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CCK-Schildmaid

Twinsanity - Dauntless (Akt 1)

Kapitel 1

- Jedes Drama findet irgendwo seinen Anfang.

»Du und deine verblödeten Ideen jedes Mal«, knurrte Freya, während sie sich die Kapuze tiefer in das nasse Gesicht zog.
Der Sturm wirbelte um sie herum und ließ den Regen schmerzhaft auf ihren Körper einprasseln. Die Antwort ihres Bruders versank im Rauschen des tosenden Meeres, ebenso wie sie selbst in dem schweren, durchweichten Sand. Die kleinen Körnchen suchten sich den Weg in ihre Sneaker und rieben hartnäckig an ihrer weichen Haut. Sie würde sich Blasen reiben und das würde schlecht für Liam enden.
Vor wenigen Stunden waren sie zu einer gemeinsamen Motorradtour aufgebrochen. Es war ihr letzter Ferientag und das Wetter schien es ausnahmsweise gut mit ihnen zu meinen, doch während aus der kurzen Pause an der Nordküste Englands ein ausgiebiges Mittagsschläfchen geworden war, brach das Grauen über sie herein. Die ersten Regentropfen hatten die Geschwister aus dem Schlaf geholt und auch, wenn sie kaum zweihundert Meter zurücklegen mussten, schafften sie es nicht, schneller als der nahende Sturm zu sein.
Völlig durchweicht kämpften sie sich die letzten Meter zu ihren Bikes und fanden endlich Schutz unter dem Vordach eines kleinen Imbisses, der geschlossen hatte.
»Die waren wohl schlauer als wir«, murmelte Liam, während er gegen die Tür drückte, um sicherzugehen, dass er nicht doch geöffnet war und nur das Schild vergessen wurde umzudrehen. Die Tür bewegte sich jedoch keinen Millimeter.
Freya schob sich mit einem genervten Stöhnen die Kapuze vom Kopf und wischte sich die Spuren des Regens aus dem Gesicht. »Du meinst: Schlauer als du. Ich wollte den Tag gemütlich auf der Terrasse verbringen. Weißt du, die ist überdacht.«
Liam rollte die Augen und drehte sich zu seiner Schwester. Ihre eisblauen Iriden funkelten ihn giftig an, während ihre weißblonden Haare an ihrem Gesicht klebten. Sie rümpfte die Nase, als sie sich langsam aus ihrer Sweatjacke schälte und sie auf einen der Holztische warf.
»Ja, aber dann hättest du die grandiose Aussicht auf das Meer verpasst.«
Zorn blitzte in Freyas Blick auf. Sie trat einen Schritt auf ihren Bruder zu und bohrte ihm den Zeigefinger in die muskulöse Brust, während sie in seine ebenso eisblauen Augen starrte.
»Der Ausblick geht mir so was von am Arsch vorbei. Buchstäblich so sehr wie der Regen, der mir gerade durch die Arschbacken läuft.« Sie zog den Finger zurück, griff an den Bund ihrer Hose und versuchte, den Stoff von ihrer Haut zu ziehen. »Ist das widerlich.«
Liams Brust bebte und als der nächste garstige Blick von Freya auf ihn traf, in welchem ein Hauch Verzweiflung zu erkennen war, brach das unterdrückte Lachen aus ihm heraus. »Du müsstest dich mal sehen. Man könnte meinen, du bist über Nacht zur Prinzessin mutiert. Es ist nur Regen. Nicht schön, aber auch nicht tödlich.«
Freya streckte ihm den erhobenen Mittelfinger entgegen, trat an ihm vorbei und setzte sich neben die tropfnasse Jacke auf den Holztisch. Liam kramte derweilen eine halb aufgeweichte Packung Zigaretten aus der Hosentasche und grinste.
»Als wollten uns die Götter belohnen.«
Er zauberte zwei trockene Kippen aus der Schachtel und reichte eine davon Freya.
»Wollten uns die Götter belohnen, würden sie am Rad der Zeit drehen und uns die nächsten zwölf Monate ersparen«, knurrte sie und legte sich die Zigarette an die Lippen.
»Das Problem ist gar nicht das Wetter, oder?«, raunte Liam, reichte ihr Feuer und setzte sich neben sie.
Sie nahm einen tiefen Zug und spürte dem Nikotin nach. Den brennenden Blick ihres Bruders ignorierte sie. Seine Frage bedurfte so oder so keine Antwort. Sie bestritten seit achtzehn Jahren ihr Leben gemeinsam und auch, wenn Freya Vorurteile gegenüber Zwillingen hasste, musste sie sich ab und an eingestehen, dass nicht alle davon falsch waren. Sahen sie sich ähnlich? Mehr als das. Die gleichen blauen Augen. Derselbe sonnengeküsste Teint. Ihre Lippen trugen dieselben geschwungenen Linien und sogar das kleine Muttermal unter ihrem rechten Lid war identisch. Selbst ihre gleichartige Genetik sorgte dafür, dass beide nicht ein Gramm Fett am Körper trugen und sich durch klar definierte Muskeln auszeichneten. Wobei Liam davon eindeutig mehr Masse abbekommen hatte. Ebenso wie gut zehn Zentimeter mehr an Körpergröße.
