Tödliche Winterruhe
Mit einem lauten Klick öffnet sich die schwere Tür zu dem Bunker, den Asus in den letzten Jahren akribisch ausgestattet hatte. Ein muffiger Geruch empfängt ihn und Eris, als sie den etwa vierzig Quadratmeter großen Raum betreten. Es ist völlig dunkel, aber ein leises Summen deutet darauf hin, dass irgendwo Elektrizität fließen muss. Asus betätigt den Lichtschalter und sofort springt eine grelle Deckenbeleuchtung an. In der hinteren Ecke des Raums hat er einen Generator zur Stromerzeugung platziert, der nun etwas lauter rasselt.
»Wie lange hält das?«, fragt Eris.
»Mindestens sechs Monate«, sagt Asus. »Vorausgesetzt natürlich, wir gehen sparsam damit um. So wie wir erzogen wurden.« Eris schaut zweifelnd.
»Die meiste Zeit werden wir bei gedimmter Beleuchtung verbringen, sodass der Generator nur diese und die Lüftung antreiben muss«, sagt Asus. »Für den Notfall habe ich noch zwei Kanister Diesel zum Nachfüllen«. Er deutet auf eine Trockentoilette und mehrere mit Wasser gefüllte Eimer. »Wasserversorgung ist autark.«
Eris zeigt ihm einen Vogel.
»Unsere Vorfahren haben nach dem Zusammenbruch genau so gelebt«, rechtfertigt Asus die karge Ausstattung. »Auf dem Land tun sie es noch heute.«
»Und Heizung?«, fragt Eris.
Asus lacht. »Glaubst du wirklich, dass es so kalt wird? Im Zweifel ziehen wir uns dick an.« Dann leckt er sich die Lippen und wühlt in seiner Tasche.
»Gibt natürlich auch noch andere Methoden, um sich warm zu halten«, fügt er zweideutig grinsend hinzu. »Kommt Portia denn auch her?«
Eris funkelt ihn an. »Lass Portia zufrieden. Hattest du nicht schon deinen Spaß mit ihr?«
»Einmal ist keinmal«, erwidert Asus. »Was ist mit deiner Schwester?«
Sofort baut Eris sich bedrohlich vor ihm auf. »Lass deine Griffel von ihr!«
Asus hebt beschwichtigend die Hände. »Ich wollte mich bloß erkundigen, ob sie dabei ist.«
»Ich habe sie zum Schlafen verdonnert«, stellt Eris klar. »Das Problem ist, sie ist nicht zu Hause.«
Asus kichert. »Eine kleine Rebellin, was?«
»Hat sie dir irgendwas gesagt?«
Asus verneint.
»Hast du ihr Somnia gegeben?«
Asus verneint abermals.
»Wir müssen nach ihr suchen«, bestimmt Eris. »Sie darf nicht alleine draußen herumrennen. Wenn sie schon wach bleiben will, muss sie den Lockdown hier mit uns aussitzen.«
»Kein Problem, hier ist genug Platz«, sagt Asus, und beginnt erneut zu grinsen. »Dann bleibt noch Iluma. Vorausgesetzt, unser Wächter wird rechtzeitig mit ihr fertig.«
»Cioma?«
»Wer sonst?«
»Vergiss es, der wagt es nicht. Er hat mir geschrieben, dass er die Wohnung bereits wieder verlassen hat, um pflichtbewusst seinen Dienst anzutreten.«
»Schreiben kann man viel«, meint Asus. »Wissen Iluma und Portia, wo wir sind?«
»Jemand muss sie später abholen.«
»Ich mach das«, verkündet Asus, und schlüpft in einen Tarnanzug. »Hab unsere Fahrräder schon an einen sicheren Ort gebracht.«
Eris blickt sich derweil im Raum um und erkennt etliche Holzregale, in denen kiloweise Vorräte in Form von Konserven, sowie dutzende Wasserflaschen verstaut sind. Dabei wundert er sich darüber, dass diese jahrelange Vorbereitung den Behörden nicht aufgefallen war, schon allein weil es heute recht schwer sein dürfte, überhaupt Vorräte zu horten. Schließlich steht jedem Bürger pro Monat nur ein bestimmtes Kontingent von Waren des täglichen Bedarfs zu, wie etwa Lebensmittel, Kleidung und auch Genussmittel.
»Wie hast du es angestellt?«, will Eris wissen. »Wo hast du das ganze Zeug aufgetrieben?«
Asus nimmt auf einem Sessel Platz und verschränkt die Arme, während er genüsslich grinst. »Warst du mal auf dem Land?«
Eris schüttelt den Kopf.
»Die Dorftrottel haben keine Gadgets, sie haben nicht einmal Geld«, sagt Asus. »Und der Staat lässt sie in Ruhe.«
»Willst du sagen, du hast das alles illegal auf dem Land erworben?«, fragt Eris erstaunt.
»Nennen wir es eine alte Tradition: Die Bauern versorgen die Städte, und sichern so ihr Auskommen.«
»Und wie hast du sie bezahlt?«
»Dort wird getauscht, wie du weißt. Man muss schon ein wenig mit dem Feilschen vertraut sein, und vor allem, mit den Gepflogenheiten und Marotten dieses schrägen Völkchens.«
»Was hast du denn getauscht? Die verachten doch alles, das auch nur mal in der Nähe einer Produktionshalle lag.«
»Mag sein«, erwidert Asus. »Aber viele können ihre Pfoten dann doch nicht von unserem Krempel lassen. Die Aussicht auf ein kleines bisschen Komfort oder irgendein technisches Spielzeug lockt doch am Ende jeden Bauern hinterm Ofen hervor. Und wenn es nur eine batteriebetriebene Lampe oder ein Radio ist.« Er lacht. »Oder Industrieschokolade.«
»Und das Aggregat?«
»Da staunst du, oder?« Asus streicht mit der Hand nahezu andächtig über das etwa kniehohe, rechteckige Kästchen, das in einer Nische des Raumes vor sich hin summt wie ein Bienenstock. »Ich habe auch gestaunt, dass einige so etwas besitzen. Aber eigentlich ist es nur logisch. Sie haben keinen Strom, dafür aber fossile Treibstoffe. Die es wiederum bei uns nicht gibt, wo alles elektrisch funktioniert. Win-Win, nannte man das im Kapitalismus.«