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CCK-Schildmaid

Twinsanity - Dauntless (Akt 1)

Bloodline

»Bitte«, flüsterte er kaum hörbar mit belegter Stimme. Doch diese verschwand unter den wiederkehrenden Tönen der Nussknacker - Symphonie. Tanz der Zuckermäuse. Immer und immer wieder. Schon als Kind hatte er dieses Lied gehasst. Jedes Jahr zu Weihnachten schleppten seine Eltern ihn zu dieser Ballettaufführung. Jedes Jahr aufs Neue suchte er nach Ausreden, um dieser Aufführung nicht beiwohnen zu müssen, und doch landete er immer wieder auf einem der obersten Ränge und musste sich durch die Stunden der Hölle quälen. Jedoch lagen Jahre zwischen den damaligen Besuchen und dem heutigen Tag.
Und wenn er damals schon glaubte, dass dieses Lied ihn brechen würde, so wurde er gerade eines Besseren belehrt. Niemals hätte er gedacht, dass allein die ersten Töne dieses Stücks dafür sorgen konnten, dass sich sein Magen schmerzhaft zusammenzog, ein bitterer Geschmack seine Kehle nach oben kroch und er sich nichts sehnlicher wünschte als den Tod.
Finsternis umgab ihn, ebenso wie eine tiefe, sich in sein Mark fressende Kälte. Er wusste nicht, wo er war. Er wusste nicht, seit wann er hier war. Er wusste nur, weswegen er hier war.
Er hatte geschworen, sie zu beschützen. Sein Leben für ihres zu geben. Jahre hatte er fest daran geglaubt, dieses Versprechen einhalten zu können. Aber niemand hatte ihm gesagt, dass der Teufel höchstpersönlich kommen würde, um ihn zu testen. Ein Monster, welches er sich in seinen tiefsten und dunkelsten Träumen nicht hätte erdenken können. Viele Jahre waren Folter, Tod und Unmenschlichkeit seine Begleiter gewesen, doch war es immer er, der diese in das Leben anderer brachte.
Aber diesmal saß er gefesselt auf einem harten, kalten Stuhl. Nackt, nur bedeckt von der Dunkelheit. Er wusste nicht, wer das Monster war. Doch es musste ihn kennen, denn es konnte kein Zufall sein, dass ausgerechnet diese Melodie lief.
Behutsam zog er die Luft in seine völlig erschöpfte Lunge. Ein tiefes Brennen breitete sich dabei in seinem Körper aus. Er wollte stöhnen vor Schmerz, jedoch hatte er begriffen, dass dies nur eins bewirkte: weitere, qualvollere Empfindungen.
Die Fesseln, welche sich über seine geschundene Haut spannten, hatten bereits ihre Spuren hinterlassen. Sie hatten sich tief in sein Fleisch gerieben. Es aufplatzen lassen und auch nur die kleinste Bewegung führte dazu, dass sie ihr Werk erweiterten.
Langsam konnte er die Schmerzimpulse, die sein Körper ihm schickte, nicht mehr deuten. Anfänglich konnte er klar definieren, von welchem Teil sie kamen, doch mittlerweile verschwamm seine Wahrnehmung zunehmend und er betete nur noch für eins - seinen Tod.
Die Melodie wurde leiser und sofort überzog sich sein Körper mit einem Schwall Gänsehaut. Es gab nur einen Grund für das Abklingen der Töne.
Es war hier. Das Monster war wieder da.
Leise Schritte ertönten und schon legte sich ein dumpfer Lichtkegel über ihn. Eine einzelne Glühbirne, welche genau über seinem Kopf hing, rückte sein Dasein in ein schwaches Scheinwerferlicht. Als wäre er der Hauptakt in einer verdammten Ballettaufführung.
»Bitte, nicht ...«, wisperte er rau und gebrochen.
Er wusste, was auf ihn zukam und auch war ihm mehr als klar, dass er sich nicht bewegen durfte. Aber sein Geist übernahm sein Handeln. Er schrie lautstark nach Flucht und so presste er sich, ohne es wirklich zu wollen, gegen seine qualbringenden Fesseln. Ein erbärmlicher Schrei hallte durch die Schatten des Raumes. Sein Magen zog sich zusammen und er spürte die Säure erneut seine Kehle nach oben steigen.
Das Monster trat bis an den Rand des Lichtkegels. Blieb verborgen im Nichts. Es sprach nicht. Es zeigte sich nicht. Es beachtete sein Leiden nicht. Es stand reglos da und schien ihn anzustarren. Wartend wie ein Wolf, der seine Beute schon fixiert hatte und nur darauf wartete, sie endgültig zu zerreißen.
Er wusste, was das Monster wollte. Namen. Zwei primitive Namen, für die er bereit war, alles zu tun. Sein pulsierender Körper zeigte es ihm und er wusste, dass es erst der Anfang gewesen war.
