.