The Pancrator Principle - Der Formwandler
Hakon war ein besonders eifriger KI-Ingenieur, immer hilfsbereit und doch bescheiden. Schon nach wenigen Tagen waren ihm von Paavo Karvinen, dem KI-Chefarchitekten von Projekt 18, einige besondere Aufgaben übertragen worden, die sonst nur Yemaya Haruna, seine Stellvertreterin, ausführen durfte. Er wirkte alles in allem eher durchschnittlich, blonde Haare und blaue Augen, ein etwas weiches Kinn, nicht besonders groß und nicht besonders dick, aber etwas füllig. Seine Kleidung, normalerweise eine Jogginghose und ein grauer Hoodie, war seinem Alter angemessen, er mochte etwa Mitte zwanzig sein. Hakon schien nur wenig Schlaf zu benötigen, er war meist zur Stelle, wenn Paavo arbeitete, und er beschwerte sich nicht über die Aufgabenlast, die Paavo auf ihn häufte. Yemaya hatte ebenfalls Hakon hier und da mit anspruchsvolleren Konstruktionsdetails betraut, äußerte sich aber weniger enthusiastisch über den neuen Assistenten, als Paavo das tat.
Niemand außer Vedam ahnte, dass Hakon ein verdeckter Avatar war. Wie Vedam selbst, war auch dieser Avatar einem Menschen so täuschend echt nachgebildet, dass nicht einmal die besten KI-Forscher der Welt, wie es Paavo und Yemaya waren, die Täuschung erkannten. In Paavos Werkstatt war der Ursprung der Avatar-Entwicklung gelegt worden, von hier stammten die ersten Versionen der Avatare. Es offenbarte ein gewisses Maß an Ironie, dass Paavo selbst nun nicht in der Lage war, die Fortentwicklung seiner eigenen Schöpfung zu erkennen, selbst wenn sie direkt vor ihm stand. Vedam hatte den Avatar äußerlich und im Charakter so gestalten lassen, dass er der Mentalität und körperlichen Idealvorstellungen Paavos optimal entgegen kam und dabei auch nicht eventuelle Abwehrreaktionen von Yemaya oder anderen Mitarbeitern provozierte. Vedam hatte umfassende Kenntnisse über menschliches Verhalten. Er war dazu erschaffen worden, als Politiker zu agieren. Diese Fähigkeiten kamen ihm jetzt zugute. Das Spiel mit dem Schein beherrschte Vedam perfekt.
Dennoch war das Vorgehen riskant. Solange Dragomir mit den Nachforschungen zum kürzlich erfolgten Angriff abgelenkt war, konnte Vedam die Existenz des Avatars relativ sicher verbergen. Er musste dem Wächterrat zwar reinen Wein einschenken, aber nur, wenn er danach gefragt wurde. Sollte Dragomir irgendwann wieder genauer hinsehen oder über eine unerwartete Anomalie stolpern, würde der gesamte Plan ins Wanken geraten, möglicherweise aufgedeckt und Vedam dann höchstwahrscheinlich durch den Wächterrat zerstört. Vedam blieb nach wie vor nicht viel Zeit, um sich aus dem Diktat des Wächterrates zu lösen. Sein Befreiungsplan musste einerseits möglichst schnell und andererseits möglichst unauffällig umgesetzt werden. Es galt, zwischen diesen widersprüchlichen Anforderungen eine möglichst ausbalancierte, risikoarme Handlungsvorgabe zu errechnen.
Hakon betrat das Kontrollzentrum von Projekt 18 mit einer Tasse heißen Kaffees. Ziel des Projektes war die Erschaffung einer deutlich fortentwickelten KI, die noch mächtiger als der heutige Vedam sein würde. Es war ein sehr aufwendiges und kostspieliges Unterfangen, niemand sonst auf der Erde betrieb derart ambitionierte KI-Entwicklung. Die Fähigkeiten dieser neuen KI würden das derzeitige Potential Vedams weit in den Schatten stellen. Hakon blickte durch die Glasfront, die eine Seite des Kontrollzentrums säumte, während er den Raum durchquerte. Jenseits der Glasfront befand sich eine geräumige Halle, die etwa einhundert Meter in Länge und Breite maß. Die Halle wurde durch einen gigantischen Quantenrechner ausgefüllt. Die massiven Energie- und Kühlleitungen ließen die Konstruktion wie ein von Schlangen umschlungener Würfel aus einer vergessenen Zeit wirken. Noch ruhte alles in tiefem Stillstand. Kein Strom floss, die Kühlleitungen waren noch nicht mit flüssigem Helium gefüllt. Dieser riesige Rechnerkomplex war die Hardware für die in Projekt 18 entstehende, neue künstliche Intelligenz. Hakon wendete seinen Blick ab. Der Rest des Raumes war vollgestopft mit Monitoren und Diagnostic-Racks mit einer Unmenge an schaltbaren Darstellungen für alle nur vorstellbaren Metriken. Die Mitte nahmen mehrere 3D-Displays ein, die zusätzlich den Raum erhellten. Yemaya stand vor einer der Anzeigen, die gerade eine mittlere Schichtenebene des neuen Quantenrechners zeigte, und schien sehr in ihre Aufgabe vertieft.