Erbarmen und Hoffnung hatten in diesem Raum keinen Platz. Er würde hier sterben, daran hatte er längst keinen Zweifel mehr. Die einzige Frage, welche noch ungeklärt war, lautete: Wie?
Aber auf diese sollte er eine Antwort bekommen, denn das Monster trat das erste Mal aus seiner verborgenen Sicherheit. Völlig in Schwarz gehüllt, gab es keinerlei Anhaltspunkte, wer da vor ihm stand. Dafür gab die glänzende Klinge, die es in der Hand hielt, einen Ausblick auf das, was ihn erwarten sollte.
Wieder lauerte das Monster still auf einem Fleck. Langsam hob und senkte sich dessen Brustkorb. Wartend. Doch er konnte es nicht. Er konnte sie nicht verraten. Minuten vergingen, in denen er auf die schwarze Gestalt starrte.
Plötzlich trat es an ihn heran. Das Messer schwebend über seinem Arm haltend. Sein Puls begann zu rasen, sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb. Angst … Todesangst schoss durch seinen Körper und setzte Adrenalin frei. Adrenalin, welches seine Vernunft benebelte und ihn eine Grenze überschreiten ließ.
»Fick dich. Ich verrate sie nicht«, zischte er mit aller Kraft.
Ein Fehler, den er sofort zu spüren bekam. Die Klinge drang tief in sein Fleisch, geschmeidig als würde es Butter schneiden. Ein erneuter Schrei bildete sich in seiner Kehle, welchen er mit aller Macht unterdrückte. Er würde seinem Schwur treu bleiben.
Das Monster stockte, drehte die Klinge des Messers und fuhr damit unter seiner Haut entlang. Millimeter für Millimeter. Er kreischte, denn er spürte, wie seine Nervenbahnen zerrissen und sein Hirn von einer Schar an Schmerzimpulsen überrannt wurde. Übelkeit übermannte ihn, als er die Bewegung der Klinge unter seiner Haut vernahm. Die brennende Pein, das Glühen seines Armes und die Gelassenheit des Monsters brachten ihm die Erkenntnis, wie sein Tod aussehen würde.
Skalpiert. Bei lebendigem Leib.
Seine Gedanken überschlugen sich. Es konnte Stunden dauern, bis er keine Haut mehr am Körper trug. Ohnmacht würde eintreten, aus welcher er immer und immer wieder gerissen werden würde. Doch das Schlimmste war, dass das Häuten nicht zu seinem Tod führen musste. Es konnte Tage dauern, bis er an Schock, Blutverlust oder einer Infektion sterben würde. War es das wert? Er würde elendig krepieren. Die Qualen würden ihm den Verstand kosten. Er würde bald die Kontrolle über seine Körperfunktionen verlieren. Er würde vegetieren und das alles für zwei Menschen, welche er kaum kannte. Aber der Schwur ... Stolz, der letzte Rest von seinem einstmals harten Charakter, ließ ihn nicht reden.
Minuten vergingen. Minuten, in denen er glaubte, dass sein Leib in Flammen stand. Schmerzen, so tief und verstörend, dass sie sich bis in seine Seele fraßen.
Doch gerade, als er aufgeben wollte, ließ das Monster von ihm ab. Es verschwand und langsam drehte er den Kopf zu seinem Arm. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, und als er die blutig freigelegte Muskulatur seines Unterarmes sah, wurde alles um ihn herum schwarz. Die erste Welle der Ohnmacht hatte ihn in den Bann gezogen - schon fast dankbar, gab er sich dem weichen, endlosen Gefühl dieser hin.
Ein beißend, stechender Geruch, der sich durch seine völlig ausgetrockneten Schleimhäute fraß, riss ihn zurück ins Hier und Jetzt. Sofort nahmen ihn wieder die Schmerzen in Beschlag. Seine Gedanken hingen an dem Geruch fest, welchen er nur zu gut kannte.
Schwefelsäure. Panik machte sich breit. Ein Beben erfasste seinen Leib. Doch noch ehe er in der Lage war klar zu sehen und zu denken, spürte er, wie sich sein offenes Fleisch begann aufzulösen. Die Flüssigkeit ätzte es ihm vom Knochen, färbte es schwarz ein und hinterließ letztlich eine geleeartige, weiße Masse zurück.
Zu viel der Schmerzen. Zu viel der Qualen. Zu viel Wissen darüber, was noch kommen mochte.
Er gab auf. Er ließ sich brechen. Er vergaß seinen Schwur und hoffte auf Erbarmen. Er schluckte und versuchte, etwas Feuchtigkeit in seine ausgetrocknete, geschundene Kehle zu bringen. Vorsichtig bewegte er seine spröden, rissigen Lippen und ließ seine kratzige Stimme ertönen.
»Freya und Liam Shield.«