The Pancrator Principle - Der Formwandler
Valeria versuchte, ihren Zorn zu unterdrücken. Sie scheiterte, wie so oft in letzter Zeit. Ihre Atemtechnik, die ihr immer so gute Dienste geleistet hatte, entfaltete nicht mehr die gewohnte Wirkung. Valeria schüttelte ihren Kopf, und zog die quietschende Metalltür zur Trainingshalle auf. Es handelte sich um ein unscheinbares Gebäude aus gemauerten Ziegelsteinen, eine alte Fabrik, die schon längst nichts mehr produzierte. Jetzt war es eine Testhalle für Polizeiroboter. Valeria trat ein und beachtete das halbe Dutzend Roboter, die den Eingang bewachten, nicht weiter. Es war nicht das erste Mal, dass sie in diese verfluchte Halle kam. Sie war in guter Stimmung gewesen, als sie die Sitzung mit Dragomir und Vedam verlassen hatte. Einmal wieder ihre Macht gegenüber der KI zu demonstrieren, hatte gut getan. Aber auf dem Weg vom Kristallpalast zu dieser Halle hatte sich ihre Stimmung wieder verdüstert.
«Maldito!», schimpfte sie, als sie die rote Lampe mit dem Schriftzug ‹Test aktiv› über der nächsten Tür erblickte. Die Tür war damit verriegelt. Sie wandte sich nach rechts, wo sie über eine weitere Metalltür mit Glasfenster in einen dunklen Raum gelangte, der mit einem Dutzend Videoschirmen ausgestattet war. Eine Konsole mit verschiedenfarbigen Kontrolllichtern füllte den engen Raum fast zur Hälfte aus, davor stand ein Sessel, in dem niemand saß. Die stickige Luft roch nach Strom und Plastik. Valeria betrachtete die Monitore, eine Bewegung zog ihre Aufmerksamkeit auf das mittlere Display. Ein Roboter wurde von den Schüssen einer Maschinenpistole durchlöchert. Valeria kannte das Muster. Für den ungeübten Beobachter mochte es wie eine beliebige Salve aussehen, aber Valeria war eine erfahrene Soldatin. Die Schüsse waren sehr genau auf alle Schwachstellen dieses Roboters gesetzt worden, mit einer übermenschlichen Präzision und Schnelligkeit. Dann kam, sich am Boden abrollend, eine Frau ins Bild, kurz geschnittene blonde Haare, im schwarzen Kampfanzug. Valeria drückte eine Taste auf der Konsole und sprach in das Mikrofon, das aus der Konsole herausragte.
«Acazia. Ich muss mit dir sprechen», sagte Valeria mit Nachdruck.
Auf dem Monitor konnte Valeria sehen, dass Acazia nicht reagierte, sondern mit ihrer Maschinenpistole lossprintete und in den angrenzenden Raum sprang. Schüsse hallten in dem Gebäude wider. Valeria sah auf dem nächsten Monitor drei Roboter, die ihre Waffen auf Acazia abfeuerten. Die Kugeln rissen nur einige Fetzen Beton aus der Wand, verfehlten Acazia jedoch, denn diese war schon zur Seite ausgewichen und hatte die ersten beiden Roboter wieder mit Kugeln durchsiebt.
«Komm jetzt bitte raus», rief Valeria wieder in das Mikrofon. Sie bemühte sich, ihren Zorn nicht in ihrer Stimme hörbar zu machen.
«Ich mache das hier erst fertig», tönte Acazias gehetzte Stimme aus einem Lautsprecher irgendwo im Raum.
«Komm! Jetzt! Raus!», drängte Valeria noch einmal.
Es war zwecklos. Acazia ignorierte auch diese letzte Aufforderung. Stattdessen rollte sie sich in Deckung und belegte den verbliebenen Roboter mit einem weiteren Kugelhagel. Der Roboter taumelte, blieb aber stehen. Acazia warf ihre Maschinenpistole zur Seite und zog aus ihrem Gürtelholster eine großkalibrige Pistole. Ein gezielter Schuss durch die Frontplatte des Roboters ließ diesen rückwärts zu Boden kippen. Ein schriller Signalton ertönte.
«Test beendet», verkündete eine synthetische Stimme über die Lautsprecher.
Valeria stampfte aus dem Videoraum zur Tür nebenan, die rote Lampe war jetzt erloschen. Sie zog die Tür auf und fand sich in der eigentlichen Testhalle wieder. Es handelte sich um eine Ansammlung kleiner Räume, die eigentlich für Tests von neuen Robotern oder KIs gedacht waren, die Acazia aber für ihre eigenen Zwecke benutzte. Es dauerte ein paar Sekunden, dann erschien Acazia, verschwitzt und schwer atmend, in der Tür eines dieser Räume, und lächelte Valeria an.
«Du warst wieder nicht bei der Sitzung.» Valerias Ton klang kühl und vorwurfsvoll.
Acazias Lächeln verschwand sofort. Sie wandte den Blick von Valeria ab und öffnete die Klettverschlüsse der schweren schusssicheren Weste, ließ sich auf eine Sitzbank an der Wand fallen, und schloss die Augen. «Ich war beschäftigt», erklärte sie schließlich.
«Mit dem hier? Wie jeden Tag?», schimpfte Valeria. «Wie viele Durchläufe hattest du heute?»
«Vier», antwortete Acazia abwesend. «Ich mache gleich noch einen. Vielleicht zwei. Mal sehen.»
Drei der Wächterroboter drängten sich durch die Tür und begannen, die Reste der Roboter einzusammeln, die Acazia zerstört hatte. Valeria beobachtete die Aufräumaktion. Es tat ihr gut. Ihr Zorn fiel in sich zusammen, als sie sah, wie die Wächterroboter die zerstörten Reste in einen Container an der hinteren Wand warfen. Es war alles gut. Sie sollte nicht wütend sein. Im Zorn würde sie bei Acazia nichts erreichen. Sie musste einen einfühlsameren Weg wählen.
Valeria ließ sich dicht neben Acazia nieder. Zweifelsohne hatte Acazia das bemerkt, sie rührte sich aber nicht, sondern verharrte weiter in ihrer Position, ihre Augen blieben geschlossen.
«Wie viele hast du erledigt?», fragte Valeria.
«Zwölf. Neuer Rekord», berichtete Acazia leise.
«In einem Durchlauf?»
Acazia nickte.
«Wie viele willst du noch schaffen?», fragte Valeria.
Acazia zuckte mit den Schultern. «Soviel ich kann.»
«Warum?»
«Es kann nicht schaden, kämpfen zu können», antwortete Acazia.