Schöne alte Welt
„Wir schaffen es nie bis dorthin”, mosert Fumo, während er mit den anderen entlang der alten
Bahnstrecke Richtung Berlin marschiert. „Das wird Wochen dauern.”
Die Nacht hatten sie noch im Wagen verbracht, denn er bot Schutz vor Kälte und weiteren
Angriffen. Die Reiter waren jedoch nicht zurückgekommen. Wie durch ein Wunder hatten sie im
Kofferraum sogar noch ein paar Flaschen Wasser und Lunchpakete entdeckt. Daneben auch
mehrere Päckchen mit weißem Pulver, vermutlich Drogen oder irgendeine andere, unbekannte
Substanz.
„Vielleicht hätten wir beim Auto bleiben sollen”, meint Koriander nun.
„Und warten, bis uns jemand abschleppt?”, fragt Fumo gereizt. „Oder uns mit Benzin aushilft? Wie
wahrscheinlich ist das?”
Er setzt sich frustriert ins Gleisbett, und stemmt den Kopf in die Hände.
„Vorsicht, da könnte noch Strom drauf sein!”, warnt Jean. „Ich habe diesen Fehler bei der S-Bahn
gemacht, das hätte schiefgehen können.”
„Stattdessen bist du wieder hier gelandet”, kommentiert Fumo. „Wenn du mich fragst, ist es
schiefgegangen.”
„Wovon redet er?”, fragt Alaska, und blickt Jean an. „Hast du einen Stromschlag bekommen?”
Jean nickt. „Gleich zweimal.”
„Der Kerl ist ein Glückspilz!”, meint Jupiter. „Solange wir den und seine Münzen dabei haben,
können wir alles schaffen.”
„Er hat auch welche?”, fragt Alaska. „Woher habt ihr denn so was?”
„Wir sind Kapitalisten”, witzelt Jupiter und setzt sich auf eine verbogene Schiene. Dann zuckt er
zusammen, als bekäme er einen Stromschlag, und kurz sind alle erschrocken.
Jupiter lacht. „Schade, ich dachte, es klappt.”
Fumo zeigt ihm einen Vogel. „Wolltest du dich grillen oder was? Na ja, dann wären wir dich
wenigstens los.”
„Ich wollte eine Zeitreise machen”, sagt Jupiter. „Und dazu braucht es doch Strom, oder nicht?”
„Wenn ich es wüsste, wäre ich schlauer”, meint Jean.
„Zeitreise?”, fragt Alaska verwundert. Sie hat mittlerweile das Gefühl, im völlig falschen Film zu
sein.
Jupiter schlingt den Arm um sie, wogegen sie sich jedoch sträubt.
„Stell dir vor, wir beide!”, sagt er. „In der wilden alten Welt! Wir könnten um den Globus reisen!” Er
grinst. „Sogar bis nach Alaska!”
„Nur mit dem nötigen Kapital”, stellt Koriander klar.
Alaska wischt Jupiters Arm von ihrer Schulter.
„Aber was meintet ihr denn nun mit der Zeitreise?”, fragt sie. „Und dass man Strom dafür braucht?”
„Jean war in der alten Welt”, sagt Koriander.
Alaska starrt ihn mit aufgerissenen Augen an.
„Es war Zufall”, wiegelt Jean ab.
„Er erzählt Märchen”, meint Fumo. „Aber ihr glaubt ja jeden Fusel.”
„Ich kann es nicht mehr beweisen”, sagt Jean. „Mein Smartphone wurde ja verpfändet.”
„Smartphone?”
„Ja, er hatte tatsächlich eins. Und es hat noch funktioniert.”
„Bis der Akku erloschen ist.”
„Ja, immer diese dummen Akkus!”, kommentiert Fumo. „Wer hat so was bloß erfunden?”
Woraufhin die anderen ihn, der mit selbigen handeln wollte, irritiert anstarren.
„Dieselben, die das hier erfunden haben”, sagt Jupiter und zeigt auf die Gleise. „In Afrika soll es
damit ja schon wieder vorangehen.”
„Mit der Eisenbahn?”, ruft Fumo ungläubig. „Na toll, und woher kommt der Stahl? Und die Kohle?”
