Schöne alte Welt
Die kleine, recht unauffällige Kirche aus hellgrauem Sandstein erreichen sie wenig später.
Inzwischen sind sie völlig erschöpft, dabei war die Reise nach Hannover um ein Vielfaches beschwerlicher gewesen.
Der gesamte Vorrat an Wasser ist inzwischen nahezu aufgebraucht.
Im Schatten des Gemäuers steigen sie von ihren Pferden, lassen sich auf den Boden sinken und lehnen sich mit dem Rücken an die kühlenden Steine.
Nur wenige Augenblicke später steht September wieder auf.
„Wo gehst du hin?”, fragt Juni.
„Vielleicht ist da ein Brunnen”, sagt er.
Vor einer seltsamen rostigen Metallstrebe bleibt er stehen, die einfach so hier im Sand steckt und aussieht, als wäre sie mehrfach zerbrochen, aber dennoch stabil aufrecht steht.
Eine Skulptur, wie er nun erkennt.
Brüche der Geschichte steht auf einer in den Boden eingelassenen Platte.
Es müssen einmal mehrere Streben dazu gehört haben.
Aber in der Zeit des Umbruchs und danach blieb von allem, das aus Metall gefertigt war, selten etwas an seinem Platz.
Die verbliebene Stele wirkt somit, als wolle sie den einzigen wirklichen Bruch der Geschichte markieren, denn kein anderer zuvor hatte die Welt derart auf den Kopf gestellt wie der Sonnensturm und seine Folgen.
„Kein Brunnen”, sagt er missmutig, als er zurück zu den anderen trottet.
Junis Blick kann er nicht deuten.
Verstohlen schielt sie immer wieder zu den beiden Mädchen hinüber.
Die ganze Szene wirkt so innig und vertraut, dass Juni plötzlich entsetzliche Sehnsucht nach Orion hat.
„Ich sollte zurück”, flüstert sie. „Dann schaffe ich es noch bei Tageslicht.”
„Ruh dich doch erst mal aus”, meint September. „Und überleg dir in Ruhe, ob du wirklich zurück willst.”
Juni atmet hörbar aus. „Ich wusste, dass du versuchen würdest, mich umzustimmen.”
„Unser Dorf ist nicht mehr das, was ich kenne”, sagt September finster. „Unsere Gemeinschaft ist so verroht. Und die Fusion hat alles verschlimmert. Es sind nur noch Despoten am Werk.”
„Karbon ist doch kein Despot”, widerspricht seine Schwester.
„Sie bereiten einen Angriff vor. Das bedeutet, dass es wiederum auch Gegenangriffe geben wird.” Er blickt ihr ins Gesicht. „Es wird Krieg geben, Juni.”
„Glaubst du vielleicht, Verden bleibt dann verschont?”, entgegnet sie. „Und Berlin?” Sie lacht. „Berlin ist als erstes dran.”
„Was ist nur los mit dir?”, wundert sich ihr Bruder. „Du warst es doch immer, die unbedingt nach Berlin wollte.”
„Es war Jupiter, der mir den Kopf verdreht hatte”, erklärt sie nüchtern. „So einfach ist das.”
„Und jetzt hat Orion ihn dir abermals verdreht”, gibt September zurück.
„Ich glaube, wir alle sind gerade ein wenig...verdreht”, meint Juni, und blickt wieder zu den beiden Mädchen, die dort miteinander beschäftigt sind, als wären sie alleine hier.
„Lass uns doch mal nach dieser Orgel schauen”, schlägt September vor und zieht Juni mit sich, bevor sie unfreiwillige Zeugen von weiteren Intimitäten werden.
„Ich höre gar nichts”, sagt Juni, als sie das Kirchenschiff betreten, in dem eine angenehme Kühle herrscht. Die Tür war natürlich verschlossen gewesen, bei einem seitlichen Eingang wiederum fehlte kurioserweise die Tür.
September legt den Finger an die Lippen. „Doch, hör mal genau hin.”
Die Gemäuer schweigen, aber dann vernimmt Juni tatsächlich ganz leise einen andauernden Pfeifton, der nicht dem Wind zuzuordnen ist. Keine Melodie, kein Wechsel von Tempi oder Oktaven, einfach nur ein einziger Ton, der ununterbrochen summt.
„Nach einer Weile bekommt man sicher einen Tinnitus”, fürchtet September.
Er sucht nach der Quelle, und findet in einem Nebenraum schließlich die kleine, etwa mannshohe Apparatur. Eine einfache Holzvorrichtung, zwischen der mehrere Orgelpfeifen aus Metall empor ragen.
Natürlich sitzt niemand dort und spielt, stattdessen sind winzige Sandsäckchen angebracht, von denen gerade eines auf einer der Tasten ruht.
„Aber von irgendwoher muss die Luft in die Pfeifen gelangen.” September legt den Finger an sein Kinn und scheint zu überlegen. Er untersucht das Gerät wie ein Detektiv, aber kann sich nicht erklären, was letztlich den Ton erzeugt.
„Und das spielt jetzt also seit wie vielen hundert Jahren?”, fragt Juni.
