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J. Fidelis

Tödliche Winterruhe

Auszug Kapitel 1

31. Oktober

Nur eine Minute! Sechzig verdammte Sekunden zu spät! Fassungslos blickt Cioma der startenden Maschine hinterher, die nahezu lautlos über das Rollfeld jagt und innerhalb von Sekunden beschleunigt. Einen hellen Schweif hinter sich herziehend, hebt sie schließlich ab, und saust pfeilschnell in den apricotfarbenen Abendhimmel in Richtung Südwesten. Dreihundert Passagiere hatten das Glück, sie heute, am offiziell letzten Tag des Jahres, noch zu erwischen. Eines von zweihundertfünfzig Tickets zu bekommen, oder als einer von fünfzig glücklichen Zufallsgewinnern ausgelost zu werden. Cioma hat auch ein Ticket, aber das ist nun nichts mehr wert. Frustriert zerknüllt er den Papierfetzen in seiner Hand und presst seine Stirn gegen den Drahtzaun. Der Applaus der Menge verhallt. Wie immer, wenn die letzte Maschine des Jahres abhebt, hat sich eine Handvoll Schaulustiger am Flughafenzaun versammelt, um ihre Verwandten und Freunde zu verabschieden. Oder einfach nur, um dabei zu sein, und davon zu träumen wie es wäre, wenn sie jetzt mit an Bord wären. Stattdessen bleiben sie zurück und bereiten sich, wie jedes Jahr, auf die Winterruhe vor. Jene vier Monate, in denen die Menschen auf der nördlichen Halbkugel sich in ein künstliches Koma begeben, während das öffentliche Leben und die Wirtschaft komplett zum Erliegen kommen. Nur noch vierundzwanzig Stunden, dann würde es wieder einmal soweit sein. Der Flughafen schließt schon heute seine Tore und löscht als erstes die Lichter. Es folgen die Betriebe und Schulen, schließlich Lokale und Restaurants, die Medien- und Rundfunkanstalten, der Einzelhandel und die Lebensmittelgeschäfte, sowie zuletzt die Energieversorger.

»Ich bleibe wach«, hatte Ciomas Kumpel Asus großspurig angekündigt. Nicht zum ersten Mal. Seit Jahren hat er vor, gegen das System zu rebellieren, indem er sich dem staatlich verordneten Winterschlaf entzieht. Er hatte Wasser und Lebensmittel gehortet, und einen Stromgenerator gekauft. Wie auch immer er das angestellt haben mag, angesichts einer strengen Rationierung von Gütern, und dem unter Strafe stehenden Erwerb von Akkus und Aggregaten. Trotzdem hatte er es am Ende bislang nie gewagt. Die Patrouillen kontrollieren jedes Haus und jede Straße, während intelligente Überwachungskameras den öffentlichen Raum scannen. Selten fällt jemand durchs Raster, denn die überschaubare Bevölkerung ist leicht im Zaum zu halten. Darüber hinaus ist die drohende Konsequenz, in vier Monaten ohne jegliche Grundversorgung elendig zu krepieren, in den meisten Fällen wirksam genug, um Leute davon abzuhalten aus der Reihe zu tanzen. »Viel Glück!«, war daher die übliche Antwort, die Cioma ihm gab. The same procedure as every year.