„Wer genug Kohle hat, der kommt auch an Kohle”, erwidert Jupiter grinsend. „Aber ich denke, sie
nutzen Strom aus erneuerbaren Quellen.”
„Sag bloß, Solarenergie!” Fumo lacht. „Dann wollen wir aber mal hoffen, dass die Sonne nicht
wieder einfach so verschwindet.”
„Man kann sie doch speichern”, wirft Koriander ein. „Oder sogar in einen Kreislauf einspeisen.” Er
zeigt nach oben. „Das funktionierte hier ähnlich, mit der Oberleitung.”
Diese allerdings hängt dort nicht mehr, nur noch die Masten ragen wie mahnende Finger in die
Höhe.
Fumo schüttelt sich. „Kann jemand mal diesen Klugscheißer zum Schweigen bringen?”
„Wissen ist Macht”, sagt Koriander.
„In der alten Welt galt: Kapital ist Macht”, ergänzt Jupiter.
„Mit der Eisenbahn wären wir allerdings im Nu am Ziel”, meint Koriander nachdenklich.
Daraufhin muss Jean lachen.
„Lach nicht - ich habe gelesen, sie war bis dreihundert Kilometer pro Stunde schnell!“, meint
Koriander.
„Die Bahn war unzuverlässig”, verrät Jean. „Zumindest da wo ich war. Die Züge standen mehr
herum, als dass sie in Bewegung waren. Und die Schienen waren genauso marode wie die
Brücken.”
Wie zur Bestätigung bröckelt das feste Gleisbett unter seinen Fingern, als er mit der Hand darüber
streicht.
„Also warst du dort wirklich?” Alaska ist völlig gebannt. „Erzähl mir davon!”
Jean wirkt überfordert. „Was soll ich denn erzählen?”
„Wie waren die Menschen, wie haben sie gelebt? Wie hat das mit dem Geld funktioniert, wie fühlt
sich Elektrizität an?”
Jeans Gesicht verzieht sich. „Nicht gut, soviel zu Letzterem.”
„Ihr hattet doch Strom in eurem Camp”, merkt Fumo an.
„Ja schon, aber den haben sie nur zum Aufladen irgendwelcher Geräte benutzt”, sagt Alaska.
Dann schaut sie wieder zu Jean. „Damals konnte man damit doch aber auch Wärme erzeugen,
und Nahrung zubereiten, oder? Und Bilder und Musik machen!”
„Du fragst ihm noch Löcher in den Bauch”, mahnt Jupiter lachend.
„Hast du das Internet gesehen?”, fragt Alaska trotzdem weiter.
„Ja, das habe ich”, sagt Jean, und sieht etwas wehmütig aus. „Es war ein eigenes Universum.”
„Wie fühlt es sich an, wie klingt es, und wie riecht es dort?”, fragt Alaska so ehrfürchtig, als ginge
es tatsächlich um den Weltraum.
„Der Raum war nur virtuell”, erklärt Jean. „Man saß meistens vor einem Gerät, einem Smartphone
oder einem Laptop, und konnte alles auf einem Bildschirm hören und sehen. Aber es gab
angeblich auch schon Technologien, die das ganze Erlebnis wie echt wirken lassen konnten. Als
wäre man wirklich an einem Ort, an dem man gar nicht ist.”
„Vielleicht war ja deine ganze Zeitreise virtuell”, meint Fumo zwinkernd.
„War die künstliche Intelligenz so etwas wie Gott?”, fragt Alaska weiter. „War sie gut oder böse?”
„Sie war das, was die Menschen daraus machten”, sagt Jean.
„Wie waren die Menschen denn?”, will Alaska wissen.
Jean lächelt. „Immer in Eile, immer gehetzt.”
„Du meinst, ständig unter Strom”, wirft Jupiter ein.
„Allerdings waren sie auch ziemlich abergläubisch”, ergänzt Jean.
„Wie bei uns im Dorf?”, wundert sich Fumo.
„Wo ich war, also hier in Deutschland, hatten sie damals ganz offensichtlich große Angst vor
grünen Männchen”, erzählt Jean. „Das stand zumindest oft in der Zeitung, und wurde in den
Nachrichten gesagt.”
„Männchen vom Mars, oder was?”
„Es war nur immer die Rede von den Grünen, und welches Unheil sie doch anrichten.”