September blickt sich um. Der Bote hatte gesagt, es würde irgendwo ein Blatt ausliegen, auf dem man die gesamte Partitur verfolgen könne, vom Anfang bis zum geplanten Ende. Doch er kann nichts dergleichen entdecken.
Dann fällt sein Blick auf eine Tafel an der Wand, die in kurzen Worten erläutert, was es mit der Orgel auf sich hat:
Es war demnach ein Kunstprojekt, das insgesamt 639 Jahre überdauern sollte, und im Jahre 2001 (nach Christus) begann. Das Stück eines Komponisten namens John Cage, angeblich das langsamste und somit längste aller Zeiten, ist in acht gleich lange Teile gegliedert, die jeweils 71 Jahre dauern. Die Tonfolge soll hierbei sogar einmal jährlich wechseln.
„Es müsste ja folglich einmal im Jahr jemand herkommen und das tun”, folgert September. „Und außerdem überwachen, ob die Orgel überhaupt noch läuft.”
„Ob das in den letzten wer weiß wie vielen Jahren geschehen ist?”, fragt sich Juni. „Und während des Umbruchs?”
„Nun, sie läuft ja noch”,stellt September fest.
„Aber es gibt doch gar kein Publikum mehr.”
„Die Kirche ist Tag und Nacht offen. Jeder Passant kann Publikum sein.”
„Der Bote sprach von Pilgern”, fällt ihm später ein. „Vielleicht sind diese angehalten, zum gegebenen Zeitpunkt den Klangwechsel zu vollziehen.”
Juni sieht sich ratlos um. „Wie auch immer man das anstellt.”
„Man müsste das gesamte Stück vor sich haben, und dort ablesen, wann welcher Ton fällig ist”, vermutet September.
Dann hält er inne. „Es gibt da nur ein Problem: Keiner weiß, welches Datum aktuell ist, nach christlicher Zeitrechnung.”
„Aber du weißt es doch”, flüstert Juni nach einer Weile.
„Mag sein”, erwidert September. „Ich bezweifle aber, dass es vorgesehen war, dass ich hier einmal aufkreuze.”
Juni lächelt. „Schicksal?”
September sieht sie an, als glaube er, sie wolle ihn aufziehen.
„Die Sonnenfinsternis”, sagt er dann. „Vielleicht können die Wächter des Projekts den Himmel lesen.”
Nun schaut Juni verwirrt.
„Es gibt mehrere astronomische Phänomene, anhand derer man einen Zeitpunkt bestimmen kann”, erklärt er. „Frag mich aber bitte nicht, wie das geht.”
Sie wandern wieder zurück in den Hauptraum.
„Da hinten ist noch etwas.” September entdeckt einen weiteren Nebenraum direkt gegenüber, durch dessen Fenster das Sonnenlicht fällt, genau auf einen großen viereckigen Kasten aus Holz.
Beim Näherkommen erkennen sie darauf zwei riesige Blasebälge, die sich gemächlich auf und ab bewegen, fast als wären es atmende Lebewesen.
„Das gehört dazu”, konstatiert September. „So erzeugen sie den Ton!”
Er umrundet die Konstruktion mehrmals. An deren Rückseite befindet sich ein weiteres, etwas kleineres Gebläse, das ruht.
„Aber was treibt sie an?”
„Die Sonne?”, rät Juni ins Blaue.
„Ich tippe auf Mechanik. Ähnlich einem Uhrwerk. So wäre auch garantiert, dass es nahezu ewig weiterläuft.”
„Du meinst, das Ding hört niemals auf?”, fragt Juni und beobachtet den Blasebalg.
„Erst im Jahre 2640 nach Christus”, sagt er. „Wann immer das sein mag.”
Staunend betrachten sie die Konstruktion.
„Das ist fast schon ein Perpetuum Mobile”, sagt September nachdenklich.
Juni lacht über das ihr unbekannte Wort. „Ein was?”
„Davon hat die Menschheit immer geträumt”, erklärt September. „Eine Maschine, die, einmal angetrieben, nie wieder aufhören würde zu laufen. Die keinerlei Impuls mehr von außen benötigt, sondern sich quasi selbst immer wieder von Neuem antreibt. Sie hätte das Industriezeitalter womöglich revolutioniert.”
„Und warum hatten sie so eine nicht?”, fragt Juni. „Ich meine, sie hatten doch auch so was hier.”
„Vermutlich genügt das nicht für den Antrieb größerer Maschinen”, schätzt September. „Aber was weiß ich?
„So ein Ding hätte möglicherweise die Katharsis überlebt”, meint Juni ehrfurchtsvoll.
„Es hätte erst gar keine Katharsis gegeben”, erwidert September.
„Wie würde die Welt dann wohl jetzt aussehen?”, fragt sich Juni. „Was würden Menschen wie wir jetzt machen?”
„Menschen wie wir könnten jetzt wohl genauso hier stehen und dieses Kunstwerk begutachten”, vermutet September. „Andere würden vermutlich... ja, was man damals halt so tat. Arbeiten und wirtschaften. Sie würden immer noch am Fließband stehen und produzieren und produzieren, dann würden sie diese Produkte konsumieren und konsumieren, als wäre es der Sinn des Lebens.”
