Schöne alte Welt
„Wirst du ihm davon erzählen?”, fragt September später, nachdem sie sich von Sigil verabschiedet haben. Zuvor hatten sie stundenlang in dem Tagebuch gelesen und über die alte Welt philosophiert. Inzwischen hat die Abenddämmerung eingesetzt und feuchtwarmer Dunst hängt über den Feldern, während Amseln ihr Abendlied trällern.
„Paxito?”, fragt Juni, und seufzt. „Ich bin mir noch nicht sicher. Eigentlich möchte ich schon, dass er mit dem Wissen darüber aufwächst, wie diese Welt einmal aussah, und was es alles gab.”
Sie blickt ihrem Bruder in die Augen. „Ich möchte, dass er Musik kennenlernt, und Literatur von früher. Sigil besitzt so einiges, aber bei euch im Leuchtturm gibt es eine ganze Bibliothek, sagtest du.”
„Ich werde versuchen, so viel wie möglich aufzutreiben”, verspricht September. „Aber dir ist bewusst, wie riskant das ist.”
„Trotzdem möchte ich das Kulturgut der alten Welt an ihn weitervermitteln”, hält Juni fest. „Außerdem soll er erfahren, wie weit die Wissenschaft bereits gewesen ist, und was sie alles erforscht hat. Dass Menschen auf dem Mond gelandet sind, und Objekte ins All geschossen haben. Wie hießen noch gleich diese Dinger, die die Navigation ermöglicht haben?”
„Satelliten.”
„Genau! Man sagt, dass einige Menschen sogar dauerhaft in externen Behausungen im Weltall gelebt haben sollen.”
„Raumstationen meinst du.”
Juni nickt. Dann jedoch macht sie ein besorgtes Gesicht.
„Was ist denn eigentlich mit denen passiert während des Umbruchs?”
September hebt die Schultern. „Darüber weiß niemand etwas.”
„Und wenn sie noch immer da oben sind?”
„Seit über einhundert Jahren?”
„Ihre Nachkommen. Vielleicht hatten sie kein Problem mit der Fruchtbarkeit. Und da oben gibt es auch keine…”
„Vorräte an Nahrung, Wasser und Sauerstoff”, beendet September ihren Satz. „Jedenfalls nicht auf Dauer. Sie werden verendet sein, weil die Erde sie nicht mehr versorgen konnte. Genauso wenig wie die meisten Regionen hier unten.”
Der Gedanke scheint Juni genauso zu bedrücken wie ihn selbst.
„Vielleicht hat man sie auch rechtzeitig zurück geholt”, fügt er hinzu, und zwinkert. „Oder sie leben inzwischen auf dem Mars. Da soll doch angeblich eine Kolonie sein, wohin damals die Superreichen geflohen sind.”
„Superreiche?”
„Leute mit zu viel Geld.”
„Glaubst du daran?”
September breitet die Arme aus. „Nichts ist unmöglich.”
Schweigend betrachten sie den Mond, der gerade, goldgelb und fast voll, am Horizont emporsteigt.
„Du weißt, dass du in den Süden umsiedeln musst, wenn du deinem Sohn all das bieten willst”, sagt September schließlich. „Hier wird sich nämlich nichts mehr ändern, davon kannst du ausgehen. Außer vielleicht die Methode der Hinrichtung.”
„Und wenn doch?”, wagt Juni zaghaft zu hoffen.
Ihr Bruder schaut zweifelnd.
„Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, denn alle Menschen wollen Wohlstand”, zitiert sie Jupiters Worte. „Paxito wird später Bürgermeister, das steht heute schon fest. Und wenn ich ihn liberal genug erziehe, dann…”
„Wohlstand ist Definitionssache”, unterbricht September sie. „Und solange man hier im Norden glaubt, dass dafür keine Industrialisierung erforderlich ist, sondern, dass diese sogar nur Schaden bringt, wird man sich dagegen zur Wehr setzen.”
Er sieht sie an. „Das ist die neue Weltordnung. Und ein Jeder muss seine Wahl treffen, auf welcher Seite er steht.”
„Es liegt aber auch an Jedem von uns, das Wissen über die alte Welt weiterzutragen. Und dadurch vielleicht irgendwann eine bessere Welt aufzubauen. Eine, die sich der Fehler der Vergangenheit bewusst ist, und gleichzeitig aus ihnen lernt.”
„Du weißt, wie diese... AGI dazu gestanden hat.”
„Dieses Wesen hatte wohl vieles. Aber eines hatte es nicht: Ein Herz, und einen freien Willen.”