Kriegsnebel
Schnee.
Zum ersten Mal in ihrem Leben berührt Kadettin Shu Shiyan mit ihren Fingern echten Schnee. Das weiße Pulver knirscht unter ihren Stiefeln, während sie in gebückter Haltung mit den Händen über den Boden fährt.
Ein tolles Geburtstagsgeschenk, denn heute wird sie offiziell vierzehn Jahre alt, was man ihr äußerlich nicht ansah. Ihre ergrauten Haare, zu einem Zopf zusammengebunden, und ihr durchtrainierter Körper, bekleidet mit einer schwarzen Uniform, konnten unwissende Beobachter auf eine erwachsene Frau schließen lassen. Der mittels Genmanipulation beschleunigte Stoffwechsel und der damit verbundene, schnellere Alterungsprozess tat sein Übriges, um ihr das äußere Erscheinungsbild einer Anfang zwanzigjährigen Frau zu geben. Was ihre optische Wirkung gegenüber den meist männlichen Ausbildern anging, hatte Shiyan festgestellt, dass dies durchaus Vorteile haben konnte. Abgesehen von einer besseren Behandlung hatte ihre Stoffwechselmodifikation auch andere, rein praktische Vorzüge, beispielsweise eine effektivere Wundheilung. Doch diesen standen auch Nachteile gegenüber.
Sie hatte ständig Hunger. Die Menge an Nahrung, die sie jeden Tag zu sich nehmen musste, brachte einiges an Schwierigkeiten mit sich. Auch jetzt verspürte sie wieder ein leichtes Hungergefühl, obwohl das Frühstück erst drei Stunden zurücklag. Doch Essen, gab man ihnen genug.
Wie ihre Kameradinnen des aktuellen Ausbildungsjahrgangs der Gespenstereinheit, hatte sie die letzten beiden Jahre in Obhut des chinesischen Militärs verbracht. Sie sind Mitglieder der ersten Charge, wie es im offiziellen Sprachgebrauch heißt. Die erste Generation eines neuen Typs von Soldaten, oder besser – von Soldatinnen. Denn Männer gibt es bei ihnen nicht. Warum, das weiß Shiyan nicht zu beantworten. Die Bezeichnung Charge bezieht sich jedoch nicht auf die Ausbildungszeit, sondern auf den Entwicklungsstand der Modifikationen.
Diese erste Charge, fast alles Kinder, die freiwillig von hohen Militärs und Politikern zum Wohle des Vaterlandes dem Gespenster-Programm übergeben worden waren, sollte das zukünftige Rückgrat einer tödlichen Spezialeinheit bilden. Wobei die Charge keinen direkten Rückschluss auf die Ausbildungszeit zulässt, nur auf die Entwicklungsphase der Modifikationen.
Zumindest die meisten von Ihnen waren Nachkommen wichtiger Persönlichkeiten, so auch Shiyan. Ihr Vater war Vizeadmiral Lao, Kommandeur des Gespenster-Programms.
Ihre Ausbildungspartnerin, Chen Li, gehörte, wie einige wenige andere, zu einer Ausnahmegruppe. Ihre Eltern hatten sie nicht freiwillig in den Dienst dieser Einheit gestellt. Viel mehr war ihre Mutter, eine Beamtin im Militärbezirk Hongkong, durch einen anderen Beamten denunziert worden. Ob es sich dabei um begründete Vorwürfe handelte, oder es sich nur um eine politische Intrige gehandelt hatte, wusste Shiyan nicht.
Li und sie waren bereits seit dem Beginn ihrer Ausbildung zusammen. Dies war ihr Leben. Das Gespenster-Programm.
Shiyan nimmt einen großen Haufen Schnee in ihre Hände und drückt ihn zusammen, bis die ersten Wassertropfen zwischen ihren Fingern hervorquellen. Fasziniert stellt sie fest, wie das zuerst pulverartige Gut nach dem Drücken als ein fester Klumpen auf den Boden fällt.