Koriander grinst, denn ihm ist nicht ganz klar, ob Jean das ernst meint, oder ob er die anderen
lediglich verschaukelt.
„Es grassierte eine Seuche namens Rezession, die sie angeblich eingeschleppt hätten”, fährt Jean
fort.
„Schlimmer als dieses Coronavirus?”, fragt Fumo.
„Ich glaube schon”, meint Jean mit ernstem Gesicht. „Diese Rezession war eine Krankheit, welche
die Wirtschaft befallen hat. Und die Wirtschaft war ihnen heilig.”
„Its the economy, stupid!“, zitiert Jupiter.
„Es gab auch noch eine Seuche, die das Kapital gefressen hat”, fährt Jean fort. „Inflation, wenn ich
mich richtig erinnere. Beides hat die Menschen damals in Angst und Schrecken versetzt.”
Jean scheint seine Rolle als Erzähler plötzlich zu genießen. Dies war schließlich der Vortrag, den
er schon in der Kirche hatte halten wollen. Alle starren ihn mit aufgerissenen Augen und Mündern
an. Nur Koriander giggelt, denn er hat die Metaphern enttarnt.
„Und natürlich der Krieg”, fügt Jean mit noch ernsterer Miene hinzu.
„Der erste oder der zweite?”, fragt Fumo, woraufhin Jean ahnungslos schaut.
„Es gab zwei Weltkriege”, ergänzt Fumo. „Aber das war weit vor der Zeit von KI und Internet.” Er
sieht Jean misstrauisch an. „Ich sage doch, du flunkerst dir hier einen zurecht.”
„Der Krieg im Nahen Osten”, entgegnet Jean. „Und der in Terra Vacui, also Russland.”
Koriander erinnert sich an das Quiz.
„Ukraine”, korrigiert er.
„Stimmt”, fällt Jean wieder ein. „Russland wollte dieses Land unterwerfen.”
Sein Gesicht verändert sich abermals. „Ich war in so einem Auffanglager für Geflüchtete aus dem
Krieg”, erzählt er und schaut zu Alaska. „War ein bisschen so wie auf eurem Gelände.”
„Mit Pfandsystem?”, fragt Alaska beunruhigt.
„Nein, das nicht. Aber sie gammelten dort in Massen herum, weil es nicht genug Unterkünfte gab,
und sie waren fast die ganze Zeit nur mit Papieren beschäftigt.”
„Wertpapieren?”, witzelt Jupiter.
„Formularen”, erwidert Jean. „Ich bin nicht ganz sicher, wozu das alles gut sein sollte. Ich konnte
es zwar übersetzen, aber verstanden hab ich es dennoch nicht.”
„Übersetzen?”, staunt Fumo. „Sprichst du etwa tote Sprachen?”
„Ich habe es mal gelernt”, antwortet Jean ausweichend.
„Warum?”, wundert sich Fumo.
„Alaska spricht übrigens Interlingua!”, erwähnt Koriander. „Und Jupiter auch!”
„Es ist wie Latein”, wiegelt dieser ab.
„Anscheinend habe ich hier lauter Gelehrte um mich herum”, erkennt Fumo ein wenig zerknirscht.
„Aber keiner von euch Schlaumeiern weiß, wie wir jetzt nach Berlin kommen.”
„Dort sprechen sie auch Interlingua”, sagt Jupiter. „Besser, du lernst es ebenfalls.”
„Was meint ihr, werden sie uns überhaupt aufnehmen?”, fragt Jean in die Runde.
„Sicher doch”, verspricht Jupiter. „Die neue Gesellschaft braucht dringend Zuwachs.”
„Wenn sie der alten Welt nacheifern, könnten sie uns auch ablehnen”, befürchtet Jean. „Damals
wollten sie jedenfalls keine Zuwanderer mehr. Es waren ihnen zu viele.”
„Damals war doch aber die Bevölkerungszahl eine ganz andere”, lenkt Koriander ein.
„Das stimmt”, sagt Jean. „Ich hatte allerdings den Eindruck, es ging dabei auch um die
grundsätzliche Angst vor Fremden und deren Kultur.”
Er schaut bedrückt in die Runde. „Und unsere ländliche Kultur ist denen in der Stadt genauso
fremd.”