„Es war wohl damals auch der Sinn des Lebens”, meint Juni.
„Ich habe mal einen alten Roman aus dem Frühkapitalismus gelesen, der diese Lebensform satirisch überspitzt”, beginnt September zu erzählen. „Es wurde, als vermeintliche Utopie, eine Welt geschaffen, in der die Massenproduktion von Gütern und Menschen der Zweck allen Daseins war.”
„Von Menschen sagst du?”
„Ja, sie haben ihre künftigen Bürger und Arbeitskräfte zu Millionen selbst herangezüchtet, und an Fließbändern in Flaschen abgefüllt. Wie Getränke. Danach haben sie sie in einer künstlichen Plazenta im Rekordtempo heranwachsen lassen, wobei sie der Nährlösung allerhand chemische Substanzen zusetzten. Für jedes Individuum war im Vorhinein seine künftige Bestimmung und seine Funktion in der Gesellschaft festgelegt. Dementsprechend wurden sie geprägt und genormt.“
Juni ist sprachlos. „Das ist ja…”
September grinst. „Es wäre wohl die Lösung gewesen für so manches Problem der alten Welt: Fachkräftemangel, demografischer Wandel, Wirtschaftskrise.”
„Warum haben sie es dann nicht einfach so gemacht?”
„Weil es technisch wohl gar nicht möglich war. Die Handlung war immerhin fiktional. Vor allem aber wäre so etwas moralisch und ethisch nicht vertretbar gewesen.”
Juni lacht. „Kapitalismus und Moral…”
„Demokratischer Kapitalismus, immerhin”, erwidert September. „Aber ich verstehe den Punkt. Denn eigentlich war damals indirekt schon genau das erreicht, was auch die Weltregierung in diesem Roman anstrebte: Gesellschaftliche Stabilität durch fortwährende Beschäftigung und unmittelbare Befriedigung aller Bedürfnisse. Der Mensch sollte seine Versklavung nicht mehr als solche empfinden, und so wurde er schon als Embryo darauf programmiert, sie zu lieben, und nichts anderes zu wollen. Er sollte auch nicht mehr nachdenken oder grübeln, sondern funktionieren, wie eine Maschine, ein Rädchen im Getriebe. Ich frage mich, ob das im realen Kapitalismus so großartig anders war. Die Freiheit, die man hatte, war letztlich doch nur eine Scheinfreiheit. Glücklich und zufrieden wurde man nur durch Arbeit und Konsum. Geld erwirtschaften und Geld ausgeben - der ewige Kreislauf.”
Sie schweigen eine Weile, während der Ton der Orgel weiter vor sich hinsummt, und die alten Mauern scheinbar vibrieren lässt.
„Vielleicht haben sie deswegen kein Perpetu... Dings gebaut”, fällt Juni ein. „Es würde schließlich Arbeitskräfte überflüssig machen, und die meisten Menschen hätten keine Beschäftigung mehr gehabt. Es könnte auch kein Kapital generieren.”
„Als Gelddruckmaschine schon”, witzelt September. „Aber im Ernst, da ist etwas dran, denn schließlich war ja zuletzt die Künstliche Intelligenz in immer mehr Bereichen dabei, die Arbeit zu übernehmen. Das hat den Menschen auch Sorge bereitet.”
„Was genau war denn nun eine KI?”, will Juni wissen. „Ich habe da immer ein Monster vor Augen, den Geschichten unserer Großmutter nach. Aber eine KI hatte ja gar keinen physischen Körper, oder?”
„Nein, sie war immateriell”, sagt September. „Wobei, natürlich gab es Hardware. In sogenannten Rechenzentren standen unzählige, riesige Kästen aus Metall, mit dutzenden Kabeln und Lämpchen.”
Juni schaut ihn an, als würde er über Quantenphysik reden.
„Ziemlich schwer zu erklären. Eine KI war eine Art virtuelle Entität, die alles konnte und alles wusste, wenn sie entsprechend programmiert und trainiert wird.”
„Sie hat von den Menschen gelernt?”
„Natürlich hat sie von den Menschen gelernt, aber auch von sich selbst. Sie hat sich selbständig gemacht und wurde quasi zu einem digitalen Perpetuum Mobile. Und das war eine der Ur-Ängste der Menschen. Dennoch haben sie ihre eigene Dystopie verwirklicht, und den Geist aus der Flasche gelassen.”
„Die KI wurde auch in der Flasche gezüchtet?”
September lacht. „Das war bloß ein Sprichwort.”
„Warum hat die KI den Umbruch nicht überlebt?”, fragt Juni. „So wie dieses Ding hier?”
„Sie hatte einen Schwachpunkt”, sagt September. „Sie benötigte Strom, und zwar Unmengen davon.”
Juni versteht und nickt.
„Ich sehe mal nach den beiden Turteltäubchen”, sagt sie dann und will den Raum verlassen.
Doch September hält sie fest. „Rate mal, wie der Roman hieß.”.
Juni hebt die Schultern.
„Schöne neue Welt”, sagt er und lächelt.