Ein Blick zur Seite zeigt ihr, dass eine ihrer Kameradinnen, eine der Töchter des chinesischen Verteidigungskommissars Yuan, es ihr gleichtut. Diese war mit ihren siebzehn Jahren schon recht alt für das Gespenster-Programm. Die meisten ihrer Charge, hatten mit elf oder zwölf Jahren das Training begonnen. Eine Unzahl von Operationen, Medikamenten und – natürlich – das nie enden wollende Kampftraining.
Shiyan schaut sich neugierig um. Der Platz, auf dem die Gruppe angetreten ist, liegt am äußeren Stadtrand. Nicht weit entfernt stehen einige knorrige Bäume und die Reste einer Bank aus Metall sind unter der zentimeterdicken Schneeschicht zu erkennen. Die Umgebung wirkt wie aus einer Gruselgeschichte. Die Ruinen mehrstöckiger Wohnblöcke ragen um die Kadettinnen in den Himmel. Löcher in den Fassaden, eingestürzte Dächer und zersplitterte Glasscheiben lassen Shiyans geschultes Auge sofort den, in ferner Vergangenheit stattgefundenen, Einsatz von Waffen in Erwägung ziehen.
Ein Schlachtfeld aus einer längst vergangenen Zeit, so scheint es.
»Aufstellung nehmen!«, ruft ein abseitsstehender Offizier, im Range eines Generalobersten, der sie an diesen seltsamen Ort begleitet hat, und reißt Shiyan aus ihren Gedanken. Fast hätte sie vergessen, dass ihre Einheit nicht zum Spaß hierhergebracht worden war.
Li tritt an ihre Seite und Shiyan lässt den restlichen Schnee fallen. Unbeholfen versucht sie, die Feuchtigkeit an ihrer Uniformhose abzuwischen.
Beide nehmen Haltung an, ebenso wie die anderen Kadettinnen, insgesamt fast vierzig Frauen, und erstarren.
»Wer kann mir sagen, wo wir hier sind?«, fragt der Offizier.
Shiyan erinnert sich daran, dass dieser Mann schon häufiger die Einheit besucht hat. Seinen Namen konnte sie nicht im Gedächtnis behalten, aber er scheint großes Interesse an der Ausbildung und dem Gespenster-Programm zu haben. Der für einen Asiaten großgewachsene Offizier mit Glatze strahlt allein durch sein Erscheinungsbild eine stille Autorität aus. Es bedarf keines separaten Hinweises auf seinen hohen Rang.
»In Tscheljabinsk, einer ehemaligen russischen Stadt, Herr Generaloberst«, antwortet eine der Kadettinnen hinter Shiyan, ohne sich vorher zu melden.
Der Offizier mustert die Gruppe mit einem grimmigen Blick und nickt. »Absolut korrekt. Kann mir jemand etwas über diese Stadt erzählen?«
Niemand rührt sich. In Shiyan wächst die Verunsicherung. Normalerweise besteht ihr Unterricht nicht aus Ausflügen oder Fragestunden. Lange Vorträge zur Überlegenheit des Kommunismus, über seine westlichen, minderfähigen Gegner, prägen das Bild der theoretischen Ausbildung.
»Nun gut«, sagt der Generaloberst nach kurzem Zögern, »Dann werde ich Ihnen etwas über diese Stadt erzählen. Ausnahmsweise dürfen Sie sich frei fühlen, Zwischenfragen zu stellen. Denn Sie sind alle heute hier, um etwas zu lernen. Sehen Sie mich als einen Lehrer an, nicht als Stabsoffizier des Oberkommandos.«
Er wendet sich von der Gruppe ab und macht eine ausladende Handbewegung zu den baufälligen Gebäuden um sie herum.
»Wir haben Sie aus nur einem einzigen Grund hierhergebracht. Sie alle legen den Grundstein für eine neue Form der Kriegsführung. Sie bilden den Kern einer schlagkräftigen Truppe, gehören damit zur Elite unseres Volkes. Gleichwohl werden Sie die zukünftigen Generationen an Gespenstern unterrichten und lehren, ihnen ein Vorbild sein. Und aus diesem Grunde, müssen Sie verstehen, was hier an diesem Ort einst geschehen ist. Diese Stadt birgt eine Geschichte, die Sie verinnerlichen müssen, um die Größe ihrer Aufgabe zu begreifen.«