Charakterlich hingegen hätten sie nicht unterschiedlicher sein können. Während Liam immer noch das Gute im Leben sah und selten kein Lächeln auf den Lippen trug, zeichnete sich Freya eher durch schlechte Laune und Pessimismus der Superlative aus. Doch all das war es nicht, was sie nie vergessen ließ, dass sie eins waren. Sie kannte ihren Bruder. Alles an ihm. Sie verstand jede Mimik und Gestik. Sie musste seine Worte nicht hören, um zu wissen, was in seinem Geist passierte.
Und Liam – der las Freya wie ein verdammt offenes Buch. Egal wie gern sie manchmal etwas für sich behalten würde, ihrem Bruder reichte ein Blick und jede Lüge war vergebens.
Zwillingsbande. Fluch und Segen zu gleichen Teilen.
»Freya. Es sind nur zehn Monate, danach haben wir es endlich geschafft, okay?«
Sie spürte die warme Hand auf ihrem Oberschenkel und seufzte erschöpft auf. »Ich weiß. Es sind auch nicht die Monate ...«
»Sondern die Tatsache, dass wir auf getrennte Schulen müssen«, beendete Liam den Satz und sah seine Schwester wehleidig an.
Sie nickte und hob sofort die Hand, als sie ihn nach Luft schnappen hörte. »Spar es dir. Ich weiß selbst, dass ich daran schuld bin und so sehr es mich auch ankotzt ... ich würde es immer wieder so machen.«
Liam entfuhr ein Lachen und Freyas Zornesfalte auf der Stirn verschwand. Endlich umspielte ein sanftes Lächeln ihre Mundwinkel.
»Na ja. Dem Direktor die Nase brechen hat schon was«, raunte ihr Bruder.
»Ja, Konsequenzen.«
Liam lehnte sich zu seiner Schwester und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe.
»Wir haben weitaus Schlimmeres überstanden.«
Hatten sie. Und eigentlich war ein getrenntes Schuljahr so unbedeutend, dass Freya sich schon mehr darüber ärgerte, dass diese Tatsache sie überhaupt beschäftigte als über die Tatsache selbst.
»Was meinst du? Wollen wir weiter? Ich befürchte, besser wird es nicht mehr.«
Freya hob den Blick zum Himmel, der sich in eine dunkelgraue Masse verwandelt hatte. Der Regen fiel unermüdlich weiter auf den Boden, doch zumindest hatte der Sturm nachgelassen. Sie nickte. »Lass uns fahren.«
Während Freya sich in ihre immer noch nasse Jacke quälte, versuchte Liam wenigstens etwas Feuchtigkeit vom Sitz seiner Schwester zu wischen. Was ebenso erfolgreich war wie Staubsaugen in der Wüste.
Mit fragendem Blick trat sie hinter ihn und runzelte die Stirn. »Was wird das?«
Er zuckte mit den Schultern. »Der Versuch, nicht ewig in deiner Schuld zu stehen?«
»Als würdest du aus dieser jemals rauskommen. Allein die letzten sechs Wochen haben dich tief reingeritten und wo wir gerade dabei sind ... wenn noch eins deiner Fickweiber vor meiner Tür sitzt, heult und versucht über mich, wieder einen Weg zurück zu dir zu finden ...«, sie drehte sich zu ihrem Bruder und schenkte ihm ein breites, abgrundtief garstiges Grinsen, »... sorge ich dafür, dass sich niemals wieder jemand in dein Bett verirrt.«
»Was soll ich denn machen? Die wissen, worauf sie sich einlassen.«
»Scheinbar nicht, oder aber, du solltest wenigstens auf ein Minimum an Intelligenz achten, bevor du deinen Schwanz auspackst.«
»Pfff ... und das von dir. Wie hieß der Typ, der zweimal hintereinander gegen eine Glastür gelaufen ist, weil er Drücken von Ziehen nicht unterscheiden konnte?«
Freya schob sich an Liam vorbei und ließ sich auf ihr Motorrad gleiten.
»Dean. Und der Unterschied zwischen ihm und deinen Hohlbirnen ist folgender: Er kam, bespaßte mich und wurde nie wieder gesehen. Kein Heulen. Kein Nachlaufen.«
Liam winkte ab und stieg ebenfalls auf seine Harley. »Ja, aber nur, weil er sich wahrscheinlich auf dem Weg zu dir verlaufen hat.«
Das Aufröhren von Freyas Bike verschluckte ihre Antwort, doch Liam sah in dem Funkeln ihrer Augen, dass ihr nicht viel Sinnvolles auf der Zunge gelegen hatte. Kopfschüttelnd startete er den Motor und winkte seiner Schwester zu.
»Ladys First.«
Freya legte den Gang ein und rollte langsam von dem Parkplatz, während sich Liam wie ein Schatten hinter ihr einreihte.